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SOS-SMS: Will Apple etwa keine Leben retten?

14.08.2017 | 16:05 Uhr | Halyna Kubiv

Die Nicht-Regierungsorganisation EENA verschreibt sich der Verbreitung von Advanced Mobile Location. Der Standard wird aber in Deutschland noch gar nicht unterstützt.

Letzte Woche machte eine Pressemeldung der Nicht-Regierungs-Organisation   EENA aus Brussel eine Runde durch die Apple-Presse, Apple sperre sich gegen alle Versuche, eine neue Technologie in das kommende iOS zu implementieren. Diese Technologie Advance Mobile Location (kurz AML) erlaubt es, den Standort des Nutzers direkt am Smartphone auszulesen und als eine SMS an die entsprechenden Rettungsdienste zu schicken. So wissen sie genau, wo sich der Betroffene befindet. Die Schlussfolgerungen dabei liegen fast schon auf der Hand: Apple sperrt sich gegen eine Open-Source-Technologie, die nebenbei hilft, Menschenleben zu retten. Böses Apple...

Was ist AML?

Wie bereits beschrieben, ist die Advance Mobile Location eine Übertragungstechnologie der Standortdaten. Diesen Standard verwaltet, wie alle anderen technischen Standards innerhalb der EU, das Institut für Europäische Telekommunikationsstandards (ETSI). Nach einem der Entwurfsdokumente soll AML beim GPS-Chip oder Wi-Fi-Chip des Smartphones Längen- und Breitengrad des aktuellen Standortes auslesen und diese Daten als Text beim Notruf an die entsprechenden Rettungsdienste schicken. Vorteil hier: Die Daten sind sehr genau.

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AML ein Allheilmittel?

Es gibt aber diverse Haken an der Sache, welche die Pressemitteilung von EENA gar nicht anspricht. Zum einen werden in Deutschland die Notrufe durch eine spezielle Verordnung über Notrufverbindungen geregelt. Diese legt die Zuständigen sowie deren Befugnisse fest. Die wichtigsten Interessenvertreter sind hier die lokalen Rettungsdienste, Netzwerkanbieter und die Bundesnetzagentur als zentrale Stelle. Wir haben bei der Behörde nachgefragt, ob in der absehbaren Zeit AML bei den Notrufen unterstützt wird. Eine kurze Antwort war: "Die Bundesnetzagentur verfolgt die Entwicklung von „Advanced Mobile Location" mit Interesse. Für eine bundesweite Realisierung fehlen aber derzeit gesetzliche Vorgaben." Sprich, selbst mit zig Millionen unterstützten Android-Geräten hierzulande nützt die Technologie nicht, weil es nicht reicht, die entsprechenden Code-Zeilen in die Software einzupflegen. Denn zu einem Notruf gehört eine weit komplexere Infrastruktur.

Zum anderen entsteht leicht der Eindruck, die Rettungsdienste wären ausschließlich auf die AML angewiesen und könnten ohne die neue Technologie den Standort des Anrufers nicht festlegen. Dem ist nicht so. In Deutschland ist der Netzanbieter verpflichtet, die Standortdaten solcher Anrufe zu ermitteln und den Anruf an die zuständige Rettungsstelle weiterzuleiten. So landen die Notrufe aus München nicht in Berlin und umgekehrt. Derzeit ist bei der Bundesnetzagentur die Technische Richtlinie Notruf 2.0 in Arbeit. Dort werden konkrete Standards festgelegt, die die NotrufV verschreibt. So ist ein Netzbetreiber verpflichtet den Standort eines Notrufs mit der Genauigkeit von 300 Meter in 95% der Fälle festzustellen.

Kurzum, uns scheint der Appell von EENA an Apple einfach falsch adressiert. Sobald eine gesetzliche Grundlage für die Nutzung existiert bzw. das ETSI den Standard für die gesamte EU verabschiedet, sind die Hersteller verpflichtet, diese zu implementieren, um die Geräte innerhalb der EU verkaufen zu dürfen. Die EENA sieht die Sache etwas anders. In einer Antwort-Mail an die Redaktion hofft ein Pressesprecher, weitere Länder werden AML implementieren, sobald Apple sie auch für iOS verfügbar macht: "Rettungsdienstleister und andere Interessenvertreter können keine Lösungen diskutieren, die rein theoretisch sind."

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