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Morgenmagazin vom Donnerstag, 4. Mai 2017

04.05.2017 | 07:03 Uhr |

Apple investiert in US-Jobs +++ DRAM- und NAND-Preise drücken auf Marge +++ Gerüchte um iPhone 8: Welche Quellen sind zuverlässig +++ Intel schließt eine sieben Jahre alte Sicherheitslücke +++ Studie: Smartphones machen kurzsichtig +++ Fotografieren mit Gegenlicht: Darauf muss man achten

4. Mai: May the Force...

Wir wünschen allseits Guten Morgen! Denken wir uns nur einmal ein paar Jahre oder wenige Jahrzehnten zurück, was hätten wir alles dabei haben müssen anstatt des iPhones in unserer Hosentasche? Erst einmal ein Telefon, was man ja in den Achtzigern durchaus mobil benutzen konnte, wenn die Schnur lang genug war. Als nicht mehr jeder Haushalt das graue Bakelitgerät benutzen musste, sondern allmählich freie Auswahl bekam, konnte man in den Elektroabteilungen der Kaufhäuser Verlängerungskabel kaufen und somit während des Telefonats spazieren gehen. Gut, eher auf den Balkon und nicht auf die Straße, aber da standen dafür diese gelben Häuschen mit den Münztelefonen. Das Mobiltelefon von früher waren also gewissermaßen die beiden Zehnerl und später die Telefonkarte, die man immer mit dabei haben musste.

Für den schnellen Schwatz zwischendurch haben wir WhatsApp und andere Messenger, damals hätten wir immer eine Blase von Freunden um uns herum haben müssen. Gut, hatten wir auch den dagegen die meiste Zeit, es gab ja noch kein iPhone. Für den Austausch auch teils konträrer Meinungen hätten wir damals unseren Stammtisch immer mitnehmen müssen oder uns ungefragt an den in der Wirtschaft setzen müssen. Mit Facebook und Twitter ist das heute etwas leichter.

Schwerer wogen dagegen die Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, die wir seinerzeit für längere Zugfahrten oder dergleichen mitschleppten und die vielen Fahr- und Stadtpläne für unsere Interrailtrips. Heute haben wir Apps, auch solche, in die wir unsere Reiseeindrücke schreiben, das Notizbuch und die Bleistifte können daheim bleiben. Extra für unterwegs hatten wir unsere Lieblingsplatten auf Kassette kopiert und wer sich heute über die gewiss immer unzureichende Akkulaufzeit seines iPhones beschwert, hat bereits vergessen, dass auch der Walkman nach etlichen Stunden nach frischer Energie dürstete, man hörte das am Leiern der Musik, sobald die Batterien zu schwach für den Motor geworden waren.

Und richtig gute Fotoapparate konnten sich nur die wenigsten leisten, mit Wechselobjektiven und einer Menge von Filmrollen landeten sie in einer eigenen Tasche. Man fragt sich, wie wir das früher alles geschleppt haben. Vor allem bei der Ablichtung unserer Umgebung bieten iPhone und Co nie gekannte Freiheiten, wir machen uns überhaupt keine Gedanken mehr, ob der Film noch reicht und wie wir gegebenenfalls an Nachschub komme, sondern knipsen einfach drauf los. Das bringt uns  in der Gesamtheit nicht immer mehr brauchbare Fotos, aber so manchen Moment können wir dennoch festhalten, für den uns sonst nur unsere bekannt unzuverlässige Erinnerung hätte helfen müssen.

