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Umstieg von Garageband zu Logic Pro X

07.07.2015 | 13:33 Uhr |

Seit Logic Pro X spricht nichts mehr gegen den Aufstieg von Garageband zu Logic. Wir haben es ausprobiert.

Technik kann ich eigentlich nie genug um mich herum haben. Nur beim Heimstudio bleibe ich seltsamerweise gerne puristisch. Das liegt vielleicht daran, dass ich beim Musik aufnehmen und Songs schreiben nicht viel mehr brauche als einen 4-Spur-Rekorder. Nach dem Motto „weniger ist mehr“, konzentriere ich mich lieber auf die Gitarrenakkorde, den richtigen songdienlichen Schlagzeug-Beat als ewig an Sounds zu tüfteln. Mit Garageband ging genau das jahrelang gut, ich war immer zufrieden mit den schnellen und guten Ergebnissen. Na gut, fast immer. Hier und da bin ich mal an die Grenzen gestoßen. Zum Beispiel gerät man mit Garageband schnell an Performance-Grenzen bei Projekten mit vielen Spuren und Echtzeiteffekten. Bei der Aufnahme von Midi-Instrumenten über ganze Songs (zum Beispiel mit einem E-Drumkit) muss ich bei langen Takes öfter tricksen und in Abschnitten unterteilen, da Garageband die Aufnahme sonst irgendwann mit dem bunten Farbrad beantwortet. Immerhin: Garageband hat kürzlich Takes von Logic abgeschaut. Vorher hieß es, sich nach jedem Gitarrensolo zwischen „in die Tonne“ und „perfektem Take“ zu entscheiden – oder jedesmal eine neue Spur aufmachen, was wieder auf die Performance geht.

Erste Schritte

Wer noch gar keine Erfahrungen mit Musikprogrammen am Mac hat, liest sich am besten ein in in unseren Workshop zu Garageband: Die ersten Takte aus der Garage

Beim Timing ist Garageband immer noch ziemlich puristisch unterwegs: Zwar sind Tempowechsel möglich, aber wenn die Taktart zum Beispiel mal von 4/4tel nach 3/4tel und zurück wechseln soll, entstehen Probleme: Garageband kann die Taktart nur für das ganze Projekt ändern. Man müsste den Song in mehrere Projekte aufteilen – das ist natürlich kein Spaß. Logic X hingegen jongliert locker mit so vielen Taktarten in einem Projekt, dass auch progressive Rockbands nichts zu meckern hätten.

Und schließlich ist da noch die Produktion. Beim Soundeinstellen ist Garageband ganz gut aufgestellt, mehr aber nicht. Es hat einen Grund warum in Profi-Studios und bei Rockkonzerten riesige Mischpulte stehen. Wenn es beim Klang ans Eingemachte geht, wünscht man sich auch als Purist schnell mehr Effekteinstellmöglichkeiten, Automation und Masterspureinstellungen. Hier geht es nicht um bombastische Produktionen, sondern oft einfach nur darum, dass eine Band oder ein Song so klingen soll wie er klingen muss.

Trotzdem: Für Einsteiger ist Garageband nach wie vor genial und es reicht für gut klingende Alben, für die man früher teure Studios brauchte. Aber wenn Logic für verlockende 199 Euro im Mac App-Store zu haben ist, spricht nur noch wenig dagegen, das Experiment zu wagen. Noch vor wenigen Jahren gab es in dieser Preislage nur eine abgespeckte Express-Version, für das volle Studiopaket musste man lange Zeit mehr als das Doppelte hinlegen.

Umsteigerfreundliches Willkommen

Ich gebe zu, ich habe es schon vor ein paar Jahren probiert, auf Logic Studio (so hieß es 2009 noch) umzusteigen. Das Tool empfing mich mit einer wenig einladenden Oberfläche, unzähligen Amp-Simulatoren (die es damals in Garageband noch nicht gab), Mischpulten, die aussahen wie beim Stadionkonzert und ellenlangen Menüs, die man erst einmal verdauen musste. Das alles wollte ich auch haben und lernen. Doch bei der ersten Songidee, die ich schnell umsetzen wollte, landete ich schnell wieder in der guten alten „Garage“.

