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ProDAD Mercalli im Praxistest – Hilfe bei verwackelten Videos

07.09.2017 | 16:21 Uhr |

Mit der Videosoftware Mercalli von ProDAD stabilisiert man verwackelte Videos und behebt Verzerrungen vieler Action-Kameras.

Nachtrag vom 7. September: Laut Hersteller Mercalli soll in Kürze auch ein Plug-in für alle gängigen Mac-Schnittprogramm erscheinen. Auch eine funktionsreichere Standalone-Version SAL+ ist in Arbeit.

Ursprüngliche Meldung:

Bei freihändig aufgenommenen HD- und 4K-Aufnahmen lassen sich kleine Verwackler kaum vermeiden. Profis greifen dann zu Stativ oder teurem Stabilierungs-Gerät wie einem Gimbal. Schon länger gibt es aber die Möglichkeit, Aufnahmen per Software  auszugleichen. Jedes bessere Schnittprogramm bietet einen integrierten Stabilisierer, auch Final Cut Pro X und iMovie. Die Stabilisierungsfunktion von iMovie ist bereits recht brauchbar und scheint auf der gleichen Technologie wie Final Cut zu basieren, sie bietet aber kaum Einstellungsmöglichkeiten. Nur bei Final Cut Pro X gibt es etwa Optionen wie

Intertial Cam und Smooth Cam und weitere Einstellungsmöglichkeiten. Will man aber nur gelegentlich ein Action-Video stabilisieren, ist Final Cut Pro eigentlich überdimensioniert.

Die Software kann auch stapelweise Videos analysieren und stabilisieren.
Vergrößern Die Software kann auch stapelweise Videos analysieren und stabilisieren.

Eine Alternative bietet das neue ProDAD Mercalli, das auf der Windows-Plattform einen guten Ruf hat und jetzt erstmals auf der Mac-Plattform zu haben ist. Es handelt sich um eine Standalone-Programm, eine Integration in Final Cut Pro und Premiere ist nicht möglich. Die Nutzung als Standalone-Produkt hat Vor- und Nachteile, so setzen Konkurrenten wie das Plug-in Lock&Load von Coremelt eine Installation von Premiere, After Effect oder FCP X voraus, Mercalli läuft auch ohne teures Host-Programm. Das Tool kann nach unserer Einschätzung aber trotzdem eine gute Ergänzung sein. Export in das Videoformat ProRES ist möglich, was die Verluste bei der Weiterverarbeitung reduziert. Alternativen sind JPEG und H264, unter High Sierra soll H.265 dazu kommen. Der Import in das Programm ist in zahlreichen Formaten möglich, auch 4K-Videos werden unterstützt. Die 4K-Videos eines iPhones kann man damit natürlich ebenfalls bearbeiten.

Bei der Art der Stabilisierung kann man zwischen hoher Auflösung und hoher Stabilisierung wählen.
Vergrößern Bei der Art der Stabilisierung kann man zwischen hoher Auflösung und hoher Stabilisierung wählen.

Das Programm bietet eine simple Schnittfunktion, so kann man vor der Stabilisierung Anfang und Ende eines Clips entfernen oder Clips aufsplitten. Auch das Drehen in 90 Grad-Schritten ist möglich. Da dies die Bearbeitungszeit reduziert, eine sehr empfehlenswerte Vorbereitung. Auch stapelweise kann die Software Clips bearbeiten und analysieren.

Zu Beginn wird jeder Clip analysiert, was bei älteren Rechner ein Mehrfaches der Laufzeit beansprucht. Nach der Analyse nimmt das Tool einige automatische Korrektureinstellungen vor. Vorgegeben ist das Standard-Profil „Universelle Kamera“, es gibt aber Profile für eine Vielzahl aktueller und älterer Action Cams. Bei diesen Modellen kann das Tool auch den typischen „Fischaugeneffekt“ vieler Actioncams beseitigen. Unterstützt werden die Objektive von GoPro-Modellen, Rollei, Panasonic, Sony, DJI, Canon und viele mehr. Gut: Jeder Effekt kann im Vorschaufenster sofort verfolgt werden.

Sogenannte CMOS-Fehler, auch Rolling Shutter genannt, sind vor allem bei Action-Aufnahmen bekannt. Sie entstehen bei der Bewegung der Kamera und zeigen sich in Form einer Art von Wabern, Schlieren oder anderen Fehlern. Laut Nutzerberichten ist diese Korrektur für manche Filmer sogar wichtiger als die Bildstabilisierung.

