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Live Listen und Cochlear: iPhones helfen bei Hörverlust

03.08.2017 | 16:30 Uhr |

Neben der guten Kompatibilität mit Hörgeräten kann Apples iPhone seit kurzem auch direkt mit Cochlear Implantaten kommunizieren.

Schwerhörigkeit und Taubheit sind keine Seltenheit, etwa jeder fünfte Deutsche hat eine verminderte Hörfähigkeit. Apples iOS-Geräte bieten aber Menschen mit Hörverlust bereits seit längerem interessante Optionen. So gibt es schon länger unter Allgemein/Bedienungshilfen eine Schnittstelle für Hörgeräte, die komplett in das iOS integriert ist. Mit Geräten wie dem ReSound von LiNX gibt es sogar schon seit 2014 „Made for iPhone“-Hörgeräte. So kann man bei starken Umgebungsgeräuschen mit der Funktion Live Listen sein iPhone als unauffälliges „Richtmikrofon“ nutzen – natürlich drahtlos per Bluetooth.

Die Funktion Live Listen macht ein iPhone zum Remote-Mikro
Vergrößern Die Funktion Live Listen macht ein iPhone zum Remote-Mikro

Einen Schritt weiter als ein Hörgerät ist aber ein sogenanntes Cochlea-Implantat, das seit kurzem ebenfalls von einem iPhone angesteuert werden kann. Wie wir bereits vor einigen Tagen berichteten , hat sich Apple dazu mit dem australischen Hörgeräte-Hersteller Cochlear zusammengetan. Dieser veröffentlicht noch in diesem Jahr sein erstes Implantat mit „Made for iPhone“-Zertifizierung. Der neue Nucleus-7-Sound-Prozessor kann Sound direkt von kompatiblen iPhones, iPads und iPod-Touch-Modellen streamen. Patienten mit chirurgisch eingesetzten Implantaten können den Sound dabei über ihr iPhone anpassen und steuern. Erscheinen wird die neue Generation der Implantate zuerst in den USA.

Die Zeitung "Wired" hat dies zu einem geradezu schwärmerischen Beitrag über Cochlea-Technologie angeregt, der auch einige Hintergründe nennt. So hatte Apples von Sarah Herrlinger geleitetes Accessibility-Team einige Problem bei der Implementierung der iOS-Funktion. Vor allem die niedrige Kapazität üblicher Hörgeräte-Batterien ist ein Problem, da Audiostreaming per Bluetooth viel Energie verbraucht. Apple setzt deshalb bei der Kommunikation mit Hörgeräten und den Cochlear-Implantaten auf ein speziell entwickeltes Bluetooth-Protokoll namens Bluetooth LEA oder Bluetooth Low Energy Audio. Bei den Airpods kommt dagegen ein herkömmliches Audioprotokoll zur Verwendung.

Eine Neuheit beim neuen Nucleus-7-Prozessor von Cochlear ist außerdem, dass ein neuer bimodaler Modus unterstützt wird. So ermöglicht das neue Modell die Einbindung bestimmter ReSound Hörgeräte im anderen Ohr. Überträgt man Musik oder ein Telefongespräch von einem iPhone, wird der Ton dann zugleich an beide Geräte übertragen. Apple arbeitete dazu eng mit Cochlear und dem Hörgerätehersteller ReSound zusammen. Der Hintergrund: Cochlear-Implantate werden üblicherweise nur auf einer Seite eingepflanzt, je nach Hörfähigkeit nutzen vielen Anwender deshalb zusätzlich ein Hörgerät. Unter Android ist die Unterstützung von Hörgeräten offenbar weniger ausgereift, wenn es auch Apps für Hörgeräte natürlich im Play Store gibt.

Unsere Meinung

In seiner Begeisterung für technologische Neuheiten geht der Artikel nach unserer Meinung etwas zu wenig auf die Probleme der Implantate ein. Bei Problemen mit dem Hören ist ein Cochlea-Implantat sicher eine äußerst attraktive Lösung, aber nur bei bestimmten Fällen . So ist die Operation laut Berichten nicht ganz ungefährlich und neben Cochlea-Implantaten gibt es weitere Implantate. Für die meisten Patienten mit verringerter Hörfähigkeit ist wohl ein herkömmliches Hörgerät sinnvoller und eine Beratung sollte grundsätzlich durch einen erfahrenen Arzt erfolgen.

Cochlea Implantate

Etwa zwanzig Prozent der Bundesbürger haben eine geminderte Hörfähigkeit. Bei zehn Prozent dieser Personen ist die Schädigung so stark, dass ein Hörgerät nicht mehr ausreicht und ein Cochlea-Implantat sinnvoll sein kann. Dazu gehören Menschen, die auf einem Ohr taub sind, gehörlos geborene Kinder, Personen bei denen ein Hörgerät nicht mehr ausreicht und bei hochgradiger Hörschädigung. Notwendig ist aber ein funktionsfähiger Hörnerv. Bei der Operation wird nämlich ein Implantat unter der Haut eingesetzt,  das per Elektroden mit dem Hörnerv verbunden wird. Verbunden ist dieses Implantat außerdem mit einem Soundprozessor mit Sendespule, der hinter dem Ohr getragen wird. Schallgeräusche werden dann digitalisiert und per Elektrode übermittelt. Bisher wird die Operation aber eher selten durchgeführt, laut Firmenangaben weltweit 450 000 Mal. Die Operation wird von der Krankenkasse allerdings auch nur unter bestimmten Voraussetzungen übernommen. Sie kostet 40 000 Euro im ersten Jahr und erfordert lebenslange Nachversorgung. Nach der Argumentation amerikanischer Studien ist die Operation für die Krankenkasse aber sogar günstiger als alternative Behandlungen, etwa bei Kindern mit schweren Hörstörungen.

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