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Nuraphone: Kopfhörer mit individuellem Profil

18.12.2018 | 10:10 Uhr |

Jedes Ohr ist anders, nicht nur hinsichtlich der Passform der Muschel und des Gehörgangs. Das Nuraphone berücksichtigt individuelles Hörvermögen bei der Aussteuerung des Klangs. Die ungewöhnliche Lösung weiß zu beeindrucken.

Das Nuraphone verbindet Gutes aus zwei Welten: Einerseits ragen in den Gehörgang Stöpsel eines InEar-Hörers, auf der anderen Seite überdeckt eine gut abdichtende Schale unsere Ohren, die uns zudem mit Bass versorgt. Aber nicht nur die Bauform ist ungewöhnlich, sondern vor allem die Software des Nuraphone. Denn der Hersteller – ein auf Akustik spezialisiertes junges Unternehmen aus Australien – verspricht individuelles Hörvergnügen dank ausgefeilter Kalibrierung.

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Ein jedes Ohr hört anders

Das geschieht mit einem oktoakustischen Hörtest, den man bei der Einrichtung des Nuraphones über die App des Kopfhörers absolvieren muss. Im Prinzip funktioniert das so: Der Lautsprecher sendet über einen großen Frequenzbereich Töne in das Ohr des Nutzers und misst mit seinen sensiblen Mikrofonen den Schall, der zurück kommt. Denn das von äußerem Schall zum Schwingen angeregte Innenohr sendet auch einen kaum wahrnehmbaren Schall zurück. Und je nachdem, welche Amplitude die Elektronik zur definierten Frequenz misst, erstellt die Software ein individuelles Hörprofil. Denn wir nehmen unterschiedliche Frequenzen nun einmal unterschiedlich stark wahr – und brauchen bei manchen etwas mehr Lautstärke, bei anderen weniger für ein ausgewogenes Hörempfinden. Das ist bei jedem Ohr anders – was zu überraschenden Ergebnissen führt.

Beim Kalibrieren muss der Kopfhörer perfekt sitzen. Vier Paar Ohrstöpsel sollen das erleichtern.
Vergrößern Beim Kalibrieren muss der Kopfhörer perfekt sitzen. Vier Paar Ohrstöpsel sollen das erleichtern.

Beim Erstellen des Hörprofils muss aber der Kopfhörer perfekt sitzen – nicht nur die Schalen über den Ohren, sondern auch die Stöpsel in den Gehörgängen müssen diese perfekt schließen, damit die Messung korrekt ausfällt. Das fällt uns gar nicht so leicht, wir benötigen mehrere Versuche, bis uns die Software mitteilt, dass das Nuraphone richtig sitzt – die eigentliche Kalibrierung ist dann aber in wenigen Minuten erledigt.

So erklärt sich die Grafik des Hörprofils
Vergrößern So erklärt sich die Grafik des Hörprofils
© Nura

Und damit wir gleich merken, was das bringt, spielt uns die App auch gleich Musik vor, zunächst in neutraler Einstellung und bittet uns dann, unser Profil einzuschalten. Das ist zwar ein Unterschied wie Tag und Nacht, hängt aber auch damit zusammen, dass im Modus "Neutral" nur die Mitten- und Hochtöner in den Stöpseln zum Klang beitragen – klingt flach, mau und blechern. Ganz anders natürlich, wenn die Elektronik ihre Wirkungen zeigt und uns Sound passend zu unserem Profil ausgibt. Zugegeben, so hatten wir den Anfang von " Dark Side Of The Moon " zuletzt auf der " Division Bell "-Tour im Münchener Olympiastadion gehört – aber gewiss noch nie auf Kopfhörern, auch nicht auf den besseren, die wir in den letzten Jahren im Test hatten.

