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Zehn Gründe für den Pokémon-Go-Hype

21.07.2016 | 14:35 Uhr |

Die ganze Welt spielt begeistert Pokémon, manchmal gar zu begeistert. Was sind die Gründe für Nintendo Comeback-Erfolg?

Na, haben Sie auch schon jede Menge Taubsis gefangen und entwickelt, suchen verzweifelt nach Pikachu oder noch selteneren Taschenmonstern und dürfen noch nicht in die Arena , wollen das aber ändern? Oder Sie sind völlig baff über die zahlreichen meist jungen Menschen, die in Rudeln durch die Gegend streunen, Gesicht auf das Smartphone-Display gerichtet? Oder wundern sich, warum in Parks oder vor bestimmten Sehenswürdigkeiten Dutzende oder gar Hunderte herumstehen oder -sitzen und wie wild auf ihren Handys wischen?

Was sie da treiben, wie das alles geht und welche Gefahren drohen , haben wir in diversen Artikeln bereits erklärt. Wir versuchen hier zu erklären, was das Phänomen Pokémon ausmacht und begeben uns auf die Suche nach der Antwort auf die Frage „Warum?“

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1. Perfektes Timing: Es ist Sommer

Ein Spiel, bei dem man vor die Tür gehen muss und idealerweise etliche Kilometer läuft, bis der Akku schlapp macht? Das kann man natürlich auch kurz vor den Weihnachtsferien veröffentlichen, nur wird dann die Resonanz nicht so groß sein. Bei Nintendo / Niantic haben sie den Zeitpunkt klug gewählt: Fast überall in der westlichen Welt sind jetzt Schul- und Semesterferien oder stehen kurz bevor. Die Zielgruppe hat Zeit und wenn nicht gerade wieder ein Sturmtief über die Lande zieht, verbringt man gerne Stunden im Freien. Man muss auch nicht jedesmal die Handschuhe ausziehen, um ein Pokémon zu fangen. Wir wissen zwar nicht, wann der Hype vorbei ist, rechnen aber fest damit, dass wir ab Ende Oktober kaum noch Pokémonjäger in freier Wildbahn sichten werden.

2. Geniales Spielprinzip: Easy to learn, hard to master

Wie Angry Birds vor fünf Jahren oder Flappy Birds vor zwei Jahren – jedes erfolgreiche Spiel - zumindest die mobilen - soll diesem Kriterium entsprechen: Das Prinzip muss so simpel sein, dass selbst der letzte Vollpfosten versteht, wie man vorgeht. Hat ein Einsteiger die Regeln kapiert, muss es aber nicht heißen, dass von nun an alles nur verschenkt wird. Das Spielerfolg sollte hart verdient werden, auch die Schwierigkeitssteigerung soll nicht zu flach ausfallen. So sind auch die ersten Schritte in Pokemon Go recht einfach, mit der Zeit wird es aber immer schwieriger, sich zu steigern. Fast wie im richtigen Leben.

3. Mediale Aufmerksamkeit im Sommerloch

Können Sie sich an den Bären Bruno erinnern? Der Arme ist zu einem Politikum geworden, weil er das Unglück hatte, vor die Augen der Journalisten just in einem Sommerloch zu treten. Genauso wie jetzt Pokémon: Die meisten Parlamente und Politiker sind in den Ferien, selbst Jan Böhmermann twittert nur unregelmäßig, die größten Sportereignisse in diesem Sommer sind entweder zu Ende (die EM 2016) oder haben noch gar nicht angefangen (die Olympischen Spiele in Brasilien). Da sucht man als Zeitung oder Blog händeringend nach (lokalen) spannenden Themen, in ganz akuten Fällen kann auch ein Braunbär als Vorlage dienen. Oder eine irre Kuh namens Yvonne. Oder ein Alligator namens Samy. Oder eine Schnappschildkröte ohne Namen. Bei Pokémon Go ist die mediale Aufmerksamkeit noch nachvollziehbarer: Die Beiträge können zumindest einen Anschein von Seriosität bewahren, indem man sich einigermaßen mit der technischen Seite des Spiels auseinander setzt. 


