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Konzertfotografie mit Guido Karp: Optimaler Foto-Workflow auf Tournee

24.08.2017 | 15:00 Uhr |

Guido Karp hatte von AC/DC bis zu den Rolling Stones so ziemlich alle Größen im Musikgeschäft vor der Linse - und ist viel unterwegs. Wie bewältigt man 250 Konzerte im Jahr mit bis zu einer Viertelmillion Fotos? Der Top-Konzertfotograf erlaubt einen Blick hinter die Kulissen und verrät seinen Foto-Workflow mit Lightroom, Photoshop und mobilen Apps.

„Ich bearbeite nicht länger, als ich fotografiert habe“

Seit über 30 Jahren im Geschäft, hat der 54-jährige Wahl-Kalifornier Guido Karp über 5000 Konzerte fotografiert (das 5000. war 2016 mit seinem Schulfreund Thomas Anders in der Starlight Bowl in Los Angeles) – in der Spitze waren es bis zu 250 Veranstaltungen im Jahr. Das sind gefühlt nicht nur eine Viertelmillion (oder mehr) Fotos im Jahr, sondern auch noch Millionen Kilometer von Show zu Show. Ein solcher Output bedarf entweder eines Riesen-Teams – oder eines sehr durchdachten Workflows.

2008: Guido Karp (links) und Angus Young von AC/DC
Vergrößern 2008: Guido Karp (links) und Angus Young von AC/DC
© Michael Koelsch for GKP.LA

Die digitale Fotografie war die Erfüllung meiner Träume. Meine Fotos wurden eigentlich schon immer irgendwie “digitalisiert” bzw. meine Dias oder Negative mussten durch irgendeinen Scanner-Prozess, um gedruckt werden zu können. Die neue Technik bedeutete aber vor allem eine Erlösung davon, in irgendwelchen Städten – nehmen wir mal Boise, Idaho – nach einem anständigen Labor suchen zu müssen und unter Zeitdruck meine Filme entwickelt zu kriegen.

Ich bin ein digitales Kind der ersten Stunde. Lange bevor DSLRs die ersten wirklich brauchbaren Ergebnisse abgeliefert haben, habe ich 1990 mit Adobe Photoshop 1.0 und einem damals sündhaft teuren Negativ-Scanner meine Negative gescannt und in digitale Dateien umgewandelt.

Da meine Fotos überwiegend weltweit und vor allem gleichzeitig von Magazinen gedruckt wurden, konnte ich so allen eine höchst auflösende Datei liefern, die jedem Dia- oder Negativ-Duplikat um Längen voraus war. Verschickt habe ich die Motive aber immer noch auf CDs oder DVDs – es dauerte noch, bis ich online wirklich arbeiten oder gar gleich digital fotografieren konnte.

Nachdem ich 20 Jahre erfolgreich mit Nikon fotografiert habe, kam 2002 der große Wechsel: Canon hatte mit der Canon 1D und über 10 Mio. Pixeln einfach “die Nase vorne” – und es war nicht absehbar, ob Nikon das zeitnah würde aufholen können. Die Rechnung war einfach. Satte 60.000 Euro mussten investiert werden: drei neue Bodies und lichtstarke Objektive vom Fish-Eye bis zum 300 mm 2.8. Das war genau die Summe, die ich damals in einem knappen Jahr für Filme und deren Entwicklung ausgegeben habe (250 Shows im Jahr x 350 Kosten pro Tag (durchschnittlich zwanzig Filme inkl. Express-Entwicklung jeweils vor Ort) – also ein No-brainer. Egal ob Nikon aufholen würde oder nicht – die Ausrüstung wurde eingemottet (erst zehn Jahre später habe ich sie dann, weil nie mehr benutzt, zu einem Spottpreis verkauft).

Eines ging allerdings nicht auf: Die Nummer machte mich nicht schneller. Die Zeit, die ich sonst “an der frischen Luft” durch die Stadt gelaufen bin und nach einem Profi-Labor gesucht habe, saß ich nun im Hotelzimmer oder in irgendwelchen Arena-Katakomben backstage und habe gescannt und bearbeitet. Wenn man’s sauber gemacht hat, hat die Zeit beim Speichern der Ebenen-Datei – damals Photoshop 7.0 – gerne schon mal für einen Toilettenbesuch gereicht.

