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Wie das iPad die Zukunft der Mac-Oberfläche beeinflussen kann

17.01.2019 | 15:13 Uhr |

Was bringt das nächste macOS? Keine Fusion mit iOS 13, aber die Systeme nähern sich weiter an, meint Jason Snell. Vielleicht ja sogar bei der Nomenklatur.

Viel wurde darüber geschrieben – zugegebenermaßen auch von mir –  wie Apples Werkzeuge, die iOS-Entwickler ihre Apps ab diesem Jahr auf macOS bringen lassen, das Potenzial haben, den Mac drastisch zu verändern. Aber mit iOS-Anwendungen auf dem Mac hört Apple womöglich nicht auf. Was wäre, wenn das Unternehmen mit macOS 10.15 (oder, wie ich vermuten möchte, macOS 13?) die Schnittstellen seiner Plattformen weiter vereinheitlicht?

Bei der Diskussion darüber, ob iOS-Anwendungen auf dem Mac den Schnittstellenstandards der Plattform entsprechen, ist es durchaus möglich, dass Apple in diesem Jahr neu definiert, was "Mac-typisch" bedeutet, so dass iOS und macOS zu einem Kontinuum werden, das man als "Apple-typisch" bezeichnen kann. Langjährige Mac-Benutzer wird das vielleicht nicht gefallen, aber iOS-Benutzer dürften das begrüßen. Als jemand, der beide Plattformen nutzt, bin ich mir nicht sicher, in welche Richtung ich tendiere. Die Überlegung lohnt sich aber: Was könnte Apple tun, damit der Mac iOS ähnlicher wird?

Änderungen beim Multitasking

Vollbild- und Split-View-Modus sind wie beim iPad bereits in macOS vorhanden. Das Desktop-System hat auch noch diesen alten "Fenster"-Modus, der iOS fehlt, ich bezweifle, dass Apple bereit ist, beliebige Fenster in iOS einzuführen. Die einzige Funktion, die macOS im Vergleich zum iPad-Multitasking fehlt, ist Slide Over, mit der Sie eine App an der Seite des Bildschirms platzieren und kurz einblenden können, wann immer Sie wollen, und sie dann schnell wieder entfernen können.


©Apple

Ich habe definitiv auf meinem Mac schon mal den Wunsch gehegt, dass ich etwas in einer App schnell ansehen und sie dann wieder aus dem Blickfeld entfernen könnte. Zudem enthält macOS bereits eine Art von Slide Over, das ist aber auf die Benachrichtigungszentrale beschränkt, die auf der rechten Seite des Bildschirms zu finden ist und durch Streichen am rechten Rand des Trackpads angezeigt werden kann.

Es lohnt sich zu überlegen, ob die Gesten der Mission Control des Mac auf dem iPad Sinn machen. Das würde mir gefallen, wenn iOS dem Mac mehr ähneln würde als umgekehrt. Ich navigiere endlos durch meinen Mac mit Multi-Finger-Trackpad-Gesten, ich würde es lieben, wenn ich das Gleiche auf meinem iPad tun könnte, indem ich Apps in verschiedene Spaces ziehen könnte.

Ein völlig neuer Ansatz für Multitasking scheint mir aber möglich zu sein: Apple könnte Browser-Tabs verwenden, mit denen Benutzer ihren Arbeitsbereich konfigurieren könnten. Seit macOS 10.12 Sierra kann man auf dem Mac in jeder App Tabs verwenden,  Microsoft hat kürzlich mit der Idee experimentiert, Fenster aus verschiedenen Apps in einem einzigen Tabulator-Set zu gruppieren.  Microsoft sieht etwa vor, dass Sie Word-, Excel- und Browser-Tabs im selben Arbeitsbereich öffnen, damit Sie problemlos zwischen ihnen wechseln können.

Als jemand, der nicht besonders vom Multi-Tab-Lebensstil angetan ist, bin ich nicht ganz davon überzeugt, dass diese "Tabbed Workspaces" mich begeistern würden. Für die meisten anderen Benutzer ist jedoch das Hinzufügen weiterer Registerkarten in einem Fenster zur Selbstverständlichkeit geworden. Und wenn Apple Tabbed Multitasking in iOS 13 integrieren würde, wäre ich überhaupt nicht überrascht, wenn es die gleiche Funktion auf den Mac brächte – schon allein, um alles synchron zu halten.

Benachrichtigungs- und Kontrollzentralen


Könnte das Kontrollzentrum von iOS zu macOS kommen? ©Jason Snell

Auf iPad und iPhone X hat Apple nun die Standorte von Benachrichtigungszentrale und Kontrollzentrum vereinheitlicht. Um die Benachrichtigungszentrale anzuzeigen, streichen Sie vom oberen Bildschirmrand nach unten. Das Kontrollzentrum, erreichen Sie per Strich von oben links nach unten. Die Vorstellung klingt nicht unvernünftig, dass Apple das so auch auf dem Mac löst. Sie würden von der Oberseite Ihres Trackpads mit einem Finger nach unten streichen (oder auf einen Menüleisteneintrag klicken), um die Benachrichtigungszentrale zu öffnen. Ein Streichen von der rechten oberen Ecke nach unten würde das Kontrollzentrum öffnen.

