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Reolink Go: Die unabhängige Überwachungskamera

22.01.2019 | 15:13 Uhr | Peter Müller

Die Reolink Go überwacht Grundstücke oder Freiflächen auch da, wo kein Strom und kein WLAN hinkommt. Einige Nachteile bestehen dennoch.

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein großes Gartengrundstück und dort einen Schuppen, der immer wieder aufgebrochen wird. Oder eine Almhütte, die Sie vor unliebsamen Besuchern schützen oder dort mit legitim ankommenden Gästen kommunizieren wollen. Herkömmliche IP-Kameras versagen, entweder es fehlt dort draußen oder droben an Strom oder an WLAN – oder gleich an beidem. Kameras mit Akku sind dann nur Teil der Lösung, diesen gilt es schließlich regelmäßig aufzuladen. An die Aufnahmen der Kamera will man ja auch ran, ohne hinter in den Garten laufen oder zur Hütte aufsteigen zu müssen – gerne sieht man auch in Echtzeit zu, was vor der Linse vor sich geht.

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Der Hersteller Reolink hat uns im Sommer und bei einem Nachtest im Winter bereits mit einem Teil der Lösung begeistert, seine Außenkamera Argus 2 lässt sich nicht nur mit Akku betreiben, sondern dieser auch mit einem optional erhältlichen Solarpanel aufladen, das bei mäßiger Benutzung und frei von Schnee die Batterie der Kamera auch an kurzen, bedeckten Tagen zumindest auf ihrem Ladeniveau hält.

Wuchtig, dank 7800-mAh-Akku
Vergrößern Wuchtig, dank 7800-mAh-Akku

Der Hersteller geht nun einen Schritt weiter und bringt mit der Reolink Go eine Kamera heraus, die das zweite Problem auch noch löst: Mit einer SIM-Karte und einem Datentarif für LTE hält sie auch außerhalb der Reichweite von WLANs die Verbindung – nur wenn die Hütte abseits aller Telefonmasten steht, hilft diese Lösung nicht.

Deutlich wuchtiger als beispielsweise die Argus 2 kommt die Go daher – weshalb wir nicht auf die vorhandene Halterung in unserem Testaufbau setzen können. Größe und Gewicht haben aber einen wichtigen Grund: Der mitgelieferte Akku hat eine Nennladung von 7800 mAh und ist entsprechend groß, in Form eines Prismas mit abgerundeten Ecken nimmt er einen wesentlichen Teil des Volumens der Kamera ein.

Darin sind auch noch zwei Steckplätze vorhanden: Für die nicht mitgelieferte microSD-Card und natürlich auch die SIM-Karte, die wir ebenfalls selbst beisteuern müssen. Hier lauert schon die erste Hürde: Der Slot ist ebenso "Micro" – die Apple-Welt hat aber doch längst auf "Nano" oder sogar eSIM umgestellt.

Einrichtung mit Hürden

Für den Test wäre es ja okay gewesen, hätten wir mal eben die Nano-SIM aus unserem iPad zweckentfremdet. Schlecht, wenn man den Adapter auf die nächst höhere Größe schon weggeworfen hat. Oder wir hätten die Kamera zumindest mal mit Bluetooth und/oder Wi-Fi eingerichtet und den 4G-Test später mit einer Leihkarte ergänzt.

Allein: Es funktioniert nicht. Wir brauchen also eine neue SIM-Karte ( ehrlich gesagt hatten wir unser iPad bisher auch nur im WLAN mit dem Internet verbunden, aber das nur nebenbei ) in der passenden Größe. Die Deutsche Telekom hat glücklicher Weise so viele davon, dass sie uns eine verkauft ( Nach dem Test kommt die dann ins iPad. Vertrag läuft ja über zwei Jahre ). Die nächste Hürde: Die SIM muss in der Reolink 4G entsperrt sein, der PIN lässt sich in der App nicht eingeben, weil sich die Kamera ja erst mit dem Internet verbinden muss. Also das alte iPhone 4S mit seinem Micro-SD-Slot reaktiviert ( Ja, man hätte auch die Nano-Komponente aus der Karte vorsichtig heraus brechen und sie danach mitsamt des Micro-Adapters in die Kamera einlegen können, wir wollten an dieser Stelle aber kein Risiko eingehen ), den PIN eingegeben und in der entsprechenden Systemeinstellung von iOS 9 die PIN-Sperre entfernt – was für ein Aufwand!

Doch der lohnt sich. Bei solidem LTE-Netz verhält sich die Kamera in der App fast so, als ob sie in einem flotten WLAN eingebucht wäre, wir haben Zugriff in Echtzeit und können über Lautsprecher und Mikrofon kommunizieren, mit dem üblichen leichten Zeitversatz.

Bild und Ton mit guter Qualität

Auch am Bild können wir nicht meckern, 1080p beträgt die Auflösung des Weitwinkelobjektivs, die Nachtsicht ist gewohnt hervorragend. Aus Gründen des Datenschutzes richten wir die Kamera jedoch eher Richtung Boden, von unserer Gartenhütte aus hätten wir nämlich nicht nur den eigenen Grund im Blickfeld, sondern teilweise auch den der Nachbarn. Geht gar nicht, ist aber nicht der Kamera anzulasten, sondern allenfalls der Besiedlungsdichte in der Vorstadt. Reolink liefert zwar einen Aufkleber mit, der Nachbarn oder etwaige Passanten davon unterrichtet, dass sie gefilmt werden, das hat aber natürlich keinerlei Wert – wir dürfen unseren Privatbereich überwachen und nur den.

