2265179

Wie Microsoft mein Skype-Konto kaperte

07.04.2017 | 13:25 Uhr |

Microsoft hat seine Drohung verwirklicht und tatsächlich alle Konten zusammengeführt. In manchen Fällen ist der Versuch in die Hose gegangen.

"Irgendjemand musste mein Konto geknackt haben, denn ohne dass ich etwas Böses getan hätte, wurde es eines Morgens gesperrt." So ungefähr würde "Der Prozess" anfangen, hätte er sich nicht um die Jahrhundertwende vom 19ten zum 20sten, sondern in unseren Tagen abgespielt. Denn um Verwirrung zu stiften und Ohnmachtsgefühle zu erzeugen, braucht man keine ausgeklügelten und verschachtelte Behörden mit nicht zugänglichen Unterlagen, es reichen auch ein paar Wiederherstellungsschleifen und Support-Anweisungen, die sich widersprechen.

Doch von Anfang an: Ich wollte zu Hause anrufen, nämlich per Skype. Das Konto habe ich seit mehr als zehn Jahren, die Kontakte dort sind mindestens so alt. Dazu ist Skype im Unterschied zu anderen Instant-Messengern und VoIP-Anbietern wirklich global. Es hat keine Ernst zu nehmende lokale Konkurrenz in China oder in Russland, wie es Facebook, Whatsapp oder Twitter haben. All diese zehn Jahre funktionierte das Prozedere wie gewohnt: App oder Desktop-Programm aufrufen, auf den Kontakt klicken, den blauen Hörer drücken, quatschen. Am vergangenen Sonntag wollte Skype plötzlich das Passwort von mir. Nichts leichter als das: die acht Buchstaben eintippen, die meinen Geburtsort bezeichnen. Falsch. Ok, nochmal, aber jetzt deutlich langsamer, die acht Buchstaben eintippen. Falsch. Ok, das Tastaturlayout prüfen, kurz schauen, ob die Feststelltaste nicht leuchtet, ganz langsam eintippen. Falsch.

Wiederherstellung des Passwortes auf Umwegen

"Haben Sie Ihr Passwort vergessen?" fragt das Programm freundlich unter dem Anmelde-Knopf, "Wahrscheinlich", denke ich mir und drücke auf den Link. Die Wiederherstellung eines vergessenen Passwortes ist eigentlich bei Skype so eingerichtet, wie bei allen anderen Online-Diensten: Man kann sich auf seine Mail-Adresse einen Wiederherstellungs-Code schicken lassen, diesen Code im Fenster eintippen und dann das Passwort ändern. Bis hierher lief alles noch wie gewohnt, Skype schlug mir vor, auf eine Adresse den Wiederherstellungs-Code zu schicken, davor musste ich sie vollständig in ein Fenster eintippen, denn aus Sicherheitsgründen wurden nur die ersten zwei Buchstaben im Namen und die Domain nach dem At-Zeichen angezeigt.

Ab hier begann ich, im Kreis zu laufen: Die E-Mail-Adresse war nicht die, mit der ich das Konto vor Jahren angelegt habe und auf die ich die ganzen Mitteilungen von Skype immer wieder bekam, sondern eine des Kollegen. Ich war schon so verwirrt, dass ich mich gar nicht wunderte, warum im Wiederherstellungsfenster eine fremde Adresse auftaucht, Hauptsache, ich bekomme den Wiederherstellungscode. Diesen habe ich von dem Kollegen bekommen, ins Konto eingeloggt, das Passwort für Skype geändert. Am Montag Abend habe ich wieder versucht, nach Hause zu telefonieren. Die iPad-App hat das neue Passwort anstandslos angenommen, ich wählte den Kontakt, die Verbindung stand, wir wechselten ein paar Worte. Nach ein paar Minuten verabschiedete sich Skype mit dem bekannten Blub-Geräusch aus dem Betrieb. Ich versuchte den Kontakt nochmals zu wählen, landete jedoch im Startbildschirm, ich musste mich wieder anmelden. Ok, das neue Passwort wählen, dieses hatte ich noch ganz gut im Kopf, nichts leichter als das. Falsch. Ok, nochmals, aber langsamer, Achtung auf die Großbuchstaben und die Sonderzeichen. Falsch. Ok, nochmals, ganz langsam, mit einem Finger und konzentriert. Wieder falsch. Na gut, dann rufe ich halt morgen an, und frage den Kollegen erneut nach dem Wiederherstellungscode.

