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Kommentar: Facebook soll endlich Verantwortung übernehmen

19.03.2018 | 14:22 Uhr |

Facebook will sich als ein Tool präsentieren, das die Menschen verbindet, doch diese Selbstdarstellung wird zunehmend scheinheiliger.

Was Anfang der 2000er Jahre an der Uni Stanford als eine Art digitaler Algorithmus von "Hot or not" gestartet war, ist längst zu einem Monster mutiert: Statt Menschen überall zu verbinden und an den schönen Momenten teilhaben zu lassen, kämpft Facebook momentan mit nicht ganz unbegründeten Beschuldigungen, bei der Manipulation der US-Wahlen geholfen zu haben. Letztes Wochenende  ein weiterer Schlag: Ein Wistleblower hat gegenüber " The New York Times " und " The Guardian " geschildert, wie genau Cambridge Analytica personifizierte Meldungen schaffen konnte: Man hat schlicht und ergreifend über eine App die komplette Profile der Facebook-Nutzer heruntergeladen, auch die Daten, die für die Öffentlichkeit nicht sichtbar waren und anhand dessen genaue psychologische Profile erstellt. Bei den öffentlich verfügbaren Daten auf Facebook waren die Algorithmen von Cambridge Analytica nicht genau genug.

Datenlecks sind nichts Neues in der zunehmend digitalisierten Geschichte der Menschheit: Yahoo!, Adobe, Ashley Madison hatten dies ja auch erlebt und ihren Preis bezahlt. Es schreit jedoch zum Himmel, wie Facebook in der aktuellen Debatte um Cambridge Analytica sich aufspielt. Der Vizepräsident in Sachen AR/VR bei Facebook Andrew Bosworth wollte sofort den Sachverhalt relativieren : "Das war kein Datendiebstahl. Die Nutzer haben freiwillig ihre Daten mit der App geteilt und wenn sich die App an unsere Richtlinien nicht hält, ist das ein Missbrauch. Keine Systeme wurden infiltriert, keine Passwörter oder Information wurden gestohlen oder gehackt." Auch Alex Stamos, der Sicherheitsbeauftragte bei Facebook, hatte die gleiche Verteidigungslinie eingeschlagen: "Die Berichte von "The New York Times" und "The Guardian" sind beunruhigend, das ist jedoch kein Einbruch..." Die Tweets sind bereits gelöscht und kursieren nur als Screenshots im Internet .

Die beiden Verantwortlichen bei Facebook unterschlagen jedoch bei dieser Diskussion, dass die Nutzer auch bis jetzt wenig Überblick haben, welche Daten überhaupt Facebook über sie speichert, bezeichnet ist dabei der Fall Max Schremps , der für seinen inaktiven Account rund 1200-seitigen Bericht erhalten hat, inklusive längst gelöschter Einträge. Abgesehen von den leichtsinnigen Einverständnissen der Nutzer, die auf jedes OK klicken, das kurz auf dem Bildschirm aufpoppt, hatte Facebook noch bis Frühling 2015 eigene APIs für die Entwickler zur Verfügung gestellt , die den Zugang zu den Freunde-Infos erlaubt haben, obwohl diese Freunde nicht um Erlaubnis gefragt wurden, ja nicht wussten, was ihre nicht besonders hellen Freunde auf Facebook treiben und wozu sie überhaupt den Zugriff gewähren. Gleichzeitig wurde der Einblick auf die eigenen Daten für die Nutzer maximal erschwert, der eben erwähnte Max Schremps musste noch ein PDF-Formular ausfüllen und sich einige Wochen gedulden, bis sein Bericht auf einer DVD ankam. Mittlerweile lässt Facebook seine Daten in den Account-Einstellungen herunterladen.

Ein Gedankenexperiment legt nahe, sich vorzustellen, welchen Aufschrei gegellt hätte, hätte Apple eigene Fehler mit der Nicht-Entschuldigung "Das war eigentlich kein Fehler" abgetan. Man musste sich nur auf den vergangenen Dezember zurückbesinnen und sich erinnern, was in den Foren, in den Zeitungen, Zeitschriften, auf den sozialen Medien los war, als herausgekommen ist, Apple drossele die iPhone-Leistung, wenn der Akku schwach ist. Danach hat sich Apple ausdrücklich entschuldigt, eine ellenlange technische Erklärung gepostet, was die Drosselung eigentlich bezweckt hatte und ein umfangreiches Austauschprogramm für schwache Akkus gestartet, das sicherlich ins eigene Kasse schneidet.

Wir würden uns wünschen, Facebook wäre endlich mal erwachsen und übernähme zumindest ein Stück der Verantwortung bei der aktuellen Debatte um Wahlmanipulation, unerlaubt heruntergeladene Nutzer-Infos, Hasskommentare und Trollprofile. Denn erst wenn man das Problem erkennt, kann man nach Wegen und Mitteln aus der Misere suchen, Facebook verhält sich momentan jedoch wie ein unreifes Kind: "Schuld sind immer die anderen."

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