2367133

Morgenmagazin vom Donnerstag, 2. August 2018

02.08.2018 | 07:04 Uhr |

Vier Lehren aus der Apple-Bilanz +++ AAPL erstmals über 200 US-Dollar +++ Cupertino beendet Kopfsteuerpläne +++ Platz 2: Huawei verkauft mehr Smartphones als Apple +++ Android: Uhr-App weckt nun mit Spotify-Songs +++ Plastik-Waffen-Pläne: US-Gericht stoppt Downloads

2. August: Seiner Zeit voraus und dennoch zu spät

Wir wünschen allseits Guten Morgen! 25 Jahre sind eine lange Zeit, vor allem für die heute 25-Jährigen, die noch am Anfang ihres Lebens stehen. Ein anderer heute 25-jähriger weilt nicht mehr unter uns und das ist gar nicht mal so schade.

Wir erinnern uns an den Sommer 1993, speziell an den 2. August. Werder Bremen war kurz davor Deutscher Fußballmeister geworden, Bundeskanzler Kohl brachte sich langsam in Stellung für seine vierte und letzte Wiederwahl (die Rote-Socken-Kampagne...) und der noch frische US-Präsident Clinton hoffte darauf, dass er über sieben weitere Jahre im Weißen Haus leben würde.

Für uns weit Wichtigeres spielte sich aber am nördlichen Ende von "Boswash" ab, dem Städtekonglomerat, das sich an der US-Ostküste von Boston bis Washington zieht. Endlich und mit 16 Monaten Verspätung präsentierte der damalige Apple-CEO John Sculley auf der Macworld Expo am 2. August 1993 den Taschencomputer Newton Message Pad. "Traue niemals einen Computer, den du nicht selbst hoch heben kann," hatte Steve Jobs fast zehn Jahre zuvor über den Mac geschwärmt, nun war der Computer so weit, ihm erst dann Vertrauen zu schenken, wenn man ihn in die Hosentasche stecken konnte.

Nein, war er nicht wirklich. Wir können nur ahnen, ob Steve Jobs, wäre er Mitte der Achtziger bei Apple geblieben, ein derartiges Projekt so in den Sand gefahren hätte wie sein Nachfolger und Vor-vor-vorgänger an der Unternehmensspitze in Cupertino. Doch eines meinen wir zu wissen: Der noch junge und unerfahrene Jobs hätte Anfang der Neunziger nicht die gravierenden Fehler von John Sculley begangen.

Hauptproblem war die Kommunikation: Sculley hatte den Newton schon vollmundig angekündigt, als er noch weit von der Fertigstellung entfernt war. Der Newton war zudem ein Gerät, das ganz gut mit sich alleine zurecht kam, aber keine einfache Schnittstelle nach draußen bot. Wie auch, das Internet war noch jung und das mobile Netz nur ein Traum von talentierten Ingenieuren und Produktvisionären. Am meisten Spott bekam aber die Handschriftenerkennung des Newton ab: Diese brachte mehr als abenteuerliche Wortvorschläge, dagegen scheinen die heutigen Auto-Correct-Fails fast schon vernünftig. Dabei hatte Sculley genau die Handschriftenerkennung als den Unique Sales Point des Newton definiert. Den Taschencomputer zerstörte aber vor allem die Konkurrenz. Diese war vorgewarnt, was Apple da plante und wiederholte die Fehler Cupertinos nicht. So entwickelte etwa Palm eine eigene Kurzschrift für seine Pilots und Tungstens, die zumindest ein paar Jahre lang recht konkurrenzlos waren - dann schlug Apple zurück.

Nicht lang nach dem Desaster musste Sculley seinen Hut nehmen, zu Apple und zu Entscheidungsgewalt dort zurück gekehrt, stellte Steve Jobs das Projekt im Februar 1998 wieder ein. Kohl war damals gerade noch Kanzler, Kaiserslautern schickte sich an, Deutscher Fußballmeister zu werden und Bill Clinton bekam gewisse Probleme im Oval Office.

Im Jahr 2002 führte Apple eine eigene Handschriftenerkennung namens Inkwell in Mac-OS 10.2 Jaguar ein, benutzt und verspottet hat auch die kaum jemand. Die Technik scheint komplexer als Spracherkennung, während Siri immer besser versteht, was wir von ihr wollen, können wir trotz Apple Pencil und iPad Pro immer noch nicht so recht auf dem Tablet kritzeln und eine digitalisierte Fassung unseres Skripts erhalten. Es gibt zwar einige Apps von Drittanbietern, die das versprechen, sie halten aber nicht alles. Apple bietet immerhin auf der Apple Watch eine Art Handschriftenerkennung light an, wobei wir hier nicht flüssig schreiben, sondern Buchstabe für Buchstabe kritzeln. Dennoch ist der Computer, den wir so weit vertrauen, dass wir ihn uns an das Handgelenk binden, weitaus ausgereifter als das Gerät, das Apple heute vor 25 Jahren herausbrachte. Peter Müller

