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Adobe Photoshop auf dem iPad? Diese Künstlerin ist bereit

Die bildende Künstlerin Lizzie Nichols hat das iPad bisher noch nie ernst genommen. Mit Photoshop wird sich das ändern.

Lizzie Nichols erzählt mir, dass sie leicht beleidigt ist, dass Grafikprogramme wie Procreate unter "Unterhaltung" im iPad App Store zu finden sind.

Lizzy Nichols an Ihrem Arbeitsplatz
Vergrößern Lizzy Nichols an Ihrem Arbeitsplatz
© Sony Pictures Animation

Ich kann ihr das nicht übel nehmen. Nichols ist eine der Künstler und Künstlerinnen, die für das visuelle Design von Sony Pictures Animation's "Hotel Transilvanien 3" verantwortlich waren, den Animationsfilm, der  Ende letzter Woche in die Kinos kam und viel Lob für seine Kunst und Animation (wenn nicht sogar seinen krassen Humor) erntete. Kunst ist Nichols' Geschäft, das Malen von Umgebungen und Requisiten, die den 3D-Designern zeigen, wie eine Produktion aussehen soll, sowie das Malen von Charakteren – und das macht sie gut. Sie arbeitete schon an letzten Hotel-Transilvanien-Film, und nicht nur das. So war sie auch an "Emoji - Der Film", "Die Schlümpfe: Das verlorene Dorf" und "Futurama" beteiligt,  zudem mit freiberuflicher Arbeit für Disney Television und Cartoon Network beschäftigt. Und sie erledigt fast alles mit Adobe Photoshop auf einem Mac Pro mit einem daran angeschlossenem Wacom Cintiq Companion Display.

Vom Umwelt- und Requisiten-Design bis hin zur Bemalung von Charakteren ist Nichols' Arbeit in den meisten Bereichen des Hotels Transilvanien 3 zu finden.
Vergrößern Vom Umwelt- und Requisiten-Design bis hin zur Bemalung von Charakteren ist Nichols' Arbeit in den meisten Bereichen des Hotels Transilvanien 3 zu finden.
© Sony Pictures Animation

Aber das könnte sich bald ändern. Etwa zur gleichen Zeit, als "Hotel Transsilvanien 3" erstmals auf der Leinwand zu bestaunen war, bestätigte Adobe, dass es im nächsten Jahr endlich eine Vollversion von Photoshop auf das iPad (Pro) bringen würde. Und jetzt denkt Nichols zum ersten Mal darüber nach, das iPad Pro zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Workflows zu machen.

"Wenn das iPad in der Lage wäre, Photoshop auf meinem Mac mit einem Cintiq originalgetreu zu reproduzieren", sagt sie, "dann würde ich das iPad wahrscheinlich viel mehr benutzen als mein Cintiq Companion". Wenn Nichols sagt "treu replizieren", meint sie "alles replizieren". Alles andere wäre unzulänglich.

"Photoshop ist das wichtigste Werkzeug für die Erstellung meiner Kunstwerke. Je mehr Möglichkeiten ich bekomme, darauf zuzugreifen, umso besser ist das", erklärt sie. "Ideal wäre es, Photoshop mit dem iPad nach draußen mit zu nehmen und von meinem Büro oder Heimstudio aus arbeiten zu können, ohne die Funktionalität von Photoshop auf meinem Desktop zu verlieren."

Ein Beispiel, wie Lizzie dem 3D-Modellierer erklärt, wie bestimmte Einstellungen aussehen sollen. (Beachte das Halloween-Datum: so passend!
Vergrößern Ein Beispiel, wie Lizzie dem 3D-Modellierer erklärt, wie bestimmte Einstellungen aussehen sollen. (Beachte das Halloween-Datum: so passend!
© Sony Pictures Animation

Das bedeutet, Adobe muss sogar sicherstellen, dass die Tastaturkürzel den Übergang überleben, denn Nichols findet, dass diese ihren Workflow "schnell und effizient" halten. Zusammen mit Apples Finder sind sie auch ein wichtiger Grund, warum sie Apples Ökosystem dem von Windows vorzieht. Letzteres hat " ihren Groove" ruiniert, indem es Werkzeuge vorschlägt, wenn immer sie die Alt-Taste drückt.

Das Fehlen von Photoshop hat sie bisher davon abgehalten, das iPad ernst zu nehmen. Seit 2016 hat sie ein iPad Pro, aber sie fand es "mehr auf den Hobbyisten ausgerichtet". Sie hegte nie die Illusion, dass es ihr Desktop-Setup ersetzen oder zumindest eine Alternative bieten würde. Auch hier hat Apples Einstufung von Procreate unter "Unterhaltung" wenig dazu beigetragen, diesen Eindruck zu ändern.

Der junge Van Helsing, gemalt von Nichols
Vergrößern Der junge Van Helsing, gemalt von Nichols
© Sony Pictures Animation

Hier haben wir also einen echten Apple-Fan und Profi, die leicht der Star einer dieser "Behind the Mac"-Werbungen sein könnte, die Apple jetzt ausstrahlt – und sie glaubt eindeutig nicht, dass das iPad Pro seinen Namen verdient. Das ist ein Problem. "Ich sah es als ein ausgefallenes Spielzeug mit einigen potentiell lustigen Mal-Apps, mit denen ich vielleicht ein paar digitale Freilichtmalereien machen könnte", stellt sie klar.

