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iPhone X: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

22.11.2017 | 13:23 Uhr |

Der Ton des Diskurses wird immer roher, Sichtweisen anderer immer weniger toleriert. Nein, es geht nicht um Jamaikaner oder Syrer, sondern nur um ein Stück Technik. Eine Polemik.

Was ist los in diesem Land und nicht nur in diesem? Wir sprechen jetzt hier nicht über wichtige Themen wie eine schwierige Regierungsbildung oder die Fragen, wie man Kriegs- und Armutsfolgen in der Welt in einem friedlichen und reichen Land bewältigen kann oder wie man heute dafür sorgt, das Überleben der Zivilisation auch in Jahrzehnten noch garantieren zu können, wenn die Meere große Teile der heutigen Küsten überflutet haben werden.

Es geht nur um ein Stück Technik, das iPhone X. Den einen gefällt es und sie sehen das Gerät als Offenbarung, als eines, das sie schon immer besitzen und nutzen wollten. Das klingt manchmal ein wenig naiv, euphorisch: nach Fanboy und -girl.
Dann gibt es welche, die es für überteuert halten und es deshalb verurteilen, ohne es in der Hand gehabt zu haben. Manche Einlassungen dieser Gruppe klingen aber beinahe wie der Fuchs aus der Fabel, dem die Trauben zu hoch hängen. Aber klar, jeder darf das iPhone X für schlecht und überteuert halten und das auch so sagen.
Natürlich gibt es auch eine Gruppe, die sich in Theorie und /oder Praxis mit dem iPhone X beschäftigt und zu einem wie auch immer gearteten Urteil kommt. Einem subjektiven Urteil anhand objektiver Kriterien und umgekehrt. Das wird man doch noch sagen dürfen?

Anscheinend nicht. Oder sind wir zu empfindlich? Wir haben in den letzten Tagen jedenfalls einige interessante Reaktionen auf unsere Berichte über das iPhone X gesehen. Simon Lohmanns Polemik über vorschnelle Einschätzungen des neuen Smartphones hatte etwa im auf unserer Seite eingebauten Disqus meist überschwängliche Reaktionen ausgelöst. Endlich habe mal jemand etwas dem Gemecker der manchmal etwas fachfremden Presse entgegen gesetzt. Die ein oder andere Gegenstimme war freilich auch dabei. So darf, so soll es sein.

Was auf Facebook hingegen passiert, darf schon auch sein. Soll es das aber auch? Wir haben erst den Vergleichstest unseres Macworld-Kollegen Michael Simon in einer Übersetzung auf unserer Website veröffentlicht und einen Link bei Facebook geteilt. Simon kommt zum Schluss, das iPhone X sei der Konkurrenz um Längen überlegen, etwa auch dem Samsung Galaxy S8, das er wenige Monate zuvor auch schon ausführlich testete. Wie er zu seinem Urteil kommt, erklärt er in einem länglichen Artikel. Man muss sein Urteil nicht mögen, vielleicht kommt man zu einem anderen Schluss, etwa zu dem, dass der um 22 Prozent höhere Preis gegenüber dem Google Pixel 2XL eben nicht unerheblich ist, sondern bedeutend und kaufentscheidend. Was sich einige Kommentatoren aber herausnehmen, ist unsäglich. Simon hat im Übrigen weder von Apple für seinen Text Geld bekommen, noch von einer anderen Interessengruppe, sondern von seinem Verlag, der auf seine Kompetenz und sein Urteil vertraut. Man muss sich bei manchen Facebook-Nutzern aber schon fragen, ob das Fallenlassen jedweder Anständigkeit und Vernunft zu den Nutzungsbedingungen des sozialen Netzes gehört.

Anderer Fall, andere Ausrichtung: Unser Kollege Stephan Wiesend, der den auf macwelt.de veröffentlichten Test verantwortete und sich dazu ein iPhone X kaufte (wir haben – anders als einige andere Medien – noch kein Testgerät des iPhone X von Apple gestellt bekommen), hat es vor Ablauf der Zweiwochenfrist wieder zurück gegeben. Auch das ist sein gutes Recht, seine Erwartungen hat das iPhone X einfach nicht erfüllt. Weswegen sein subjektiver Kommentar eben anders ausfällt als sein objektiver Test. „Geteert und gefedert“ fühlt er sich aber nun von der Reaktion der Facebook-Gemeinde. Das sind natürlich andere Nutzer, als diejenigen, die Michael Simon in Grund und Boden schmähten. Die freundlichsten warfen ihm noch Inkompetenz vor oder dass er das iPhone X einfach falsch benutze.

Wann die Meinungsfreiheit an Grenzen stößt

Was vielen Kommentatoren aber wieder gemein ist: Sie verstehen anscheinend nicht, dass unter dem Dach einer Medienmarke viele Menschen mit unterschiedlichen Ansichten arbeiten. Diese kommen auch zu unterschiedlichen Schlüssen, die sie auch begründen können. Es ist eben nicht so, dass Macwelt heute das iPhone X in höchste Sphären hebt und morgen es in Bausch und Bogen verdammt. Die Marke Macwelt steht aber voll und ganz hinter ihren Autoren und deren konträren Ansichten. Das nennt man Meinungspluralismus.

Und wenn man sich ansieht, wie emotional und manchmal unflätig Diskussionen über ein Stück Technik ablaufen, fragt man sich allen Ernstes, wie man bei weit schwierigeren, komplexeren und divergierenderen Themen noch vernünftige virtuelle Gespräche führen kann. Vielleicht sind soziale Netze doch nicht so sozial...

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