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Kann das iPad das Macbook ersetzen?

26.11.2018 | 08:30 Uhr | Bastian Gruber

Das iPad ist ein Computer. Aber hat die Post-PC-Ära tatsächlich begonnen und werden Laptops wie Desktops bald überflüssig? Ein Ansichtssache.

Seit 2010, als Apple das erste iPad vorstellte, stellt sich die Technik-Welt die Frage: Kann der flache Superbildschirm das Macbook ersetzen? Die Frage stellt sich aus verschiedenen Gründen, und wir geben spezifische Antworten.

iPad als Macbook-Ersatz: Die Vorteile

Die Frage stellt sich aus zwei Gründen. Zum einen träumen Technik-Begeisterte von einem Gerät, das leichter und platzsparender ist. Außerdem bietet ein simpler, großer Bildschirm so viele Möglichkeiten. Das sind als Träume von einer einfacheren, aufregenden Zukunft.

Praktisch hat es auch damit zu tun, dass ein iPad zehn Stunden am Tag durchhält, man es sowohl zum Lesen auf der Couch als auch zum Arbeiten verwenden kann. Anders als 2-in-1-Notebooks sind iPads eben nicht auf ein altbackenes Betriebssystem wie Windows limitiert.

Der Werdegang des iPads

Seit 2010 hat sich an der Technik des iPad viel getan. In den letzten acht Jahren ist das iPad nicht nur größer geworden, sondern vor allem schneller und seit den neuen Pro-Modellen in diesem Jahr gibt es kaum mehr einen Bildschirmrand - der Bildschirm löst hoch auf. In Benchmarks ist das iPad mittlerweile sogar schneller als viele Macbooks und Windows-Notebooks.

Auch im App Store gab es einigen Fortschritt. Spielehersteller haben den mobilen Markt für sich entdeckt und investieren einen Großteil ihrer Gelder in Spiele für iOS. Auch finden sich immer mehr Anwendungen für die Softwareentwicklung oder Bildbearbeitung. Es ist an sich alles da, was man braucht, um dem Macbook Lebewohl zu sagen.

Was gegen das iPad spricht

Die Nachteile fangen bei der Software an. Mit der zwölften Version von iOS hat Apple vieles richtig gemacht, aber nur wenn man das iPhone bewertet. Zwar kann der Bildschirm auf dem iPad endlich geteilt und Dateien via Halten-und-Ziehen ausgetauscht werden, das fühlt sich aber nach wie vor etwas umständlich an.

Bislang gibt es kein schlüssiges Konzept für das iPad. App-Hersteller passen zwar die eigene Produktpalette an das größere Display an, jedoch fehlt auf Ebene des Betriebssystems eine umfassende Idee, wie der Arbeitsablauf aussehen darf beziehungsweise muss.

Denn eine komplexe Arbeitsumgebung erfordert oft drei bis vier verschiedene Fenster nebeneinander oder zumindest in Reichweite. Auch ist das Bedienen via Trackpad wesentlich angenehmer als den ganzen Tag auf einem Glasbildschirm zu drücken. Alleine deswegen kann ein iPad ein Arbeitsgerät, welches für einen langen Arbeitstag konzipiert ist (iMac oder MacBook), nicht ersetzen.

Die Geister scheiden sich auch hinsichtlich der Anforderungen. Denn wohl 99,9 Prozent aller Software wird an Macbooks mit großen Bildschirmen erstellt. Auch Kommunikation geschieht zum Großteil auf Desktop- oder Laptop-Rechnern. Die Folge ist, dass Dateien so erstellt und verpackt werden, als ob sie von einem Gerät mit großem Bildschirm und viel Hilfswerkzeug gelesen werden. Das iPad muss also entweder ein Macbook im Touchformat sein, oder aber es grenzt diese alte Methodik des Austausches (teilweise zurecht) aus und setzt neue Maßstäbe.

Das fehlende Puzzleteil: Steve Jobs

Auch wenn es viele leid sind zu hören, aber der entscheidende Faktor für den Erfolg des iPads wäre Steve Jobs gewesen. Um das iPad als neue Plattform zu etablieren, muss eine Vision her, die das Macbook und macOS nicht ersetzt, sondern die neue Wege beschreitet. Steve Jobs' Credo für das iPad war, das Dateisystem komplett vom Nutzer zu verstecken und Anwendungen darüber entscheiden zu lassen, wie mit Dateien umgegangen wird.

Wie DVD-Player wären so auch externe Festplatten irgendwann aus den Regalen des normalen Verbrauchers verschwunden. Mit Cloud-Diensten können jetzt schon viel effizienter Sicherungen angelegt werden. Zum Tauschen von Dateien reichen eine E-Mail und ein Link. Internet via LTE und WiFi ist sowieso fast immer vorhanden.

Mit der Einführung der “Dateien”-App hat sich Apple keinen Gefallen getan. Anstatt Kunden wie damals mit dem Macbook Air für ein paar Jahre aufzuschrecken und die Kritik einfach auszuhalten, gab man hier dem Geschrei nach und liefert nun eine halbgare Lösung. Denn sobald Nutzer eine Dateien-App sehen wollen sie auch externe Geräte anstecken.