Hilfe eingebaut

Der beste Freund und ständige Begleiter des Garageband-Umsteigers ist die dynamische Hilfe

Der Bereich oben links in der Logic-Pro-X-Oberfläche zeigt immer eine Erklärung zu dem Element, über dem sich der Mauszeiger gerade befindet. Das ist eine große Hilfe für den Umstieg, denn man stößt immer wieder auf neue Bedienelemente, auch wenn Logic insgesamt auf den ersten Blick erstaunlich vertraut aussieht. Die dynamische Hilfe hält dann für fast jede Neuheit eine Texterklärung bereit. Das spart an vielen Stellen das Nachschlagen in der Hilfe und der Einstieg gelingt so deutlich schneller.

Umso erstaunter bin ich, wie einfach der Übergang jetzt klappt. Nach dem Download aus dem Mac App Store, klickt man auf „Ich bin Logic-Pro-Anfänger“ und bekommt beim Programmstart die altvertraute Garageband-Umgebung präsentiert, mit der man sofort loslegen kann. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich nicht versehentlich wieder Garageband gestartet hatte. Doch, da oben links steht tatsächlich „Logic Pro X“. Ebenso ohne Kopfzerbrechen gelingt die Einrichtung. Es erscheint eine Meldung „Logic Pro möchte ihre geladenen Sounds und Instrumente installieren“. Das Grundpaket „Wichtige Sounds und Instrumente für Logic Pro und Mainstage“ wird immer installiert.

Der Download und die erste Einrichtung von Logic X Pro braucht je nach Internetgeschwindigkeit eine ganze Zeit, läuft aber in der Regel ohne Kopfzerbrechen ab.
Vergrößern Der Download und die erste Einrichtung von Logic X Pro braucht je nach Internetgeschwindigkeit eine ganze Zeit, läuft aber in der Regel ohne Kopfzerbrechen ab.

Bei weiteren Soundpaketen fragt Logic Pro vorher nach und das ist gut so. Schließlich will man Logic auch auf nicht so üppig ausgestatteten Macbooks für das mobile Studio installieren können und nicht jeder braucht etwa das voll ausgerüstete Paket „Weltmusik“, das allein 2,8 Gigabyte Festplatten-oder Flash-Speicher belegt. Wer sich für die volle Packung an Samples, Instrumenten, Loops und Musikrichtungen entscheidet, braucht allein für die zusätzlichen Inhalte 31,6 Gigabyte – freut sich aber später über maximale kreative Freiheit. Die Entscheidung muss jedoch nicht sofort fallen. Auch nachträglich lassen sich noch Inhalte spontan bei Bedarf über „Logic Pro X > Zusätzlichen Inhalt laden“ nachinstallieren.

Jeder kann selbst bestimmen wieviel Speicher Logic X Pro braucht. Es gilt: Je mehr Loops und Instrumente, desto mehr Platzbedarf, aber auch mehr kreative Auswahl.
Vergrößern Jeder kann selbst bestimmen wieviel Speicher Logic X Pro braucht. Es gilt: Je mehr Loops und Instrumente, desto mehr Platzbedarf, aber auch mehr kreative Auswahl.

Laufen die alten Songs noch?

Beim Startbildschirm fühlt sich der Garageband-Nutzer gleich zu Hause, so werden für neue Songs die altbekannten Templates angeboten. „Songwriter“ kommt zum Beispiel mit dem Studio-Setup mit Drums, Bässen, Amps und Vokalspuren, „Elektronisch“ oder „Hip Hop“ mit einem Mix aus Drum-Maschinen und Synthies und „Multi-Track“ für aufwendige 24-Spur-Projekte. Genial für den Umstieg ist die Tatsache, dass sich Logic X nicht nur vertraut zeigt, sondern auch Garageband-Songs einfach öffnet. Wir machen die Probe aufs Exempel und öffnen ein Projekt aus Garageband. Das funktioniert ohne Probleme. Man muss nur jeden Song noch einmal im neuen Format, als Logic-X-Projekt speichern und schon ist er „importiert“.

Beim Öffnen einiger alter Songs lädt Logic X noch zusätzliche Inhalte nach.
Vergrößern Beim Öffnen einiger alter Songs lädt Logic X noch zusätzliche Inhalte nach.