Foto-Shooting

Ich arbeite bei Konzerten mit zwei, manchmal drei Bodies, einfach, weil es schneller geht und ich nicht ständig in verstaubter Umgebung Objektive wechseln muss. Dazu kommt mein Assistent oder meine Assistentin. Er oder sie liefert mittlerweile die Bühnentotalen, die aus der Halle fotografiert werden – während ich direkt vor der Bühne aufnehme. Damit erspare ich mir eine Menge Rennerei – und kann mich während der Show genau auf diese vorne konzentrieren. Mein Assistent und ich kommen dann gemeinsam auf 1000 Fotos pro Show – im RAW-Format ergibt das dann etwa 20 bis 30 Gigabyte, die lade ich auf meinen Rechner – mit viel RAM und aktuell einer 1-Terabyte-SSD.

Häufig gestellte Frage: Was macht man mit diesen ganzen Fotos bzw. warum muss man, wenn man bereits 50 Shows in den USA fotografiert hat, nun auch noch die Shows 51 bis 100 in Europa fotografieren?

Beginnen wir mal damit, dass die Medienpartner natürlich aktuellste und regionale Fotos fordern. Wenn der "Stern" Fotos von Robbie-Williams-Konzerten in Deutschland drucken will, dann dürfen sie eben nicht aus Manchester oder Neuseeland sein. Manchmal sieht man das im Bild, manchmal nicht. Bei den Backstreet Boys war es noch krasser: Da hat die "Bravo" nichts gedruckt, was schon irgendeine andere Teenie-Zeitung im Blatt hatte – egal, wo die war. Hinzu kommt natürlich, dass nicht nur die Print-Welt, sondern auch das gesamte Umfeld (Merchandise, Plattenfirma, Webseite, Sozial-Kanäle….) zeitnah bedient werden muss. Gerade Robbie Williams ist immer dafür gut, dass eben heute was ganz Besonderes in der Show passiert – und kein Mensch auf Tour hat Zeit und Lust, dann detektivisch zu ermitteln, wer jetzt wohl Fotos hat.

Man ist auf Tournee und jeder hat seine Rolle. Und wenn morgen beschlossen wird, dass nun noch Konzerte im Oman dazukommen, dann müssen genau morgen auch 100+ Künstler & Crew für Visa-Passfotos und Arbeitserlaubnisse fotografiert werden – auch das gehört dazu. Ich kann versichern: Selbst bei sechs Jahren auf Tour mit den Backstreet Boys gab es jeden Tag Anforderungen, die am besten “schon gestern” hätten erfüllt werden müssen.

Deshalb lautet mein Credo auch: Schneller bedeutet günstiger, denn meine Zeit ist teurer als die Technik. In meinen Workshops lehre ich immer wieder ein Bewusstsein für den Wert der eigenen Zeit. Ich selbst habe als Schüler meine ersten Brötchen im wahrsten Sinne mit dem Auftoasten eben jener verdient: bei McDonalds. Heute habe ich glücklicherweise einen anderen Stundensatz – warne aber meine Schüler immer wieder, aufzupassen, dass man sich nicht durch Sparen an der falschen Stelle wieder genau zu den Burger-Brat-Sätzen zurückdatiert.

Alle 24 Monate bekomme ich einen neuen Mac (schnelle CF-Karten setze ich einfach mal voraus). Ich weiß, der alte würde eigentlich noch für Jahre reichen. Aber bis zwei Jahre ist der Gebraucht-Verkaufspreis auch noch gut – nach 24 Monaten sinkt er brutal. Software und Bilder werden immer größer, brauchen immer mehr Leistung. Selbst auf Tournee sitze ich täglich mit Edit und Bildbearbeitung zwei Stunden vor dem Rechner. Mein neues Lieblingsspielzeug macht mich dabei erheblich schneller – und das zum Preis eines Burgers am Tag.

Tipp fürs Live-Shooting

Checke und synchronisiere die Uhrzeit aller Gehäuse, damit man die Show nachher sortiert nach Zeit im echten dramaturgischen Ablauf editieren kann.

Ordnerstruktur und Dateinamen

Übersichtlichkeit ist wichtig. Deshalb habe ich auch einen extrem aufgeräumten Desktop.