4. Eskapismus in schweren Zeiten

Es hat in diesem Sommer leider auch andere Gründe, dass wir in der einschlägigen Presse wenig von entlaufenen Alligatoren, durchgedrehten Kühen oder streunenden Bären lesen. Terroranschläge in Nizza und bei Würzburg, Nominierung eines ungeeigneten Kandidaten für das höchste Staatsamt in den USA, Putsch und Notstandsgesetze in der Türkei. Berichte darüber sind wichtig, die Erklärung der Hintergründe füllt Seiten um Seiten, Sendestunde um Sendestunde. Wer will es selbst informierten und mündigen Bürgern verübeln, wenn sie mal für eine Stunde oder zwei sich in virtuellen Welten verirren, in denen die Regeln klar sind und die Folgen des eigenen Handelns und Unterlassens überschaubar?

5. Ausgereifte Technologie

Pokémon benötigt mobiles Internet, je schneller es ist, umso besser. Da trifft es sich gut, dass Mobilfunktechniken der vierten Generation (LTE) jetzt ausgereift sind und die Abdeckung mit dem schnellen mobilen Internet vor allem im urbanen Raum bestens ist. Smartphones kommen mittlerweile alle mit LTE-Chip, Telefone wie Tarife sind bezahlbar. Auch Anwender, die bisher eher selten an die Grenzen ihres Inklusivvolumens gekommen sind, können mit ihrem einen oder zwei Gigabyte eine ganze Weile spielen. Und das sogar über längere Zeiten am Stück, denn mit den Jahren sind auch die Akkus leistungsfähiger und die GPS-Chips effizienter geworden. Mit den ersten Generationen der iPhones etwa wäre das Pokémon-Vergnügen schon nach recht kurzer Zeit vorbei gewesen. Power-User von heute haben ohnehin noch Zusatzenergie in Form von Powerbanks dabei – auch diese externen Quellen waren vor wenigen Jahren eher noch selten und teuer.

6. Augmented Reality steht vor dem Durchbruch

Über Augmented Reality (AR) wurde in den letzten Jahren schon viel gesprochen, kaum jemand hat aber verstanden, worum es dabei geht. So scheiterte die AR-Brille Google Glass bisher kolossal, da sie keinen Einsatzzweck und damit keinen Markt fand. Das ändert sich jetzt. Pokémon Go zeigt erstmals einer breiten Öffentlichkeit, was denn unter erweiterter Realität zu verstehen ist, auf spielerische Weise. Dabei hat Pokémon Go sogar einen Vorläufer, mit dem ebenfalls von Niantic programmierten AR-Spiel Ingress , auf dessen Code und damit gemachten  Erfahrungen die Entwickler nun aufsetzen. Übrigens waren die gleichen Programmierer schon mit Google Glass beschäftigt, so schließt sich der Kreis. Womöglich bekommt Pokémon Go nach dem unvermeidlichen Ende des Hypes in wenigen Jahren eine Neuauflage mit einer AR-Brille und einem Armband, das die virtuellen Würfe und Kampfbewegungen registriert? Die Apple Watch bietet sich schon mal an...

7. Die Marke ist bekannt

Wundern Sie sich, dass vor allem Mitt- und Endzwanziger dieser Tage durch die Innenstädte und Parks laufen, den Blick gesenkt? Diese jungen Erwachsenen waren im perfekten Alter, als die Pokémon auf dem Gameboy und in Zeichentrickserien erstmals auf den Plan traten. Was gibt es Schöneres, als Kindheitserinnerungen aufzufrischen und 15 Jahre alte Erfahrungen in digitalen Welten erneut auszuleben? Die nächste Generation steht indes schon bereit, neben der Generation Pokémon sind die heute 10- bis 15-Jährigen begeistert von der virtuellen Monsterjagd. 


