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Kommentar: Braucht die Welt wirklich Memojis?

06.06.2018 | 17:16 Uhr |

Die diesjährige Worldwide Developers Conference war alles andere als langweilig. Auch wenn keine neue Hardware vorgestellt wurde, konnte Apple mit ziemlich coolen Features überzeugen. Gehören Memoji und Animoji dazu? Ein Kommentar.

Der Name des neuen Features „Memoji“ in iOS 12 klingt nicht nur wie die Reaktion eines Pollenallergikers, der sein Gesicht mit frisch gemähtem Greis einreibt – es ist in etwa auch genauso nützlich. Aber alles der Reihe nach.

Zu Beginn wurden dem Zuschauer noch schnell aktuelle Zahlen auf einen Widescreen der Extraklasse ins Gesicht geschmettert: Der App Store wird nächsten Monat zehn Jahre alt, hat monatlich mehr als 500 Millionen Nutzer und noch innerhalb dieser Woche werden die Entwickler einen Umsatz von insgesamt 100 Milliarden Dollar (oder ausgeschrieben: 100.000.000.000 US-Dollar) erzielen. Bei solchen Zahlen kann man schon mal klatschen. 

Anschließend ging es mit iOS 12 weiter und Apple präsentierte coole Features. Beispielsweise, was mit den neuen Augmented-Reality-Funktionen alles möglich ist. Doch auch wenn bei so manchem Zuschauer (wie mir) das Herz etwas schneller schlug, als plötzlich der LEGO-Schriftzug auf der riesigen Bühne erschien, konnte die Präsentation der neuen AR-Features nicht jeden überzeugen. Dass man es wirklich nicht allen Recht machen kann, zeigten erste Reaktionen auf Twitter:

Manche Twitter-Nutzer zeigten sich nicht gerade beigeistert von den neuen AR-Funktionen.
Vergrößern Manche Twitter-Nutzer zeigten sich nicht gerade beigeistert von den neuen AR-Funktionen.
© Twitter / Malte Kirchner

Unter diesem Gesichtspunkt hätte ich mich gerne mit Herrn Kirchner, dem fassungslosen Verfasser des oben gezeigten Tweets, über das Feature unterhalten, was im späteren Verlauf der Keynote vorgestellt wurde: die neuen Gesten der Animoji. Denn nach ziemlich genau 51 Minuten begann das zungenrausstreckende „Elend“.

Revolution?  Zunge raus!

Die Präsentation rund um Animoji und Memoji wäre wahrscheinlich nur halb so schlimm gewesen, wenn Craig Federighi das Ganze nicht mit folgendem Satz eingeleitet hätte:

„Als nächstes möchte ich über die bedeutsamste Funktion unserer Geräte sprechen: Kommunikation. Und wir starten mit der Nachrichten-App.“

Mit iOS 11 haben die Nutzer „lustige Möglichkeiten erhalten, um sich ausdrücken zu können.“ Mittels Face ID können wir einen Roboter, Totenkopf und verschiedene Tiere (darunter Hund, Katze, Affe und Co) zum Leben erwecken, Sprachnachrichten aufnehmen und verschicken. „Dieses Jahr bringen wir Animoji mit bahnbrechender neuer Technologie auf ein komplett neues Level“, kündigt Federighi dem vor Spannung platzendem Publikum an. Und dann kommt das: 

Bahnbrechende Technologie: "We call it Tongue Detection".
Vergrößern Bahnbrechende Technologie: "We call it Tongue Detection".
© Apple

Lacher aus dem Publikum, vereinzelter Applaus. „Wir werden in Zukunft alle unsere Zungen vor unserem Smartphone rausstrecken“, prophezeit Federighi.

What a time to be alive. 1960 stellte man sich die Zukunft mit fliegenden Autos vor. Und Apple liefert animierte Dinosaurier und Kackhaufen, die bei Bedarf die Zunge rausstrecken können. Natürlich nimmt sich Apple mit der Präsentation dieses Features nicht allzu ernst. Aber 6 Minuten und 40 Sekunden darauf zu verschwenden, um der gespannten Welt zu verkünden, dass neben den alten Animojis nun auch ein Geist, Koala, Tiger und ein T-Rex die Zunge blecken können, war dann doch etwas lang.

Zugegeben: In dieser Zeit wurde auch Memoji vorgestellt. Damit kann sich der Nutzer in einer digitalen Version erstellen, um zukünftig Sprachnachrichten zu verschicken. Dabei ist das Feature eigentlich gar nicht neu. Die Nutzer von Samsung Galaxy S9 haben AR-Emoji und auch Snapchat hat vor langer Zeit die Bitmoji eingeführt (auch wenn diese sich nicht bewegen können).

Wen will Apple mit diesen Features ansprechen? Miley Cyrus?

Oder um es mit Twitter-Kritiker Kirchners Worten zu sagen:

„Macht das irgendjemand außerhalb des Silicon Valleys?“

Tim Cook wird aller Wahrscheinlichkeit nach keine wichtigen Dienstmemos via Animoji oder Memoji verschicken. Alles andere würde mich auch zutiefst beunruhigen. Auch ich habe die Animoji-Funktion mal ausprobiert, aber nach dem ersten Mal Ausprobieren nie wieder genutzt. Es ist ein Nice-to-Have, welches man mal gerne testet, weil es eben neu ist. Aber braucht man es wirklich?

Empfangen habe ich bisher ganze zwei Animoji-Sprachnachrichten. Von einem Freund, der unter leichtem Alkoholeinfluss eine durchaus überzeugende Darbietung von Schweinegrunzen und Hühnergegacker zum Besten gab. Nachts um drei Uhr. Wenn Apple darauf abzielt, Freunden mehr Möglichkeiten zu geben, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen: Herzlichen Glückwunsch, Sie können ab Herbst dann zusätzlich auch die Zunge rausstrecken. Für Kinder wird dieses Feature wahrscheinlich einen deutlich größeren Unterhaltungsfaktor haben. Und wenn Kinder damit zum Lachen gebracht werden können, hat es sich doch gelohnt.

Vielleicht könnte Apple aber beim nächsten Mal seine Ressourcen auf andere Schwerpunkte verlagern? Nachdem ich in den letzten Jahren den lieben Gott wortwörtlich angefleht habe, mir endlich einen Dark Mode zu liefern, wurden in diesem Jahr meine Gebete erhört. Zwar geht iOS 12 in diesem Punkt erstmals leer aus, dafür kommt wenigstens der Mac „auf die dunkle Seite“.

Braucht man also Memoji und die neuen Animoji? Meine Antwort lautet ganz klar:

Auf Twitter wurden aber auch andere (wenige) Stimmen laut, die sich auf die neuen Features freuen. Ich werde sicherlich auch mal einen Blick auf die neuen Charaktere werfen, das neue Zungenfeature allerdings nicht in  öffentlichen Verkehrsmitteln testen.

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