Damit man die Übersicht nicht verliert, ist ein aufgeräumter Desktop wichtig
Vergrößern Damit man die Übersicht nicht verliert, ist ein aufgeräumter Desktop wichtig
© Guido Karp

Auf dem Foto ist meine Frau (für die, die immer alles wissen wollen) – in meinem Outdoor-Studio in Los Angeles – und das Bild ist in einer fast 5000 Quadratmeter großen Hohlkehle aufgenommen, die sich auch mit 100.000 Gallonen Wasser (fast 400.000 Litern) füllen lässt.

Zurück zum Workflow. Bei der Masse an Bildern ist es wichtig, die Übersicht zu behalten. Daher habe ich im Lauf der Jahre ein ausgeklügeltes System entwickelt, meine Ordner zu benennen.

Auf dem Desktop gibt es für meine Bilder genau einen Ordner: “Aktueller Job – Rohdaten volle Aufloesung” und dieser ist ein Alias zum System-Ordner "Pictures". In diesem liegen alle meine aktuellen Fotos (später werde ich erklären, warum es vorteilhaft ist, einen festen Ordner zu haben).

In diesem Ordner liegen alle aktuellen Fotos sowie Unterordner - für jede Tournee einer
Vergrößern In diesem Ordner liegen alle aktuellen Fotos sowie Unterordner - für jede Tournee einer
© Guido Karp

In diesem Ordner lege ich Unterordner an – für jede Tournee einen, und darunter für jedes Konzert einen. Und, ganz wichtig, jeder Job (also jede Tournee) hat einen eigenen Code.

Die Weisheiten, wie man Dateien benennt, gehen weit auseinander. Die einen benennen nach Datum, die anderen…. the sky is the limit.

Hier aber geht es nun um mich und meinen Workflow, und für mich hat sich in über 30 Jahren folgendes System bewährt:

Beispiel: Rolling Stones, erste Tournee, erstes Konzert

Der Bilder-Code rst01a0001 besteht aus zehn Stellen:

rst = Rolling Stones (oder ttu für Tina Turner, pmc für Paul McCartney oder lmu für Lieschen Müller ;-) )

rst01 ist dann die erste Tournee (rst02 die zweite Tournee, das ist leicht verständlich)

rst01a ist die erste Show der ersten Tournee (rst01b analog dann die zweite, rt01c die dritte usw.)

rst01a0001 dann das erste Bild – nie habe ich in einer Show mehr als 9.999 Fotos gemacht

Klappt super, aber nicht immer. sco steht für Sarah Connor, aber auch für Scorpions oder Scooter – Ausnahmen bestätigen also die Regel. Ist mir aber egal, dann gibt es eben einen kleinen Workaround.

Wichtig ist nur, dass ich die Fotos von Lieschen Müller auf Knopfdruck finde – suche "Name enthält lmu0", und ich finde sofort die ersten neun Sessions von Lieschen Müller. Die Kombination Buchstaben und Zahl klappt einfach.

Warum dann nicht gleich nach Lieschen Müller suchen? Gute Frage! Heute spielt die Länge der Dateinamen keine Rolle mehr. Daher ist der komplette Dateiname heute auch

rst01a0001 Rolling Stones Greatest Hits Tour Boise Idaho USA 2015 (c) GuidoKarp.jpg

Wichtig ist der eigene Name im Dateinamen – wirklich für Blöde. Natürlich habe ich Exif- (Exif, nicht EXIF) und IPTC-Daten in den Bildern gespeichert. 99 Prozent der Menschen (einschließlich der professionellen Bildnutzer) wissen nicht, was das ist, Exif oder IPTC. Selbst das einfachste System aber hilft dem Suchenden, wenn er eingibt

Rolling Stones

oder

Guido Karp

Ich drucke gern mal für die Crew die schönsten Fotos. Das werden dann schnell mal – 100 Mann Crew mal 50 Fotos - 5000 Ausdrucke. Die lasse ich im Digital-Labor entweder bei uns oder eben auch auf Tour drucken (5000 Drucke auf meinem Epson Tintendrucker würden einfach ewig dauern). Diese Maschinen drucken häufig auf die Rückseite maximal zwanzig Stellen des Dateinamens.