Warum das iPad trotzdem eine Empfehlung wert ist

Trotz der etwas ziellosen Entwicklung von iOS können wir das iPad für viele Einsatzszenarios und Nutzer empfehlen:

  • Gelegenheitsnutzer: Etwa Senioren, die nur ein wenig im Internet browsen, Facetimen oder Skypen und E-Mails senden

  • Professionelle Nutzer: Zweitgerät für unterwegs oder 90 Prozent der Aufgaben - nicht die komplexen

  • Kinder (ab gewissen Alter): Lerninhalte ansehen und nutzen, um etwa Programmieren zu erlernen

  • Kassensysteme in Geschäften und Restaurants

  • Grafiker: Zeichnungen unterwegs anfertigen oder bearbeiten (Photoshop und Project Gemini kommen ja bald…)

  • Fotografen: Unterwegs Bilder bearbeiten

Diese Zielgruppen werden vom iPad sehr gut bedient. Weil es in jedem Fall schnell geht: iPad entsperren (1.Aktion), App antippen (2.Aktion). Fertig. Anders ist es meist komplizierter: Macbook herausholen, hochfahren, warten, Anwendung via Spotlight suchen, Anwendung starten, Loslegen… Das iPad ist schnell und direkt wie das iPhone auch.

Können Sie Ihr Macbook jetzt ersetzen

Es gibt tatsächlich nicht viele Argumente, die gegen das iPad sprechen. Sie werden feststellen dass Sie es, auch als professioneller Anwender, häufiger auf dem Schoß haben, um E-Mails zu beantworten oder im Internet zu recherchieren. Das iPad selbst hat auch eine lange Halbwertszeit. Denn die Grundfunktionalität ist solide, und wird auch in drei bis vier Jahren noch unterstützt.

Das iPad Pro mit 11 Zoll, 256 GB und WiFi kostet 1049,00 Euro . Das sind bei vier Jahren Benutzung trotzdem noch stattliche 22 Euro im Monat. Danach dürfte das iPad noch so 150 bis 200 Euro wert sein – was den Preis aber auch nur auf 18 Euro pro Monat drückt.

Soll heißen, als Zweitgerät ist das iPad Pro, selbst in dieser kleinen Ausstattung, schon ziemlich teuer. Das Einstiegs-iPad kostet mit 128 GB und WiFi+LTE 569 Euro , hierfür setzen wir drei Jahre Nutzung an. Der Spaß kostet also 15 Euro pro Monat. Die kürzere Nutzungszeit kommt durch die ältere Hardware zustande, die wohl eher früher als später von Apple und zukünftigen iOS-Versionen vernachlässigt werden wird.

Personen, die das iPad als Hauptgerät zuhause verwenden, weil sie einen Mac oder PC auf der Arbeit nutzen oder aber weil Sie zur Zielgruppe gehören die eigentlich nur browsen, spielen und E-Mails schreiben, und denen 18 Euro pro Monat nicht zu viel sind, kann das iPad tatsächlich jedes Macbook ersetzen.

Sind Sie aber professioneller Anwender (Software-Entwickler, Fotograf, Musiker, Schriftsteller oder Ähnliches), so kann Ihnen das iPad gut als Zweitgerät dienen. Auch wenn Sie auch 90 Prozent ihrer Tätigkeiten in Zukunft am iPad erledigen können (und wohl auch werden), so bleiben immer noch die 10 Prozent kritischer Aufgaben, bei denen ein größerer Bildschirm und ein frei zugängliches Betriebssystem im Zweifelsfall einen Vorteil bieten.

Denn wenn der Kunde oder der Auftraggeber eine Datei schickt, im RAR-Format verpackt, oder einen Link zu einer Seite, die nur für Desktop-Bildschirme ausgelegt ist, bedeutet das das Aus für die iPad-only-Ausstattung. Profis können sich von stationären Desktop-Systemen noch nicht ganz loseisen.

Apple hat eine Chance verpasst

Apple hat es verpasst, komplett neue Wege zu gehen. Auch wenn  der Tablet-Markt quasi ein iPad-Markt ist, wollen Kunden immer noch Windows oder macOS nachbilden, anstatt sich auf neue Wege einzulassen. Mit klaren Argumenten und einen Schritt zurück in Sachen Dateien-App hat sich Apple hier eine einmalige Chance verbaut, eine neue Zeitrechnung einzuläuten: Die Post-PC-Ära, die Steve Jobs beschwor.

Die Zukunft des iPad hängt ganz klar von iOS 13 ab. Apple muss endlich den Startbildschirm umbauen und mehr auf die Generation iPad eingehen. Vielleicht gelingt der Spagat ja noch und man kann die neue, mobile Gesellschaft genauso bedienen wie die Kunden, die am Windows-PC aufgewachsen sind.

Fazit

Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet auch im Jahr 2018: Nein. Das iPad kann das Macbook nicht ersetzen. Wie denn auch, es ist ein anderes Gerät. Die Frage sollte viel eher lauten: Welches Gerät kann meine täglichen Anforderungen und Bedürfnisse am besten erfüllen? Darauf fällt die Antwort schon nicht mehr so eindeutig aus. Das iPad schlägt das Macbook als mobiler Begleiter für Fotografen, Schriftsteller und Künstler. Das iPad ist auch weitaus besser geeignet, um einen Heim-PC zu ersetzen auf welchem nur gespielt, gemailt und recherchiert wird.

Ein klares Nein lautet aber die Antwort auf die Frage, ob das iPad den Mac für professionelle Videokünstler, Programmierer, Redakteure oder Finanzberater oder Investmentbanker ersetzen kann. Dies dürfte selbst dann noch der Fall sein, wenn iOS 13 einiges besser macht.

Wir hoffen, dass Apple den Weg der einfachen mobilen Nutzung weiter ebnet, und nicht so sehr versucht, professionelle Anwender auf Teufel komm raus zum iPad zu verleiten. Denn die Anforderungen werden sich durch iPhones und iPads ohnehin schon in Richtung mobiles Arbeiten verschieben. Auf diesem Feld schlägt sich das iPad immer besser, und ein Großteil der Macbook-Serie hat angesichts der iPad Pro bald keine Daseinsberechtigung mehr.

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