8. Attraktive Geschäftsmodelle lauern um die Ecke

Niantic und Nintendo haben Millionen von US-Dollar in die Entwicklung gesteckt, das soll sich amortisieren. Derzeit besteht das Businessmodell vor allem darin, Reichweite zu erzielen und über das Massengeschäft per In-App-Kauf Items für das Spiel anzubieten. Aber dabei wird nicht Schluss sein. Schon jetzt haben Marketeer entdeckt, dass Pokémon Go Massen von meist jungen und dennoch solventen Menschen an bestimmte Orte lockt. Was liegt also näher, an diesen Orten Geschäfte zu betreiben? Denn dort wo Menschen sind, ergeben sich Märkte. Das fängt bescheiden an, etwa mit Getränkeverkauf an bestimmten Stops, kann aber größere Kreise ziehen. Denn wenn etwa McDonald’s dafür bezahlt, dass Niantic Pokéstops genau dort hin setzt, wo der Fastfood-Riese seine Filialen betreibt, vergrößert sich unweigerlich die Laufkundschaft. Genau das soll in Japan zum Start von Pokémon Go passieren. Generell hebt Pokémon Go einen gewaltigen Schatz von Bewegungsdaten, das Gold des frühen 21sten Jahrhunderts. Werbung funktioniert bekanntlich nur, wenn sie die Adressaten in der richtigen Umgebung anspricht, mit dem geeigneten Produkt. Dann sieht sie plötzlich nicht mehr wie Werbung aus und erzielt so ihre beste Wirkung. Niantic/Nintendo werden sich vor Businessanfragen derzeit vermutlich kaum retten können.


9. Das Prinzip Schnitzeljagd funktioniert immer

Dafür braucht es an sich kein Smartphone und kein Internet, die Techniken von heute skalieren aber ein altbewährtes Rezept hoch. Schnitzeljagden sprechen Urinstinkte unserer Spezies an: Neugier, Jagd, Sammelleidenschaft. Die Situation, in die das neue AR-Spiel die Nutzer versetzt, ist nicht mal erlernt, sondern wohl genetisch vorprogrammiert: Erstmal die Umgebung erkunden. Auch wenn die Heim-Arbeits-Route tausendmal zurückgelegt wurde, sorgen die Pokémon für kurze Aha-Momente und helfen, die gewohnten Gegenstände neu zu entdecken. Vibriert dabei das Smartphone und ein Pokémon erscheint, schlägt das Herz höher, der Nutzer erhält einen Adrenalin-Schub, alles so wie vor zehntausend Jahren im Urwald, wenn sich ein Säbelzahntiger näherte. Die beiden Faktoren haben schon vor Zeiten diverse Schnitzeljagd-Spiele als Grundlage genommen. Sogar solch lichtscheue Wesen wie Anglisten bei uns an der Uni haben einen Pub-Crawl veranstaltet, dabei mussten die Teilnehmer an der Bar Quiz-Fragen lösen, erst danach konnten sie die nächste Location erfahren. Den Kontakt mit der Außenwelt kompensierte jede Menge Alkohol, die von Bar zu Bar in immer stärkerer Variante auftrat.

In gewisser Weise ist es auch der menschlichen Drang in der Gemeinschaft kleiner Gruppen zu agieren. Selbst wenn jeder auf sein eigenes Smartphone starrt.


10. Nachhaltigkeit durch Updates

Wie schon im ersten Punkt beschrieben, ist das Timing perfekt. Damit Pokémon Go aber kein Sommerhit bleibt, der in der Adventszeit schon längst vergessen ist, wird der Anbieter nachlegen müssen. Und da ist für kommende Updates schon einiges in Planung. So sollen Spieler ihre Pokémon tauschen oder handeln können, Updates werden weitere Pokémon und Arenen in Gebiete bringen, in denen noch keine waren. So manches Monster ist noch gar nicht aufgetaucht, es erhöht die Spannung, bis jemand von der ersten Sichtung von Mew oder Mewtu berichtet oder sie zum Kämpfen in die Arena führt. Indoor-Pokémon könnte indes der Trend des Winters werden, wo kein GPS-Signal verfügbar ist, könnten iBeacons den Weg weisen. Nur dann bitte nicht in sensiblen Bereichen . Und wenn’s geht, auch nicht am Samstag Vormittag im Vorstadtsupermarkt…

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