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watchOS 4: Warum wichtige Apps plötzlich fehlen

17.04.2018 | 13:21 Uhr |

Zahlreiche hochkarätige Apps sind in den letzten Wochen von der Apple Watch verschwunden. Wie geht es mit den Watch-Apps weiter und wo liegen die Schwierigkeiten?

Ebay, Instagram und Co: namhafte Anbieter hatten bislang die Apple Watch unterstützt und sind scheinbar plötzlich vom Handgelenk verschwunden. Das Verschwinden wirft Fragen auf: Ist die Apple Watch für Drittanbieter bereits nach nur drei Jahren wieder gestorben? Es könnte der Eindruck entstehen, dass es kaum noch wichtige Apps für die Apple Watch gibt. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Es gibt aktuell noch kaum richtige Apps für die Apple Watch. Der kleine Unterschied: Bisher waren Apps für die Watch vollständig Teil der iOS-App und wurden vom iPhone ausgeführt. Die Apple Watch hatte nicht viel mehr zu tun, als die Oberfläche darzustellen und Nutzereingaben an das Smartphone weiter zu leiten. Das hielt den Speicherbedarf auf der Uhr schlank, sorgte jedoch für Wartezeiten.

Mit watchOS4 hat sich das geändert. Watch-Apps sind jetzt „nativ“ für die Apple Watch programmiert und werden nach Apples Wunsch direkt auf der Uhr ausgeführt. watchOS 4 ist für Apple – und die Watch – eine wichtige Umstellung: Seit dem 1. April 2018 müssen neu eingereichte Apps und Updates mindestens mit der Entwicklungsumgebung für watchOS 2 programmiert worden sein. Sie „sollten“ jedoch für watchOS4 optimiert sei, so Apple. Wenn eine Watch-Erweiterung bisher noch für watchOS 1 gebaut war, müssen Updates dieser App jetzt zunächst ganz ohne Watch-Unterstützung erscheinen. Dies ist der Grund für den aktuellen Anschein des plötzlichen App-Sterbens: „Tatsächlich sind wir gerade dabei, Wohin? von watchOS 1 auf watchOS 4 zu migrieren“, berichtet uns Ortwin Gentz, Chef bei FutureTap, dem Anbieter der App „Wohin (Where To?)“, die mit dem Start des App Stores 2008 eine der ersten iPhone-Apps war und bis heute weiterentwickelt wird.

"Wohin?" von Future Tap: bald in neuer Version auf der Apple Watch
Vergrößern "Wohin?" von Future Tap: bald in neuer Version auf der Apple Watch
© Apple

Apple sperrt alte Watch-Apps aus

Apple selbst hat bestimmt, dass die Watch-Erweiterungen neuer Apps und Updates bestehender Apps neu programmiert werden sollen. Dies ist ein bewusster Schritt seitens Apple – ein Politikwechsel, der bereits seit der Vorstellung von watchOS 4 im Herbst 2017 bekannt ist und jetzt in Kraft getreten ist . Dennoch haben sehr viele Entwickler ihre bisherigen Watch-Erweiterungen noch nicht auf watchOS 4 angepasst – beziehungsweise neu programmiert. Dies ist ein erheblicher Aufwand. Die Alternative wäre, die Watch-Erweiterung in Zukunft einfach wegzulassen. Denn auch dann können Apps zumindest Mitteilungen auf der Apple Watch anzeigen. Für viele Anwendungsfälle kann dies schon ausreichen. Dass viele Watch-Apps der neuen Politik zum Opfer fallen, beweist auch, dass viele App-Anbieter bisher nur eine App für WatchOS 1 hatten und nie den Schritt zu Anpassungen für watchOS 2 und 3 gegangen sind.

Apple Watch am Handgelenk
Vergrößern Apple Watch am Handgelenk
© Apple

Dies ist das Risiko, das Apple mit den neuen Vorgaben für Entwickler eingeht: Viele bestehende Watch-Apps gehen verloren. Unternehmen könnten diese Umstellung dazu nutzen, den Entwicklungsaufwand neu zu evaluieren. Lohnt es sich, auf der Apple Watch präsent zu sein und erneut Entwicklungsressourcen zu investieren? Für den Nutzer haben die neuen, „nativen“ Apps Vorteile: Die neu entstehenden Watch-Apps sind tendenziell flotter und unabhängiger vom iPhone. Dazu funktionieren sie in vielen Fällen auch dann, wenn das iPhone nicht in der Nähe ist. Bislang waren nur wenige Elemente der App direkt auf der Uhr installiert, beispielsweise Grafiken für die Oberfläche.

