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Kommentar: Youtube und die Verschwörungstheorien

30.01.2019 | 16:57 Uhr | Peter Müller

Youtube hat bekannt gegeben, krude Theorien aus den Empfehlungen zu entfernen. Droht uns Zensur durch ein Privatunternehmen?

Youtube hat diese Woche bekannt gegeben, Verschwörungstheorien, respektive Videos, in denen diese verbreitet werden, nicht mehr zu empfehlen. Während die einen erleichtert aufatmen und „Zeit wird’s“ stöhnen, fragen andere in den digitalen Kommentarspalten: „Wer entscheidet denn darüber, was Verschwörungstheorien sind und zensiert diese?“ Die Antwort ist recht schnell erteilt: Youtube. Respektive eine dort zuständige Redaktion und sie unterstützende Technologien.

Auf den zweiten Blick ist die Frage selten dämlich, impliziert sie doch, dass die Redakteure des Internetgiganten sich als Zensoren sehen und die Verbreitung der Wahrheit behindern würden. Sie gegen eine eigene Wahrheit austauschen, die nur deshalb „Verschwörungstheorie“ genannt wird, weil sie den Mächtigen im Hintergrund nicht passt. Den Bilderbergern, den Reptiloiden, dem Weltjudentum. Ja – in vielen dieser zurecht als solche bezeichneten Verschwörungstheorien werden antisemitische Hetzreden verbreitet, von denen man an sich dachte, sie gehörten der Vergangenheit an. Dem ist leider nicht so.

Auf den dritten Blick ist die Frage dann doch nicht ganz so dämlich – und die Antwort ein wenig kompliziert. Denn in der Tat ist die Grenze zwischen Faktenverdrehung und abseitigen, schwer zu beweisenden neuen Ideen manchmal nicht sofort ersichtlich. Vor gut hundert Jahren hielten es die Leute für einen abstrusen Gedanken, dass bewegte Masse schwerer wird, je schneller sie sich bewegt. Oder dass die Zeit in einem Schwerefeld langsamer verstreicht.

Aber genau hier setzt das an, was wir Logik oder Wissenschaft nennen. Eine neue Theorie muss nicht nur bestehende Umstände und Versuchsergebnisse erklären, sondern auch korrekte Vorhersagen machen können. Sie muss vor allem überprüfbar sein – das ist gerade in den Humanwissenschaften einschließlich Medizin nur furchtbar schwer: Ab welcher Konzentration an welchen Messpunkten ist NO x wirklich ungesund und für wen?

Krude Verschwörungstheorien à la „Die Erde ist flach“, „Die NASA war nie auf dem Mond“ oder „Die USA haben selbst die Twin Towers gesprengt, das war eine mächtige verschworene Gruppe (siehe oben)“ sind mit den Mitteln der Wissenschaft und der Logik hingegen leicht zu widerlegen. Die Kugelgestalt der Erde beweist zum Beispiel der Versuch mit dem Foucault’schen Pendel (in Umberto Ecos gleichnamigen Roman geht es auch um eine krude Verschwörungstheorie und ihre lässige Enttarnung), für die Mondfahrt und gegen die Sprengung in New York spricht vor allem das Mittel des Ockham’schen Rasiermessers .  Was ist das? Wir erklären es mal mit Wikipedia, dem Lexikon der vielen, das sogar Freunde der gepflegten Verschwörung als glaubwürdige Quelle akzeptieren: 


1. Von mehreren hinreichenden möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.

2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Was ist demnach also wahrscheinlicher: Dass die NASA Abermilliarden ausgegeben hat, um eine Mondlandung im Filmstudio zu faken und vor allem Zehntausende von Beteiligten dazu zu bringen, über Jahrzehnte zu schweigen oder dass die Weltraumbehörde der USA tatsächlich diese Abermilliarden aufgewendet hat, um den Russen im Weltraum ein Schnippchen zu schlagen und vor allem wertvolle Erkenntnisse über den Erdtrabanten zu gewinnen? Was die Verschwörungstheoretiker hier gerne verschweigen, der Start von Apollo 11 wurde live weltweit übertragen, heißt so viel, dass Millionen von Menschen TV-Zeugen davon sind, wie die Rakete von der Erde abhob und der Adler später auf dem Mond landete – das beköem Hollywood heute allenfalls mit reichlich CGI hin, wir sprechen aber vom Jahr 1969.

So oder so ähnlich kann man jeder Verschwörungstheorie auf den Zahn fühlen – und auch ihrer kleinen, gemeinen Schwester, der Fake News. Oder man versucht, zu den Quellen der Behauptung zu gelangen. Auf jede Nachfrage erhält man dann zwar eine Antwort, die oft aber noch kruder ist und letztlich in ein „Das ist geheim, das kann ich nicht sagen“ mündet. Deshalb geben Verfechter von Verschwörungstheorien auch sehr ungern leicht nachprüfbare Behauptungen heraus. Oder erweitern ihre Theorie damit, dass die Wissenschaftler dazu angehalten sind, ihre Ergebnisse so weit zu verfälschen, dass es in den Kram der geheimnisvollen Mächtigen passt.

Verschwörungstheorien sind also leicht als solche zu erkennen, es ist manchmal nur ein gewaltiger Aufwand, angesichts des Wusts von verlogenem Material, das da alltäglich auf Youtube eingestellt wird. Darunter kann sicher auch der ein oder andere satirische Beitrag leiden, wir sagen nur:  Bielefeld – Witz versteht ja leider nicht jeder. Das sollte uns die Sache aber wert sein.

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