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Interview: Kann das Smartphone zur Droge werden?

17.12.2018 | 15:20 Uhr | Halyna Kubiv

„Smombie“ wurde 2015 zum Jugendwort des Jahres gekürt, auch sonst wird das Smartphone immer öfter genutzt.

Apple hat im September 2018 mit iOS 12 die neue Funktion „Bildschirmzeit“ eingeführt. Diese sollte einem dabei helfen, die Nutzung einzelner Apps zu erfassen und nach Wunsch zu beschränken. Hinter dieser simplen Beschreibung steckt jedoch deutlich mehr. Müssen wir uns Sorgen machen, dass das iPhone das echte Leben ersetzt? Dazu haben wir mit dem Professor für Molekularpsychologie an der Universität Ulm Prof. Dr. Christian Montag gesprochen.

Macwelt: Wir haben auf Ihrer Webseite der Uni Ulm gelesen, dass sie sich mit Psychoinformatik beschäftigen. Was ist das überhaupt?

C.M.: Das ist ein neuer interdisziplinärer Forschungsbereich zwischen Psychologie und Informatik, in dem unter anderem versucht wird, aus den Spuren der täglichen Mensch-Smartphone-Interaktion, Rückschlüsse auf psychische Variablen wie Persönlichkeit zu machen.

Macwelt: Also im Grunde genommen: „Zeig mir, welche Apps du heruntergeladen hast und ich kann dann feststellen, wer du bist“?

C.M.: Ja, genau. Wir versuchen von Informationen wie „Länge der WhatsApp-Nutzung“ oder „Anzahl an Anrufen pro Tag“ auf dem Smartphone, Rückschlüsse auf Personenmerkmale zu machen. Und das klappt auf Gruppenebene schon relativ gut.

Macwelt: Sie haben wahrscheinlich mitbekommen, dass Apple im September zusammen mit iOS 12 eine Funktion wie "Bildschirmzeit" eingeführt hat. Haben Sie sich damit auseinandergesetzt?

C.M.: Ich habe diese Funktion selber schon benutzt und sehe darin etwas, was wir schon vor vielen Jahren in ähnlicher Form für Android-Telefone angeboten haben: Eine digitale Waage. Der Nutzer erhält eine Rückmeldung, wie viel Zeit er in der letzten Woche mit welchen Funktionen des Smartphones verbracht hat. Zusätzlich erfährt der Nutzer, wie viel Zeit er insgesamt auf dem Smartphone verbracht hat.

Macwelt: Stichwort „digitale Waage“. Welche Erkenntnisse sollte das Tool dem Nutzer liefern? Außerhalb seiner Nutzungszeiten beliebiger App oder ähnliches?     

C.M.: Ich glaube zunächst, dass der zentrale Nutzen dieser Applikation darin besteht, mir Einsicht darüber zu geben, wie viel Stunden meines Alltags durch die Smartphone-Nutzung verloren gehen. In unserer Arbeit hat sich gezeigt, dass ein Großteil der Smartphone-Nutzung unter anderem für Social-Media-Anwendungen drauf geht. Ein weiteres Thema, welches besonders bei einer übermäßigen Smartphone-Nutzung angesprochen werden muss, hängt mit der Fragmentierung des Alltags zusammen. Viele Menschen unterbrechen ihren Alltag durch das Smartphone so häufig, dass die Einheiten zwischen den Smartphone-Einheiten zu kurz geworden sind, um noch produktiv sein zu können.

Macwelt: Hätten sie praktische Tipps für Nutzer? Also, ich habe beispielsweise herausgefunden, dass ich pro Tag mein Smartphone 20 Mal aktiviere – das ist natürlich maßlos untertrieben – und ich nutze das Smartphone drei Stunden am Tag. Ich kenne nun diese Zahlen, was soll ich weiter tun?