Was man wissen sollte: Die Stabilisierung des Bildes wird dadurch erreicht, dass das Tool in das Bild „hineinzoomt“. Die Außenbereiche einer Aufnahme können dadurch verloren gehen, vor allem beim Ausgleich starker Bewegungen. Man hat aber über die Wahl zwischen „Beste Auflösung“ und „Beste Stabilisierung“ die Wahl, ob man mehr Wert auf gute Stabilisierung oder Erhalt des Bildes legt. Bei „Beste Stabilisierung“ ist deshalb ein schwarzer Rand im Video sichtbar, der auf Wunsch aber mit Bildmaterial gefüllt wird. Das funktioniert gut bei einfachen Flächen, kann allerdings auch zu erkennbaren Bildfehlern führen.

Auf Wunsch gleicht das Tool auch Kameraschwenks und Rollen der Kamera aus, die Stärke stellt man per Schieberegler ein. Das ist aber nicht immer erwünscht, soll eine Action-Aufnahme doch dynamisch wirken. Mit der Option „Kamera-Dynamik“ erhalten, kann man deshalb verhindern, dass eine Aufnahme zu starr wirkt.

Zoombewegungen im Video kann man ebenfalls ausgleichen, dafür ist die Funktion „Zoom-Ausgleichen“ verantwortlich. Ebenfalls hilfreich sind die beiden Funktionen „Schwenk-Ausgleichen“ und „Neigung-Ausgleichen“. Diese ermöglichen es, dass Kippbewegungen und das Drehen der Kamera ausgeglichen werden – allerdings auch nur zu einem bestimmten Grad. Nicht korrigieren kann mit Mercalli dagegen eine schiefe Aufnahme, etwa einen kippenden Horizont. Im Fenster Medienclip ist immerhin das Drehen um 90 Grad möglich.

In unserem Praxistest kann das Programm überzeugen. Die Wartezeit bei Analyse und Stabilisierung ist gegenüber dem Ergebnis von iMovie sehr ähnlich, bei der Qualität liefert Mercalli aber deutlich bessere Ergebnisse. Vor allem beim Zoomen in das Bild arbeitet Mercalli außerdem weit zurückhaltender als Apples Programm, das bei einigen Schwenks und Bewegungen relativ viele Bildfehler erzeugte. Auch bei dem Programm von ProDAD lässt sich aber ein spürbarer Qualitätsverlust des Ausgangsmaterials nicht vermeiden, die Aufnahme wird deutlich körniger. Eine Aufnahme in der Auflösung 4K ist also keineswegs übertrieben.

Ein echter Ersatz für eine Stativ oder hochwertige Hardware-Stabilisierung ist die Software wohl nicht – das gilt aber anscheinend nicht für günstige Actioncams. So bietet etwa die Sony AS100V eine interne Hardwarestabilisierung, die laut ProDAD aber nur sehr mäßig wirksam. Vor allem aber macht sie die Analyse durch Mercalli fast unmöglich. So ist durch die Veränderung der Aufnahme etwa Rolling Shutter nicht mehr korrigierbar. Laut Hersteller erzielt man deshalb die besten Ergebnisse, wenn man die Hardwarestabilisierung der Actioncam deaktiviert und das Bild nur mit Mercalli stabilisiert.

Bemängeln muss man aber kleinere Schönheitsfehler wie abgeschnittene Menübefehle und ein Problem beim Speichern. Sichert man eine Datei im gleichen Ordner und gleichem Dateiformat und Namen, wird diese zu unserer Überraschung überschrieben – was bei anderen Programmen durch eine Warnung verhindert wird. Dass man Videos nicht per Drag-and-Drop importieren kann, ist ebenfalls ungewohnt. (Update: Import ist per Drag-and-Drop auf das Modul "Medienclips" möglich) Ganz mit der PC-Version Mercalli V4 SAL kann die Mac-Version allerdings nicht mithalten, so bietet diese etwa mehr Profile und Funktionen wie Entrauschen, Storyboard und Dynamic Zoom.

Vorteil des Spezialprogramms ist aber vor allem die gute Unterstützung von Actioncams und die auch gegenüber Final Cut Pro überlegenen Konfigurationsmöglichkeiten.

Fazit:

Mercalli funktioniert im Test problemlos und ermöglicht die einfache Stabilisierung von Videos. Die Ergebnisse sind außerdem deutlich besser als mit Apples Videoprogrammen. Das grundsätzliche Problem bleibt aber bestehen, dass die Stabilisierung des Bildes nur unter Verlust an Auflösung und Bildmaterial möglich ist. Wertvoll ist die Lösung nach unserer Meinung vor allem für Drohnen-Filmer und Actioncam-Fans – und in Fällen, in denen ein Cutter mit dem vorliegenden Material auskommen muss.

ProDAD Mercalli for Mac

Hersteller: ProDAD
Stand-Alone Video Stabilisierungs-App
Systemanforderungen: OS X 10.11 (empfohlen wird ein Core i7 und 16 GB RAM)
Preis: Euro 149

Beispielvideo:

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