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Tim Berners-Lee entsetzt über Entwicklung des Webs

04.07.2018 | 10:40 Uhr |

Der Erfinder des World Wide Web ist über die jüngsten Entwicklungen des Netzes mehr als verstört. Er arbeitet aber an Lösungen.

Der Erfinder des WWW, Tim Berners-Lee, hat in einem Interview mit Vanity Fair sein Entsetzen darüber ausgedrückt, was aus dem Internet geworden sei. Um sicherzustellen, dass das Web die Menschheit voranbringe, müsse man darauf aufpassen, was die Leute auf ihm aufbauen, ohne die Konsequenzen zu bedenken, die ihre Erfindungen für die Gesellschaft und die Wirtschaft haben. Berners-Lee hat schon früher davor gewarnt, dass seine Entwicklung, wenn sie in die falschen Hände gerate, ganze Welten zerstören könne. Es gehe ihm da beinahe wie Robert Oppenheimer, dem "Vater" der Kernspaltungsbombe.

Das Web werde immer missbräuchlicher eingesetzt, so Berners-Lee. Er nennt als Beispiele den Datenskandal von Cambridge Analytica und die russische Einmischung in den US-Wahlkampf 2016. Das Hauptproblem sei die zunehmende Zentralisierung des Netzes mit Quasi-Monopolisten wie Facebook und Google. Anstatt ein radikales Werkzeug für Demokratie zu werden, habe das Web die Ungleichheit in der Welt eher noch verschärft.

Berners-Lee will das aber nicht einfach so hinnehmen und arbeitet an einer Plattform namens Solid, die das Internet wieder den Konzernen entreißen und den Anwendern die volle Kontrolle über ihre Daten geben soll – zurück zu den demokratischen Wurzeln. Noch arbeite man "unter dem Radar" an diesem neuen Ökosystem, doch bringe diese Arbeit die Begeisterung zurück, die man wegen der Zunahme von Fake News etc. schon verloren glaubte.

Berners-Lee sieht sich nicht allein bei dem Versuch, das Web wieder zu dezentralisieren. Es gäbe vielversprechende Ansätze, etwa die in Deutschland entwickelte Twitter-Alternative Mastodon oder das in Frankreich entstandene Peertube als dezentrales Gegenstück zu Youtube. Mittlerweile ist gut die Hälfte der Menschheit mit dem Internet vernetzt. Ob sich dies in Richtung einer Orwell'schen Überwachung entwickle oder ob eine neue, freie, digitale Gesellschaft entstehe, sei noch nicht gewiss. Mark Zuckerberg hatte bei der Gründung von Facebook aber keineswegs Wahlmanipulationen im Sinn und Jack Dorsey wollte mit Twitter kein digitales Megaphon für Leute wie Donald Trump entwickeln. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Berners-Lee hatte in seiner Zeit an der europäischen Kernforschungseinrichtung CERN das WWW erfunden, um Wissenschaftlern den Austausch von Daten und Informationen zu erleichtern. Exakt heute vor sechs Jahren hatte im Übrigen das CERN eine seiner größten Sternstunden zu feiern: In einer Pressekonferenz am 4. Juli 2012 gaben Wissenschaftler bekannt, bei ihren Experimenten am Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) eindeutig Spuren eines bis dahin nur hypothetischen Teilchens gefunden zu haben: Das Higgs-Boson. 50 Jahre zuvor hatte es unter anderem der schottische Physiker Peter Higgs in der Theorie vorhergesagt, nun endlich lag der Beweis vor. Die Masse, respektive Ruheenergie des Higgs-Bosons, lässt sich aus den Daten der Kollisionen errechnen: 125 GeV, das sind etwa 2,25 * 10 -25 kg.

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