C.M.: Wenn ich zunächst eine solche Zeitangabe bekommen möchte, bietet mir die „Bildschirmzeit“-Applikation tatsächlich eine gute Hilfestellung. Diese App zeigt mir übrigens auch in Prozent an, wie sich meine Smartphone-Nutzung im Vergleich zur Vorwoche verändert hat. Um bei der Reduzierung des eigenen Smartphone-Konsums erfolgreich zu sein, muss jeder Nutzer aber einige Aspekte des eigenen digitalen Lebens in Frage stellen, denn Smartphone-Nutzung ist in vielerlei Hinsicht auch automatisch. Das heißt, wir haben hier über viele Jahre eine schwer zu verlernende Gewohnheit entwickelt. Als Folge wird das Smartphone in vielen Bereichen reflexartig in die Hand genommen und uns ist oft gar nicht mehr bewusst ist, wie häufig dies passiert.
Mein Tipp wäre – und das haben wir auch untersucht – eine klassische Uhr zu tragen. Viele, die ein Smartphone haben, besitzen keine Armbanduhr mehr und/oder keinen Wecker im Schlafzimmer. Ich bin davon überzeugt, dass das Verwenden dieser klassischen Zeitgeber die Smartphone-Nutzung reduzieren kann. Jeder kennt das doch: Ich schaue mir die Uhrzeit auf der Armbanduhr an, dann brauche ich das Smartphone nicht aus der Tasche ziehen. Nutzt man dagegen das Smartphone als Uhr, bleibt es oft nicht dabei, „nur“ die Uhrzeit anzuschauen. Stattdessen entdeckt man eine Nachricht auf WhatsApp und taucht 20 Minuten in das Gerät ein. Schließlich habe ich es wieder eingesteckt und kenne die Uhrzeit immer noch nicht!

Die Nutzung eines Weckers im Schlafzimmer ist dagegen wichtig, um nicht in Versuchung zu geraten, irgendetwas anderes mit dem Smartphone im Bett zu machen – außer eben die Weckzeit einzustellen. Andernfalls surfe ich dann wieder einige Zeit im Internet und komme letztendlich wieder viel zu spät zur Ruhe. Der Wecker klingelt aber trotzdem morgen früh und die Länge des Schlafs hat gelitten.

Macwelt: Gibt es dazu Zahlen, wie viel Smartphone ist zu viel? Wie viel Nutzung pro Tag würde sich empfehlen oder wie viele Aktivierungen sind normal?

C.M.: Das ist naturgemäß sehr schwer zu formulieren, denn wir müssen ganz genau hinschauen, warum jemand das Telefon so lange nutzt. Wenn die Smartphone-Nutzung zentral zu dem Beruf einer Person gehört, muss das natürlich berücksichtigt werden. Zusätzlich gilt anzumerken, dass die Dauer der täglichen Smartphone-Nutzung nicht unbedingt ein guter Prädiktor dafür ist, ob sich bei einer Person wirklich ein Problemverhalten zeigt. Die Länge der Nutzung hat zwar etwas damit zu tun, aber alleine für sich genommen, ist eine solche Zahl nicht aussagekräftig. Der oft verwendete Begriff „Smartphone-Sucht“ hat übrigens auch noch keine offizielle Anerkennung als eigenständige Diagnose in den wichtigen Manualen wie ICD-11 gefunden, so dass einiges an weiterer Forschung notwendig ist, um diese Frage zu klären.

Grundsätzlich wird aber in der Wissenschaft schon versucht, gängige Symptome aus der Suchtforschung auf diesen neuen möglichen Bereich einer Verhaltenssucht zu übertragen. Dazu gehören Symptome wie ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone oder Social Media, obwohl ich das Gerät gerade gar nicht in der Hand halte. Meine Gedanken kreisen die ganze Zeit um das Gerät. Außerdem: Wenn ich das Gerät nicht nutzen kann, werde ich vielleicht ängstlich oder nervös ? Vielleicht sind milde Entzugserscheinungen zu beobachten. Kontrollverlust über die eigene Nutzung spielt ebenfalls eine große Rolle. Dabei trägt auch das Konstrukt „Fear of Missing out“ (kurz FoMO) bei. Es handelt sich um die Angst etwas in seinem sozialen Netzwerk zu verpassen.

Unabhängig davon, ob in Extremfällen eines Tages die „Smartphone-Sucht“ Anerkennung finden wird, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass wir als Wissenschaftler keine Alltagshandlungen pathologisieren wollen. Deswegen müssen in jedem Fall auch bedeutsame Beeinträchtigungen im Alltag aufgrund der eigenen Smartphone-Nutzung zu beobachten sein. Das können Probleme im interpersonellen Bereich sein, genauso  wie Produktivitätseinbußen im Beruf durch die Fragmentierung des Alltags.

Macwelt: Ja, aber diese Unterbrechungen werden nicht nur vom Smartphone verursacht. Ich arbeite selbst vorwiegend auf einem Laptop, da trudeln deutlich mehr Benachrichtigungen ein, weil auch alle meinen geschäftlichen Konten aktiviert sind. Wird das Smartphone als Medium nicht vorschnell als pathologisch erklärt?