Sensibel, aber nicht zu sensibel

Die Empfindlichkeit des PIR-Sensors lässt sich nun in der App quasi stufenlos regeln, die Skala reicht von 1 bis 100. Im Test der Reolink Argus 2 hatten wir noch negativ bemerkt, dass es nur drei Empfindlichkeitsstufen gebe, das hat der Hersteller mittlerweile geändert – sehr schön. Die Kamera filmt nicht wie etwa die Lösungen von Nest permanent und kann daher einen Vorgang noch von knapp vor dessen Anfang an aufzeichnen, sondern nur, wenn der Sensor auslöst – für diesen kann man in der App einen Zeitplan erstellen, der auf die Stunde genau justierbar ist. Diese Vorgehensweise ist zwar energieeffizient (muss ja sein), hat aber den kleinen Nachteil, dass die auslösende Bewegung auf den Mitschnitten nicht immer zu sehen ist. Wobei wie erwähnt unser Sichtfeld auch eingeschränkt ist und beispielsweise die am Bildrand vorbei streifende Katze dann gar nicht oder nur kaum im Video ist – nicht nur nachts. Aber auch in einer testweise gewählten anderen Bildanordnung sehen wir die Person erst recht spät auf die Kamera zugehen.

Zwei Kameras in einer App, "janz weit draußen" löst vor allem die Katze den Alarm aus - auch wenn sie nicht immer im Bild auftaucht.
Vergrößern Zwei Kameras in einer App, "janz weit draußen" löst vor allem die Katze den Alarm aus - auch wenn sie nicht immer im Bild auftaucht.

Das könnte dann zu spät sein, das weiße Gehäuse ist doch relativ auffällig – und aus dem Kamerabild zu verschwinden, immer eine Möglichkeit für Personen, die nicht gesehen werden wollen. Aber auch aus einem anderen Grund erfüllt die Kamera keine höchsten Sicherheitsansprüche: Sie wäre einfach viel zu schnell samt Speicherkarte und SIM-Card (wie gesagt: ohne PIN!) von der Wand oder dem Baum entfernt.

Zwar verschickt die Kamera beim Auslösen des Bewegungsmelders einen Push auf das Smartphone und optional auch eine E-Mail mit einem Foto (dazu später mehr), mehr Details bekommt man aber nur, wenn man mit dem iPhone via Internet auf die Speicherkarte zugreift. Wenn die aber nun samt Kamera entfernt ist, hilft das wenig.

Eine Lösung für dieses Problem hat Reolink indes schon in Vorbereitung, beziehungsweise in den USA schon in Betrieb: Die Reolink-Cloud, auf die man die Überwachungsvideos so hochladen kann, dass sie eben nicht mitsamt dem Hausrat verschwinden. Wann es auch eine DSGVO-konforme Lösung für die EU gibt, steht derzeit noch nicht fest, wir werden den Artikel dann aktualisieren.

E-Mail von den anderen

Mit einer Cloudlösung des Herstellers müsste man sich auch nicht eine Mailadresse konfigurieren. Das kann man in der App erledigen, Provider wie Google, Yahoo oder MSN (oder andere) auswählen und das Mailpasswort hinterlegen. Das ist uns dann doch nicht geheuer, iCloud verweigert vernünftiger Weise den Dienst, Reolink selbst beschreibt im Handbuch, wie man bei Google "unsicheren Anwendungen" Zugriff auf das Konto gewährt (Nein!) – mal davon abgesehen ist unsere Googlemail-Adresse zu lang und passt nicht in das vorgesehene Feld!

Bei Yahoo richten wir daher eine völlig neue Adresse ein, schalten die 2FA an und verwenden ein App spezifisches Passwort. E-Mail ist vielleicht nicht der richtige Kanal, über Geschehnisse vor dem Objekt sich unterrichten zu lassen, zumal eben nur ein Vorschaubild dabei ist, das unter Umständen nicht viel aussagt. Und auf der anderen Seite geht dieses Bild auf das Datenvolumen. Aus jenem Grund schalten wir in den App-Einstellungen auch die automatischen Updates nicht an, wobei wir hier aber nicht viel sparen würden: Früher oder später sollten wir die Kamera doch wieder aktualisieren und das geht wie erwähnt nur über das Mobilfunknetz.

Beeindruckend lange Laufzeit

Zugegeben, wir haben die Kamera so montiert, dass sie nicht allzu oft auslöst, die Katze ist bei der Kälte auch fast den ganzen Tag im Haus. Beeindruckt von der Laufleistung sind wir dennoch: Mit den ab Werk noch vorhandenen 62 Prozent Ladung haben wir die Kamera ohne Solarpanel aufgehängt und stehen acht Tage später immer noch bei 40 Prozent! Zusammen mit dem Solarpanel haben wir also tendentiell immer Strom, solange eben der Akku durchhält. Langzeittests sind natürlich derzeit nicht möglich, aber einige Jahre sollte die Technik schon durchhalten. Die Kamera ist gemäß IP65 vor Spritzwasser und Staub geschützt, ein Silikonüberzug hält den dünnen Spalt, an dem das Gehäuse mit einem Gewinde in zwei Teile geteilt ist, trocken und sauber.

Fazit

Eine Überwachungskamera für abseitige Liegenschaften ohne Strom und WLAN: Dafür ist die Reolink Go in Kombination mit dem Solarpanel eine perfekte Lösung. Einige strukturelle Schwächen sollte der Hersteller aber noch lösen. Cloudspeicher ist bereits angekündigt, doch wäre vor allem eine eSIM zumindest optional wünschenswert. Beim Preis von 300 Euro muss man bedenken, dass die Kosten für die MicroSD-Karte und den Datentarif noch dazu kommen – alles in allem ein stolzer Preis für eine jedoch recht einzigartige Lösung.  Das Solarpanel, das auch mit anderen Reolink-Kameras funktioniert, kostet überschaubare 30 Euro und ist auf alle Fälle eine Empfehlung wert.

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