So wird aus dem ellenlangen:

rst01a0001 Rolling Stones Greatest Hits Tour Boise Idaho USA 2015 (c) GuidoKarp

ein

rst01a0001 GuidoKarp

Und wenn es in drei Jahren eine Job-Anfrage geben wird:

“….Ich habe hier dieses Bild von mir, in Rot, aus … ach warte mal, war das in X oder Y, 2012 oder doch 2009, ich spiele da Gitarre - und mein Gitarrenhersteller will das gerne für den nächsten Katalog benutzen….”

sage ich: “Dreh das Bild mal um”.

Der Künstler liest vor “sco07f0784” - und Rudolf Schenker von den Scorpions kriegt das gewünschte Bild in Sekunden.

Ein No-brainer, oder?

Zurück: Bleiben wir mit der Übersichtlichkeit mal am Beispiel Rolling Stones, dritte Tournee, 17. Show. Also rst03q

Ordnerstruktur

00 Aktueller Job - Rohdaten volle Aufloesung

     rst03 Rolling Stones Tourname Tourjahr

          rst03q Rolling Stones Tourname Tourjahr Tourstadt Name Konzertstätte

               neu: Ordner mit Nummer der Speicherkarte!

                      rst03q0001…. Bildnummern fortlaufend

Fotos kopieren und mit Backup sichern

Alle Speicherkarten sind bei mir nummeriert. Das heißt nicht etwa, dass ich die auch in der Reihenfolge benutze, sondern dass ich vor dem Job und nach dem Job die Karten sortiere – und sicherstelle, dass alle da sind. Nichts, aber wirklich nichts! ist ätzender, als wenn man einen großen Job mit x Karten fotografiert hat und zwei Tage später, nach Abgabe des Jobs, noch eine Speicherkarte in Hosen- oder Jackentasche findet. Es ist Murphy’s Law: Auf dieser ist garantiert mindestens ein Shot, der ein absolutes Highlight darstellt. Wie demütigend dann der Gang zum Kunden, wenn man – bei aller Begeisterung für den sensationellen Shot – die eigene Unprofessionalität im Umgang mit dem eigenen Equipment gestehen muss.

Ich habe 25 schnelle Speicherkarten im Einsatz. Diese Karten kopieren wir auf meine Rechner – Struktur wie oben. Dann machen wir sofort ein Time-Machine-Backup. Damit haben wir zwei unabhängige Kopien der Daten: ein Set auf meinem Rechner – und ein Set auf der Backup-Platte.

Fotos in Lightroom laden

Dann lade ich die Bilder in Lightroom und verschlagworte sie. Das heißt, sie werden um IPTC-Daten ergänzt und umbenannt. Dazu drücke ich die Taste F2. Lightroom bietet hier wunderbare Pre-Sets zum Abspeichern an – das geht in Sekunden.

Tipp: Bilder immer sauber verschlagworten

Unsauber verschlagwortete Bilder werden im Zeitalter der digitalen Arbeit nicht zu monetarisieren sein - die meisten Magazine oder Agenturen nehmen diese vermutlich gar nicht mehr an. Es ist unerlässlich, dort so viele Informationen wie möglich unterzubringen - womöglich sogar die ganze Geschichte zum Bild.

Facebook hat jahrelang beim Upload des Bildes diese Daten ausgelesen und sie als Story automatisiert ans Bild geschrieben, was für mich oft unglaublich gut verbreitete Werbung war - und mir schon etliche unerwartete zusätzliche Jobs gebracht hat - von der Markenbildung Guido Karp gar nicht zu reden. Dann hat Facebook das - aus welchem Grund auch immer - nicht nur eingestellt, sondern die Daten sogar gelöscht.

Hier hat freelens.com einen großartigen Job gemacht und in einem David-gegen-Goliath-Krieg Facebook gerichtlich verbieten lassen, die Daten zu löschen. Allein das sollte schon ein Grund sein für alle Fotografen, die auch nur ein bisschen Geld mit ihren Fotos verdienen, Mitglied bei freelens.com zu werden.