Diese Freiheit hat ihre Grenzen, wie eine jede genau dort, wo sie die Rechte anderer einschränkt. Hartnäckige Essensfotografierer und Selfieknippser sind damit nicht gemeint, die sind zwar manchmal zum Fremdschämen, stören meistens aber nicht. Problematisch wird es, wenn der Gaffer in das digitale Zeitalter eingetreten ist und Rettungskräfte wie Polizei bei der Arbeit massiver denn je behindert. Das Phänomen „Gaffen“ ist nichts Neues, man hat aber den Eindruck, dass Augen- und Ohrenzeugen von Unglücken immer hemmungsloser gewissermaßen über Leichen gehen, um das perfekte Horrorfoto oder -video zu schießen. Immer mehr beklagen sich Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten darüber, an Einsatzorten nicht nur behindert, sondern gar auch tätlich angegriffen zu werden. Was bildet sich der Helfer auch ein, mitten im Bild zu stehen?

So wollen wir am heutigen Internationalen Tag der Feuerwehrleute, der nicht zufällig auf den Todestag des Heiligen Florian fällt, daran erinnern, dass stets Helfen vor Glotzen gehen sollte. Manchmal hilft man sogar nur dadurch, indem man das iPhone in der Tasche lässt und langsam weitergeht oder fährt. Lassen wir den Rettungskräften ihre Arbeit machen, wer weiß, wann wir sie brauchen. Bis dahin: May 4th be with you! Peter Müller

Lesetipps für den Donnerstag:

Made in America: In einem Interview mit CNBC hat Apple-CEO Tim Cook angekündigt, dass sein Unternehmen eine Milliarde US-Dollar investieren werde, um Arbeitsplätze in der Produktion in den USA zu schaffen. Schon heute müsse Apple sich aber nicht verstecken, da es für zwei Millionen Jobs im Lande verantwortlich sei. Das Gros gehe aber auf Beschäftigung von 1,5 Millionen Entwicklern, auch bei US-Zulieferern wie Corning oder 3M sorge Apple für Beschäftigung. Aber immerhin arbeiteten auch rund 6000 Personen in der Fabrik in Austin, wo Apple den Mac Pro zusammenbaut. Für die Investition in den USA muss sich Apple aber absurder Weise Geld leihen, da auf die im Ausland geparkten Barreserven 35 Prozent Steuern fällig sind. Cook gab der Hoffnung Ausdruck, dass es bald eine Steuerreform geben werde, dank derer global operierende Unternehmen ihre im Ausland erwirtschafteten und versteuerten Gewinne ohne zu hohe weiteren Abgaben in die USA zurück führen könnten. Zu Aussagen über neue Produkte ließ sich Cook nichts entlocken, deutete nur vage an, dass im Gesundheitsbereich noch viel möglich und Augmented Reality für Apple ein spannendes Thema sei. Aber weder konnte oder wollte er etwas zum Apple Car sagen noch zum Veröffentlichungstermin des nächsten iPhones.

Sorge um die Marge: Zuletzt waren die Preise für DRAM und NAND gestiegen, was auch Apple auf seiner Bilanzpressekonferenz am Dienstag erwähnte. Das könnte auch Auswirkungen auf die Ausstattung des iPhone 8 haben, meinen die Experten von Trendforce. Apple werde in das neue Modell daher nur maximal 3 GB Arbeitsspeicher verbauen, erst der Nachfolger könnte mit 4 GB kommen. Wie viele Gerüchte um das iPhone 8 ist auch dieses hoch spekulativ, nur ist es auch korrekt, dass Apple allmählich Komponenten für die Massenproduktion ordern müsste und in einer Hochpreisphase womöglich Entscheidungen trifft, die eine wesentliche Kennzahl der Bilanz zu Gute kommen: Der Marge. Das iPhone 8 dürfte ohnehin schon ein wenig teurer werden als die aktuellen Modelle, einen weiteren Preisaufschlag will man den Kunden eher nicht zumuten. Neben Ming-Chi Kuo und Digitimes hat nun auch Nikkei postuliert, Apple werde den üblichen Septembertermin mit dem iPhone 8 verpassen, vor allem Samsung als Lieferant für gebogene OLED-Screens könne noch nicht in der von Apple gewünschten Menge liefern. iPhone 7s und iPhone 7s Plus hingegen kämen ohne Verzögerung.