Beim Bass kann man auch übertreiben

An sich gibt es außer der Wahl des Profils nur noch eine weitere Einstellung in der App vorzunehmen: Die der Immersion. Die Skala reicht von "niedrig" bis "erste Reihe" und damit ist an sich schon fast alles gesagt. Denn im Wesentlichen handelt es sich um eine Bassanhebung. Ist man früh genug vor dem Konzertbeginn da, bekommt man vorne nicht nur mehr zu sehen, sondern auch mehr zu hören, respektive zu fühlen, je näher man an der Bassbox steht. Die Immersions-Einstellung lässt uns allerdings nur virtuell näher an die Basslautsprecher des Nuraphones rücken, die Membranen bleiben ja stets an der gleichen Stelle, schwingen dann aber stärker. Den Bass nehmen wir dabei mehr über die Knochenleitung als über das innere Ohr auf, die Stöpsel dichten ja recht gut den Gehörgang ab. Gut so: Bass wollen wir mehr fühlen als hören.

Für den Check der Funktion nehmen wir uns " Man With A Stick " von Fish vor – hat einen hübschen Synth-Bass ab Takt 9, und wir hatten kürzlich das echtes Live-Vergnügen, wenn auch nicht in der ersten Reihe. Der Effekt der Immersion ist beeindruckend, aber wir gehen nur kurz ganz nach vorne, denn in der Extremeinstellung übersteuert der Bass, es wummert an sich nur noch dumpf. Eine Einstellung etwas "vorne" der Mitte klingt weit besser. Manchmal sieht und hört man in der vierten Reihe doch besser.

Starker Klang über viele Genres hinweg

Könnte auch am Mix gelegen haben oder dem Sound des Synthies, also besuchen wir Queen in Wembley. Gleicher Effekt. In der ersten Reihe mumpfelt und wummert John Deacons Bass nur noch – ein bisschen "dahinter" knallt er uns druckvoll, aber bestimmt und klar das Riff von " Another One Bites the Dust " entgegen.

Noch zwei Tests stehen aus: Mit Klassik und mit einer Eigenproduktion. Zunächst einmal eine kleine Bergwanderung mit der Alpensinfonie von Richard Strauss (Lorin Maazel, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, 1999). Am Ende der "Nacht" grollen uns die Pauken auch zu sehr, wenn wir die Immersion voll aufdrehen, beim "Sonnenaufgang" nehmen wir doch einen Schritt zurück. Hier gefällt uns die Einstellung am Besten, wenn wir weniger als halb aufdrehen. Ähnliches gilt für das Allegro con Brio der Fünften von Ludwig van Beethoven : Mittelstellung, höchstens. Sonst übersteuern Celli und Kontrabässe gnadenlos. Doch in beiden Fällen wissen die Nuraphones gut zu gefallen, einzelne Instrumente und Instrumentengruppen hören wir gut voneinander getrennt und selten klar, wir dürfen es nur mit der Bassanhöhung nicht übertreiben.

Die eigenen Fehler hört man besser

Dann noch der beschriebene Hörtest einer Eigenproduktion, von der man nicht zu viel erwarten darf. Selbst in Garageband eingespielt und mit einem iMac Herbst 2015 und dabei mit einem Mittelklasse-Kopfhörer abgehört – das Gedudel bräuchte wirklich eine bessere Abmischung. Denn der Bass wird mit der Immersion des Nuraphones so ätzend laut und übersteuert, dass wir uns für das nächste Woche vornehmen müssen, wieder ein wenig mit den Reglern des virtuellen Mischpults von Garageband zu spielen. Leider fallen uns – da wir unser Spiel das erste Mal so richtig gut hören – noch ein paar andere Sachen auf, das können wir aber nicht den Kopfhörern anlasten …

Durch die Ohren anderer hören

Wenn wir uns die Hörprofile anderer Nutzer auf das Nuraphone schicken, merken wir wieder einen deutlichen Unterschied. Da ist nicht nur einfach eine Komponente ein- oder ausgeschaltet, sondern alles im gesamten Hörbild fein austariert. Welcher Mix für den Kollegen oder der Kollegin passt, gefällt uns gar nicht, ist aber nicht einfach nur flach oder blechern. Sondern so, als würde man durch eine Brille mit anderer Korrektur blicken als der eigenen. Da wird das Licht an Konkavlinsen auch gestreut, aber nicht so, dass es zum eigenen Auge passt. Man kann – überraschende Erkenntnis – also nicht nur unscharf sehen, sondern auch unscharf hören. "Wir können nicht durch die Ohren anderer hören", erklärt uns Nura-CEO und -Gründer Dragan Petrovic. Deshalb ist jedes Hörprofil individuell.

