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Warum die Verzögerung von Gruppen-Facetime richtig ist

16.08.2018 | 11:53 Uhr |

Diese Woche hat Apple Gruppen-Facetime aus den Betas für iOS 12 und macOS Mojave entfernt. Das Unternehmen gab an, dass die Funktion nicht in den ersten Versionen im Herbst erscheinen wird, sondern in einem späteren Update, das im Laufe des Jahres kommt.

Für Leute, die gerne Audio- und Video-Chats mit mehreren Freunden führen wollen, ist das ein Hammer. Ich hörte von einigen Nutzern, die sagten, dass ihre Kinder sich besonders darauf freuten, das Feature zu benutzen, oder es in der Beta-Phase benutzten und traurig waren, dass es aus der Beta entfernt wurde.

Aber ich bin von Apples Entscheidung etwas weniger betrübt. Jedes Mal, wenn ich Gruppen-Facetime in den iOS- und macOS-Betas verwendete, war es alles andere als fehlerfrei. Ich hatte Verbindungsprobleme, Video und Audio verschwanden und tauchten wieder in nicht vorhersehbarer Weise wieder auf, manchmal sah ich eine Person mehrfach auf meinem Schirm oder sie verschwand ganz, hinzu kamen zahlreiche kosmetische Defekte der Oberfläche. Es sah eben ... sehr wie eine Beta aus. Und offenbar entschied jemand bei Apple, dass man bis zur Veröffentlichung von iOS 12 und macOS Mojave im Herbst das nicht solide genug hin bekäme.

Generell begrüße ich diese Entscheidung, weil Apple erkennt, dass es einen bestimmten Qualitätsstandard zu erfüllen hat, insbesondere bei neuen Funktionen. Es mag nicht leicht gefallen sein, eines der wichtigen neuen Features der nächsten Betriebssystemgeneration zu verzögern, aber wenn die Alternative bedeutet,  etwas zu veröffentlichen das nicht gut genug ist, ist dies die richtige Entscheidung.

Wenn man mit der Meute rennt

Tatsache ist, dass Apple eines der wertvollsten und wichtigsten Unternehmen der Welt ist. Selbst als der Mac-Hersteller noch klein war, zog er die Aufmerksamkeit der Medien auf eine Weise auf sich, die größere Unternehmen nicht hatten. Das hat sich erst in den Jahren seit der Veröffentlichung des iPhone vervielfacht und Apple gewissermaßen in die Stratosphäre geschickt.

Heute wird der kleinste Fehler oder Fehltritt tausendfach vergrößert. Betrachten Sie etwa diesen seltsamen Fehler, der das Macbook Pro für etwa eine Woche verlangsamt hat. Oder ein Fehler in ein paar iPhone 7, die unter schwerer Last seltsame Geräusche von sich gaben . Die Liste ließe sich fortführen.

Selbst kleine Herstellungsfehler, die einen winzigen Prozentsatz der Produkte betreffen – etwas, das in der Großserienfertigung so häufig vorkommt, dass wir einen Namen für diese Produkte haben, sie sind "Zitronen" oder "Montagsgeräte" – bedeutet, dass Apple Tausende von ihnen herstellt. Ein Fehler, der 0,01 Prozent der iPhones betrifft, würde zu mehr als 20.000 fehlerhaften iPhones führen.

Jeder Fehler in einem Apple Produkt – ob systemisch oder einmalig – führt zu einer vollständigen Medienexplosion. Warum sollte man sich als wissentlich in eine solche begeben? In Sachen Facetime kann Apple die Software einfach etwas länger vor sich hin köcheln lassen und sich einer möglichen Kontroverse entziehen. Keine Sorge – es wird immer ein weiteres "Gate" geben. Wer will schon wetten, dass die neuen iPhones im Herbst nicht zu atemlosen Youtube-Videos führen, die einen schockierenden, aber kleinen Fehler offenbaren?

