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Google kauft Fossil-Technologie: Ansage an die Apple Watch

22.01.2019 | 09:11 Uhr |

Die Übernahme von Fossil Wearables durch Google wird die Plattform Wear OS bedeutend voranbringen. Konkurrenz für die Apple Watch entsteht.

Der Kampf um das Handgelenk ist gerade viel interessanter geworden. Ende letzter Woche gab Fossil bekannt, dass es seine Smartwatch-Technologie im Wert von 40 Millionen Dollar an Google verkauft, was dem Wear-OS-Anbieter einen ernsthafte Eintritt in den Markt der Wearables verschafft.

Das Volumen der Akquise mag relativ klein im Vergleich zu den Milliarden sein, die Google für Nest ausgegeben hat, aber es könnte für Mountain View genauso wichtig werden. Zum einen ist Fossil eines der wenigen Unternehmen, das konsequent neue Wear-OS-Uhren herausbringt, die die Menschen tatsächlich auch kaufen wollen. Aber auch wenn dieser Deal nicht zu einer Pixel-Uhr oder Google-Hardware führen sollte, wird Google zum ersten Mal ein Team für Wearable-Hardware unter seinem Dach haben, das bei zukünftigen Design-, Navigations- und Benutzeroberflächenentscheidungen hilft.

Und was am wichtigsten ist, es bedeutet, dass Google sich dafür einsetzt, Wear OS zu mehr als einer Einheitsplattform zu entwickeln, die sich weigert, sich an die Hardware um sie herum anzupassen. Und es könnte bedeuten, dass der erste echte Apple-Watch-Wettbewerber endlich in Sichtweite scheint.

Hardware beeinflusst Software

Das letzte Mal, als Google eine so beträchtliche Investition in die Hardware eines anderen Unternehmens ankündigte, war, als es alles auf das Pixel-Smartphone setzte. Im Januar 2018 gab Google mehr als eine Milliarde US-Dollar aus, um einen großen Teil des Smartphone-Designteams von HTC zu übernehmen, darunter Tausende von Ingenieuren und ein gutes Stück vom Kuchen der Patente. Während es wahrscheinlich ist, dass die Auswirkungen der tatsächlichen Investition von Google erst im Laufe dieses Jahres vollständig zur Wirkung kommen, sieht man schon jetzt, wie das Hardware-Team von HTC das Google-Smartphone bereits beeinflusst hat.

Die Pixel-Handys von Google haben gezeigt, wie eine hardwareorientierte Denkweise die Software beeinflussen kann.
Vergrößern Die Pixel-Handys von Google haben gezeigt, wie eine hardwareorientierte Denkweise die Software beeinflussen kann.
© Christopher Herbert / IDG

Die Partnerschaft mit Fossil könnte genauso wirkungsvoll sein, obwohl sie wie ein Almosen im Vergleich zum HTC-Deal wirkt. Auf dem Pixel-Telefon wurden Funktionen wie Active Edge (eine direkte Kopie von Edge Sense auf den U11- und U12-Telefonen von HTC) sowie die Integration drahtlosen Ladens und einer zweiten Frontkamera vom HTC-Team initiiert, aber die Beziehung geht viel tiefer als oberflächliche Hardware-Verbesserungen. Mehr als jedes andere Android-Handy ist das Pixel mit Details gefüllt, die die Hard- und Software auf eine Weise vereinen, die ein nahtloses, kongruentes Erlebnis schafft, das die besten Qualitäten von Android zeigt.

Das erkennt man an der neuen Gestennavigation, dem Pixel Launcher, den KI-Verbesserungen und natürlich an der Kamera. In den letzten Überarbeitungen hat Google Android vor allem mit Blick auf das Pixel weiter entwickelt. Aber diese Schnittstellenverbesserungen und Funktionen, die zu einer neuen Integrationsstufe für das Betriebssystem von Google geführt haben, beschränken sich nicht nur auf die eigenen Telefone von Google. Und das ist die Hoffnung für Wear OS, jetzt, da Google ein eigenes Hardware-Team hat: eine Symbiose, wie wir sie von Nicht-Apple-Uhren noch nie gesehen haben.

Mode schlägt Funktion

Als Android Wear im März 2014 auf den Markt kam, gab es noch keine Apple Watch. Die Galaxy Gear und Samsungs Tizen OS steckten noch in den Kinderschuhen, und die Pebble-Plattform war kaum mehr als ein verherrlichter Pager. Android Wear war das erste Armbanduhr-Betriebssystem, das versuchte, ein Gleichgewicht zwischen mechanischen Uhren und Daten liefernden Smartwatches herzustellen.

Google hat nicht viel getan, um Wear OS von seinen Konkurrenten zu unterscheiden.
Vergrößern Google hat nicht viel getan, um Wear OS von seinen Konkurrenten zu unterscheiden.

