2400262

Buchrezension: Die autonome Revolution – selbstfahrende Autos

07.01.2019 | 13:31 Uhr | Thomas Hartmann

Es ist kaum eine Frage, dass innerhalb des nächsten zehn Jahre immer autonomer fahrende Autos das Straßenbild verändern werden. Doch haben diese auch Auswirkungen auf die Gesellschaft generell, meinen Andreas Herrmann und Walter Brenner.

In ihrem FAZ-Buch "Die autonome Revolution. Wie selbst fahrende Autos unsere Straßen erobern" (2018) gehen die beiden Experten Andreas Herrmann und Walter Brenner nicht nur auf die technologischen Voraussetzungen und Entwicklungen in der Autoindustrie ein. Allein hier gibt es viele Details zu beschreiben und zu beachten, und wer sich für Technik und Technologie begeistert, wird auch das sehr spannend finden. Die Autoren legen aber ebenso ihre Aufmerksamkeit auf die möglichen Folgen für die Gesellschaft, ihre Mobilität, ihre strukturellen Veränderungen bis hinein in Freizeitgestaltung und Rechtsnormen, wenn einmal Level 5 erreicht ist, womit die komplette Autonomisierung von selbstfahrenden Autos gemeint ist. Stufen vorher erleben wir bereits jetzt, zum Beispiel Level 1 mit Fahrerassistenz oder Level 2 mit Teilautomation, wenn der Fahrer das System immer noch permanent überwachen muss. Schließlich wird der Insasse als Fahrer keine Rolle mehr im Betrieb des Autos spielen. Dann ist die Vollautomation umgesetzt.

Markante Veränderungen im Verkehr, aber auch in der Gesellschaft

Der Band mit über 340 Seiten beschreibt detailliert die unterschiedlichen Prozesse, Bedingungen und Voraussetzungen in allen denkbaren Hinsichten. Es ist unmöglich, dies hier im Detail vorzustellen. Deswegen seien lediglich ein paar Highlight-Thesen genannt, deren ausführliche Begründung sich im Buch findet:

So betrachten die Autoren autonomes Fahren als Realität, denn selbstfahrende Autos befinden sich bereits, wenn auch in kontrolliertem Umfeld, auf den Straßen. Sie rechnen insbesondere mit drei Typen von selbstfahrenden Autos: Robo-Taxis, Bussen und Mehrzweckfahrzeugen für geschäftlichen, familiären und Reisebedarf. Selbstfahrende Autos würden unabhängig von der Motorisierung (ob Elektroantrieb oder Verbrennungsmotor) allein durch ihr Fahrverhalten den Ausstoß von Abgasen reduzieren können. Das Car- und Ride-Sharing werde im Verbund mit autonomen Autos das Mobilitätsverhalten grundlegend verändern, insbesondere durch eine Flotte von autonomen Roboter-Taxis, die praktisch überall und jederzeit zur Verfügung stehen und durch Apps angefordert und bezahlt werden können.

Software-Entwicklung geht vor Hardware

Interessant ist auch der Aspekt, dass Automobilkonzerne zukünftig Autos rund um die Software anstatt von der Technik des Fahrzeugs aus gestalten werden – denn autonome Autos sind im Grunde rollende Computer oder Roboter. Dies setzt auch ein ganz neues Kommunikationsverhalten und eine dafür ausgerichtete Technologie voraus, innerhalb des Autos, zu anderen Autos, aber auch allgemein zum Umfeld wie Ampeln, Verkehrshindernissen, Staus oder Baustellen.

