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Wie das Smartphone unsere Mobilität verändert

31.07.2014 | 11:08 Uhr |

Autos und Fahrräder nach Bedarf mieten statt kaufen. Die Kombination zahlreicher Fortbewegungsmittel je nach Bedarf setzt sich durch. Wer sind die Verlierer?

Mit dem Mietfahrrad zum Münchner Bahnhof, mit dem Zug weiter nach Köln und dort dann mit einem Mietauto zum Termin? Dies ist heute schon möglich und wird von vielen genutzt. "Intermodales Reisen" nennen Fachleute die neue, flexible Art der Mobilität. Wer in der großen Stadt wohnt, der hat immer häufiger keine Lust auf ein eigenes Auto, die ständige Parkplatzsuche und laufende Kosten für ein stehendes Auto. Wenn gleichzeitig die öffentlichen Verkehrsmittel gut ausgebaut sind, erscheint der Pkw für den Alltag schnell wenig attraktiv. Das Auto hat zumindest bei jungen leuten und in der Stadt als Symbol für Mobilität und Freiheit ausgedient.

Dank vieler Anbieter und nützlicher Apps finden wir in der Stadt viele Autos.
Vergrößern Dank vieler Anbieter und nützlicher Apps finden wir in der Stadt viele Autos.

Stattdessen suchen sich Städter oft die Mobilitätslösungen, die je nach Situation individuell am besten passen. Gemeinsam mit Freunden einen Kompaktwagen für einen Auflug in die Berge mieten oder einen Transporter für den Abstecher zum Möbelhaus: "Autos werden Gebrauchsgegenstände statt Statussymbol", bestätigt Michael Schermann, Leiter des Automotive Services Labs an der TU München.

Einheitlich uneinheitlich

Das Smartphone ist einer der großen Antreiber der neuen Mobilität. Apps mit Ortungsfunktion machen es erst möglich, unterwegs die neuen Verkehrsmittel zu nutzen. Doch flexibel sein und nur das jeweils Nötigste mieten macht auch viel Arbeit. Jeder Anbieter hat sein eigenes Buchungssystem mitsamt eigener App. Das erfordert viel Engagement und etliche Nutzerkonten, um das Zugticket, die Autoreservierung und alles andere zu organisieren. ein einheitliches, übergreifendes System, das eine Reise mit mehreren Verkehrsmitteln durchbuchen kann, ist noch lange nicht in Sicht.

"Es fehlt ein Lieferando für Mobilität", sagt Experte Schermann und spielt damit auf den Bestelldienst für Essen an, der tausende Lieferdienste in einem einzigen Nutzerkonto vereint.

Mietfahrräder

Dutzende deutsche Städte haben Mietfahrräder, die in den Innenstädten auf spontane Fahrten warten. Bekannte Vertreter sind hier Call a Bike und Bikenext sowie einige regionale Anbieter. Bei Call a Bike schaltet der Nutzer ein gefundenes Fahrrad per Code frei, den er telefonisch oder per App erhält. Die App dient selbstverständlich vor allem dazu, die Standorte der Räder zu finden. Feste Stationen gibt es meist nicht, sie können fast überall in der Innenstadt abgestellt werden. Die Preise liegen bei acht Cent pro Minute für den Grundtarif. im „Pauschaltarif“ sind die ersten 30 Minuten frei, dafür zahlt man vier Euro Grundgebühr im Monat. Bei Nextbike kostet das Leihen einen Euro pro halbe Stunde oder drei Euro Gebühr im Monat, sodass auch hier die erste halbe Stunde gratis ist.

"Carsharing ist noch nicht so weit wie Fluggesellschaften oder Mietwagenfirmen." Was bei klassischen Mietwagen und Flügen längst Standard ist, fehlt bei Carsharing und Co. noch: Schnittstellen zu den Buchungssystemen für Drittanbieter. Kaum jemand würde heute einen Flug buchen, ohne vorher bei einem Flugpreisvergleich nach der besten Verbindung zu suchen und eventuell gleich dort zu buchen. Bis Mietfahrräder aller Anbieter, Fernbusse und andere Alternativen über solche Suchmaschinen und ohne jeweils eigene Registrierung gebucht werden können, wird noch etwas Zeit vergehen. Solange Suchen und Buchen umständlich ist, hemmt dies den Erfolg der neuen Anbieter. "Der Druck, dass es eine einheitliche API gibt, wird größer", sagt Schermann, der an der TU München jedes Semester Mobilitätsprojekte zusammen mit Studenten und Unternehmen durchführt.