Apple hat seine Lektion gelernt

Die Entscheidung, Gruppen-Facetime zu verschieben, ist hingegen ermutigend, das sie Teil eines Musters ist. In den letzten Jahren ist Apple viel bereitwilliger geworden, nicht fertige Betriebssystemfunktionen zu verzögern, selbst wenn sie Teil der ersten Produktvorstellung auf der WWDC im Juni waren. Eine frühere Iteration von Apple hätte jede einzelne der angekündigten Funktionen auch geliefert, ob sie nun fertig waren oder nicht.

Nur einige Beispiele aus jüngster Zeit sind Messages in der iCloud , das für iOS 11 angekündigt war und erst im Frühjahr dieses Jahres eingetroffen ist. Das Letzte, was Apple tun wollte, war, die SMS von Milliarden von Kunden zu vermasseln – also wartete Cupertino, bis das Feature ausgereift war.

Oder betrachten Sie den Portrait-Modus, ein Top-Feature des iPhone 7 Plus. Vermutlich hatte Apple schon geplant, diese Funktion sofort mit dem fabrikneuen iPhone 7 Plus auszuliefern, aber sie war im September 2016 einfach noch nicht fertig. So kündigte das Unternehmen an, den Portrait-Modus in einem späteren Software-Update zu aktivieren . Und als das Update kam, wurde es immer noch als "Beta"-Funktion verkauft, im Wesentlichen als Warnhinweis, dass es ein wenig unzuverlässig sein könnte, um die Empörung zu verringern, wenn es nicht zuverlässig funktionierte.

Und dann ist da noch das für iOS 11 angekündigte Airplay 2 , das fast ein Jahr nach seiner Ankündigung erst ausgeliefert wurde. Basierend auf dem, was ich gehört habe, hat Airplay 2 einfach nicht richtig funktioniert und Apple musste die Software grundlegend überarbeiten. Besser, diese Funktion zu verzögern, als etwas Kaputtes zu versenden und die nächsten sechs Monate damit zu verbringen, sich zu entschuldigen und zu versprechen, dass man es reparieren werde.

Ein Blick hinter die Kulissen

Ich kann Apple dazu beglückwünschen, dass es klug genug ist, kaputte Software nicht auszuliefern, wenn man das vermeiden kann, aber das sollte nicht regelmäßig passieren. Es gibt einen besorgniserregenden Trend, dass Apple seine Fähigkeit, bestimmte Funktionen und Produkte auf den Punkt zu liefern, falsch einschätzt.

Der erste Schritt ist es, fehlerhafte Software nicht zu veröffentlichen. Der nächste Schritt ist ein besseres Urteil darüber, welche Funktionen in einem bestimmten Zeitraum ausgeliefert werden können, damit Apple aufhört, nicht haltbare Versprechen zu geben. Das ist eine viel härtere, komplexere Herausforderung – aber es ist etwas, das Apple anpacken sollte. Vielleicht gelingt dies ja, indem Cupertino seine Software-Prozesse ändert, aber vielleicht muss man etwas Radikaleres in Betracht ziehen: die Ankündigung und Einführung von Betriebssystemfunktionen während des ganzen Jahres in kleineren Updates, anstatt alles an einen jährlichen iOS-Höhepunkt zu hängen.

In gewisser Weise verschaffen diese Verzögerungen bei den iOS-Funktionen bereits einen solchen Zeitplan, da wir im Frühjahr Messages synchronisiert haben, im Sommer Airplay 2 und anscheinend im Spätherbst oder frühen Winter Gruppen-Facetime bekommen werden. Möglicherweise ist dies so einfach wie die Ankündigung der Apple Betriebssystemversionen als eine Sammlung von Funktionen, die sich über ein ganzes Kalenderjahr erstrecken werden, anstatt ein einziges Datum zu versprechen. "Hier ist ein Blick auf das, was wir im nächsten Jahr für iOS auf Lager haben", könnte Apple auf der Bühne ankündigen.

An diesem Punkt ist das die Wahrheit. Vielleicht sollte Apple das einfach zugeben und umsetzen. Dann müsste man sich seltener entschuldigen.

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