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Was der Ur-iMac mit dem iPhone gemeinsam hat

07.05.2018 | 09:30 Uhr | Peter Müller

Nicht nur der iMac feierte vor knapp zwanzig Jahren Geburtstag, auf der gleichen Keynote wurde die Grundlage für Apples Zukunft gelegt.

"Apple is doomed!" Diese Geschichten hatten wir in den letzten Wochen vor der Bilanzveröffentlichung für das zweite Quartal ja immer wieder hören dürfen. Seitdem der Mac-Hersteller aber letzten Dienstag, am Tag der Arbeit, seine Zahlen vorlegte, sind diese Berichte zwar nicht verstummt, aber noch merklich kleinlauter geworden.

Man muss gewiss unterscheiden zwischen einerseits dem Gelaber der Neider, die sich Apple-Produkte unter Umständen nicht leisten können oder wollen und die einfach nur dann auf Apple draufhauen, wenn ihnen danach ist. Das muss man nicht ernst nehmen. Andererseits sind da natürlich die Einschätzungen von Finanzanalysten, die Apple gewiss nichts Böses wollen, sondern einfach nur versuchen, möglichst genau die künftige Entwicklung der Firma hervor zu sehen, um ihren Kunden möglichst korrekte Anlagetipps zu geben. Aber auch dieses Geschwätz hat sich zuletzt als hohl erwiesen. Wir vermuten einmal, dass nicht einmal Apple selbst weiß, wie sich die Geschäfte in den nächsten ein, zwei, drei, fünf, zehn Jahren entwickeln. Aber Cupertino scheint einen Plan zu haben und muss nicht mehr die komplette Firma auf ein Produkt verwetten, wie das vor etwas mehr als zehn Jahren beim iPhone gewesen ist. Wäre das schief gegangen, ja, dann wäre Apple in der Tat dem Niedergang geweiht gewesen und heute womöglich schon Geschichte.

Doch schon weit vorher war Apple kurz vor dem Ende – vor zwanzig Jahren kursierten die "Apple is doomed"-Geschichten nur deshalb noch nicht so heftig, weil das Internet noch jung war. Dennoch war im Frühjahr 1998 an sich Common Sense: Apple macht es nicht mehr lange, da kann auch der zurück gekehrte Steve Jobs nicht mehr viel daran ändern. Es waren ja auch finstere Zeiten, einst im Mai 1998: Helmut Kohl war immer noch Kanzler – keiner wusste, warum. Der morgige Drittligist 1. FC Kaiserslautern wurde Meister und der morgige Zweitligist 1. FC Köln stieg erstmals aus der Bundesliga ab – keiner wusste, warum. Und in San Jose hatte am 6. Mai 1998 auf der Entwicklerkonferenz WWDC, für die man damals noch keine Tickets in der Lotterie gewinnen musste, ein gewisser Steven Paul Jobs zwei Nachrichten an die Öffentlichkeit – und er wusste genau, warum.

Wie auch heute schaute die Öffentlichkeit damals vor allem auf den Hardware-Teil der Veranstaltung. Das war aber auch ein interessantes Gerät, dieser iMac, der nicht von ungefähr an jenen Macintosch von 1984 erinnern sollte, weil man diesen leicht hochheben und ihm damit vertrauen konnte. Der iMac hatte wie sein ferner Vorgänger einen in das Gehäuse integrierten Griff, war aber nur in dem Sinne mobil, als dass man ihn im Büro oder in der Wohnung leicht von einem Platz zum anderen bewegen konnte.

Hinzu kam die Philosophie, dass es zum Anschluss an das Internet keinen dritten Schritt benötigte, wie es in einem der von Jeff Goldblum aus dem Off besprochenen Werbespots hieß. Einfach einschalten und mit der Telefonbuchse verbinden, das war's dann mit dem Internet. Gut, in anderen Ländern als den USA benötigte man noch ein passendes Modem oder dergleichen, die Botschaft kam aber auch hier an: Mehr als zwei Kabel (und noch zwei weitere in Reihe für Tastatur und Maus) braucht es nicht. Also steht der iMac heute hier und morgen da – was ausrangierten Geräten eben Jahre danach noch ein Lebensverlängerung als Musikabspielgerät, Fax-Station oder Empfangsterminal bescherte. Apple hatte gewissermaßen den PC ein zweites Mal erfunden, nachdem auch die eigenen Geräte sich immer mehr in Schnittstellen- und Kabelwirrwarr verloren hatten – "profusely corded" hieß es in einem zweiten Goldblum-Spot.

Was den iMac darüber hinaus auszeichnete: Keine Kompromisse mehr. Weg mit unnötigen Schnittstellen wie SCSI oder ADB, wenn USB den Job erledigen kann – das erleben wir mit USB-C/Thunderbolt 3 heute wieder. Mit der Zeit verzichtete Apple auch auf das erst später eingeführte Firewire oder das optische Laufwerk, geschadet hat das weder den Kunden noch dem Hersteller. Der iMac setzte neue Maßstäbe. Wurde Apple damals nur ein paar Millionen Macs im Jahr los, sind es heute meist fünf Millionen im Quartal.

Langfristig wichtiger war aber die andere Ankündigung von Steve Jobs: Das neue Betriebssystem werde nun Mac-OS X heißen. Das war natürlich nicht so leicht in Botschaften wie "Hello again" zu fassen, sondern recht komplex. Apple war schon vor der Rückkehr seines Gründers auf die Suche nach einem neuen Betriebssystem für das Internetzeitalter gegangen. Die Anforderungen dafür waren weit komplexer als an die Hardware – wobei das "i" in iMac ja nicht einmal für "Internet" steht. Immer wieder war man in Sackgassen geraten, selbst nach der Übernahme von Steve Jobs' nächster Firma NeXT. Im Mai 1998 war aber die Strategie fest gezurrt und einigermaßen klar. Der bisher beschrittenen Weg mit Rhapsody und dem daraus resultierenden Mac-OS X Server 1.0 war zu Ende, Blue Boxes und Yellow Boxes Konzepte der Vergangenheit. All in für das auf Unix basierende System, alte Software würde nur noch in einer virtuellen "Classic"-Umgebung laufen – keine Kompromisse mehr. Was am klassischen Mac-OS sich bewährt hatte und was die User schätzten, musste Apple gewissermaßen unter Unix noch einmal bauen, etwa das Apfel-Menü.

Der Vorteil des radikalen Vorgehens aber: Mac-OS X, das keine Rücksicht mehr auf die Vergangenheit nehmen musste, konnte sich so besser an jedwede zu Grunde legende Hardware anpassen. Der damit mögliche Umstieg von PowerPC auf Intel war nur der erste Schritt, weit wichtiger war das Derivat auf iOS. Erfunden hat Apple an jenem 6. Mai vor zwanzig Jahren das iPhone noch nicht, aber wesentliche Grundlagen dafür gelegt. Heute steht Apple kurz davor, an der Börse eine Billion US-Dollar wert zu sein. Nicht schlecht für eine Firma, die immer und immer wieder in den Abgrund geschrieben wird.

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