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macOS Newton – Wenn iOS-Gesten am Mac landen

19.07.2018 | 15:55 Uhr |

Eine nette Design-Studie zeigt, dass iOS-Features am Mac nicht unbedingt die Nutzererfahrung verschlechtern müssen.

Der Nachfolger von macOS High Sierra heißt Mojave und kommt im Herbst in finaler Fassung. Mit dem nächsten Update will Apple nicht nur das System für alle Macs stabilisieren, sondern gleichzeitig auch einige neue und interessante Features auf die Computer bringen. Von dem gesamten Nutzererlebnis ist der Designer Kévin Eugène jedoch noch nicht ganz überzeugt – und präsentiert kurzerhand in einer eigenen macOS Version namens „Newton“ seine Vorstellungen von einem besseren Mac . Der Fokus liegt dabei ausschließlich auf der „Desktop Experience“. Der Desktop ist ein wichtiges, alltägliches Arbeitsmittel, der nach Eugènes Meinung noch deutlichen Verbesserungsbedarf aufweist.

Mit einem iMac kam Eugène das erste Mal in seiner High-School-Zeit in Kontakt. „Ich habe mich sofort in das Gerät verliebt“, schreibt der Designer. Besonders das Surfen im Internet hatte es ihm damals angetan. „Das war eine komplett neue Erfahrung, etwas völlig anderes, als das, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gewohnt war.“ Eugène erinnert sich noch an die „erstaunliche Grafik“ und das „in sich stimmige Nutzererlebnis“.

Mit dem ersten iMac begann für Kévin Eugène die Karriere als Designer.
Vergrößern Mit dem ersten iMac begann für Kévin Eugène die Karriere als Designer.
© Apple

„Danach habe ich meine Familie überzeugt, ebenfalls auf den Mac umzusteigen und bin ihm seitdem auch treu geblieben“, so Eugène. „Rückblickend betrachtet, muss das der Beginn für mein Gespür als UI-UX Designer gewesen sein.“

Die Multi-Touch-Gesten von Apple, von iOS inspiriert und auch im Vollbildmodus funktionsfähig, beschreibt Eugène als „schlichtweg genial“. „Mit der Wischbewegung von vier Fingern konnte man direkt vom einen Desktop zum anderen wechseln und es fühlte sich so verdammt gut an“, meint Eugène. Heute kann er sich schon gar nicht mehr an die Zeiten erinnern, in denen es das Feature noch nicht gab.

Nachdem er fünf Jahre lang mit dieser Geste gearbeitet hat, kam Eugène der Gedanke, dass auf Grundlage dessen vielleicht ein macOS-Nutzererlebnis geschaffen werden kann, dass genau eben jenes Gefühl von vor fünf Jahren auf das gesamte OS übertragen kann. macOS Newton – so taufte Eugène sein Projekt. Eine kleine Hommage an ein Gerät von Apple, welches der Sage nach von Steve Jobs gehasst wurde. Bis auf den Namen habe das Konzept mit dem ursprünglichen Netwon-Gerät aber sonst nichts gemeinsam.

Der Apple Newton hat noch heute eine kleine Fangemeinde.
Vergrößern Der Apple Newton hat noch heute eine kleine Fangemeinde.
© Apple

macOS Newton

Eugène ist der Meinung, dass das Zeitalter der Arbeitsfenster vorbei ist: „Damals in den 80er waren die noch gut, aber in den Zeiten der Post-iPhone-Ära ist die Relevanz nicht mehr wirklich gegeben.“ Der Designer arbeitet der Übersicht wegen schon längst nicht mehr mit Fenstern, sondern wechselt nach dem Start einer App sofort in den Vollbild-Modus. Das sei besser für den Workflow und dank der 4-Finger-Wischbewegung fühle es sich viel natürlicher an. Gerade, wenn man wie Eugène mit sechs Apps oder mehr parallel arbeiten muss.

Im Fenstermodus kann man dabei schon mal leicht den Überblick verlieren.
Vergrößern Im Fenstermodus kann man dabei schon mal leicht den Überblick verlieren.
© Kévin Eugène

Im Fenstermodus kann man dabei schon mal leicht den Überblick verlieren.

