2383604

Bewertungen auf Amazon: Wie trennt man echte Reviews von Fakes?

17.10.2019 | 16:00 Uhr | Stephan Wiesend

Produktbewertungen von Amazon-Angeboten variieren zwischen erstklassigem Testbericht und schamloser Produktwerbung: Einige Tipps helfen bei der Beurteilung.

Aktuell berichtet Spiegel+ ĂŒber chinesische Hersteller, die deutsche Teenager anheuern, damit diese Kaufempfehlungen fĂŒr ihre Produkte bei Amazon aussprechen. 

Testberichte eines renommierten Magazins wie Stiftung Warentest oder auch Macwelt sind nach unserer Meinung immer noch die zuverlĂ€ssigste Kaufberatung. Allein schon durch die große Anzahl an Produkten sind aber bei Shops wie Amazon Nutzerbewertungen anderer KĂ€ufer der einzige Anhaltspunkt – selbst wenn man das Produkt gar nicht bei Amazon selbst kauft. Vor allem bei BĂŒchern und Ebooks sind sie fĂŒr den Erfolg entscheidend, auch bei Elektronik-Produkten sind sie aber Ă€ußerst wichtig.

FĂŒr die sinnvolle Nutzung dieser zahllosen Produktbewertungen sollte man aber einige Dinge beachten. So gibt es Profi-Rezensenten, die positiv gesinnten Vine-Clubs und Fake-Wertungen, die offensichtlich vom Hersteller stammen, außerdem völlig ignorante KĂ€ufer.

Wie man positive Bewertungen kauft
Fake-Reviews per Software erkennen
Nur auf 2-Sterne-Bewertungen achten
Auf eigene Anforderungen achten
Top-Rezensenten – Zu positiv?

Wie man positive Bewertungen kauft

Es gibt zahllose Amazon-Nutzer, die fĂŒr einen kleinen Betrag positive Berichte ĂŒber ein Produkt schreiben. Etwa zehn Dollar bekommt man aktuell fĂŒr eine Besprechung einer neuen iPhone-HĂŒlle, so Buzzfeed. Der Grund ist simpel: Dutzende 5-Sterne-Bewertungen sind die beste Werbung fĂŒr ein Produkt. Ein Buch ohne Bewertungen oder eine Powerbank ohne begeisterte Kundenbeschreibungen ist aber fast unverkĂ€uflich. So haben nagelneue iPhone-HĂŒllen schnell hunderte begeisterte Nutzer und dicke SachbĂŒcher dutzende enthusiastische Leser.

Seit 2016 hat zwar Amazon kostenlose Produkte fĂŒr Tester oder bezahlte Tests verboten, es gibt aber inoffiziell weiterhin bezahlte Tests . Schlimmer noch: Sie werden seitdem nicht mehr als Auftragsarbeiten markiert. Auftraggeber und Autoren finden sich per Reddit, Slack, geschlossene Facebook-Gruppe oder Discord und erhalten fĂŒr einen positiven Bericht ein Honorar von 5 Dollar oder Amazon-Geschenkkarte ĂŒber 10 Dollar. Bei Bluetooth-Lautsprechern sollen laut der Seite Reviewmeta etwa knapp 58 Prozent der Wertungen „fraglich“ sein, noch mehr bei Produkten wie Testosteron-Pillen.

Nach unserem Eindruck sind die Rezensenten leider mittlerweile gut trainiert und schreiben glaubwĂŒrdige Rezensionen. Auch Hersteller aus Asien machen immer seltener Fehler aus frĂŒheren Tagen, etwa Rezensionen per Google-Translate zu erstellen.

