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Bringt uns Face ID in die düstere Vergangenheit?

15.09.2017 | 09:52 Uhr |

Wie so oft erweckt Neues nicht nur Freude, sondern auch Ängste und Unsicherheit. So kann man die vermehrte Kritik an der Face ID erklären.

Die Freiheit, Apple zu kritisieren, hat sich am Donnerstag Andrian Kreye im Leitartikel der Süddeutschen Zeitung genommen. Wir setzen uns vehement dafür ein, dass er das darf, widersprechen seinen kulturpessimistischen Aussagen aber vehement und vor allem seiner Zuspitzung, die FaceID wäre "Ein Sprung in düstere Vergangenheit". Konkret meint Kreye die pseudowissenschaftliche Kraniologie oder Schädelvermessung, mit der die Kolonialherren des 19. Jahrhunderts ihre Eroberungen vermaßen und klassifizierten.

Nein, die FaceID ist keine Methode, um postulierte Übermenschen von ebenso postulierten Untermenschen zu unterscheiden, sie dient vorweg nur zur Identifizierung des rechtmäßigen iPhone-Besitzers. Die Annahme, mit der Gesichtserkennung könne man weit mehr erreichen als eine Authentifizierung und lustig animierte Kackhäufchen auf dem iPhone-Bildschirm ist zwar richtig, der Schluss, mit dem iPhone X könne man gegen den Willen des Nutzers etwas über seine sexuelle Orientierung, seine politischen Ansichten oder verborgene Krankheiten erfahren, mehr als nur gewagt. Es handelt sich hier schlicht um ein Schneelawinenargument, das bei einer gewöhnlichen Ausgangslage die schlimmsten Folgen vermutet, die wiederum selbst die schlimmsten Folgen verursachen.

Des Autoren Misstrauen gegenüber Apples Versicherung, die mathematischen Modelle des Gesichts allein in der Secure Enclave des Chips auf dem iPhone zu speichern, ist schlicht übertrieben und nur mit dem hanebüchenen Argument untermauert, Apple habe ja auch VPN-Apps aus dem chinesischen App Store entfernt. Ebenso dünn erscheint uns das Argument, ein Trojaner könnte diese Informationen auslesen und missbrauchen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, doch hat sich speziell iOS als das sicherste der erhältlichen Computersysteme erwiesen. Wenn wir einem Gerät derart sensible Daten anvertrauen, dann am ehesten noch einem von Apple. Der krudeste (implizite) Vorwurf ist und bleibt jedoch, die True-Depth-Kamera sei ein Werkzeug für Rassisten.

Warum dies technisch nicht korrekt ist, können Sie sich in unserem Interview mit einem Biometrie-Experten zur Face ID nachlesen.

Einen sachlichen Zweifel an FaceID meldet indes Wired an. Die Befürchtung: Die US-Regierung könnte Apple dazu zwingen, die Technik bei der Fahndung nach Verdächtigen einzusetzen. Die Gesichtserkennung könnte dazu dienen, von den Behörden Gesuchte zu identifizieren und ihren Standort zu melden. Zwar habe Apple in der Vergangenheit die Privatsphäre seiner Anwender streng geschützt und sich im Fall des Attentats von San Bernardino auch mit dem FBI angelegt, um diesen Schutz nicht zu gefährden, doch könnten womöglich Gerichte in Zukunft Apple dazu zwingen, derartige Erkenntnisse zu teilen. FaceID würde so womöglich ein Werkzeug für Massenspionage.

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