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The Eyes of Ara: Adventure mit Niveau

13.03.2017 | 15:58 Uhr |

Die Zeiten für grafische Klick-Abenteuer wie Myst schienen vorbei zu sein. The Eyes of Ara bringt sie zumindest atmosphärisch zurück.

Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als das damals grafisch hochkarätige Abenteuerspiel "Myst", entwickelt von den Brüdern Rand und Robyn C. Miller bei Cyan, als das Maß aller Dinge für das Genre galt? 1993 erstmals noch exklusiv für den Mac erschienen, lag es bald auch den Consumer-Apple-Rechnern wie dem Performa bei. Die Reihe wurde fortgesetzt mit "Riven – The Sequel to Myst" (1997) und weiteren Folgen bis hin zu "Myst V: End of Ages" (2005), dem wir damals in der gedruckten Macwelt eine komplette Testseite widmeten. Die Entwickler versuchten es noch weiter mit "Myst Online" und "Uru Live". Aber irgendwie war die Zeit für derartige Adventure, die vor allem durch grafische Pracht und kaum lösbare Rätsel glänzten, vorbei. Und das ist im Grunde auch so geblieben – Ausnahmen bestätigen die Regel. So das von nur einem Mann hervorgebrachte Grafik-Adventure "The Eyes of Ara", das der unabhängige Entwickler Ben Droste mit seinem eigenen Unternehmen 100 Stones Interactive programmiert hat.

Ein bisschen zu Retro: Grafik und Steuerung

Tatsächlich fühlt man sich schon bei der Steuerung in die Neunzigerjahre zurückversetzt. So klickt man sich von einem Bild- und Raumabschnitt zum nächsten und dreht sich mit der Maus immerhin im 360-Grad-Modus durch die Hallen, Zimmer und Gänge. Außenabschnitte gibt es praktisch nicht. Und auch keine Karten oder andere Orientierungshilfen, sodass man selbige leicht einmal verliert. Im Inventar sammelt man wie für dieses Genre typisch wichtige Gegenstände zum späteren Gebrauch. Diese lassen sich vergrößert im 3-D-Modus drehen und wenden. Wichtige Hinweise sind, auch wieder vertraut aus Myst & Co., in umherliegenden Büchern, Magazinen und Briefen versteckt. Deren Ansicht vergrößert man mit der Maus. Wer mit Trackpad spielt, kann dafür auch die Pfeiltasten auf/ab benutzen.

Auf diese Weise schleichen wir uns durch eine verlassene Burg auf einer Insel, in der mysteriöse Lichter mit offenbar intelligentem Verhalten auftauchen. Ursprünglich machen wir uns auftragsgemäß auf die Suche nach der Quelle eines mysteriösen Signals von der an sich stillgelegten Burg.

Atmosphärisch spannend und geheimnisvoll

"The Eyes of Ara" zeigt seine Stärken vor allem in dem gelungenen und gekonnten Kontrast von altertümlichem, mittelalterlichem Burg-Ambiente sowie der langsamen Einführung von modernerem Gerät. Wobei die PCs, an denen wir unsere Eingaben machen, eher an die Achtzigerjahre erinnern, ohne Mausbedienung und grafische Oberfläche. Auch die kleineren oder größeren Radios, die rauschend an manchen Stellen herumstehen, muten ziemlich out-dated an. Zwar kann man bei ihnen nach Sendern suchen, aufgrund des schlechten Empfangs lässt sich aber zunächst nichts Verständliches finden.

Andere Objekte dagegen wirken wie aus der Zukunft oder sogar wie von Aliens konstruiert. Spätestens bei der Bedeutung des großen Observatoriums und des geheimnisvollen Teleskops mit Blick zum Weltall fühlen wir uns wieder stark an das große Cyan-Vorbild erinnert. Denn auch hier sind die richtigen Koordinaten zu finden, um weitere Rätsel preis zu geben und mit der Lösung voranzukommen.