Mehr Freiheit durch autonomes Fahren

Insgesamt werde man im vollständig automatisierten Fahrzeug sehr viel mehr Freizeit und Freiheit verbringen, selbst auf dem Weg von der Arbeit. Man muss sich schließlich nicht mehr um die Steuerung des Autos und um die ganzen Details kümmern, dies erledigt das Fahrzeug autonom. Selbstverständlich ist in diesem Zusammenhang auch die Frage wichtig, welche ethischen und rechtlichen Aspekte daraus folgen. Hierzu ist etwa ein einheitlicher Rechtsrahmen auch in den unterschiedlichen Ländern erforderlich, ebenso wie Steuerung und Kommunikation so vereinheitlicht sein müssen, dass ein Auto in jedem Land eingesetzt werden kann. Hierzu gibt es rechtlich wie technologisch erste Entwicklungen. Auch die Frage, ob ein autonomes Auto nicht eine eigene Identität als elektronische Rechtspersönlichkeit ("Electronical Personhood") erhalten sollte, wichtig etwa Haftungsfragen, wird diskutiert.

Das ungelöste Trolleyproblem

Ein Knackpunkt ist nach wie vor die ethische Frage, aus der rechtliche Folgen erwachsen. Wenn es etwa zu Fehlern in der Software kommt, wenn Menschen durch Erkennungsfehler verletzt werden, weil die Software des Autos einen Fußgänger mit einem Hydranten verwechselt und ähnliches mehr, bleibt bislang offen, wer verantwortlich und haftbar zu machen ist. Und auch, auf welche Weise die autonomen Autos programmiert sein sollten, um im Zweifel angemessen zu reagieren – also die berühmte Frage des sogenannten Trolleyproblems, ob im Zweifel eher ein alter Mensch als eine Gruppe von kleinen Kindern zu überfahren wäre. Hier bleibt das Buch die Antwort letztlich schuldig – denn es gebe keine schnelle und einfache Antwort auf diese Problematik. Dies bleibe Aufgabe eines gesellschaftlichen Diskurses. Dazu wird es dringend erforderlich sein, sowohl in dieser Hinsicht als auch in Bezug auf die neue Technologie das Vertrauen der Konsumenten aufzubauen.

Positive Aussichten

Letztlich sind die Perspektiven der Autoren für das Aufkommen eines autonomen Straßenverkehrs sehr positiv, was etwa die gesellschaftlichen Folgen betrifft. So rechnen sie mit einer verbesserten Mobilität vor allem in großen Städten, wodurch Menschen bessere Jobs bekämen und höhere Einkommen erwirtschaften könnten sowie weniger arbeitslos würden. Da Wohnungen in den Innenstädten der Metropolen aber nach wie vor teuer blieben, könnten behelfsmäßige, provisorische Unterkünfte an den Verkehrsknoten entstehen. Die autonomen Autos machen dennoch einen deutlich entspannteren Verkehrsfluss möglich.

Fazit und Empfehlung

Der Band "Die autonome Revolution" ist als Frankfurter Allgemeine-Buch mit der ISBN 978-3-36251-004-6 erschienen und kostet 30 Euro, als E-Book 25 Euro. Es ist fachlich hervorragend und kenntnisreich geschrieben. Am Ende eines jeden der insgesamt 38 Kapitel gibt es eine instruktive Zusammenfassung, dazu kommen Vorwort, Geleitwort und ein Nachwort über die "Schöne neue Welt", die einen Ausblick auf das Jahr 2040 wagt und deren Straßenbild von den erwähnten Robo-Taxis, Bussen und Mehrzweckautors beherrscht sieht. Auf den Feldern dagegen sind autonome Landmaschinen im Einsatz, wie dies jetzt schon häufig der Fall ist, dann aber noch deutlich vernetzter und selbstständiger. Innerhalb der Autos können die Passagiere auf den als Touchscreens fungierenden Scheiben Filme ansehen, sich aktuell informieren lassen oder sich bei einer Fahrt etwa ins London des Jahres 1918 zurückversetzen lassen. Ob es alles so kommt, und ob die wichtigsten Folgen tatsächlich so positiv sind, man wird sehen. Dieses Buch bietet jedenfalls einen kaum zu überschätzenden Beitrag dazu, die Thematik und Problematik ausgiebig darzustellen und zu diskutieren. Wer bei diesem Thema kompetent mitreden will, kommt an dem Band kaum vorbei.

Macwelt Marktplatz

0 Kommentare zu diesem Artikel
2400262