Die Wichtigkeit von Metadaten hat Adobe auch bei seinem Bilderdienst Adobe Stock erkannt. Wenn Sie hier Bilder zum Verkauf anbieten, werden die Bilder nach dem Hochladen automatisch verschlagwortet (und da kann sich Adobe Stock natürlich nur bei dem bedienen, was man vorher auch sauber hinterlegt hat), was das Anbieten und Monetarisieren von Bildern für Fotografen enorm erleichtert. Es spart nicht nur Arbeit beim Hochladen, sondern erleichtert auch, mit seinen Bildern von Kunden gefunden zu werden.

ITPC-Daten: Je besser Bilder verschlagwortet werden, desto einfacher sind sie zu finden
Vergrößern ITPC-Daten: Je besser Bilder verschlagwortet werden, desto einfacher sind sie zu finden
© Guido Karp

Bilder bewerten

Dann geht es daran, die Bilder zu bewerten. Jetzt kommen wir an eine “Guido Karp Eigenheit”. In Lightroom (LR) haben Sie die Möglichkeit, alle Bilder mit Sternen zu versehen – von null bis 5. Ich setze jetzt alle Bilder auf 3 Sterne. Drei Sterne sind dann immer die Bilder, die ich noch nicht angesehen habe. Dann sortiere ich die Bilder nach Datum/Uhrzeit und sehe also die Bilder, die ich zuerst gemacht habe, auch als erstes – im chronologischen Ablauf der Show (dies kann auch bei Hochzeiten und anderen Events mit zeitlichem Ablauf sehr hilfreich sein). Dann blende ich alle Tools und Werkzeuge aus und mache “das Licht aus” (die Taste “L” drücken) - sehe also nur und möglichst groß das Bild.

Tipp: Automatisch zum nächsten Bild beim Umbewerten

Wenn Sie nun die Feststelltaste drücken (also die, mit der man nur in Großbuchstaben
schreiben würde), dann weiß Lightroom, dass man, wenn man die Sternezahl verändert, auch
gleichzeitig zum nächsten Bild “weiterrücken” will - bei 1000 Bildern spart man sich also
1000 Clicks.

Wenn die Feststelltaste gedrückt ist, registriert Lightroom nicht nur
Sternchen, sondern auch „Ablehnen“ und Farbcodes. Das heißt, beim Drücken auf „x“ oder
„6“ bis „9“ springt Lightroom ebenfalls weiter.

Ich bewerte die Bilder nach folgendem Schema:

Ich befinde mich bei Bild 1 und entscheide durch Drücken der Tasten 1,2, 4 oder x

1 „Nett, aber kein Best-Of, also Ablage“

2 „Besondere Fotos“

4 „Best of“

x „löschen“

Ich lösche nur Fotos, bei denen irgendwas schiefgegangen ist und die ganz bestimmt niemals jemand sehen muss. Dazu gehören einfach total falsch und unkorrigierbare Schärfe oder peinliche “Gesichtsentgleisungen” der abgebildeten Person. Alles andere hebe ich auf – ich weiß nie, ob ich nicht womöglich aus einem dieser Bilder noch Details in ein anderes Bild kopieren will. Speicherplatz ist billig, meine Arbeit teuer.

Besondere Fotos – die mit zwei Sternen gekennzeichneten – sind die, die zufällig – aber regelmäßig – entstehen und mit dem Job nichts zu tun haben. Man trifft jemanden und fotografiert den. Die 4er – das sind die besten Shots des Jobs. Hier bin ich relativ großzügig, es bleiben aus 1000 Bildern rund 150 bis 200 4er-Bewertungen. Beim Durchsehen weiß ich ja nie, was als Nächstes kommt. Der Künstler posiert toll, dann wird’s noch besser, dann guckt der Künstler einen an, und dreht sich dann weg - also 4-4-4-1.

Für das Bewerten von 1000 Bildern brauche ich circa 30 Minuten – dann habe ich, wie gesagt 150 bis 200 mit 4 markierte Bilder. Mit „3“ markierte Bilder habe ich keine mehr – logisch, alle wurden zu 1, 2, 4 oder x. Das ist dann gleich auch der größte Vorteil meines Tricks mit der 3er Bewertung. Egal was passiert, Rechnerabsturz, man wird unterbrochen – man kommt immer mit wenigen Klicks zu den Bildern, die man noch ansehen muss. Am Ende des Tages “dürfen” also keine 3-Sterne-Bilder mehr übrig sein (Ich wiederhole: 3-Sterne = noch nicht angesehen).