Logic Pro holt in fast allen Fällen ohne Aufwand alle Spuren, Sounds, Loops und Drumkits in das Programm, ohne dass irgend etwas fehlt oder nicht konvertiert werden kann. Die Songs klingen 1:1 so wie in Garageband und es wird weder die Reihenfolge der Spuren, Icons, Soundeinstellungen oder anderes verändert, sodass man in den meisten Fällen nahtlos an seinen alten Songs weiterarbeiten oder sie neu mischen kann.

Bei manchen Songs erklärt Logic X, dass es zusätzliche Inhalte nachladen möchte. In unserem Fall fehlte ein alter Apple Loop namens „Lounge Jazz Drums 01“. Die Behebung des Problems ist denkbar einfach: Hier muss man nur zustimmen und dann werden noch mal ein paar Gigabyte Loops heruntergeladen und nach der Eingabe des Admin-Passworts installiert. Der Loop befand sich auf einem damals zusätzlich erhältlichen „Garage Band Jam Pack“. Praktisch, dass wir zur Nachinstallation noch nicht einmal die alte DVD aus dem Regal kramen müssen. Vermutlich klappt das bei allen Apple Loops so komfortabel.

Glossar mit Fachbegriffen

Musiker arbeiten mit vielen Fachbegriffen und im Recording-Bereich kommen noch einige hinzu. Hier die Wichtigsten:

Der Compressor Der Compressor ist ein wichtiger Effekt bei Musikprojekten. Eigentlich „bügelt“ er die Dynamik eines Audiosignals glatt und holt alles auf ein gleichmäßiges Level. Oft wird der Kompressor beim Mix eingesetzt, um ein Instrument wie das Schlagzeug, Bass oder den Gesang präsenter und druckvoller zu machen. Aber zuviel ist hier gefährlich, dann klingt das finale Resultat „pumpend“ und nervend.

Das Delay ist ein wichtiger Soundeffekt. Er gibt eine oder mehrere Kopien eines Tons zeitverzögert wieder, wie ein Echo. Erste Tape-Delays arbeiteten tatsächlich so: Sie nahmen einen Ton zum Beispiel von einer Gitarre auf Band auf und spielten ihn kurz darauf mit einem weiteren Tonkopf wieder ab. Heute wird der Effekt digital erzeugt.

Der Patchin Logic X Pro oder Garageband speichert alles was die Klangeinstellung betrifft in einer einzigen Einstellung unter einem Namen. In einem Patch können Instrumenteneinstellungen, Verstärkersimulationen, Effekte wie Reverb und weitere Parameter gespeichert und wieder aufgerufen werden.

Der Reverb ist ein wichtiger Effekt, der fast in jeder Studioproduktion zum Einsatz kommt. Im Unterschied zum Echo wird hier der Schall nicht wiederholt, sondern kontinuierlich reflektiert, wie in einem Nachhall. Es sind also viele Echos, die zu unterschiedlichen Zeiten eintreffen.

Bei der Spurautomation muss man die Regler auf dem Mischpult nicht mehr selbst schieben. Jede Spur hat eine Automationsspur. Eine Kurve, die man grafisch „zeichnet“ steuert die Bewegung der Regler. So läuft der Mix vollautomatisch ab. Die Automation kann verschiedene Parameter wie Lautstärke, Panorama oder Effekte steuern.

Dritthersteller Loops, Effekte und Plug-ins

Im gleichen Song kommt auch ein Dritthersteller-Plug-in zum Einsatz, und zwar motzt Native Instruments Guitar Rig (http://www.native-instruments.com/de/products/komplete/guitar/guitarrig-5-pro) die Gitarrensounds in unserem Testsong auf. Praktisch ist in diesem Fall schon einmal, dass Logic Pro X in der Fehlermeldung ausgibt, welches Plug-in fehlt. So weiß man, nach welcher Software und welcher Herstellerwebsite man überhaupt suchen muss. In unserem Fall ist die alte Version längst nicht mehr mit der aktuellen OS-X-Version kompatibel, also ist ein Upgrade und Nachinstallieren nötig. Zum Glück gibt es ein Upgrade-Angebot und ein Demo mit dem man ausprobieren kann, ob alles funktioniert. Im Falle von Native Instruments Gitarreneffektsammlung läuft alles problemlos. Nach der Installation der neuen Version klingt der Song wieder wie er soll. Wer den Umstieg ins Auge fasst und viel mit Dritthersteller-Plug-ins gearbeitet hat, muss vorher aber damit rechnen, dass auch hierfür ein paar Updates und eventuell Zusatzkosten auf ihn zukommen – falls man viel mit den alten Songs und Sounds arbeiten möchte.