Unternehmen, die Mobilität verkaufen, seien oft relativ jung, hätten wirtschaftliche Eigeninteressen und noch zu wenig Druck von außen, um sich über Kooperationen mit der Konkurrenz Gedanken zu machen: „Der Markt ist noch nicht groß genug“, berichtet Schermann. Doch hier ist bereits vieles in Bewegung. „Man sieht vorsichtige Annäherung zwischen öffentlichen und privaten Anbietern“, so der experte. "Der Markt ist aber reif, sodass es gelingen könnte, das erfolgreich anzubieten." Dies werde seiner Einschätzung nach aber eher kein klassischer Vertreter aus der Mobilität sein, sondern jemand von außen – etwa Google. Doch selbst das würde nicht die Hürden beseitigen, dass der Kunde vorab eine Schlüsselkarte vom jeweiligen Anbieter bekommen muss, um ein Leihauto aufzuschließen.

Infos zum Carsharing

Carsharing unterscheidet sich insofern von klassischen Mietwagen, als dass der Fahrer sich das Auto selbst ausleihen kann und die verfahrene Zeit und Strecke automatisch verbucht wird. Keine Übergabe an einem Schalter, sondern freischalten, einsteigen und losfahren. Dazu hat der Fahrer eine Keycard. Es gibt zwei Ansätze für Carsharing: Anbieter mit Ausleihstationen (Flinkster, Stattauto) und ohne Stationen (Drive Now, Car2go). Bei ersteren muss das Auto zurückgebracht werden, bei letzteren gibt es einen größeren Bereich der Stadt, wo man das Auto abstellen darf. Das macht es wichtig, dass andere Kunden den Standort des Autos per App finden können. Car2go hat zudem Flughafenshuttles. Diese Autos darf man ohne Aufpreis von der Stadt aus am Flughafen abstellen und umgekehrt.

Vorbild Bahn

Lässt man das Idealziel eines einheitlichen Buchungssystems außen vor, gibt es bereits Kooperationen auf vielen Ebenen. "Die Bahn ist am weitesten", sagt Michael Schermann. Denn das Unternehmen hat mit seinem Zugnetz, dem Carsharing Flinkster und den Mietfahrrädern Call a Bike gleich drei verschiedene Dienste im Angebot. Dennoch ist es nicht ganz unkompliziert, alle drei Verkehrsmittel miteinander zu verbinden. Denn es gibt drei einzelne Apps und getrennte Kundensysteme für die Mietangebote. Immerhin können Bahnfahrer beim Ticketkauf über die Webseite auch gleich einen Mietwagen am Zielort reservieren.

Die Bahn hat Zugverbindungen, Leihwagen und Mietfahrräder im Angebot. Damit ist sie bereits gut aufgestellt. Ein einheitliches Buchungssystem fehlt aber noch.
Vergrößern Die Bahn hat Zugverbindungen, Leihwagen und Mietfahrräder im Angebot. Damit ist sie bereits gut aufgestellt. Ein einheitliches Buchungssystem fehlt aber noch.
© Bahn

Wer alle Bahn-Apps nutzt und bei den Diensten registriert ist, kann je nach Bedarf kurzfristig ein Zugticket kaufen, ein Auto mieten oder ein Leihfahrrad freischalten, das er am Wegesrand findet. Näher kann man dem Idealbild der völlig flexiblen Mobilität derzeit nicht kommen. Die Carsharing-Betreiber Drive Now und Car2go erlauben es Drittanbietern zumindest, auf das Reservierungssystem zuzugreifen. So kann man aus verschiedenen Apps Autos suchen und reservieren, wenn man bereits bei Car2go und Drive Now Kunde ist.