Wunschliste: Auf der WWDC im Juni wird neben iOS 11 und mac OS 10.13 vermutlich auch watchOS 4 Premiere feiern. Daher wird es allmählich Zeit für eine Wunschliste.  Eine solche hat unsere Macworld-Kollegin Susie Ochs aufgestellt und dabei einige interessante Details aufgeführt. So sollte die Apple Watch sich besser auf Steuerung von allerlei anderen Geräten wie dem Apple TV verstehen oder den Smart-Home-Geräten, Siri sollte dabei unterstützen. Anders als manche Fitnessarmbänder erkennt die Watch auch nicht automatisch, wenn man eine Aktivität wie Laufen oder Radfahren startet und wieder beendet. Würde sie sich rechtzeitig vor dem Zubettgehen melden und an das rechtzeitige Aufladen erinnern, könnte sie auch als Schlaftracker bewähren - wobei die Ergebnisse derartiger Messungen stets zu bezweifeln sind. Nützlich ist zwar die Funktion, das gekoppelte iPhone zur Ausgabe eines Sounds zu veranlassen, aber auch andere Geräte aus dem Apple-Universum könnten sich mit Hilfe der Uhr wieder finden lassen. Es ist auf alle Fälle noch viel Luft nach oben bei watchOS 4 und der Apple Watch.

Vorbild: Gewiss, Hulu ist nicht in Deutschland verfügbar und somit auch nicht der gestern gestartete Service Hulu Live TV, doch könnte das Angebot Bewegung in den Fernsehmarkt bringen und sich womöglich auch auf das Apple TV durchschlagen. Hulu Live TV kostet 40 US-Dollar im Monat, bietet dafür aber 50 Fernsehkanäle, für zusätzlichen Speicher  im Online-Videorekorder oder das Überspringen von Werbung verlangt Hulu Aufpreis. Das Angebot der Sender ist reichhaltig, es fehlen aber etwa der Discovery Channel oder die Programme von AMC und Viacom. Der Zugang zu Hulus On-demand-Video-Service ist inklusive. Nutzer können sich bis zu sechs Profile konfigurieren, darunter auch solche mit Kindersicherung.

Weitere Nachrichten:

Gerüchte um iPhone 8: Welche Quellen sind zuverlässig

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein frisches Gerücht irgendwo aus China oder aus gut informierten Quellen direkt bei Apple auftaucht. Dies ist wohl verständlich: Das iPhone 8 wurde schon längst zu einem Jubiläums-iPhone hochgehyped. Dazu kursieren Berichte über spannende Neuerungen, die angeblich ihren Weg auch in das neue Gerät finden. Die derzeit heißesten Anwärter sind die Drahtlos-Ladetechnologie und ein rahmenloses Design, ähnlich wie dies die Konkurrenz von Samsung bereits vorgestellt hat.

Doch die Gerüchte kommen momentan in einem doch beachtlichen Tempo, dazu passiert es immer wieder, dass sich die unterschiedlichen Quellen bei den angeblichen Spezifikationen widersprechen. Wem soll man dabei glauben? Wer kennt die Pläne von Apple am besten oder kann sie am besten erraten? Geben vermeintliche Fotos und Videos aus China die besten Hinweise oder wissen die Analysten doch mehr? Um diese Fragen beantworten zu können, haben wir im letzten Jahr gleich nach der iPhone-7-Keynote die Gerüchte-Lage um das gerade vorgestellte Smartphone fixiert. Dazu haben wir mit dem Tool "All my Tweets" das Twitter-Konto von 9to5mac analysiert und alle Nachrichten-Überschriften mitsamt der Links beginnend ab dem 6. Januar 2016 und bis 7. September 2016 heruntergeladen. Von den rund 3000 Links haben wir 115 Beiträge identifiziert, die sich um das iPhone 7 und die kommenden Funktionen des neuen Geräts handelten. Der Feed der Macwelt hätte sich für solche Aufgabe nicht geeignet, da wir nicht über alle von diesen Gerüchten berichtet haben. Da die Quellen bei der Berichterstattung rund um das iPhone 8 fast die gleichen geblieben sind, kann man nun auf Grund von der Gegenüberstellung "Realität vs. Gerüchte" eine ungefähre Glaubwürdigkeit der einzelnen Quellen herleiten.