Korrekturen in Lightroom

Aus den Best-of-Bildern hole ich dann 50 bis 70 "Very-best-of" heraus, die ich dann mit 5 Sternen bewerte. Diese gucke ich mir sehr sorgfältig an (etwa 20 Minuten, um bei einer zweistündigen Show zu bleiben) und korrigiere und bearbeite ich – soweit ich kann – zunächst in Lightroom. Lightroom ist perfekt für kleine, schnelle Korrekturen – eigentlich ist Lightroom ja ein Bildverwalter, ein Editier-Programm und vor allem ein RAW-Konverter.

In Lightroom “entwickle” ich die Bilder, lege also die spätere Optik fest. Die Fotos sind als RAW praktisch digitale Negative, die erst entwickelt werden müssen. Das Gute daran: Alle Änderungen, die ich im “Entwickeln-Modus” an einem Bild vornehme, kann ich jederzeit wieder rückgängig machen, denn sie werden nicht im digitalen Negativ gespeichert. So besteht keine Gefahr, ein einmaliges Konzertfoto durch eine falsche Korrektur zu ruinieren. Jede Korrektur lässt sich schrittweise rückgängig machen – oder man kann alle Bearbeitungen in einem Rutsch entfernen.

Ich stelle die Bildoptik meist über Weißabgleich, Tonwerte und Präsenz mit den Schiebereglern ein. Neben den Grundeinstellungen nutze ich auch das Verlaufswerkzeug, um einige Korrekturen nur lokal anzuwenden. Lightroom in Verbindung mit RAW-Fotos hilft mir sehr, eine unausgewogene Lightshow auszugleichen (wenn beispielsweise der Verfolger-Spot auf den Sänger viel heller ist als die Gesichter der anderen Musiker und dessen Gesicht ausbrennen würde – ein Bild wie dieses hätte zu analogen Zeiten viel Arbeit in der Dunkelkammer erfordert, denn man hätte Mark Knopfler und die Band separat fotografieren müssen, weil der Film, gerade Dias, den Belichtungsumfang nicht hätte verarbeiten können).

Mark Knopfler live 2013
Vergrößern Mark Knopfler live 2013
© Guido Karp

Was ich noch bearbeiten muss und schon bearbeitet habe, markiere ich ebenfalls: Neben den fünf Sternen gibt es noch sieben Farben, beginnend mit Rot (drücke Taste „6“), gelb („7“), grün („8“)…. Weiter bin ich nie gekommen, denn ich nutze nur Rot und Grün.

Grün sind die Bilder, die ich in Lightroom final “bearbeitet” habe. Dort habe ich Kontraste, Belichtungsverhältnisse, Schärfe, Farben und so weiter manuell korrigiert, so dass ich mit dem Bild vollständig zufrieden bin. Oder auch zum Beispiel Arbeiten mit der Bereichskorrektur, um Sensorstaub oder Bildfehler zu entfernen. Die repariert Lightroom automatisch und in kurzer Zeit. Lightroom ist also ideal, wenn ich in meiner Zeitvorgabe bleiben möchte.

Rot: Dennoch gibt es Bilder, bei denen man eingreifen muss, also wirkliche Retusche-Arbeit in Photoshop leisten muss. Diese Bilder markiere ich rot – und wenn ich mit den grünen durch bin, bearbeite ich die roten in Photoshop.

Lightroom mobile und Photoshop Fix: Bilder unterwegs bearbeiten

Inzwischen liefern die aktuellen Smartphones wie das iPhone 7 Plus eine Bildqualität, die es in manchen Lichtbedingungen mit DSLRs aufnehmen kann. Natürlich weniger in Konzertsituationen ;-)

Aber wer mich kennt, der weiß: Gib mir was zum Fotografieren – und ich versuche, alles aus dem “Ding” herauszuholen. Das ging ja so weit, dass mich ein Zuschauer 2007 bei einem Vortrag auf der Cebit so mit seinem Handy genervt hat, dass ich ihm gezeigt habe, dass man auch mit einem Handy druckreife Bilder machen kann. Wie gesagt: 2007 - vor iPhone & Co.

