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iPhone 6S selbst gebaut: für 400$ in zwei Monaten

13.04.2017 | 14:44 Uhr |

Ist es möglich, auf einem Bastel-Markt alle Ersatzteile für ein iPhone zu kaufen? Und daraus ein funktionierendes Gerät zu basteln?

Die Antwort ist ja, allerdings mit einigen Einschränkungen. Die Frage hat sich vor einiger Zeit der Blogger und Software-Entwickler Scotty Allen von Strange Parts gestellt. Zufälligerweise wohnt er momentan in einer Gegend, die sich perfekt für die Beantwortung eignet – in Huaqiangbei, einem Stadtteil von Shenzhen, einem Hardware-Mekka in China. Allen hatte sich die Aufgabe gestellt, auf den Elektronikmärkten von Shenzhen alle Bestandteile eines iPhones 6S zu kaufen und daraus ein funktionierendes Gerät zu basteln. Mit dem neuesten Modell von Apple würde es nicht so leicht klappen, wie er in seinem Blog erklärt : Zum einen hat er bereits ein iPhone 6S, dieses wollte er als Vorlage nutzen, falls beim Zusammenbau etwas schief läuft. Zum anderen sind noch nicht so viele Ersatzteile für das iPhone 7 auf den chinesischen Elektronikmärkten vorhanden, da das Gerät noch so neu ist, und die Ersatzteile von kaputten iPhones nur langsam eintrudeln.

Und so begann Allens Odyssee durch die Straßen und Gassen in China nach passenden Teilen: Eine Hülle hat er als erstes gefunden, in China sind übrigens auch nicht offizielle Farben von Apple wie Batman-Schwarz oder Blau oder Opulent-Gold zu finden. Damit das Experiment durch nichts verfälscht wird, entscheidet er sich für Rosé Gold, wie es auch im Apple Store zu kaufen ist. Als nächstes geht es an den Bildschirm: Allen besorgt alle Teile wie das Glas, die LCD-Platte und die Hintergrundbeleuchtung und die entsprechenden Kabel getrennt voneinander, lässt sie aber in einem spezialisierten Reparatur-Shop zusammenbauen. Ohne die dazugehörigen Fertigungsmaschinen würde die Herstellung nicht funktionieren: Die Reparatur-Profis schweißen den Bildschirm regelrecht zusammen, indem sie die Einzelteile unter Druck und unter hoher Temperatur in einer Art Ofen bearbeiten. Kurz an ein Test-iPhone angesteckt, leuchtet das frisch gebackene Bildschirm mit dem bekannten Apple-Logo.

Im nächsten Schritt gibt Allen zu, gescheitert zu sein. Er wollte ursprünglich die Hauptplatine alleine zusammensetzen, sprich, eine leere Vorlage nehmen und darauf alle benötigten Chips befestigen. Doch schließlich verwarf er die Idee und machte sich auf die Suche nach einer bereits fertigen Platine auf einem der Märkte. Lange musste er nicht suchen. Die Verkäuferin weigerte sich jedoch, die Platine vor Ort testen zu lassen. So nahm er das Logicboard mit nach Hause und machte sich an das Zusammenstecken der nötigen Kabel, die gekaufte Platine funktionierte - aber nur halb. Offenbar war der Gyrosensor beschädigt, so dass der Kompass nicht funktioniert. Zurück auf dem Markt konnte Allen ohne Probleme seinen Kauf umtauschen: Die Verkäuferin hat ihn erkannt und ihm eine andere Platine mitgegeben. Dazu hatte sie ihm noch drei Tage Frist eingeräumt, bis er die zweite Platine zurückbringen konnte, falls er wieder irgendwelche Probleme feststellen sollte. Der Ersatz war jedoch tadellos, so machte sich Allen auf die Suche nach dem vierten großen Teil des iPhones – einem Akku. Die Suche verlief kurz und schmerzlos, schließlich werden auch hierzulande Apple-Akkus gehandelt.

In rund zwei Monaten Suche konnte Allen alle entscheidende Teile eines iPhone 6S zusammensammeln, doch es fehlten die "Kleinigkeiten" wie Schrauben, Front- und Rückenkameras und ein Lightning-Anschluss. Touch ID wurde bereits mit der Hauptplatine verkauft: Apple verbindet den Fingerabdrucksensor mit einer speziellen Partition auf der Festplatte "Secure Enclave". Eine "fremde" Touch ID würde so also nicht funktionieren. Für alle anderen Teile hat Scotty Allen eine ausführliche Liste zusammengestellt. Er hatte eigentlich erwartet, dass die Suche und der Einkauf der kleinen Teile mindestens genau so lang dauern würde, wie die Suche nach Hauptteilen, doch er hatte sich geirrt. Gleich an dem ersten Stand konnte er die meisten Punkte aus seiner Zutatenliste für das iPhone 6S streichen. Die Verkäufer hatten ihn noch mit den benötigten Werkzeug ausgestattet.

Am Ende machte sich Allen an die Zusammenbau. Kurz hat das Prozedere gestockt, weil die Leise- und Lauter-Tasten nicht klicken wollten. Er ging zu dem gleichen Stand, der Verkäufer hat ihm winzige Metallteile ausgesucht, die offenbar bei den Knöpfen noch fehlten. Danach ging alles schnell, zumindest im Zeitraffer auf dem Video. Allen hatte tatsächlich aus den losen Teilen, Schrauben und Knöpfen ein funktionierendes iPhone 6S zusammengebaut. Laut seinen Kommentaren unter dem Video hat er dafür rund zwei Monate Zeit benötigt. Für die Hauptteile wie den Bildschirm und die Platine hat er rund 300 US-Dollar ausgegeben, für die Kleinteile rund 100 US-Dollar. Allen lobt Apple und chinesische Bastler dafür, dass das Gerät seiner Auffassung nach so leicht zusammen zu setzen ist und dass kein Teil auf dem Müll landet, sondern zumindest in China wieder verwertet wird.

Unsere Meinung : Zwar kann man den Blogger Scotty Allen nicht mit einem Durschnitt-Nutzer gleich setzen, schließlich muss er sich als Software-Entwickler zumindest mit den Grundlagen der Elektronik auskennen. Die Kosten- und Zeitrechnung von Allen widerspricht der verbreiteten Meldungen über die Herstellungskosten eines einzelnen iPhones: Mal sind sie mit rund 200 US-Dollar geschätzt , mal weniger . Klar, hat er die Teile im Einzelhandel und wohl sehr viele davon aus  zweiter Hand gekauft. Doch seine Rechnung ist fast doppelt so hoch, wie die angeblichen Herstellungskosten von Apple.

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