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Wer nichts postet ist nicht existent: Wie das Internet unser Leben verändert

04.12.2018 | 14:03 Uhr |

Was passiert mit einer Gesellschaft, in der ein großer Teil sein Leben nur noch mit dem Smartphone zu führen scheint? Wie ticken Leute, die ununterbrochen auf ihr Handy schauen, obwohl sich ganz offensichtlich nichts darauf tut, und die trotzdem fast schon zwanghaft ständig ihre Kontaktlisten rauf- und runterscrollen? Wie könnte man Leute tatsächlich dazu bringen, ihr Handy gelegentlich auszuschalten, es beiseitezulegen, es einfach mal zu ignorieren?

Wer nichts postet ist nicht existent - wer nicht schnell genug auf eine Whatsapp-Nachricht antwortet, der bekommt Vorwürfe von seinen Kommunikationspartnern. Den meisten wird dies bekannt vorkommen.

Wir leben in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie: ständig selbst aufmerksam sein und gleichzeitig Aufmerksamkeit bei anderen erzeugen - und das meist bis ins Schlafzimmer. So sind zwei Drittel der Generation Y mittlerweile auch im Bett on. Eine Folge: Der Kommunikationsdruck steigt und wir entwickeln ein regelrechtes Aufmerksamkeitssyndrom. Wir erliegen also immer mehr dem Cyberautomatismus.

Dabei entstehen neue Verhaltensphänomene, beispielsweise das Phantomschauen (habit to check): Wir greifen nach unserem Smartphone, weil wir glauben, eine Whatsapp-Nachricht oder ein Facebook-Anstupser seien eingegangen. Tatsächlich aber ist gar nichts geschehen - es war nur eine digitale Illusion.

Auch werden einige das Gefühl der Nomophobie kennen - die Angst, no-mobile zu sein, online also etwas zu verpassen - etwa wenn der Akku gleich leer ist und man kein Ladegerät zur Hand hat.

Dabei besteht eine der großen Herausforderungen der Aufmerksamkeitsökonomie darin, dass man nicht wie früher nur auf einer Wahrnehmungs- oder Bewusstseinsebene agiert, nämlich dem Umfeld, das einen real, physisch umgibt. Durch die Vielfalt des Cyberspace, die unzähligen Apps auf den mobilen digitalen Tools bewegen wir uns immer häufiger in ganz vielen erlebbaren Handlungsräumen - und das nahezu zeitgleich.

Dabei werden wir regelrecht auf ein ständiges Unterbrechen konditioniert: So schaut jeder 20-Jährige durchschnittlich 135 Mal am Tag auf seinen digitalen Begleiter. Nimmt man einen 16-Stunden-Tag an, so ist das etwa alle 7 Minuten.

Dies kann uns wahrnehmungspsychologisch immer stärker daran hindern, Strukturen zu finden. Die Folge: Wir müssen gedanklich immer wieder aufs Neue in die vorherige Handlung einsteigen. Dadurch reduziert sich die Konzentrationsfähigkeit, die Fehleranfälligkeit steigt oder Gesprächsinhalte müssen wiederholt werden. Auch Schnelligkeit und Qualität der Tätigkeiten können darunter leiden, die Auffassungsgabe kann sich verringern und das Gedächtnis kann sich insgesamt verschlechtern.

Das Paradoxe allerdings: Wir selbst empfinden genau das Gegenteil. Wir glauben, dass wir uns mit unserem Smartphone deutlich besser konzentrieren können als ohne Gerät. Wir überschätzen unsere Media-Multitasking-Fähigkeiten also deutlich (overconfidence bias).

Die ständigen Unterbrechungen führen auch dazu, dass wir neue Wahrnehmungsstrategien entwickeln. Dabei leidet die Informationsaufnahme, sie wird oberflächlicher: Wir gewöhnen uns wahrnehmungspsychologisch an kurze Häppchen (tweets). So werden beispielsweise nur noch ca. 10 bis 15 Prozent der Dokumente, die online aufgerufen werden, wirklich gelesen.

Immer häufiger werden Ablenkungseffekte wirksam. Emotionen, bekannte Inhalte oder eigene Meinungen lenken die Aufnahme von Informationen (Bestätigungsfehler). Dabei kann die Kritikfähigkeit empfindlich leiden - denken wir an Fake News. Wir geraten leicht in ein digitales Umfeld der „Filter Bubble“ der Gleichgesinnten.

So zeigt eine Studie der Universität Stanford, dass mittlerweile 80 Prozent der unter 18-Jährigen in den USA nicht mehr zwischen Fake News, echten Nachrichten, Werbung, absichtlich gestreuten Hetzschriften, kommerziellen Webseiten und Nachrichten von Influencern und Twitterern unterscheiden können.

Auch wird unser Leben zunehmend von Bildern bestimmt – durch Facebook, Snapchat, Instagram & Co. Wir gewöhnen uns immer mehr daran, auch den eigenen Alltag durch die Linse der Technologie, also unsere Smartphones, zu betrachten und zu erleben: Konzerte werden auf dem Screen verfolgt, während man diese aufzeichnet, um das später zu posten. Gleiches passiert, wenn man auf Sightseeing-Tour in fremden Städten unterwegs ist.

