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Was sagen Herzfrequenz-Daten der Apple Watch aus?

29.11.2017 | 13:32 Uhr | Dr. Christina Czeschik

Ob Smartwatch oder Fitness-Armband – Wearables finden sich an immer mehr Handgelenken. Das Versprechen ist: Wir erheben Daten über Dich und sagen Dir, ob Du gesund bist und wie Du gesund bleibst. In der Praxis ist das gar nicht so einfach, wie ein reales Beispiel zeigt.

Ein Nutzer macht sich mit den Informationen vertraut, den seine Apple Watch ihm anzeigt… und wundert sich. Wir geben Hilfestellung zur Interpretation – und zeigen auch, wo die Aussagekraft einer Smartwatch aufhört (selbst, wenn sie von Apple ist).

War ich stellenweise tot mit 33 Herzschlägen pro Minute...?
Vergrößern War ich stellenweise tot mit 33 Herzschlägen pro Minute...?

Aha, das sind also die durchschnittlichen Werte für meine Herzfrequenz. Die soll ja in Ruhe so um die 60 bis 80 pro Minute liegen (sagt Google). War ich dann stellenweise tot, mit den 33 Schlägen pro Minute? Und sind rund 200 Schläge pro Minute noch gesund?

Um die Herzfrequenz zu berechnen, muss man vom Abstand zwischen zwei Herzschlägen her extrapolieren. Und da die Abstände zwischen Herzschlägen nicht immer gleich sind, ist das schwierig.

Ein Beispiel: Wenn die Apple Watch drei meiner Pulsschläge misst, und der Abstand ist jeweils 1 Sekunde und 2 Sekunden, wie ist dann meine Herzfrequenz? 30? 60? Oder der Durchschnitt, 45? Die Apple Watch würde in diesem Fall vielleicht 45 anzeigen (je nachdem, über wie viele Schläge der Durchschnitt gemessen wird).

Aber vielleicht waren die beiden Schläge mit 2 Sekunden Abstand ein Ausreißer. So ist es beispielsweise ganz normal, dass man mal Aussetzer des Pulsschlags hat oder zwei Pulsschläge schneller aufeinander folgen. Außerdem gibt es die sogenannte respiratorische Arrhythmie, das heißt: Beim Einatmen ist der Herzschlag schneller als beim Ausatmen.

Fazit: Den Ausreißern sollte nicht allzu viel Beachtung geschenkt werden.

Unregelmäßige Herzfrequenz-Kurve beim Gehen - ist das ok?
Vergrößern Unregelmäßige Herzfrequenz-Kurve beim Gehen - ist das ok?

Die Kurve der Herzfrequenz beim Gehen verläuft nicht mehr so regelmäßig wie die der Ruhe-Herzfrequenz (im Bild nicht gezeigt). Kann das stimmen?

Das ist ganz natürlich, denn beim Gehen ändert sich die Belastung ja eher, als wenn man auf dem Sofa sitzt. Man muss mal zwei, drei Stufen steigen oder man regt sich auf, weil man ein Wahlplakat von einer ungeliebten Partei sieht.

Kann man aber aufgrund von Herzfrequenzdaten und verbrannten Kalorien sagen, wie effektiv eine Trainingseinheit war?

Was heißt "effektiv"? Dass man damit seine Muskelkraft gesteigert hat? Seine Ausdauer? Dass man Kalorien verbrannt hat? Oder Fett abgebaut? Oder einer saisonal bedingten Depression entgegengewirkt hat?

Egal, welche Definition gemeint ist: Die Daten der Smartwatch können nur als Anhaltspunkt dienen. Selbst die Berechnung von verbrannten Kalorien per Smartwatch ist extrem unscharf. In der Sportphysiologie werden Versuchsaufbauten mit Blut- oder Atemanalyse verwendet, um halbwegs akkurate Ergebnisse zu bekommen.

Warnung wegen erhöhter Herzfrequenz - ich habe doch gar nichts gemacht
Vergrößern Warnung wegen erhöhter Herzfrequenz - ich habe doch gar nichts gemacht

Eine Warnung zu erhöhter Herzfrequenz – dabei kann ich mich gar nicht erinnern, zu dem Zeitpunkt sportlich aktiv gewesen zu sein. Kann eine mentale Aufregung bei körperlicher Inaktivität ebenfalls zu einer solchen Warnung führen? Ein Horror-Film, Gewinn der Lieblingsmannschaft, Betreten einer Brücke bei Höhenangst?

Ja, absolut. Die Smartwatch merkt den Unterschied nicht.

Sollte man gleich zum Arzt gehen, wenn die Uhr bzw. die App Alarm schlägt?

Diese Frage ist der Dreh- und Angelpunkt bei der Diskussion um Wearables . Denn wenn der Hausarzt am Telefon jetzt "nein" sagt, dann ist er natürlich schuld, wenn der Wearables-Nutzer bei einem möglichen Herzinfarkt nicht zum Arzt geht. Und einen Herzinfarkt sicher ausschließen kann keine Smartwatch.

Wenn man dagegen kategorisch bei jeder unklaren Anzeige der App zum Arztbesuch rät, dann wird das ohnehin schon überlastete Gesundheitswesen von jungen, gesunden Selbstvermessern überschwemmt – denn die meisten Wearables-Träger haben zu einem Zeitpunkt x nun mal gerade keinen Herzinfarkt, auch wenn sie die Anzeige ihrer Smartwatch nicht verstehen oder seltsam finden.

Unser Gesundheitswesen ist nun mal aus langer Tradition darauf ausgelegt, dass ein Patient zum Arzt kommt, wenn ihm etwas weh tut oder ein Körperteil abzufallen droht - und nicht, weil die Pulskurve in der Apple Watch einen komischen Knick gemacht hat.

In letzterem Fall ist die falsch-positive Rate (also die Rate der besorgten Patienten, die eigentlich gesund sind) viel höher als im ersten Fall, und das ist ein Problem. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnte kürzlich vor der „Datenflut in Arztpraxen“ – und stellte die Frage, wer bei fehlender oder falscher Interpretation eigentlich haftet.

Antworten auf diese Fragen gibt es allerdings noch nicht – dazu haben wir als Gesellschaft noch zu wenig Erfahrung mit Wearables gesammelt. Wir müssen gemeinschaftlich für uns entscheiden: Sind wir damit einverstanden, dass das Gesundheitswesen kurz- oder mittelfristig teurer wird, damit genug Zeit vorhanden ist, um den Output von Wearables von Patienten und Noch-nicht-Patienten zu beurteilen? Langfristig könnte das Krankheitskosten einsparen, denn durch die verbesserte Vorhersage und Prävention von Erkrankungen könnten viele Krankheitsfälle vermieden werden.

Aber was, wenn diese Hoffnung sich nicht erfüllt – und das Gesundheitswesen schlicht teurer wird? Was ist außerdem mit Fragen des Datenschutzes – muss irgendwann jeder Versicherte Wearables tragen und seine Bewegungsdaten analysieren lassen, um die Kassen später nicht mit seinen Krankheitskosten zu belasten?

Für Wearables-Träger bleibt festzuhalten: Die Daten werden Sie nur mit solchen Hausärzten auswerten und diskutieren können, die sehr viel Zeit haben oder ein besonders gutes Verhältnis zu Ihnen.

Für alle anderen bleibt vorerst nur der Weg über Google oder die Informationsquellen der jeweiligen Hersteller. Oder die Community: Beispielsweise in den Meetups von http://qsdeutschland.de/ .

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