Ming-Chi Kuo : Der Analyst von KGI Securities wird zuweilen als DIE Quelle gefeiert, wenn es darauf ankommt, etwas Neues zum kommenden iPhone zu erfahren.  Und tatsächlich: Fünf iPhone-7-Nachrichten führen zurück auf ihn als die Quelle. Bei den meisten hat er richtig gelegen: die kommenden Airpods richtig vorhergesagt, die duale Kamera im iPhone 7 Plus, weitere Spezifikationen wie den A10 Chip mit 2,4GHz Taktung, 12-MP-Kamera und der neuen Farbvariante. Nur bei einer Vorhersage hatte Kuo falsch gelegen: Nach seiner Auffassung sollte sich das iPhone 7 schlechter verkaufen als das Vor-Modell iPhone 6s. Dies war nicht der Fall .

Mark Gurman : Der ehemalige Autor von 9to5mac ist im letzten Jahr zu Bloomberg gewechselt, seine Berichte zu den kommenden Funktionen oder Produkten wurden seltener, aber nicht weniger präzise. Zwei Nachrichten listen ihn als Quelle, die beiden waren richtig: die Airpods wurden zusammen mit dem iPhone 7 vorgestellt, er hat auch die fehlende Klinkenbuchse und den neuen Home Button bestätigt. 

Digitimes : Die taiwanische Zeitung berichtet immer wieder über Gerüchte zum zukünftigen iPhone, die meisten dieser Meldungen führen auf weitere Quellen. Daher stammen nur drei Nachrichten direkt von Digitimes, zwei davon richtig, eine falsch. Digitimes hat richtig erkannt, dass Apple seine Chips nur bei TCMS produzieren wird und das die Apple Watch 2 im Herbst kommen wird. Die Zeitung hat sich etwas mit dem neuen Produzenten Wistron in Indien vertan. Erst jetzt kommen die Gerüchte bzw. Berichte, dass Apple seine Indien-iPhones endlich vor Ort produzieren darf.

Evan Blass : Etwas überraschend für uns hat der Twitter-Nutzer Evan Blass das Glaubwürdigkeits-Rennen gewonnen. Vier Nachrichten listeten ihn als Quelle, alle vier Vorhersagen waren richtig: Die Bestellung des iPhone 7 startete am 9. September, der Verkaufsstart war am 16. September, und es gab kein iPhone-Pro-Modell.

Macotacara : Die japanische Zeitschrift bringt immer wieder glaubwürdige Gerüchte und sogar Zeichnungen der kommenden Modelle. Elf Nachrichten zum iPhone 7 konnten wir auf das Zeitschrift zurückführen. Das Ergebnis ist eher durchwachsen: sechs davon waren falsch, fünf aber richtig. iPhone 7 in Dunkelblau ? Wäre schön, aber nicht diesmal. Zumindest bei Smart Connector hat Macotacare den richtigen Riecher erwiesen und die Funktion verneint.

Nikkei: Nikkei Asia Review mit Sitz in Japan hat beim iPhone 7 für zwei Berichte gesorgt. Das Ergebnis ist 50/50. Richtig lag die Zeitung bei den Produktionsschwierigkeiten des iPhones, so dass manche Kunden Wochen auf das neue Smartphone warten mussten. Rein nominell lag aber Nikkei beim Produktionszyklus falsch : Apple hat das iPhone 7 doch noch 2016 veröffentlicht und nicht bis 2017 gewartet.