Was die ersten Android-Wear-Uhren (nämlich die Moto 360 und die Huawei Watch) so vielversprechend machte, war ihre enge Beziehung zu Android Wear. Von den klassischen Zifferblättern bis hin zur Ein-Knopf-Navigation waren die frühesten Android-Wear-Uhren natürliche Erweiterungen ihrer Smartphone-Pendants, und sie stellten einen großen Unterschied zu den faden, uninspirierten Designs von Samsung und LG dar. Sie sahen gut aus, sie funktionierten gut, und sie definierten unsere Erwartungen neu.

Als die Apple Watch etwa sechs Monate später enthüllt wurde, verfestigte dies nur die Vision von Google. Wo Apples Uhr ein Stück Technik war, das nebenbei auch noch die Zeit anzeigte, waren die Android-Wear-Uhren sowohl im Aussehen als auch in der Funktionalität weitaus traditioneller, mit einem Fokus auf Zifferblätter und Glances  statt auf erweiterte Funktionalität. Deshalb konnten die Smartwatches von Fossil gedeihen, während das die Modelle der Smartphone-OEMs nicht schafften: Android Wear/Wear OS Uhren sprechen Menschen an, die eine intelligentere Uhr wollen, nicht unbedingt eine Smartwatch. Google hätte jedes Smartwatch-Team kaufen können, aber die Wahl fiel aus einem einfachen Grund auf Fossil: Google will Wear OS nicht mit Apps und Funktionen füllen, die niemand benutzt. Es möchte, dass Wear OS so einfach und interaktionslos wie möglich ist.

Eine Größe für alles

Sie haben wahrscheinlich schon eine von Fossil's Wear-OS-Uhren in freier Widlbahn gesehen, ohne es überhaupt zu merken ( oder einen der Macwelt-Tests gelesen, Anm. d. Red .). Zum einen sehen sie aus der Ferne aus wie altmodische Armbanduhren, aber mehr noch, sie folgen der Designsprache der Marken, die sie vertreten: Michael Kors, Kate Spade, Armani, Diesel und natürlich Fossil selbst. Einige sind Hybride mit mechanischen Armen und winzigen Bildschirmen, andere sind komplette Smartwatches mit immer aktiven Displays und endloser Anpassung.

Fossils Wearables, wie die Michael Kors Sofie Uhr, setzen Form vor Funktion.
Vergrößern Fossils Wearables, wie die Michael Kors Sofie Uhr, setzen Form vor Funktion.
© Daniel Masaoka / IDG

Allen gemeinsam ist jedoch, dass sich die Intelligenz vor allem auf das wichtige Merkmal jeder Uhr konzentriert: das Zifferblatt. Viele Fossil-Uhren vermeiden  Features wie Herzfrequenzsensoren und NFC-Chips zugunsten von Designs, die sowohl bekannt als auch modisch sind. Während viele Wear-OS-Uhren, die versuchen, so viele Sensoren wie möglich in immer größere Gehäuse zu stecken, ist Fossil weniger an Alleskönner-Geräten interessiert, als an den einfacheren Uhrenaspekten der Smartwatch. Und Google könnte diese Strategie nutzen, um Wear OS in den wichtigsten Bereichen zu straffen und zu fokussieren: Fitness, Gesundheit und vor allem Zeitmessung.

Mit der Investition in Fossil versucht Google nicht, den Erfolg der Apple Watch zu replizieren. Vielmehr ist es die Erkenntnis, dass Smartwatches nicht unbedingt die höchste Spitze der Technologie sein müssen. Es gibt viele Leute, die an Smartwatches für einfache Funktionalität und intelligente Integration interessiert sind, anstatt an einem Stapel von Funktionen, und da kann Fossil helfen. Google hat bereits darauf hingewiesen, dass es mehr daran interessiert ist, Wear OS zu entwickeln, um besser mit seinen Partnermarken zusammenzuarbeiten, als seine eigene Hardware zu entwickeln und sich von der Idee einer Uhr nach dem Motto "Eine Größe für alles" zu lösen. Die Fossil-Partnerschaft festigt diese Denkweise und gibt Wear OS ein Potenzial und eine Zukunft, die es seit Jahren nicht mehr gegeben hat.

Mit Fossil als Leitmotiv sollte die nächste Phase von Wear OS sich weniger um Taps und Apps drehen, als vielmehr über den Aufbau einer einfacheren Softwareerfahrung, die weniger Interaktion erfordert. Android Wear und Wear OS waren schon immer eine Schnittstelle auf der Suche nach der richtigen Hardware. Die Hoffnung besteht nun, dass Google eine vollständig ausgereifte Plattform liefern kann, die bei Bedarf skalierbar ist und nicht versucht, mehr zu sein, als sie sein muss: Ein Wearable wollen die Menschen tatsächlich tragen.

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