Einige andere Funktionen des Nuraphones sind schnell erzählt und gewissermaßen obligatorisch in der Güteklasse: Nimmt man den Hörer vom Kopf, stoppt die Musik und spielt weiter, wenn man den Hörer wieder aufsetzt. Überhaupt schaltet er sich erst beim Aufsetzen ein und nur dann, so etwas wie einen Ein/Aus-Knopf braucht es nicht. An den Schalen außen sind berührungsempfindliche Schalter angebracht, die wir in der App konfigurieren können. Da sie (nach einem Firmwareupdate) auf Einfach- oder Doppeltipp reagieren, haben wir also vier Funktionen zur Verfügung. Etwa weiter zum nächsten Titel und zurück, oder Immersion ein oder aus oder den Sozialmodus aktivieren oder deaktivieren – letztere stellt uns Außengeräusche durch, die sonst sehr gut per Noise Cancelling gedämpft sind.

Vier Funktionen beim Antippen
Vergrößern Vier Funktionen beim Antippen

Das Nuraphone wird mit einem USB-Kabel geliefert, optional sind auch welche für USB-C und Lightning erhältlich. In der Regel verbindet sich der Kopfhörer aber per Bluetooth mit dem iPhone, iPad oder Mac, der Wechsel erfolgt in der üblichen bequemen Weise. Und das Profil auf dem Nuraphone selbst gespeichert ist, verlieren wir auch nichts im Klang. Ohne die App auf unserem iPhone haben wir beim Hören vom Mac aus aber nur die Möglichkeit, die Immersion ein- oder auszuschalten, justieren können wir sie nicht. Auch die Touchbuttons an den Hörern sind nur via Bluetooth-Verbindung aktiv. Kabel ergibt aber vor allem dann Sinn, wenn man die Nuraphones bei der Musikproduktion einsetzt, die bei Bluetooth unvermeidlichen Latenzen sind dann nicht erwünscht.

Seine Ladung bezieht der Kopfhörer über das mitgelieferte Kabel, das neben dem USB-A-Stecker für Computer oder Ladegerät einen proprietären Anschluss an der rechten Ohrmuschel bietet (die Buchse ist auch die einzige "Kennzeichnung" für die Seiten). Über Lightning können die Nuraphones nicht aufladen, das sollte aber via UBS-C vom neuen iPad Pro aus funktionieren und natürlich von Macbook, Mac Mini und iMac. Eine Batteriestandsanzeige fehlt, auch auf so etwas wie eine Statuslampe haben die Designer verzichtet. Aus nachvollziehbaren Gründen, denn so bleibt der Kopfhörer zurückhaltend in der Gestaltung ohne überflüssige Elemente. Den Batteriestand liest uns die Stimme beim Start vor, die auch uns – respektive das ausgewählte Profil - begrüßt. Ebenso ist in der App der Akkustand zu sehen – oder im Kontrollzentrum des Systems. Der Akku hält mit einer vollen Ladung 20 Betriebsstunden durch, verspricht der Hersteller - und in der Tat bemerken wir bei unserem Test kaum nachlassende Batterie. Bauartbedingt kann man das Nuraphone aber auch nicht den ganzen Tag tragen, es wird unter den Schalen mit der Zeit doch ein wenig warm und die Ohrstöpsel drücken mit der Zeit auch ein wenig. So vereint der ungewöhnliche Kopfhörer auch das ein wenig Unangehme aus zwei Welten, die Vorteile überwiegen aber bei weitem.

Fazit

Nura wagt einen ungewöhnlichen Ansatz und die Idee der "Brille für die Ohren" geht auf: Nehmen wir uns die Zeit und Muße unsere Ohren von der Elektronik überprüfen zu lassen, werden wir mit einem imposanten Klang belohnt, den wir nicht nur hören, sondern auch fühlen dürfen. Der Preis von 400 Euro ist zwar nicht ohne und an die gewissermaßen gleichzeitige Verwendung von OverEar und InEar muss man sich erst gewöhnen. In Deutschland ist das Nuraphone bei Cyberport und bei Thomann jeweils zum Preis von 399 Euro erhältlich.

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