„Flow“: Inspiration von iOS

Bei den Animationen hat sich Eugène an dem aktuellen iOS orientiert, Safari geht unter macOS Newton direkt in den Vollbildmodus, außerdem erscheint eine kleine Einblendung am unteren Bildschirmrand mit „Safari“. Sowohl der Dock, als auch die Programm-Icons wurden ebenfalls an das iOS-App-Design angepasst, da der Designer ein einheitliches und System-übergreifendes Design bevorzugt.

Damit man vom App-Inhalt nicht allzu stark abgelenkt wird, beschränkt sich Eugène im Folgenden auf ein reduziertes Design-Konzept, in welchem die geöffnete App lediglich das App-Symbol anzeigt.

Laut Eugène spart der automatische Wechsel in den Vollbildmodus gegenüber dem aktuellen Prozedere ( App öffnen und anschließend auf den grünen Knopf am oberen linken Fensterrand klicken ) erheblich viel Zeit. „Flow“- so nennt Eugène das Konzept, mit dem alles leichter von der Hand gehen soll. Um dieses zu verdeutlichen, präsentiert er die Arbeit mit zwei geöffneten Apps.

Zwei Apps oder mehr öffnen

Wenn eine App im Vollbildmodus ist, wird der Dock automatisch ausgeblendet – das verändert sich auch nicht unter macOS Newton. Neben der altbekannten Methode, den Maus-Cursor an den unteren Bildschirmrand zu bewegen, will Eugène den Dock nun auch mit einer nach oben gerichteten Wischbewegung der vier Finger aufrufen können.

Neu ist allerdings, dass sich unter macOS Newton mehr als nur zwei Apps parallel nebeneinander im Vollbildmodus platzieren lassen. „Die Apps werden linear sortiert, die zuletzt hinzugefügte App wird ganz links im Flow angezeigt“, so Eugène. Demnach können die Nutzer in Flow so viele Apps hinzufügen, wie sie wollen und anschließend auch deren Reihenfolge ändern. 

 

Eine weitere kleine Änderung: Der Dock kann unter macOS Newton „gesperrt“ werden. Normalerweise würde der Dock nach dem Starten einer App in den Vollbildmodus ausgeblendet. Bei gedrückter Command-Taste wird dieser aber auch im Vollbildmodus weiterhin angezeigt – nun mit einem kleinen Schloss-Symbol am linken Rand. Somit können die Nutzer gleich mehrere Apps simultan starten, ohne dass der Dock dauernd neu aufgerufen werden muss. Bei gedrückter Cmd-Taste können Nutzer mehrere Apps aus dem Dock öffnen, ohne dass dieser sich schließt. Um durch den Flow zu scrollen, reicht eine horizontale Wischbewegung auf dem Trackpad mit drei Fingern.

 

Wie gewohnt lässt sich auch die Fensterbreite der einzelnen Apps individuell einstellen. Magnetische Ankerlinien helfen dabei, Apps an der Bildschirmmitte zu positionieren oder sogar Split View zu aktivieren, sodass man lediglich zwei Apps parallel auf dem Monitor sieht.

Der „Flow Strip“

Eugène nennt den kleinen schwarzen Balken, der oberhalb des Docks erscheint, „Flow Strip“.

 

Im Grund genommen ist der Flow Strip eine Übersicht über alle Apps, die sich im Flow befinden. Sobald die Apps genutzt werden, schrumpft der Flow Strip zu einem flachen Balken am unteren Bildschirmrand zusammen, der optisch an einen ähnlichen Streifen vom iPhone X erinnert. Nach ein paar Sekunden wird der Flow Strip gänzlich ausgeblendet. Um ihn wieder öffnen zu können, fährt man mit der Maus einfach über den entsprechenden Bildschirmbereich.

Die einzelnen App-Fenster werden im Flow Strip durch dunkle Rechtecke repräsentiert, auf denen der Name der App steht. Damit soll gewährleistet werden, dass der Nutzer den Flow Strip nicht mit dem Dock verwechselt. Über den Flow Strip kann der Anwender auch kinderleicht die Anwendungen im Vollbildmodus neu anordnen.