Oh, der Mac hat gar kein Kontrollzentrum? Stellen Sie sich dieses als eine Erweiterung der Symbole in der Menüleiste vor, wo Apple heute viele Steuerelemente auf die obersten Ebene der Mac-Benutzeroberfläche platziert. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie eine Mac-Version des Kontrollzentrums aussehen würde. Vielleicht wäre es buchstäblich nur eine Erweiterung der Menüleiste selbst, mit mehr Optionen und Details und schnellem Zugriff auf die Einstellungen von Anwendungen und System.

Docks und Trackpads

Apple lässt das iPad und den Mac schon seit einiger Zeit näher zusammen rücken. In Mojave und iOS 12 haben beide das Konzept der aktuell genutzten oder vorgeschlagenen Apps in das Dock integriert. Auf dem iPad können Sie Apps aus dem Dock ziehen, um Multitasking zu starten, was auf dem Mac eine interessante Option sein könnte. Das Dock blendet sich auf dem iPad bei Verwendung von Apps automatisch aus und kann entweder über eine Tastenkombination (Command-Option-D, die gleiche Tastenkombination wie auf dem Mac) oder durch Umschalten mit einem Finger am unteren Bildschirmrand angezeigt werden. Diese Geste zu sein könnte auch auf dem Trackpad funktionieren.

Ich erwähne immer wieder das Trackpad, denn die meisten der verkauften Macs kommen als Notebooks nun mal mit einem und auch viele der Desktops, die Apple verkauft, landen letztlich beim Magic Trackpad. Es ist eine logische Multitouch-Oberfläche für die Apple macOS optimieren könnte, Zeigegeräte wie die Maus wären ein Fallback: Das ist heute schon bei der Benachrichtungszentrale so, an die man per Wisch auf dem Trackpad gelangt oder eben per Klick mit der Maus rechts oben auf den Bildschirm. Wenn macOS mit Trackpad weitere Gesten im iOS-Stil erlernt, bringt das die beiden Plattformen näher zusammen, ein kluger Schachzug. macOS und iOS sind nicht ganz gleich, aber sie ähneln sich immer mehr.

Und was ist mit Touchscreens?

Dann gibt es noch eine weitere Baustelle: Was passiert, wenn macOS-Geräte schlussendlich Touchscreens enthalten? Apple hat dieses gängige PC-Feature in den letzten Jahren geschmäht, aber die Ankunft von zunächst für Touch optimierten iOS-Apps, lässt die Frage aufkommen, ob sich Apples Meinung ändern könnte.

Ich glaube nicht, dass Apple jemals einen Mac entwickeln wird, der eine Bedienung per Berührung zwingend erfordert, aber Touch kann als zusätzliche Funktion, zum Scrollen von Browserfenstern oder zum Tippen auf große Oberflächenelemente nützlich sein. Wenn Apple sich in Richtung Touchscreen-Macs bewegen würde, könnte es auch alle Gesten unterstützen, die man am iPad von dessen Kanten aus macht. Die Einführung des Kontrollzentrums zur Ergänzung oder Ersetzung dieser winzigen Mac-Menüelemente würde auch eine viel besser per Touchscreen navigierbare Oberfläche bieten.

Keine heiligen Kühe

Denke ich, dass Apple die macOS-Oberfläche wirklich so umgestalten wird, dass sie in allen hier beschriebenen Punkten weitgehend iOS ähnelt? Wahrscheinlich nicht, zumindest nicht im Jahr 2019. Aber der Wandel liegt in der Luft, und es scheint mir ziemlich klar zu sein, dass macOS dabei ist, sich in etwas zu verwandeln, das viel mehr mit iOS zu tun hat als heute. Jedes Mal, wenn Sie ein iOS-Gerät und Ihren Mac verwenden und dabei feststellen, dass die beiden Plattformen sich dem gleichen Ziel aus verschiedenen Richtungen nähern, denken Sie daran, dass wahrscheinlich bei Apple seit geraumer Zeit jemand darüber nachdenkt, wie man zu Vereinheitlichung kommt.

Ich hoffe sehr, dass das iPad auch Funktionen des Mac aufnimmt, aber da iOS im letzten Jahrzehnt von Apple die meiste Aufmerksamkeit bekommen hat – und die meisten der Meilenstein-Feature-Updates für den Mac in dieser Zeit darin bestanden haben, Funktionen hinzuzufügen, die auf iOS vorhanden sind, oder Kompatibilität oder Interoperabilität mit iOS zu bieten – bietet der Mac eine größere Basis, wenn es darum geht, eine einheitliche Apple-Plattform zu schaffen, die alles von kleinen iPhones bis hin zu riesigen Displays umfasst.

Ich sollte auch darauf hinweisen, dass ich nicht glaube, dass es das Ziel von Apple ist, macOS und iOS identisch zu machen. Das ist es nicht. Der Mac wird mit ziemlicher Sicherheit viel von seinem wesentlichen Charakter behalten, schon allein deshalb, weil er der einzige Teil der Gerätepalette von Apple ist, der Laptops und Desktops sowie externe Zeigegeräte umfasst. Aber als jemand, der den Mac seit fast drei Jahrzehnten benutzt, ist es schwer zu glauben, dass es am Horizont einige große, von iOS inspirierte Veränderungen gibt.

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