watchOS ist eine Herausforderung für Entwickler

Jetzt sollen Watch-Apps richtige Anwendungen sein, die auf der Apple Watch laufen und dabei nicht mehr Speicherplatz als 75 Megabyte belegen. watchOS hat in der aktuellen Form noch einige neue Herausforderungen für Entwickler, erklärt Ortwin Gentz: „Dadurch, dass die Watch nun völlig autark ins Netz gehen kann, gewinnt das Thema Daten-Synchronisation an Bedeutung. Leider stellt uns Apple einige wichtige Bausteine dafür nicht zur Verfügung. Bei der Synchronisation über iCloud sind viele iOS-Funktionen in watchOS nicht verfügbar.“

Die Apple Watch wird unabhängig

Ein großer Kritikpunkt an der Apple Watch war von Beginn an die enorme Abhängigkeit vom iPhone. Sie verließ sich für die Internetverbindung, Rechenleistung und Ortung komplett auf das Smartphone. Spätestens mit der Einführung der Series 3 hat Apple alle diese Punkte mindestens teilweise adressiert. Die aktuelle Version der Apple-Smartwatch hat GPS, deutlich mehr Rechenleistung und optional sogar ein eingebautes LTE-Modem. Doch auch die erste Apple Watch von 2015 ist bei WatchOS 4 noch mit dabei und soll die neuen Apps unterstützen können: „Das ist erstaunlich schwierig, weil gerade die Uhren der 1. Generation sehr langsam sind. Wir tragen Suchergebnisse aus verschiedenen Quellen zusammen und haben daher ein recht aufwändiges Data-Processing," führt Gentz aus.

Bislang hat sich die Apple Watch ständig mit iPhone verbinden müssen
Vergrößern Bislang hat sich die Apple Watch ständig mit iPhone verbinden müssen
© Apple

Mit watchOS 4 muss diese Last mit der neuen Watch-App vom Smartphone auf die Uhr verlegt werden: „Auf dem iPhone ist das kein Problem, aber auf der Watch stoßen wir definitiv an Performance-Grenzen. Insofern war für uns das watchOS 1 Programmier-Modell, nur die Display-Ausgabe und den Touch-Input umzulenken und die App ansonsten auf dem iPhone laufen zu lassen, sinnvoller“, sagt Ortwin Gentz von FutureTap.

Apple und die alten Zöpfe

Apple ist nie darum verlegen, Abwärtskompatibilität zu opfern, um einen Schritt in die Zukunft zu machen. Erst mit iOS 11 hatte Apple alle 32-Bit-Apps endgültig vom iPhone verbannt . Auf dem Mac steht eine ähnliche Zäsur bevor, die hier zahlreiche Drittanbieter-Anwendungen betreffen wird. Ein anderes berühmtes Beispiel ist der Switch auf die x86-Architektur mit Intel ab 2006.

Unternehmen warten noch ab

Mit der neuen Politik könnte Apple entweder dafür sorgen, dass Apps auf der Apple Watch nützlicher und unabhängiger vom iPhone werden, sofern die Entwickler auch die Werkzeuge in Form der nötigen Schnittstellen dafür erhalten. Dies würde die Nutzererfahrung deutlich verbessern, was immer eine von Apples Prioritäten ist. Auf der anderen Seite geht der Konzern damit das Risiko ein, das bisherige Ökosystem der Drittanbieterapps auszutrocknen. Nur Anbieter, die einen eigenen Nutzen darin sehen, Zeit und Geld in die Entwicklung einer App-Komponente für die Apple Watch zu investieren, werden dies jetzt ein zweites Mal auch tun. Andere werden den Support für die Watch schlicht einstellen.

Wir haben bei großen Unternehmen wie Ebay und Instagram (Facebook) nachgefragt, ob der Abschied von der Apple Watch nur temporär ist oder bald ein Update eine native, Apple-konforme Watch-Komponente bringen wird. Bisher haben wir dazu keine Antwort erhalten.

Es ist schwer abzusehen, ob das aktuelle App-Sterben nur temporär ist oder die Landschaft der Watch-Anwendungen durch Apples Politikwechsel dauerhaft deutlich ausgedünnt bleiben wird. Es wird Unternehmen geben, die zu dem Schluss kommen werden, dass sich der Aufwand nicht lohnt. Andere werden schon rein aus Marketingsicht („Wir wollen dabei sein“) oder aus Entwicklerstolz Nachtschichten einlegen, um eine komplett neue Watch-App auf die Beine zu stellen. „Die Nutzung von Watch-Apps ist nach wie vor sehr gering im Vergleich zur iOS-Plattform“, berichtet Ortwin Gentz. „Ich kann daher gut verstehen, dass einige Entwickler ihre Apple Watch Apps einstellen. Auch wir haben durchaus mit dem Gedanken gespielt. Letztlich war uns aber wichtiger, den Usern die Funktion weiterhin bereitstellen zu können“, so der Entwickler von „Wohin?“.

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