Wie man Fake-Shops bei Amazon erkennt

Fake-Reviews per Software erkennen

Das Problem der Fake-Reviews ist nicht neu und bei hunderten Bewertungen hat niemand den Nerv, diese einzeln zu prĂŒfen. Eine interessante VorabprĂŒfung bietet der Dienst Reviewmeta , der Produktrezensionen automatisch prĂŒft. Das Grundprinzip ist einfach: Wertungen mit verdĂ€chtigen Eigenschaften werden durch eine aufwĂ€ndige PrĂŒfung aussortiert und es werden nur noch glaubwĂŒrdige Bewertungen berĂŒcksichtigt. Beim Sachbuch eines prominenten TV-Stars bleiben dann vielleicht von 64 Reviews nur noch 8 ĂŒbrig und die Note sinkt von 4,1 auf 2,8. Das funktioniert sogar umgekehrt, wenn einige der Bewertungen als Negativ-Kampagne eingestuft werden. So scheint es durchaus möglich, dass sich die Kritik an der Biographie eines weiteren TV-Stars doch eher gegen die Person als das Buch richtet.

Die Prüfung von Reviewmeta ist leider nicht sehr zuverlässig, kann aber Trends erkennen.
VergrĂ¶ĂŸern Die PrĂŒfung von Reviewmeta ist leider nicht sehr zuverlĂ€ssig, kann aber Trends erkennen.
In wenigen Einzelfällen kann die Note sich sogar verbessern.
VergrĂ¶ĂŸern In wenigen EinzelfĂ€llen kann die Note sich sogar verbessern.

Möglich ist dies durch die BerĂŒcksichtigung bestimmter Anhaltspunkte, die auf einen falschen Kommentar hinweisen: etwa auffallend positiv wertende Nutzer, gelöschte Wertungen fĂŒr ein Produkt, bestimmte Phrasen wie „ein Muss fĂŒr jeden“, ein komplett neuer Account oder auffĂ€llig viele Wertungen am gleichen Tag.

Man darf die Ergebnisse aber nicht ĂŒberschĂ€tzen, sie sind nach unserer Meinung recht grobe EinschĂ€tzungen. Wie der Dienst ausdrĂŒcklich anmerkt, kann die automatische Fake-Review-Erkennung nie völlig fehlerfrei sein. Der Dienst eignet sich nach unserer Meinung weniger fĂŒr die Festlegung einer Note als vielmehr dazu, zu erkennen, ob ein Hersteller vielleicht mogelt. Als erster Anhaltspunkt ist der Dienst aber sehr empfehlenswert.

Es gibt aber noch weitere Dinge, auf die man bei der EinschÀtzung von Bewertungen achten sollte. Manchmal sind ja die echten Bewertungen einfach fehlerhaft oder viel zu positiv.

Schnelle Stichprobe: Nur die 2-Sterne-Bewertungen

Ein guter Tipp, um sinnvolle Bewertungen herauszufischen, ist der Blick auf die Bewertungen mit zwei Sternen: Positive Bewertungen mit 5 Sternen sind oft wenig hilfreich, bei Bewertungen mit 1 Stern handelt es sich dagegen zu oft um FehlkĂ€ufer, die einfach das falsche Produkt gekauft haben, Ärger mit DHL hatten oder keine Bedienungsanleitungen lesen können.

Ein Beispiel aus dem letzten Jahr, als dieser Beitrag erstmals erschien: Bei Amazon gab es damals den Airplay-Lautsprecher Yamaha WX-010 fĂŒr 88 Euro. Eigentlich ein interessantes Angebot, wir wollen aber mehr wissen: Die 5-Sterne und 1-Sterne-Rezensionen ignorieren wir und werfen einen Blick auf die 2-Stern-Rezensionen: Hier lesen wir nun schon in den ersten drei Kritiken ĂŒber Probleme mit Airplay-Verbindungen und Aussetzern bei iOS. Die Probleme klingen glaubwĂŒrdig, scheinen aber nur bei lĂ€nger Nutzung bei iPhone-Nutzern aufzutreten – fĂŒr uns ist der Lautsprecher also doch kein so guter Kauf...

Interessant sind bei Elektronik meist die negativen Bewertungen, etwa über Kompatibiltätsprobleme.
VergrĂ¶ĂŸern Interessant sind bei Elektronik meist die negativen Bewertungen, etwa ĂŒber KompatibiltĂ€tsprobleme.