Stetig anwachsender Schwierigkeitsgrad

Im Unterschied zu Myst freilich, das gleich von Anfang an ”bockschwer” ist, steigert "The Eyes of Ara" seinen Anspruch gemächlich. Die ersten Schritte und Kapiteln fallen recht leicht. Doch dann wird es auch hier äußerst komplex. Und wir räumen ein, gelegentlich im Internet die Hilfe von Walkthroughs in Anspruch genommen zu haben. Schon, damit dieser Test vorankommt.

Man erinnert sich, in den Neunzigerjahren war es noch extrem schwer, an solche Lösungsbücher etwa für Myst heranzukommen. Schnell mal nach Hilfe googeln, war erst recht noch nicht möglich oder auch mit anderen Suchmaschinen in der Regel wenig ergiebig. Heute dagegen ist die Versuchung groß, zu schnell aufzugeben und zu ”spicken”.

Wenn man "The Eyes of Ara", das ausschließlich auf Englisch vorliegt, weiter spielt, wird man unweigerlich in dessen mysteriösen Bann gezogen und will schließlich unbedingt wissen, welches Geheimnis hier zu entdecken ist. Das tröstet über die manchmal etwas flachen und teilweise unscharfen Grafiken hinweg. Man muss eben mit einem gewissen Retro-Feeling daran gehen, dann passt es.

Mystische Lichter

Die musikalische Untermalung ist äußerst diskret bis manchmal unhörbar. Lebende Figuren, wie immerhin in den Videobotschaften noch bei Myst, tauchen nicht auf, wir haben es bei verbalen Mitteilungen ausschließlich mit Texten zu tun. Die Suche nach wichtigen Objekten und versteckten Schaltern gestaltet sich manchmal sehr frustrierend, da ein nur rudimentäres Hotspotssystem vorgesehen ist. Dass die Orientierung durch die Art der Fortbewegung und Steuerung oft schwer fällt, war schon Thema. Hier hätte zumindest eine Karte gut getan.

Das Konzept, sich mittels frustrierendem Suchen, unhandlichem Inventar und schwer durchschaubaren Mechanismen durch kryptische Rätsel zu kombinieren, wirkt wie aus einer anderen Zeit. Und trotzdem kann man sich für "The Eyes of Ara" begeistern, gerade weil es eine sehr durchdachte und spannende Welt in verschiedenen Facetten darbietet, wie man es auf diese liebevoll-altmodische Weise lange nicht mehr erlebt hat. Viele Lichteffekte sind zudem sehr ansehnlich und sorgen für die passende ”mystische” Stimmung.

Belohnung für den Sammlerinstinkt

Den Sammlerinstinkt in uns belohnt "The Eyes of Ara", nun wieder auf einer ganz anderen Ebene, aber teils auch erst nach Lösung von Rätseln mit Münzen oder Karten und anderen Objekten, die wir auf unserem Weg finden und einklicken können. Dies spielt für den Fortgang des Spiels an sich aber keine Rolle. Die Spielzeit selbst liegt bei deutlich über 10 Stunden, abhängig natürlich davon, wie schnell man die Rätsel löst und welche Hilfen man zur Unterstützung hinzuzieht.

Systemvoraussetzungen und Verfügbarkeit

The Eyes of Ara gibt es ab Mac-OS X 10.6.6 im Mac App Store   oder bei Steam für 15 Euro. Empfohlen wird OS X 10.11 oder höher. Im Steam Store ist auch eine Windows-Version erhältlich.

Fazit und Empfehlung

Den Respekt für das von einem einzigen Entwickler im Alleingang gestaltete Spiel wird man "The Eyes of Ara" kaum versagen. Und wenn man an Adventures im Stil von Myst & Co. seine Freude hat, liegt man hier genau richtig. Der Spieler erhält eine Story, die in den Bann zieht und deren Geheimnis man immer mehr lüften will. Der teils sehr hohe Schwierigkeitsgrad sollte heute kein Hindernis mehr sein, denn Hilfe ist im Internet-Zeitalter stets nahe. Wer sich stark genug und allen Herausforderungen gewachsen fühlt, darf selbstverständlich auch sämtliche Rätsel auf eigene Faust lösen, wie vom Entwickler geplant und sicher erhofft. Die gefühlte Belohnung für die Lösung der ausgetüftelten Geheimnisse ist jedes Mal wieder groß.

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