Lesetipps für den Donnerstag

Conclusio: Wir wollen unserem Macworld-Kollegen Jason Snell durchaus Recht geben, wenn er Apples Quartalsergebnisse für "langweilig brillant" hält. In der Tat haben wir diesmal (schon wieder) nichts davon gehört, wie Apple dem Untergang geweiht sei und anders als in früheren Jahren stürzte der Aktienkurs trotz der Rekordwerte nicht ab, sondern legte deutlich zu. Hinter den bloßen Zahlen steckt aber mehr, Apple will ja nicht alles verraten und Tim Cook hat wiederholt erklärt, dass ihn die Veröffentlichungspflicht alle drei Monate störe, da man in Cupertino langfristiger denke. So muss kann man also nur ein wenig spekulieren, aber wenn man zwei und zwei zusammenzählt, kommt man zu interessanten Schlüssen, die Jason Snell zieht. So sehe man aus den Verkaufszahlen des iPhone, wenn man sie über vier Quartale mittle, dass Apple einen neuen Peak erreicht hat, nach dem des extrem erfolgreichen iPhone 6/Plus. Das iPhone X ist also alles andere als ein Ladenhüter, das zeigt auch der deutlich angestiegene Umsatz pro iPhone. Auch wenn das iPhone wesentlich zu Apples Umsatz beiträgt, ist das Unternehmen alles andere als ein one-trick-pony: Mit Services und "Anderen" wachsen zwei neue Kategorien besonders stark. Mit dem Videodienst, an dem Apple arbeitet, werden die Services weiter zulegen. Im beginnenden Handelskrieg zwischen den USA und China wird Tim Cook als der "Top-Diplomat der Technologiebranche" (New York Times) eingeschätzt, Apples starkes Engagement bringt ihn dazu, gegen Zölle zu argumentieren - auch wenn es mit Fakten derzeit eher schwierig ist, etwas zu erreichen. In der Bilanzpressekonferenz schließlich beschied Cook eine Analysten-Frage nach dem Effekt von Apple Watch und AirPods, ob diese denn Einstiegsrampen für das Apple Ökosystem seien, durchaus positiv. Apple bleibt also attraktiv auch für Neukunden. Das nächste Quartal kann kommen.

Allzeithoch: Der Schwung, der die Bilanzveröffentlichung der Apple-Aktie verliehen hat, dürfte in diesen Tagen dazu führen, dass Apples Marktwert erstmals über eine Billion Dollar steigt. Einen Rekordwert hat die Aktie gestern Abend und in der Nacht bereits erreicht, AAPL wird zu Preisen über 200 US-Dollar gehandelt, zu Redaktionsschluss waren es 201,50 US-Dollar, was einem Börsenwert von 990,4 Milliarden US-Dollar entsprach. Bei einem Kurs von 204 US-Dollar ist die Marke von einer Billion erreicht.

Klarstellung: In seiner Pflichteingabe an die Börsenaufsicht SEC hat Apple die Risiken betont, die aus Strafzöllen entstehen. Die Rohmaterialien für seine Produkte würden dadurch zwangsläufig teurer, was auf die Marge gehe und auch die Preise erhöhe. Dadurch könnten Apples Produkte weniger konkurrenzfähig werden und die Verkäufe zurückgehen.

Unter Feuer: Apple sieht sich in China immer mehr Anfeindungen staatlicher Medien ausgesetzt. Zuletzt kritisierte eine 30-minütige Reportage den iPhone-Hersteller dafür, dass es im App Store jede Menge an Glücksspiel-Apps gebe und auch solche, die Pornographie verbreiteten. Experten sehen in den Angriffen einen Zug im Handelskrieg zwischen China und den USA, China wolle US-Präsident Trump zeigen, dass kein Tech-Unternehmen im Lande sicher sein könne.

Vision: Der Stadtrat von Cupertino hat die Idee einer Kopfsteuer begraben, die zur Finanzierung des ÖPNV-Ausbaus dienen sollte. Betroffen wären Firmen ab 100 Mitarbeitern, vor allem eben Apple, dessen lokale Steuerlast von 17.000 US-Dollar auf 9,4 Millionen US-Dollar angestiegen wäre. Mit ein Grund für das Ende der Steuerpläne ist eine spektakuläre Vision, berichtet Business Insider. Denn Elon Musk will angeblich im Silicon Valley einen Hyperloop bauen, der auch durch Cupertino führen soll und dessen Bau Apple finanziell unterstützen könnte. Noch sei man in frühen Phasen der Planung, ob der Hyperloop je realisiert werde, steht in den Sternen. Ebenso, ob Apple im Fall des Falls sein Scherflein dazu beitragen würde.