C.M.: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: Viele haben das Smartphone auf dem Schreibtisch liegen und müssen dann zusätzlich noch mit den vielen Unterbrechungen durch einkommende E-Mails auf dem Desktop umgehen. Wir erleben dann also von allen Seiten Unterbrechungen. Folgende Situation kennen Sie vielleicht: Sie arbeiten gerade an einem Word-Artikel und haben zeitgleich im Hintergrund das E-Mail-Postfach aufgelassen.  Nun zeigt Ihnen das Betriebssystem an, dass gerade neue Nachrichten eingehen. Das ist Gift für ein Flow-Erlebnis, sprich konzentriertes und produktives Arbeiten. Unser Gehirn kann gar nicht anders als kurz auf diese einkommenden Signale zu reagieren. Wenn zusätzlich über das Smartphone die ganzen akustischen und visuellen Reize reinkommen, wird der Alltag noch mehr fragmentiert. Da hilft nur eins – Smartphone ausmachen und ebenfalls das E-Mail-Postfach schließen. Dann kann ich mich auf das Schreiben des Artikels konzentrieren.

Macwelt: Auf Statista habe ich eine Auswertung der Social-Media-Nutzung in Deutschland von 2016 gefunden. Demnach sind nur knapp 33 Prozent der Nutzer bei Facebook aktiv, bei YouTube sind das nur 14 Prozent. Welche Belohnungen bekommen diese Nutzer, die posten ja nichts und können so nicht auf Likes und Weiterleitungen hoffen?

C.M.: Die Motive sind je nach Nutzungsart ganz unterschiedlich geartet. Einige Social Media Benutzer wollen schlichtweg unterhalten werden oder Informationen bekommen. Viele treibt die Neugierde an, um zu erfahren was in dem eigenen Freundeskreis passiert. Grundsätzlich scheint übrigens ein Problemverhalten bei der Social Media Nutzung zu entstehen, wenn besonders einsame Personen  mit den oft geschönten Welten anderer Nutzer konfrontiert werden. Dies kann über sozialen Vergleich zu Neid und negativen Affekt führen. Wohlgemerkt, diese Probleme entstehen nicht unbedingt bei allen Nutzern, sondern besonders bei denen, die dafür anfällig sind. Die Wiese scheint dann woanders immer grüner zu sein. 

Macwelt: Wer sind diese Nutzer, die besonders anfällig dafür sind? Gibt es definierte soziale Gruppen mit erhöhtem Risiko?

C.M.: Wir wissen aus der Persönlichkeitspsychologie, dass es bestimmte Personeneigenschaften gibt, die möglicherweise besonders für exzessive Social-Media-Nutzung prädisponieren. Dazu gehört sicherlich eine gering ausgeprägte Selbststeuerungsfähigkeit. Hierbei handelt es sich um Personen, die wenig gewissenhaft sind und eine geringe Willensstärke haben. Mit Hinblick auf die Anfälligkeit für den eben genannten sozialen Vergleich sind möglicherweise Personengruppen besonders anfällig, die die von ihrer Persönlichkeitsstruktur her eher zum Neurotizismus neigen.

Macwelt: Wir reden jetzt seit einiger Zeit über Social Media, angefangen haben wir aber bei den Smartphones. Werden die beiden Konzepte nicht vermischt oder gar verwechselt?

C.M.: Wir haben gerade eine Studie durchgeführt, die zeigt, dass Personen beim Ausfüllen eines Fragebogens über „Smartphone-Sucht“, scheinbar besonders an die exzessive Social Media Nutzung, besonders Messenger-Nutzung denken. Exzessive Messenger-Nutzung korrelierte in unseren Daten sehr hoch mit der „Smartphone-Sucht“. Insofern gehen das Smartphone, Messenger- und Social Media-Applikationen Hand in Hand.

Macwelt: Sie haben gemeint, die Smartphone-Sucht ist keine anerkannte Diagnose. Wenn aber ein Nutzer merkt, die exzessive Smartphone-Nutzung hat seine Beziehungen mit den Nächsten beeinträchtigt, was kann er tun?