Daraus entstand dann sogar ein preisgekröntes Buch: Guido Karp: The Nudes

Nun sind wir zehn Jahre weiter – und ich habe mir gerade das neue Huawei-Handy geholt – die haben in Zusammenarbeit mit Leica echt ein unglaubliches Gerät geschaffen. Für mich zum Beispiel ideal für Making-of-Fotos vom Shooting, die ich direkt auf Facebook posten kann. Daneben gibt es in Lightroom Mobile die Möglichkeit, im RAW-Format zu bearbeiten. Das hat nicht nur den Vorteil der besseren Bildqualität – damit kann ich beim Shooting mit fast den gleichen Werkzeugen wie später am Rechner schon vor Ort verschiedene Bildlooks ausprobieren. Auch unterwegs sind die Bearbeitungen nicht nur non-destruktiv und damit risikolos, sondern lassen sich auch leicht von einem Bild auf das andere übertragen. Es ist zum Beispiel ganz einfach möglich, die Korrekturen vom vorherigen Foto auf das nächste zu übernehmen. Beim Kopieren der Einstellungen kann ich genau steuern, welche Lightroom übernimmt, beispielsweise auch nur den Weißabgleich oder die Scharfzeichnung in die Zwischenablage holen.

Die Korrekturen und die Bilder synchronisiert Lightroom Mobile samt den exakten Bearbeitungen zu meinem Rechner. Am Desktop kann ich entweder mit den Bildern aus dem Smartphone weiterarbeiten oder die Korrekturen als Vorgabe speichern und sie für die Fotos aus meiner DSLR verwenden.

Neben Lightroom Mobile nutze ich auch Photoshop Fix. Damit habe ich einige Korrektur- und Retuschewerkzeuge aus Photoshop als App auf dem iPhone oder iPad dabei. Es ist natürlich nicht das komplette Photoshop, aber praktisch alles, was unterwegs Sinn macht zum Mitnehmen. Ich bin viel unterwegs und kann damit einige Retuschen im Bild schon im Flieger ausprobieren. Gerade im Bereich von Portraits hat Photoshop Fix einiges anzubieten. Haut verbessern oder sogar Gesichtszüge optimieren klappt damit schnell und einfach.

Korrekturen in Photoshop

Je nach Job bleiben 10 bis 20 Bilder (5er, markiert rot), die ich in Photoshop wirklich retuschieren muss. Was wir in Photoshop machen, hängt sehr stark vom Bild und von Wünschen und Budget des Kunden ab. Auf jeden Fall brauche ich Photoshop auch neben Lightroom. Hier ist einfach alles möglich. Die Bildbearbeitung von 10 bis 20 Bildern dauert bei mir in der Regel weitere 30 Minuten. Es gibt aber auch Bilder, wo wir das Unmögliche möglich machen müssen und eine ganze Woche an einem Bild arbeiten.

Hauptsächlich arbeite ich in Photoshop mit Einstellungsebenen. Hier haben die Korrekturen auch den Vorteil, dass sie sich rückgängig machen oder einfach von einem Bild auf das andere übertragen lassen. Für Retuschen im Detail nutze ich oft die intelligenten Werkzeuge wie den Bereichsreparatur-Pinsel oder das Ausbessern-Werkzeug.

Wenn Kunde und Budget es erlauben, erstellen wir auch aus mehreren Bildern Composings mit Ebenen, Ebenenmodi und den Auswahlwerkzeugen für Überblendungen der verschiedenen Bildteile.

Ich habe mal ein paar Bilder rausgekramt, die wir spontan abends am Strand gemacht haben. Also kein Make-up-Artist, keine Blitzanlage, sondern Aufsteckblitz…. nun glänzt das Model schon sehr - und wir haben das mal “in Photoshop gezaubert”.

Fazit

Meine Vorgabe, nicht länger zu bearbeiten als zu shooten ist – von Ausnahmen abgesehen – machbar. Wichtig ist dabei der Workflow, um nicht in der Masse der Bilder unterzugehen. Lightroom und Photoshop sind hier das ideale Duo, um erst die besten Bilder schnell herauszufiltern, dann zu entwickeln und schnell zu korrigieren. Photoshop steht dann als Spezialist bereit, wenn es ans Eingemachte in Sachen Bildbearbeitung geht.

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