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Interview: "Mit vierzehn iPhones und iPads zum viralen Hit"

21.02.2018 | 18:00 Uhr |

Manche Hits verbreiten sich virengleich durch Soziale Medien, ebben wie jede Grippewelle aber auch wieder rasch ab.

Facebook, Twitter und Youtube haben es möglich gemacht: Für eine gute Idee braucht es keine PR-Agentur oder große Zeitung mehr um bekannt zu werden, die Nutzer teilen die Inhalte selbst, die Macher wachen eines Tages als Berühmtheiten auf, und hoffen, erfolgreich zu bleiben. So weit, so einfach. Wir wollten etwas genauer wissen, was hinter so manchen Likes and Shares genau steckt und ob sie im realen Leben tatsächlich etwas bringen. Dafür haben wir uns die ukrainische Indie-Pop-Band " Brunettes Shoot Blondes " ausgesucht, die Jungs haben Ende 2014 einen wahrlich viralen Hit gelandet – ihr Video "Knock Knock" zählt bisher rund 9,5 Millionen Views auf Youtube. Die bis dahin nicht bekannte Band schaffte es zunächst in die Spalten der Musikfachpresse und der Unterhaltungsmagazin, danach schwappte das Video auf Technikseiten über. Denn die Idee war für den Film war völlig neu: Die komplette Handlung spielt sich auf mehreren Apple-Geräten gleichzeitig ab, diese mussten aber dazu miteinander zusammenwirken, damit die Erzählung stimmig wird.

Wir haben mit dem Frontman der Gruppe Andrii Kovalov gesprochen.

Macwelt: Wer hatte die Idee zu diesem Video?

BSB : Die Anfangs-Idee zu dem Clip ist mir an der Uni eingefallen. Ich saß in einer Pause und beobachtete vor mir mehrere Menschen mit Laptops auf Ihren Knien. Dabei dachte ich mir, dass es ziemlich interessant wäre, wenn die Objekte auf den Bildschirmen miteinander agieren, wenn etwas von einem Bildschirm in einen anderen springt. Wenn ich Songs und Musik dazu schreibe, überlege ich mir gleichzeitig, welche visuelle Geschichte zu dem künftigen Song passen würde, so dass gleich ein Gesamtkonzept entsteht. Genau das ist auch mit "Knock Knock" passiert. Das Video selbst war aber ein Teil der strategischen Idee, die wir mit den anderen Band-Mitgliedern besprochen haben. Wir wollten nämlich die Möglichkeiten von Social Media ausschöpfen und irgendetwas Ungewöhnliches schaffen, das gerne geteilt wird. So wollten wir für das nächste Video keine klassische Band-Performance, sondern etwas ganz anderes. Die Idee mit den zwei, drei Bildschirmen kam dann passend hinzu.

Macwelt: Wie habt ihr das überhaupt verfilmt? Die Idee hört sich simpel an, aber die Verwirklichung im Video sieht ziemlich kompliziert aus.

BSB : Die Animation für das Video haben unsere Freunde im Studio " SYT-X " gemacht. Der Trick besteht darin, dass auf allen vierzehn Geräten im Video ein Film mit der gleichen Länge, also 2 Min und 44 Sek, abläuft. Wir hatten aber einen halben Tag gebraucht, um die Dateien auf allen iPhones, iPads und Macs zum Laufen zu bringen. Davor mussten wir aber erstmals die Geräte besorgen. Zu der Zeit hatte weder ich noch hatten andere Band-Mitglieder ein iPhone oder dergleichen. Fast alles haben wir jedoch im Freundeskreis gefunden, nur der iPod Nano fehlte. Wir hatten jedoch auf Facebook unsere Fans gefragt und einer hat sich bereit erklärt, mit seinem iPod beim Filmen mitzumachen. Die größte Schwierigkeit hatten wir jedoch dabei, dass alle vierzehn Beteiligten ihre Geräte gleichzeitig starten. Das war ausschlaggebend für den nahtlosen Übergang. Das Starten und die "Choreographie" hatten wir zehn bis fünfzehn mal geübt, danach haben wir uns noch drei bis vier Mal  dabei gefilmt. Das Video ist ja in einem Take aufgenommen, ich habe dann am Ende des Tages zwischen den vier Abschluss-Takes den besten ausgesucht, mit dem Song synchronisiert und auf Youtube hochgeladen.

Macwelt: Seid ihr am Morgen danach berühmt aufgewacht?

BSB : Nein, eigentlich nicht. Als ich die Idee hatte, schien sie sehr gut zu sein. Nach unserem Film-Tag, als ich das beste Video aussuchen wollte, wusste ich nicht mehr, was gut und was schlecht war. Das ist wohl die Betriebsblindheit, die sich einstellt, wenn man etwas mehrmals hört, liest oder sieht. Die ersten zwei Wochen online haben uns rund zehn Tausend Views mitgebracht, das war für unsere Verhältnisse damals ganz in Ordnung, aber nichts überragendes. Ich hatte mir damals gedacht: Wir haben mit der Band alles Mögliche für diese Idee getan, mehr kann man nicht machen. Danach haben aber unsere Freunde angefangen, uns Links von Facebook zu schicken. Mehrere große Fan-Seiten wie Unilad Sound, NTDLife, MTV Facebook, Diply etc. haben unser Video hochgeladen und geteilt. Auch gewöhnliche Nutzer haben den Clip bei sich in der Timeline hochgeladen und dann plötzlich mehrere Tausende Shares erhalten. Wir haben solche User dann angeschrieben mit der Bitte, in dem Post zumindest auf die Autoren hinzuweisen. Diese haben sich entschuldigt und gemeint, sie haben das Video nur für eigene Freunde veröffentlicht, die Reaktion darauf hat sie selber überrascht. Kurzum, die Verbreitung auf Facebook hat uns geholfen, das Youtube-Video zu verbreiten, obwohl dort nicht so viele Views zusammen kamen als bei den ganzen Facebook-Clips.

Macwelt: Außerhalb von Likes und Views hat euch die ganze Publicity etwas gebracht?

BSB : Nun ja, die Verbreitung bei Facebook und Youtube hat die Aufmerksamkeit der Presse nach sich gezogen. Zunächst  hat das Fachblatt " Billboard " das Video vorgestellt, danach kamen andere Medien wie "Yahoo", "Cnet", "The Verge". Diese Berichterstattung hat uns wohl eine interessante Kooperation in das Postfach gespült: Rund ein Monat nach dem Start von "Knock Knock" hat sich bei uns Opel gemeldet mit dem Vorschlag, die Firma finanziert uns das nächste Video, wir müssen dafür in dem Video den neuen Opel Corsa mehr oder weniger als Product Placement unterbringen.

Aber auch außerhalb von Medienrummel konnte sich die Band weiterentwickeln, wir wurden in den letzten zwei Jahren ständig auf die Festivals in Europa eingeladen. Wir sind in Tschechien, Polen, sehr viel in Ungarn aufgetreten. Ein Ritterschlag war wohl die Einladung und der Auftritt auf Sziget 2016 .

Macwelt: Und nun?

BSB: Unser nächster Schritt wird wohl sein, die Band zu professionalisieren und allmählich versuchen, mit unserer Kunst Geld zu verdienen. Es ist nämlich für uns als Musiker wichtig, dass wir uns nur auf die Songs und Musik konzentrieren können und nicht noch eine Nebenbeschäftigung betreiben, um den Lebensunterhalt zu verdienen.

Macwelt: Wir bedanken uns für das Gespräch.

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