Onleaks : Der französische Blogger hat die meisten Nachrichten verursacht, wir haben ganze fünfzehn gezählt, die ihn als Quelle auflisten. Dazu veröffentlicht der Franzose gerne Fotos und Videos, die angeblich die kommenden Geräte zeigen sollen. Doch selbst solche Medien sind noch kein Beweis, dass die gezeigten Geräte tatsächlich von Apple stammen. In einem der von ihm veröffentlichten Fotos ist der Kamerablitz nach unten gerutscht . Dies ist bei keinem der iPhones der Fall. Kurzum: sieben von fünfzehn Gerüchten von Onleaks haben wir als falsch identifiziert, acht waren richtig. Hier also die Empfehlung, die Berichte von Onleaks immer mit einer Prise Skepsis zu nehmen. Selbst Fotos oder Videos sind noch kein Beweis.

Weibo : Weibo ist keine Person oder Zeitung, sondern eine Social-Media-Plattform aus China, ähnlich wie Twitter. Dort tauchen ebenfalls immer wieder Berichte, die auf die kommenden iPhones hinweisen. Elf Meldungen haben wir auf Weibo zurückgeführt, acht davon waren falsch , eine teilweise falsch, zwei waren richtig. Hier waren die Autoren kreativ und haben sich ein iPhone 7 Pro, Lightning-Earpods und Smart Connector beim iPhone ausgedacht. Richtig lagen dagegen die Weibo-Nutzer bei dem größeren Akku und dem Rosé Gold .

Intel schließt eine sieben Jahre alte Sicherheitslücke

Die in einigen Intel-Prozessoren seit 2010 verbaute Möglichkeit zur Fernwartung ließ sich durch eine Sicherheitslücke manipulieren, um auf diese Weise Rechner im Netzwerk zu übernehmen. Hersteller Intel hat die Schwachstelle in den hauseigenen Funktionen Active Management Technology, Intel Small Business Technology und Intel Standard Manageability nun per Patch geschlossen. 

Potenziell gefährdet waren laut Intel jedoch nur Rechner von Geschäftskunden. Die in Heimrechnern verbauten Prozessoren seien hingegen nicht betroffen. Wer Intel Active Management Technology (AMT), Intel Standard Manageability (ISM) oder Intel Small Business Technology in den Versionen 6.x bis 11.6 verwendet, sollte dringend den Patch einspielen . Die Versionen vor 6.0 und nach 11.6 sind hingegen sicher.

Studie: Smartphones machen kurzsichtig

Dass sich das Sozialverhalten durch die ständige Nutzung von Smartphones verändert, ist sicher vielen Menschen schon aufgefallen. Doch auch die Gesundheit steht auf dem Spiel. Schon jetzt leidet mehr als die Hälfte aller Studenten und Abiturienten an Kurzsichtigkeit. Ein Grund hierfür könnte die zu häufige Nutzung von Smartphones schon im Kindesalter sein. Die seltene Beschäftigung im Freien trägt ihren Teil zu dieser Entwicklung bei.

Nach Ansicht von Anselm Jünemann, Direktor der Augenklinik der Unimedizin Rostock, wird sich diese Entwicklung weiter verstärken . Augenärzte müssten daher Alarm schlagen, da die steigende Fehlsichtigkeit auch Folgen für die Krankheitskosten haben würde. Außerdem sei nicht absehbar, welche Auswirkungen das Fehlverhalten in der Jugend auf das spätere Leben der Menschen haben wird.

Fotografieren mit Gegenlicht: Darauf muss man achten

Eine Kamera fängt das Licht ein, das vom Motiv reflektiert wird. Was aber, wenn sich hinter dem Objekt der Begierde eine Lichtquelle befindet, die viel heller strahlt als das Motiv selber; beispielsweise die Sonne. Dann hat Ihre Kamera ein ziemlich großes Problem. Sie wird zumindest im automatischen Modus versuchen, eine Überbelichtung zu verhindern. Allerdings wird sie ziemlich sicher den Bereich mit der maximalen Helligkeit als Bezug nehmen, also das Licht hinter dem Motiv. Das Ergebnis ist naheliegend: Das eigentliche Bildobjekt ist vollkommen unterbelichtet. Hilft man mit der manuellen Belichtungsspeicherung nach und schafft es, die Belichtung auf dem Motiv zu messen, ist das Resultat meist umgekehrt: Das Gegenlicht überstrahlt alles, das Foto ist überbelichtet.