Das fehlende Plug-in Guitar Rig wird als Meldung und im Channel Strip als fehlend angezeigt und kann nachinstalliert werden.
Vergrößern Das fehlende Plug-in Guitar Rig wird als Meldung und im Channel Strip als fehlend angezeigt und kann nachinstalliert werden.

Im Extremfall lässt sich das Plug-in einfach aus der Spur entfernen. Es könnte ja sein, dass es unter Umständen eine Loop-Sammung, das Plug-in und den Hersteller gar nicht mehr gibt, nicht mehr zu bekommen oder nur inkompatibel zu OS X zu installieren ist. Mit dem reichlich ausgestatteten Amp Designer und Pedalboards in Logic Pro X würde sich zum Beispiel unser Gitarrensound auch gut nachbauen lassen. Zudem gibt es noch verschiedene denkbare Workarounds, zum Beispiel problematische Spuren aus Garageband als .aif-Datei auszugeben und manuell in Logic als Audio-Instrument zu importieren. Dabei würden natürlich sämtliche Effekt-Editiermöglichkeiten flöten gehen, aber der Originalsound wäre immerhin gerettet.

Sounds wie im großen Studio

Mit ein paar alten Garageband-Songs die ersten Gehversuche in Logic zu starten, ist grundsätzlich eine gute Idee. Wie wäre es zum Beispiel zum Üben mit einer „Remastered“-Version eines alten Garageband-Projekts? Dabei wird nämlich schnell klar, warum sich die Mühe des Umstiegs lohnt. Vor allem diejenigen, die schon mal das Gefühl hatten mit Garageband beim Mischen an die Grenzen zu stoßen, erleben eine Offenbarung.

In der Standardeinstellung ähnelt Logic Pro X Garageband sehr. Das hilft beim Umstieg ungemein.
Vergrößern In der Standardeinstellung ähnelt Logic Pro X Garageband sehr. Das hilft beim Umstieg ungemein.

Beispiel: In Garageband stellt man Reverb und Echo von 0 bis 100 Prozent ein, fertig! In Logic stehen allein vier verschiedene Reverb-Typen bereit. Bei „Platinumverb“ lässt sich etwa die Raumgröße und die Position des Klangerzeugers im Raum bestimmen. Man kann einstellen, wie „Dry“ oder „Wet“ das Signal klingt, die frühen Reflektionen exakt timen und vieles mehr. Man kann aber auch einfach mit vordefinierten Presets wie „Big Room“, „Live Club“ bis „Church“ arbeiten und etwas nachjustieren.

Den Amp Designer hat sich Garageband bei Gitarrensounds irgendwann vom großen Bruder abgeschaut, in Logic gibt es aber zusätzlich oft für noch so kleine Effekte einen ganzen Designer – zum Beispiel wenn es darum geht, das perfekte Tape Delay einzustellen. Das klingt vielleicht nach zu viel des Guten, doch diese Feinheiten sind oft die kleinen Unterschiede, die beim Mix zwischen guten und großartigen Gesamtsounds entscheiden. Und man wird nie gezwungen so in die Tiefe zu gehen. Wer will kommt wie in Garageband mit der Auswahl von Patches und hier und da etwas an den Effekten drehen locker durch.

Effekte wie Echo oder Hall lassen sich sehr viel genauer einstellen als in Garageband und machen am Ende oft den feinen Unterschied aus.
Vergrößern Effekte wie Echo oder Hall lassen sich sehr viel genauer einstellen als in Garageband und machen am Ende oft den feinen Unterschied aus.

Fazit

Der erste Umstieg auf Logic Pro X ist mit der neuen Logic-Version so gut wie problemlos. Als Garageband-Nutzer fühlt man sich gleich wie zu Hause. Wer mehr will, muss sich dann aber doch tiefer einarbeiten und die vielen versteckten Zusatzfunktionen freischalten. Genau darum geht es dann im nächsten Teil unseres Workshops.

Stefan von Gagern/cm

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