Weitere Nachrichten:

Platz 2: Huawei verkauft mehr Smartphones als Apple

Noch immer verkauft der südkoreanische Hersteller Samsung die meisten Smartphones weltweit. Im letzten Quartal konnte jedoch der chinesische Hersteller deutlich aufholen und Apple vom zweiten Platz verdrängen. Laut IDC und Strategy Analytics gingen die Verkäufe von Smartphones generell zurück. Am stärksten traf dieser Trend Samsung, der Hersteller konnte im Vergleich zum letzten Jahr zehn Prozent weniger Geräte verkaufen. Die starke Nachfrage nach der P20- und Nova-Serie von Huawei sorgte bei den Chinesen hingegen für 54,2 Millionen verkaufte Einheiten. Damit hat Huawei den iPhone-Hersteller deutlich überholt. Apple verkaufte in den letzten zwölf Monaten 41 Millionen iPhones, im Vergleich zum Vorjahr ergibt sich daraus ein mageres Wachstum von 0,7 Prozent.

Die verlorenen Marktanteile will Apple mit drei neuen iPhone-Modellen im Herbst wieder zurückgewinnen. Die Smartphones sollen durch ihre unterschiedlichen Bildschirmgrößen und Preise neue Kunden anlocken. Die chinesischen Hersteller Huawei und Xiaomi verzeichnen indes deutlich bessere Wachstumszahlen. Speziell die Nachfrage nach den hochpreisigen Smartphones P20 und P20 Pro ließ bei Huawei die Kassen klingeln.

Android: Uhr-App weckt nun mit Spotify-Songs

Google hat seiner Uhr-App für Android (hier im Play Store erhältlich ) eine Integration von Spotify spendiert. Damit können sich Nutzer nun nicht nur mit einem Alarm-Ton, sondern auch mit einem der mehr als 35 Millionen Songs wecken lassen, die bei Spotify verfügbar sind.

Die neue Version der App “Google Uhr” können Nutzer mit ihrem Spotify Konto verknüpfen und dann im Tab “Wecker” einzelne Songs, Alben oder Playlists als ihren persönlichen Alarmton einstellen. Für die kostenlose, werbefinanzierte Version von Spotify ist die gleiche Funktion im Shuffle-Modus verfügbar.

Nachdem der Alarm ausgestellt wurde, können über die Option "Continue Playing" die Songs weitergehört werden. Außerdem bietet Spotify passend zum Aufstehen Playlists wie "Die Dusch Playlist" oder "Top of the Morning" an. Die Spotify-Integration für “Google Uhr” ist laut Google und Spotify ab sofort für alle mobile Android-Systeme verfügbar. Auf unserem Testgerät konnten wir die Funktion allerdings noch nicht ausprobieren. Es könnte also auch noch ein paar Stunden dauern, bis alle Nutzer die neue Version erhalten haben.

Plastik-Waffen-Pläne: US-Gericht stoppt Downloads

Der Streit um die Veröffentlichung der Daten, mit denen jeder funktionstüchtige Plastik-Waffen in einem 3D-Drucker ausdrucken kann, geht in eine neue Runde. Die Non-Profit-Organisation Defense Distributed von Cody Wilson hat ihren jahrelangen Kampf gegen die US-Regierung gewonnen und wollte die Pläne am 1. August veröffentlichen ( wir berichteten ). Das hat ein US-Bezirksrichter in Seattle in der Nacht zum 1. August (deutscher Zeit) nun gestoppt. In der Entscheidung verbietet der Richter vorerst der US-Regierung, die Verbreitung dieser Pläne zu erlauben.

Auch US-Präsident Donald Trump hat sich in die Diskussion mittlerweile eingeschaltet. In einem Tweet erklärt er, sich dem Thema intensiver widmen zu wollen. Die Absicht, 3D Plastik-Waffen an die Öffentlichkeit zu verkaufen, mache für ihn keinen Sinn und er habe darüber auch schon mit der NRA gesprochen. Die Natonal Rifle Association (NRA) ist die größte Waffen-Lobby in den USA.

Bleibt noch festzuhalten: Defense Distributed hat die Öffentlichkeit ausgetrickst. Statt am 1. August wurden die Pläne für Waffen aus dem 3D-Drucker bereits am Wochenende auf defcad.com veröffentlicht und tausendfach heruntergeladen. In der Nacht zum Mittwoch hat Defense Distributed aber die Downloads aufgrund der richterlichen Anordnung wieder vom Netz genommen und ruft nun zur Unterstützung auf, damit die Downloads wieder angeboten werden können.

Macwelt Marktplatz

2367133