Was ist Gegenlicht?

Vielfach assoziiert man mit Gegenlicht immer die Sonne, die sozusagen dem Objektiv entgegensteht. Allerdings kann Gegenlicht alles Mögliche bedeuten – Autoscheinwerfer ebenso wie eine Lampe oder auch einfach nur ein Fenster im Hintergrund. Wie sehr das als Herausforderung zu betrachten ist, hängt immer auch davon ab, wie groß die Lichtdifferenz zur Umgebung ist. Das Abblendlicht eines Fahrzeugs am Tag ist zwar heller als das Tageslicht, aber nicht so, dass es die Belichtungsmessung dramatisch beeinflusst. Das gleiche Licht in tiefer Nacht wirkt dagegen extrem blendend und grell. Auch die untergehende Sonne ist Gegenlicht, aber hier gilt ebenfalls, dass ihre Intensität deutlich geringer ist als beispielsweise in den frühen Mittagsstunden oder tiefer stehend am Nachmittag. Tatsächlich ist die Sonne fotografisch die größte Herausforderung, denn nichts strahlt heller als die Sonne. Entsprechend ist hier übrigens auch ein wenig Vorsicht geboten; der Blick durch die Teleoptik einer DSLR mit optischem Sucher ist nicht gerade optimal für die Augen, nutzen Sie hier lieber den Live-View. Je nachdem, wie sich die Umgebung präsentiert, empfiehlt sich außerdem die Verwendungeiner Gegenlichtblende, um Streulichtso gut wie möglich abzuhalten. Gerade im Schnee oder bei Wasserflächen sind die Lichtwege aufgrund der zahlreichen Reflexionen kaum kontrollierbar.

Fotografieren ohne Automatik

Kamera-Einstellungen

Für Gegenlichtaufnahmen können Sie entweder den Automatik-Modus verwenden, oder Sie stellen die Kamera manuell ein. Im zweiten Fall bedeutet das, den ISO-Wert auf 100 zu reduzieren, eine kleine Blendenöffnung zuwählen und auch die Belichtungszeit so zu reduzieren, dass am Ende nicht einfach auf dem Bild nur eine gleißende Fläche zu sehen ist. Eventuell können Sie sogar zusätzlich mit der Belichtungskorrektur noch um einen oder zwei Schritte heruntergehen, wenn alle anderen Maßnahmen nicht helfen sollten und die Kamera immer noch überbelichtet. Es besteht – ungewöhnlich genug – sogar die Option, auf ein lichtschwächeres Objektiv zu wechseln, wenn es einfach zu hell sein sollte.

Im Hinblick auf die Brennweite empfiehlt sich eine Normalbrennweite oder aber auch ein leichtes Tele, also ähnlich wie in der Porträt-Fotografie. Weitwinkel-Optiken sind weniger geeignet, taugen aber bei einem solchen Szenario wie dem Einstiegsbild in diesen Artikel. Allerdings ist hier das Gegenlicht auch nur das gestalterische Element des gesamten Bergpanoramas, weshalb das in diesem Fall funktioniert.