Zu schnell veröffentlicht

Eine SchwĂ€che vieler eigentlich echter Testberichte: Der Produktbericht wurde vom KĂ€ufer nach wenigen Tagen geschrieben – etwa gleich in der ersten Euphorie ĂŒber die neue Anschaffung. Dass ein GerĂ€t direkt nach dem Auspacken funktioniert, ist zwar sehr schön, bei einer Powerbank oder einem Notebook-Akku wĂ€re aber etwas anderes viel interessanter: Funktioniert der Akku auch nach drei Monaten noch, ist der USB-Stick plötzlich defekt und hat der Notebook-Akku auch nach einigen Dutzend AufladevorgĂ€ngen noch die gleiche KapazitĂ€t? Bei einigen Produkten sollte man deshalb gezielt nach Berichten ĂŒber Langzeiterfahrungen suchen.

Auf eigene Anforderungen achten

Ein typisches Problem bei manchen Elektronikprodukten: Nur wenige Kommentatoren gehen auf die iOS- oder macOS-KompatibilitĂ€t ein. Hier hilft die Suchfunktion weiter, man kann nĂ€mlich den Text aller Bewertungen per Textsuche (Command-F) nach Begriffen wie „Mac“, „iPhone“ oder „iPad“ durchsuchen: Das ist etwa hilfreich, falls ein Bluetooth-Kopfhörer iPhone-Probleme hat oder es Probleme mit bestimmten GerĂ€ten gibt. Das kann auch auf die andere Seite umschlagen, so bekam etwa die Belkin-Tastatur Universal QODE die verheerende Wertung 3,4 – weil sie KompatibilitĂ€tsprobleme mit Android-GerĂ€ten hat. Mit iPhone und iPad funktioniert sie aber problemlos.

Top-Rezensenten – zu positiv?

Markiert sind manche Rezensionen „Top 500 Rezensent“ oder gar „Top 50 Rezensent“. Diese Tests sind oft lĂ€nger als dieser Artikel und sehr aufwĂ€ndig gemacht – und keineswegs Fake-Reviews. Hier handelt es sich um eine besondere Gruppe an Amazon-Testern.

Seit 2016 hat zwar Amazon kostenlose Produkte fĂŒr Tester oder bezahlte Tests verboten, das gilt aber nicht fĂŒr den firmeneigenen Club der Produkttester, auch „Vine“ genannt . Die Bedingungen fĂŒr die Teilnahme sind kompliziert, im Prinzip aber wird man per Einladung durch Amazon in diesen Club aufgenommen und erhĂ€lt Produkte zugeschickt, fĂŒr die man Testberichte schreiben soll. Das Produkt ist kein „Geschenk“, man kann es aber behalten.

Eigentlich gibt es an dem Konzept wenig zu kritisieren. Als wichtig gilt vor allem, dass eine Rezension von Lesern als „hilfreich“ bewertet wird, die Benotung ist völlig frei. Allerdings sorgt das System nach Meinung von Beobachtern doch eher fĂŒr positive Bewertungen. Bekommt man eine Powerbank geschenkt, schreibt man schon mal eher eine positive Rezension als ein echter KĂ€ufer. Laut Reviewmeta sollen Vine-Tester im Durchschnitt etwas bessere Noten vergeben als der Durchschnittstester.

Ein eigenes Thema ist wohl die Rezension von BĂŒchern, hier gibt es ganze Hierarchien an Top-Rezensenten: Unschön. Vor allem bei BĂŒchern gibt es Profi-Rezensenten, die Unmengen an BĂŒchern rezensieren und dies meist positiv – was etwas problematisch ist.

Fazit:

Amazon-Rezensionen gelten als eine der großen StĂ€rken des Handels-Konzerns. Handelt es sich um Testberichte, die nach ausfĂŒhrlicher Nutzung geschrieben wurden, sind sie Ă€ußerst nĂŒtzlich und enthalten oft Details, die man sonst kaum findet.

Gerade bei ĂŒberschwĂ€nglich positiven Berichten ist aber Skepsis angebracht und wir empfehlen als Faustregel, eher auf die kritischen Meinungen zu achten. So fĂ€llt beim Vergleich mit anderen Shops wie dem Apple Store auf, dass gleiche Produkte dort oft weit negativer bewertet werden.

Macwelt Marktplatz

2383604