 

Dank des Flow Strip kann man auch ganz leicht Apps aufrufen, die zwar im Vollbildmodus geöffnet sind, aber derzeit nicht auf dem Bildschirm angezeigt werden. Wenn eine App nicht länger im Vollbildmodus geöffnet sein soll, kann man auch dies über den Flow Strip regeln.

Der Flow Srip erlaubt es dem Nutzer auch, ein neues App-Fenster direkt an die richtige Stelle innerhalb des Flows zu integrieren.

Manchem mag die optische Ähnlichkeit zwischen dem Flow Strip und der Touch Bar aufgefallen sein. Ursprünglich wollte Eugène das Feature in die Touch Bar integrieren, sodass man zum ersten Mal die Fenster tatsächlich über die Touch Bar hätte kontrollieren können. Da dieses Feature jedoch nur Besitzer eines Mac Book Pro mit Touch Bar hätten nutzen können, entstand letztendlich die Lösung des Flow Strip am unteren Bildschirmrand.

Flows abspeichern

„Ein Flow ist eine digitale Metapher für ein Arbeitsszenario: Um eine Aufgabe zu erledigen, nutzen wir in der Regel mehr als nur eine App, aber alle Apps tragen dazu bei, unser Ziel zu erreichen“, erklärt Eugène. Wenn der Designer arbeitet, nutzt er meistens Pages, Safari und iTunes. „Diese drei Apps assoziiere ich mit dem Schreiben, aber sie können auch individuell in anderen Szenarien Verwendung finden“, erklärt er.

Aus diesem Grund kam Eugène auf die Idee, Flows für spätere Arbeiten abspeichern zu können. In den Systemeinstellungen können die Flows verwaltet werden und sogar eine bestimmte „Siri Phrase“ hinzugefügt werden, die später auch in der Spotlight-Suche angezeigt werden. Sagt der Nutzer beispielsweise „Ich will schreiben“, öffnet der Mac automatisch den mit dieser Phrase gespeicherten Flow.

Flows hinzufügen

Der Nutzer kann so viele Flows hinzufügen, wie er will. Dafür klickt man lediglich auf das „+“-Symbol, welches auftaucht, wenn man mit der Maus über den Flow Strip fährt. Klickt und hält man das „+“-Symbol für längere Zeit, erschienen die bereits abgespeicherten Flows und man kann einen weiteren hinzufügen.

Schluss mit dem linearen Denken

„Wenn wir mehrere Dinge auf einmal erledigen, müssen wir manchmal ein Auge auf unser Dokument haben, während wir nach etwas anderem suchen. Flows soll das Multitasking-Arbeiten erleichtern“, erklärt Eugène. In manchen Fällen müsse eine App aber gar nicht im Vollbildmodus angezeigt werden. Beispielsweise dann, wenn man nur eine letzte Notiz nachschauen will. Deshalb hat sich der Designer eine Funktion namens „App-in-Picutre“ einfallen lassen.

Um davon Gebrauch zu machen, öffnet man eine App mittels Force Touch aus dem Dock. Darüber hinaus kann man auch jede bereits geöffnete App in den „App-in-Picture“-Modus versetzen:

 

Der neue Desktop

Um ein Dokument leichter in ein App-Fenster zu kopieren, kann man mit der bekannten Vier-Finger-Wischbewegung die Fenster in eine Übersicht bringen und anschließend das Dokument via Drag and Drop in das entsprechende Programmfenster ablegen.

Fazit

Wer schon mal mit mehr als zwei Programmen gleichzeitig arbeiten musste, wird Kévin Eugène wahrscheinlich in jedem Punkt beipflichten können. Die Flow-Funktion sowie der Flow Strip würden die Arbeit deutlich erleichtern – zumindest, in der Theorie. Denn auch wenn macOS Newton zwar ein attraktives Update für Mojave wäre, ist die Frage, wie die Performance bei leistungsstarken Apps aussieht.

Es wäre aber nicht das erste Mal, dass Apple sich von externen Designern inspirieren lässt. Vielleicht kommt die Funktion ja in Zukunft doch noch auf den Mac.

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