Standort wechseln

Die einfachste Maßnahme gegen zuviel frontales Licht besteht darin, den Standort zu wechseln, sodass Sie zumindest Seitenlicht oder Licht schräg von hinten haben. Wenn das Foto einen rein dokumentarischen Zweck hat, ist das durchaus ein probates Mittel. Allerdings können Sie das Gegenlicht auch zu Ihrem Verbündeten machen und als Stilmittel einsetzen. Dabei haben Sie mehrere Möglichkeiten, abhängig von den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. Die simpelste Variante ist tatsächlich ein Standort - oder zumindest Perspektivenwechsel. Allerdings nur so weit, dass die Lichtquelle hinter dem eigentlichen Objekt verschwindet oder aus dem Bildmittelpunkt wandert, sodass Sie nicht direkt ins Licht fotografieren müssen. Damit können Sie dann die Belichtung auf dem Motiv messen und fotografieren. Allerdings wird Ihnen die Lichtquelle als greller Punkt im Bild erhalten bleiben, was nicht unbedingt schlimm ist. Zumal dies einen zusätzlichen Effekt bewirken, kann: das so genannte Lens Flare, auf Deutsch Blendenflecke. Sie entstehen durch Reflexionen und Streuung innerhalb des Objektivs, genauer gesagt, innerhalb des Linsenverbundes. Die Flecken lassen sich hinsichtlich der Position und Farbe kaum steuern, sorgen aber für einen interessanten Bildeffekt. Allerdings gibt es zur Erzeugung der Flecken zwei Faustregeln. Zum einen gilt, dass der Bereich, in dem Lens Flare auftritt, umso größer wird, je weiter Sie die Lichtquelle an den Bildrand rücken, bei Weitwinkelbrennweiten ist der Effekt stärker als bei Telebrennweiten. Zum anderen erzeugen Objektive mit zunehmender Menge an Linsen mehr Blendenflecke. Wollen Sie also Lens Flare in Ihrem Foto, nutzen Sie ein Zoom und kein Festbrennweiten-Objektiv.

Expedition-Fotografin Ulla Lohmann im Interview

Silhouetten

Natürlich lässt sich der Effekt des überstrahlten Motivs auch künstlerisch nutzen. Dann nehmen Sie billigend in Kauf, dass Ihr eigentliches Motiv sehr dunkel wird, Kontraste verschwinden und das Licht wird das Bild dominieren. Das kann sehr reizvoll sein, weil dann dem Betrachter sehr viel Interpretationsspielraum bleibt. Hier ist es sinnvoll, mit kleineren Blendenöffnungen zu arbeiten, da sonst am Ende ein vollkommen über-belichtetes Foto steht.

„Anti-Gegenlicht“

Die dritte Variante, mit Gegenlicht fertig zu werden, ist ein Blitz. Sie blitzen also praktisch gegen das Licht an und rücken damit das Motiv wieder in den Vordergrund. Das Besondere an der Technik ist, dass das Bild trotz grellem Hintergrund richtig ausgeleuchtet und belichtet wird, man aber dennoch das Gegenlicht erkennt. In der Regel – und das fällt dem Betrachter unterbewusst auf, sind bei solchen Aufnahmen kaum Schattenwürfe zu erkennen, was den Fotos eine gewisse Unnatürlichkeit verleiht, sie aber gleichzeitig sehr ästhetisch wirken lässt.

Bei geplanten Gegenlicht-Aufnahmen ist auch der Einsatz eines Reflektors denkbar. Im Gegensatz zum Blitz ist er allerdings schwieriger zu kontrollieren. Und gerade für Porträtfotos auch etwas problematisch, wenn das Model plötzlich mit zusammengekniffenen Augen da steht, weil der Reflektor ähnlich grell erscheint wie die Sonne. Umgekehrt kann aber ein „Reflektor„ auch eine wunderbare Gegenlichtquelle sein, etwa in Form einer glänzenden Radkappe eines alten Autos oder einer Wasseroberfläche. Ein Klassiker ist hier beispielsweise der Sonnenuntergang am Meer.

Gegenlicht ist eigentlich lästig, weil es nicht ganz einfach ist, damit umzugehen. Wenn Sie sich allerdings darauf einlassen, mit dem Licht zu arbeiten, dann wird daraus ein Schuh und Sie dürfen sich auf wunderschöne Aufnahmen freuen, die eben mehr sind als perfekt belichtete Motive.

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