C. M.: Es geht erst einmal um eine bessere Strukturierung des Alltags, vor allem zeitlich gesehen. Dabei helfen die bereits genannten klassischen Zeitgeber wie Armbanduhren oder Wecker. Dabei hilft aber auch der strukturierte Umgang mit E-Mails. Ich kann daran arbeiten nicht immer alles sofort zu beantworten, sondern dies strukturierter zu machen. Das könnte wie folgt aussehen: Ich antworte zumeist auf meine E-Mails um 9 Uhr und dann erst wieder um 15 Uhr. Dazwischen entsteht dann genügend Freiraum, konzentriert an etwas anderem zu arbeiten, ohne dauernd unterbrochen zu werden. Ich würde auch dafür plädieren, alle akustischen und visuellen Signale von WhatsApp und Co. abzustellen. Ich persönlich erhalte keine Benachrichtigungen, wenn die WhatsApp-Nachrichten bei mir eingehen. Das hat den Vorteil, dass ich nicht dauernd durch das Smartphone unterbrochen werde. Ich schaue eher ein oder zweimal am Tag, ob irgendwas an Nachrichten reingekommen ist. Ich habe dabei allerdings eine Ausnahme gemacht: Die Nachrichten meiner Frau werden sofort zugestellt und ich werde auch darüber benachrichtigt. Das ist das Schöne – wir können entsprechende Einstellungen in den Apps vornehmen.

Macwelt: Sie haben erwähnt, die Smartphone-Sucht ist keine anerkannte Diagnose. Warum?

C.M.: Das liegt vor allem daran, dass das Smartphone noch nicht so lange existiert. Fast zwölf Jahre nach der Einführung des iPhones ist das Smartphone immer noch ein relativ neues Phänomen, und es gibt deutlich zu wenige Studien, die sich mit diesem Themen-Komplex beschäftigt hätten. Solange wir nicht genau wissen, womit wir es hier zu tun haben, müssen wir vorsichtig sein, um nicht vorschnell Alltagshandlungen von Millionen, gar Milliarden von Menschen zu pathologisieren.

Macwelt: Wir haben jetzt eine halbe Stunde über die Nutzer und ihre Verhältnisse zum Smartphone bzw. zu Social Media gesprochen. Sehen Sie hier nicht auch die Hersteller in der Pflicht?

C.M.: Ich bin unbedingt dafür, dass wir die Bezahlmodelle einiger Anwendungen aus dem Silicon Valley überdenken müssen.Die langen Verweilzeiten auf einigen Apps ist eine Konsequenz des Bezahlmodells. Die Installation einer App kostet in vielen Fällen zunächst kein Geld.  Es hat sich aber etabliert, dass wir mit unseren Daten zahlen. Das führt dazu, dass mehrere Tech-Unternehmen ihre Applikationen so designen, dass sie immer „süchtiger“ machen. Für die Tech-Unternehmen ist es gut, wenn ich möglichst viel Zeit auf den Applikationen verbringen. Mehr Zeit heißt auch, dass ich die Applikation mit immer mehr meiner eigenen Daten füttere. Die Unternehmen kennen dadurch die Nutzer besser und können maßgeschneiderte Werbung ausliefern, was dann z.B. zu gesteigerten Kaufraten führt. Meines Erachtens ist es besser einen kleinen Betrag wie 1,99 Euro pro Monat für einen Service zu zahlen, wenn ich mir dann auch sicher sein kann, dass meine Daten nicht zweckentfremdet genutzt werden.

Macwelt: Da stehen wir aber schon vor einem Dilemma: Sobald wir eine Nachricht schreiben, irgendetwas werde teurer, braut sich ein kleiner Shitstorm zusammen, obwohl diese Zahlung womöglich berechtigt sein könnte.

C.M.: Zunächst ist Aufklärung über die hier dargestellten Mechanismen ganz wichtig. Dabei kann auch ein Interview wie dieses helfen. Viele Leute haben übrigens nach den Datenskandalen in diesem Jahr mittlerweile die Nase davon voll, dass sie mit ihren eigenen Daten bezahlen. Ich weiß aus den Gesprächen mit vielen Menschen, dass die Bereitschaft wächst, einen fairen Betrag für einen Service online zu bezahlen, wenn sie wissen, dass die Daten sicher sind, nicht weiterverkauft werden und nicht gegen einen verwendet werden können.  

Macwelt: Vielleicht noch ein abschließendes Wort von Ihnen?

C.M.: Mir ist in einem solchen Interview wichtig zu betonen, dass ich kein Technologie-feindlicher Mensch bin. Ich nutze unterschiedliche Technologien gerne in meinem Alltag, um erfolgreich zu arbeiten. Deswegen ist das Smartphone oder jede andere Technologie nicht unbedingt per se gut oder schlecht. Um zu einer richtigen Technik-Folgeabschätzung zu kommen, müssen wir immer berücksichtigen, wie und in welchem Kontext Technologie genutzt wird.

Macwelt: Herr Prof. Dr. Montag, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

Wer sein eigenes Verhalten mit dem Smartphone einschätzen will, kann an der Webseite der Uni Ulm an der Umfrage teilnehmen.

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