Ein Jahrzehnt Entwicklung

Aber warum müssen wir ein derartiges Gespräch im Jahr 2018 führen? Es geht eindeutig nicht um die Leistungsfähigkeit der Hardware: Wir wissen seit Jahren, dass iPads Pro leistungsfähiger sind als viele Laptops. Apple ist hier sicher nicht einfach nur träge: Photoshop ist seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1990 ein wichtiger Bestandteil des Mac. Es gibt sogar ein paar Leute, die glauben, das Bildbearbeitungsflaggschiff stamme von Apple selbst.

Vielleicht ist es kein Irrtum, dass Adobe die Nachricht von Photoshop für das iPad nur wenige Tage nach den dem Jubiläum des App Store fallen ließ und all den Jubelarien, die erklärten, wie sehr uns das Softwareangebot für iPhone und iPad in den letzten zehn Jahren geholfen hat – indem es uns Programme an die Hand gab, die es zuvor nur für Desktops gab.

Einige der Bilder aus der Tinder-ähnlichen App im Film.
Vergrößern Einige der Bilder aus der Tinder-ähnlichen App im Film.
© Sony Pictures Animation

Es erinnert uns daran, dass diese Revolution zum Teil durch die begeisterte Umarmung von iPhone und iPad durch Apps von Drittanbietern ausgelöst wurde. Adobe gehörte mit Photoshop nie dazu. Sicher, Sie konnten die verwässerten Apps wie Adobe Photoshop Express und Adobe Photoshop Mix finden, aber für jeden, der mit der echten Software vertraut ist, fühlte es sich an, als würde man jemandem zuhören, das Oktoberfest in Cincinnati für ein authentisches Erlebnis hält.

Es ist Zeit für Photoshop. Es wird vor allem Zeit, wenn die neuen iPads Pro herauskommen, da sie praktisch garantiert stärkere Chips verwenden werden. So viel wurde schon über das Thema geschrieben, ich glaube immer noch nicht, dass die Leute völlig verstehen, wie revolutionär eine Vollversion von Photoshop auf dem iPad Pro sein könnte. Mit Apps wie Photoshop, die nur mit einem iPad auskommen, wird das Apple-Tablet noch attraktiver sein, als es bereits ist.

Ein Bleistift für Ihre Gedanken

Zurück zu Lizzie. Sie ist ein Profi, und trotz meiner Schnappatmung über die anstehende Revolution, weiß sie es besser und erwartet alles andere als einen nahtlosen Übergang. Das ist eine kluge Einstellung, wenn man bedenkt, dass selbst mir das iPad Pro bei einigen der einfachsten professionellen Aufgaben nicht ausreicht .

Zum einen ist sie besorgt, dass der Apple Pencil, den sie wegen seines Gewichts und seines allgemeinen Designs bewundert, hinter dem Stylus von Wacom zurückbleiben könnte.

Mehr Konzeptkunst von Lizzie.
Vergrößern Mehr Konzeptkunst von Lizzie.
© Sony Pictures Animation

"Es wäre fantastisch, wenn der Apple Pencil eine Art klickbaren Knopf hätte, wie den Wacom Stylus, den ich auf die gewünschte Funktion einstellen könnte", sagt sie. "Ich habe meine Wacom-Stifttasten immer auf Option und Rechtsklick eingestellt. Das spart mir massenweise Zeit auf meinem Cintiq und derzeit gibt es nicht wirklich eine Möglichkeit, das mit dem Apple Pencil zu tun." Sie ist auch nicht zu begeistert über die glatte und glasige Oberfläche des iPad Pro, unabhängig davon, ob es laminiert ist oder nicht.
"Es ist keine große Sache", sagt sie, "aber wenn ich von der Skizze auf meinem iPad zurück zu meinem Cintiq gehe, kann ich die leichte Rauigkeit des Cintiq-Bildschirms wirklich spüren und das macht einen Unterschied."
Aber auch die Ankündigung von Apple macht einen Unterschied. Sie erzählt mir, dass Photoshop auf dem iPad Pro sie "definitiv" überzeugen würde, eines zu kaufe, wenn sie nicht schon eines hätte. Nach der Resonanz, die ich in den letzten Tagen in den sozialen Medien gesehen habe, ist sie bei weitem nicht die Einzige.

Nichols' Konzeptkunst für die Unterwasserbereiche des Hotel Transilvanien 3.
Vergrößern Nichols' Konzeptkunst für die Unterwasserbereiche des Hotel Transilvanien 3.
© Sony Pictures Animation


Für Lizzie ist es ein Zeichen, dass die richtigen Leute wieder  auf Kreativ-Profis hören. "Ich finde es spannend zu hören, dass sowohl Adobe als auch Apple den Menschen zuhören, die mit ihren Produkten ihren Lebensunterhalt verdienen", sagt Nichols, "deshalb bin ich vorsichtig optimistisch, dass Adobe und Apple das richtig machen werden".

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