So entsteht jedoch eine höhere emotionale Distanz zum gerade Erlebten. Das Erfahren über unser eigenes „Auge“ hinterlässt dagegen einen stärkeren Eindruck und lässt uns auch Emotionen besser abspeichern - der Bildschirm / Screen schiebt sich also häufig wie eine digitale Mauer zwischen uns und das Gesehene.

Gleichzeitig beeinflussen Bilderflut und Aufmerksamkeitsökonomie in immer stärkerem Maße auch unsere emotionale Ich-Ebene und unser soziales Miteinander. Wer von uns erliegt nicht irgendwann einmal dem Trend zur Selbstdarstellung, der „Selfie-Manie“. Dies hat verschiedene psychologische Aspekte. So erhöht allein die physische Selbstpräsentation, das Sich-selbst-sehen in bestimmten Posen und Situationen die emotionale Bindung an das eigene Ich. Hinzu kommt, dass die Kontrolle über die eigene Selbstdarstellung, die Selbstbestimmtheit ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität vermittelt. Vor allem wenn die Reaktionen positiv sind.

Allerdings kann dies auch zur Selbst-Obsession durch ein sich ständiges Validieren und Vergleichen mit anderen (Validierungsspirale) oder zu emotionalen Abhängigkeiten nach Reaktionen von außen (Likes, Follower) und zu digitalem Stress oder Suchtverhalten führen. Entzugserscheinungen können auftreten, wenn Reaktionen ausbleiben. Die Folge können auch negative Auswirkungen auf das Selbstbild sein, wenn Reaktionen plötzlich kritisierend, ablehnend oder herabwürdigend werden.

Dabei können wir auch schnell in den Teufelskreis der Be-happy-Falle geraten. Meist sehen wir schöne Bilder oder Stories von erfolgreichen glücklichen Menschen. Dies kann aber unseren Blick für unsere eigene Realität verstellen - wir selbst fühlen uns im Vergleich deutlich unglücklicher, erfolgloser, hadern mit uns oder zweifeln an unseren Fähigkeiten. Wir tappen in eine digitale Netzfalle.

Was tun, um diesem Cyberautomatismus nicht zu erliegen und zu kompetenten Cybernauten zu werden?

Jeder von uns sollte seine digitale Brille aufsetzen und ein neues digitales Bewusstsein entwickeln. Wir müssen selbst erkennen und spüren, wie manipulierbar wir sind, dass wir unbewusst fremdgesteuert werden, wie heute digitales Denken und Entscheidungsverhalten abläuft und vieles mehr.

Also den Verstand nicht vor dem Bildschirm abgeben, sondern kritikfähiger werden, sich selbst und andere oder Inhalte, die einem begegnen, stärker hinterfragen (die Suche nach Fake und Wahrheit) und sich selbst stärker reflektieren: Was ist gut für mich und was kann mir oder meinen Beziehungen, Beruf etc. schaden.

Eigene Stoppschilder einzuführen ist ein wichtiger Schritt: Nicht alles einfach abscannen oder sofort auf den Weiter-Button drücken. Die eigene Bequemlichkeit austricksen und auch die Umsonst-Mentalität ablegen (was online nichts kostet, ist meist verdächtig) - auch wenn dies aufwändiger ist und Zeit kostet.

Dazu gehört auch, mehr Selbstkontrolle zu üben: gezielte Offtime-Zeiten einlegen und die Online-Zeit gut einteilen. Dabei können folgende Tipps helfen:

1. Smartphone nicht sichtbar liegen lassen - allein die Anwesenheit lenkt ab

2. Digitale Verhaltens-Tricks: Smartphone-Türme in der Familie und mit Freunden aufbauen - wer zuerst nach dem Gerät greift, zahlt die nächste Runde oder macht den Abwasch

3. Erkenntnis über das eigene Verhalten / Online-Logbuch: Apps wie Moment, Offtime oder Checky helfen, die eigene Nutzung zu beobachten. Man wird überrascht sein, weil wir die Nutzung meist deutlich unterschätzen

4. Detox-Experimente: Tage von Nutzung und Nicht-Nutzung abwechseln. Dabei festhalten, wie man sich fühlt, wenn man das Smartphone nicht nutzen darf (Stress, Unwohlsein, Ungeduld) und was man stattdessen macht. Dies mit anderen in der Familie und/oder mit Freunden diskutieren

5. Gezielt die App-Nutzung von Instagram und Co. einschränken. Apps schalten automatisch ab oder Apps wie Forest installieren (die uns dafür belohnen, wenn wir eben nicht zum Smartphone greifen)

6. Screen des Smartphones auf Graustufen stellen - Farbe und bunte Bilder lenken deutlich mehr ab

7. Orientierungslos ohne Smartphone? Gezielt vom Smartphone emanzipieren. Nicht gleich Google Maps benutzen, sondern den eigenen Orientierungssinn mal wieder aktivieren (gilt auch für GPS im Auto), eine Karte wieder „lesen“ lernen oder in der Umgebung nach dem Weg fragen

8. Gezielte Offtime-Zeiten: Lernen, ein paar Stunden ohne Smartphone aus dem Haus zu gehen, zum Einkaufen, beim Restaurantbesuch…

Und schließlich werden Sie merken, dass gar nichts Schlimmes passiert, wenn man nicht immer ON ist!

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