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Das Leben der Anderen: Warum ich fremde Mails lese

21.08.2018 | 12:33 Uhr |

Anders als im berühmten Stasi-Drama landen fremde Mails in meinem Postfach unfreiwillig – ein Fehler aus dem Jahr 2013 ist wohl schuld.

An der Stelle die berechtigte Frage vorweggenommen: Nein, ich habe mich nicht in die Posteingänge fremder Personen eingehackt, die Mails landen auch nach der Meldung an Support des Dienstleister unfreiwillig in meinem Postfach. Aber nun von Anfang an.

Jeder hat wohl eine kleine Enttäuschung erlebt, als er sich für einen Mail- oder weiteren Online-Dienst registriert hat: Der eigene Name als Nickname ist bereits vergriffen, auch mit Kosenamen und diversen Verkürzungen kommt man nicht weiter. Daher ist einer gezwungen statt eines klangvollen und prägnanten steve@mac.com eine weniger elegante Variante zu nehmen: steven2108@mac.com. Das ist mir so ebenfalls um die Jahrtausendwende erfahren. Die Uni-Admins haben für die Uni-Adresse und andere Uni-Dienste eine zweite private Mail benötigt, ich habe mich für den kostenlosen Anbieter Yahoo! entschieden, alle kurzen Varianten einer @yahoo.de Adresse waren bereits vergriffen, so habe ich ein Monstrum aus mehreren Namen und Zahlen konstruiert – diese Adresse nutze ich auch bis heute.

Doch die menschliche Eitelkeit ist extrem hartnäckig, meine wurde geweckt, als Yahoo! am 12. Juni 2013 ankündigte, einen sogenannten Jahresputz zu machen und inaktive Aliasse aus seiner Datenbank zu löschen . Mehr noch, um die freigewordenen Nicknames in der Datenbank konnten sich alle anderen Nutzer bewerben. Yahoo! ließ sich ein paar Wochen Zeit, die Einträge zu überprüfen. Wenn das gewünschte Alias nicht mehr benutzt war, hat der Dienst dieses dem Bewerber übergeben. Das ist doch prima! Ich habe nicht weiter nachgedacht, sondern sofort den genannten Link angeklickt und mich bei Yahoo! für ein super-kurzes Alias aus nur drei (!) Buchstaben beworben. Nach ein paar Wochen habe ich die Sache bereits erfolgreich vergessen, doch gegen Ende August meldete sich bei mir der automatische Bot des Dienstes – die super-kurze und prägnante Yahoo!-Adresse war mein Eigen, ich könnte sie ab nun nutzen, der Vor-Besitzer hat sich offenbar bei dem Dienst seit mindestens zwölf Monaten nicht angemeldet.

Wie so oft bei solchen Symbolen der Eitelkeit habe ich das kurze Alias nie wieder wirklich benutzt, aus Gewohnheit habe ich an neue Bekannte meine gewöhnliche lange Yahoo!-Adresse weitergegeben. Irgendwann mal hatten dann alle Whatsapp, nicht mal die Mail-Adresse wurde benötigt, nur noch die Telefonnummer.

Seltsame Eingänge im Postfach

Doch seit Herbst 2017 passieren in meinem Posteingang ziemlich seltsame Dinge. Ich erhalte fast jeden Tag eine E-Mail, die eindeutig nicht an mich adressiert ist. Nicht nur die Anrede der Mail ist mir fremd, manche Mails kommen in Englisch, manche auf Italienisch, manche wohl auf Malaiisch an. Ich kann bis heute nicht genau feststellen, E-Mails von wie vielen Personen in meinem Postfach landen. Die Nachnamen ändern sich, nur der Vorname der Personen bleibt gleich, offenbar haben diese Nutzer damals vor Jahren bei Yahoo! das gleiche super-kurze Alias beantragt, aus unerklärlichen Gründen kommen diese in meinem gewöhnlichen Postfach mit dem komplexen Alias an. Suche ich aber dort nach den drei Buchstaben mit @yahoo., liefern mir die Mail-Clients unter iOS oder macOS Treffer mit Top-Domänen wie .com, .it oder .de. Ich kann mich übrigens ebenfalls nicht in das Postfach des kurzen Aliases einloggen, dieses hat ein anderes Passwort und eine andere Telefonnummer hinterlegt, als mein normales mit dem langen Alias.

Leider betreibt Yahoo! seit langem keinen wirklichen Support, meine Suche im Internet nach weiteren Nutzern mit dem gleichen Problem hat auch nichts ergeben. Ich konnte aber eine Presseagentur in Deutschland ausfindig machen, die Anfragen an Oath – dem heutigen Inhaber der Marke Yahoo! – bearbeitet. Ich habe den seltsamen Mail-Verkehr in meinem Postfach beschrieben und geduldig auf die Antwort gewartet. Letztendlich hat sich eine nette Mitarbeiterin der Presseagentur am Telefon gemeldet, ich könnte leider – aus Gründen – nicht direkt mit jemandem von Oath sprechen, diese ließen jedoch ausrichten, dass die fremde Mails nur aus Unachtsamkeit der anderen Nutzer mich erreichen: Jemand hätte nicht mitbekommen, dass die alte Adresse der Person nicht funktioniert und schickt weiterhin die Mails an diese Adresse. Diese landen dann bei mir. Kein technischer Fehler also?

Offenbar doch, denn in meinem Postfach landen ziemlich heikle Informationen einer großen Kreditgesellschaft, im Mai hatte ich eine Buchungsbestätigung einer mexikanischer Fluggesellschaft erhalten – dabei ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering, dass bei der Bestellung der Kunde seine Mail-Adresse vergisst und die Unterlagen an eine fremde Adresse schicken lässt. Diese Umstände habe ich der netten Dame am Telefon erklärt. Sie hat versprochen, jemand bei Oath wird sich das Thema näher anschauen. Auf die Antwort warte ich immer noch.

Ab dem letzten Wochenende hat sich meine Sicherheitsstufe beim Zugang zu den fremden Daten weiter erhöht: Eine der Personen hat die Yahoo-Adresse als eine Sicherung für ihren Google Account verlinkt. Theoretisch steht mir nichts im Wege, die digitale Persönlichkeit zu kapern und quasi das Leben der Anderen zumindest im Netz zu leben …

An der Länge des Aliases kann man merken, dass dieses extrem kurz ist. Meine Yahoo-Adresse ist deutlich länger.
Vergrößern An der Länge des Aliases kann man merken, dass dieses extrem kurz ist. Meine Yahoo-Adresse ist deutlich länger.

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