Mein Auto – unser Auto

Die Mobilität von morgen ist durch die vielen Möglichkeiten und Anforderungen noch individueller als bisher – aber gleichzeitig auch kollektiver. So wie viele Städter seit Jahren gelegentlich beispielsweise über Airbnb einen Schlafplatz für Fremde anbieten, teilen Autobesitzer bei längeren Reisen die unbesetzten Sitze ihres Vehikels traditionell über Mitfahrbörsen. Dies geht jetzt einen Schritt weiter. Einige vermieten ihr Auto gleich komplett an Fremde. Privates Carsharing soll dafür sorgen, dass das eigene Auto seltener ungenutzt herumsteht und dabei seine Kosten zum Teil wieder hereinfährt. Beispiele dafür sind Anbieter wie Tamyca und Autonetzer . Die Anbieter der Plattformen organisieren dabei versicherung und Kundensupport. Ein großes Einkommen kann man mit dem eigenen Auto nicht erzielen, etwa 20 bis 50 Euro für einen ganzen tag – falls sich Interessenten finden.

Hersteller werden Mobilitätsdienstleister

"Autohersteller haben sorgsam registriert, dass iPhone und Tablet dabei sind, für junge Erwachsene das Auto als Statussymbol abzulösen", heißt es in einem Hintergrundpapier des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. Autohersteller und andere Unternehmen aus der Mobilitätsbranche erforschen aktuell, wie ihre Zukunft aussehen wird. Sie betreiben Kooperationen für Carsharing wie Drive Now (BMW und Sixt) und Car2go (Daimler und Europcar). Die Untersuchungen gehen in viele Richtungen.

Ein Beispiel für erste Ansätze von Vernetzung: der Münchener Nahverkehr sucht Mietwagen.
Vergrößern Ein Beispiel für erste Ansätze von Vernetzung: der Münchener Nahverkehr sucht Mietwagen.

Clevere Lösungen, sich in der Innenstadt gegenseitig einen Parkplatz frei zu halten, oder Innovationswettbewerbe mit Studenten – bereits heute gibt es viele Kooperationen. Wer in einer der Großstädte ein Abo für das Nahverkehrsnetz hat, erhält beispielsweise Rabatte oder Freiminuten bei Carsharing-Diensten. hier gibt es viele unterschiedliche Aktionen, da lohnt es sich, bei den lokalen Verkehrsbetreibern nachzufragen. in München beispielsweise erhalten MVV-Abonnenten einen Rabatt bei Stattauto , und die Webseite des Münchner Verkehrsverbunds kann Mietautos suchen. in Düsseldorf erhalten Rheinbahn -Kunden rabatte bei Car2Go. Wer beispielsweise Kunde beim Carsharing Drive Now ist, bekommt auch Vergünstigungen bei den Mietfahrrädern von Nextbike – es gibt viele dieser Beispiele. Die Mobilitätsanbieter haben verstanden, dass sie nur gemeinsam ein komfortables und attraktives Angebot auf die Beine stellen können.

Wer verliert

"Das Taxi war bisher die einzige flexible Mobilitätsmöglichkeit", erklärt der Dozent von der TU München. "Taxis könnten die Verlierer der Flexibilisierung sein." Wenn bald Leihfahrräder und schnell zugängliche Mietwagen an jedem Knotenpunkt der großen Städte zu finden sind, dann werden es die Autos mit den gelben Schildern schwerer haben. noch ist die neue, intermodale Mobilität vor allem ein Thema für größere Städte. Auf dem Land ist das Auto weiterhin das wichtigste Fortbewegungsmittel. Aber auch dort könnte privates Carsharing in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

Preisvergleich Carsharing-Dienste

Drive Now

Car2go

Flinkster

Stattauto*

Anmeldegebühr

29 Euro

19 Euro

50 Euro

50 Euro

Grundgebühr mtl.

7 Euro

Preis pro Stunde

18 bis 20 Euro

14,90 Euro

1,50 bis 8 Euro

0,50 bis 3,80 Euro

Preis pro km

0,29 Euro (ab 50 km)

0,18 bis 0,20 Euro

0,20 bis 0,38 Euro

Zwischenstopps

0,15 Euro/Min.

0,19 Euro/Min.  

Normaltarif

Normaltarif

Standort

Frei, Innenstadt

Frei, Innenstadt

Abholstationen

Abholstationen

App verfügbar

Ja

Ja

Ja

nein (nur über Drittanbieter)

* Unterschiedliche regionale Betreiber, Beispiel München

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