Ausgesperrt

Und nochmals von vorne, "Passwort vergessen", den Wiederherstellungscode schicken lassen. Dieses Mal habe ich die E-Mail mit dem Code tatsächlich gelesen. "Bitte nutze den Code, um das Passwort des Microsoft Accounts id*****@live.com wiederherzustellen. Dein Code ist .... Wenn Du die Adresse nicht erkennst, klicke hier, um deine Adresse von diesem Account zu entfernen." Und hier haben ich gleich zwei Fehler begangen, die ich mir nie verzeihe: Zum einen auf den Link geklickt, um den Kollegen nicht weiter zu behelligen und zum anderen, nicht sofort den Wiederherstellungscode ins Fenster eingetragen. Nach einem Meeting zurück, den Code eingetragen, der wurde logischerweise nicht angenommen. Und wieder auf "Passwort wiederherstellen" drücken. Das Fenster änderte sich nun, die Wiederherstellungsoption per Mail verschwand komplett, ich konnte eine Sicherheitsfrage beantworten, oder gleich ins Formular gehen, wo mich Microsoft alle Fragen zu meinem Konto stellte. Die Sicherheitsfrage habe ich vor zehn Jahren angelegt, ich war mir nicht mehr sicher, was ich da als richtige Antwort und vor allem Schreibweise eingetragen habe. So versuchte ich es mit dem Fragenkatalog zum Konto.

Wiederherstellungsfenster ohne E-Mail-Adresse
Vergrößern Wiederherstellungsfenster ohne E-Mail-Adresse

Dieser ist ziemlich umfangreich, man musste mindestens drei Kontakte aus der Kontaktliste nennen, die letzten angerufenen Nummer etc. Nach einer kurzen Zeit meldetet sich Microsoft per Mail, die Infos waren nicht ausreichend, sie konnten mich nicht als Inhaber des Kontos authentifizieren. Also versuchte ich es nochmals: Bei Paypal geschaut, wann ich zuletzt das Guthaben bei Skype gekauft habe, die Postleitzahl meiner alten Adresse gegoogelt, genaue Skype-Namen meiner Kontakte schicken lassen. Offenbar waren die Antworten jetzt ausreichend, doch die Antwort von Microsoft recht verwirrend: "Wir haben festgestellt, dass das Microsoft-Konto id******@live.com nicht existiert. Dies wird in der Regel dadurch verursacht, dass ein Konto auf "Inaktiv" gesetzt, das Konto gelöscht wurde oder abgelaufen ist. Ihre Kontowiederherstellungsanfrage zu Problemnummer 261319861 wurde geschlossen." Mir wurde angeboten, ein neues Microsoft-Konto anzulegen, jedoch nicht gesagt, wie ich zu dem alten Skype-Konto gelange.

Mensch statt Maschine

Nun habe ich nach dem Support im Form eines Menschen gesucht. Tief verborgen in den FAQs von Skype-Blog konnte man eine Mail-Anfrage schicken. Dies habe ich getan. Die freundliche Eleni K. vom Skype Customer Support hat mir natürlich als erstes vorgeschlagen, mein Passwort zurückzusetzen, über einen Link, den ich schon allzugut kannte. Wieder das gleiche Prozedere, wieder die bekannte Antwort von Microsoft Account Support. Nun leuchtete mir ein, dass ich vielleicht mein Problem nicht präzise genug beschrieben habe. Und so habe ich das eingeblendete Wiederherstellungsfenster abfotografiert und darauf hingewiesen, dass in diesem meine ursprüngliche E-Mail-Adresse bei Yahoo, mit der ich das Konto erstellt habe, fehlte, auch fehlt hier die Live.com-Adresse, weil Microsoft sie nach längeren Nicht-Nutzung deaktiviert habe. Ich habe nach einer Möglichkeit gefragt, das Konto mit der bereits bekannten Yahoo-Adresse wiederherzustellen, schließlich ist sie ja dem Konto zugewiesen.

Nach ein paar Stunden antwortete mir Eleni K., diesmal mit ein bisschen mehr Informationen, nun läutete mir ein, warum meine Passworte ständig falsch waren, warum meine Yahoo-Adresse nicht mehr als Haupt-Adresse bei Skype gilt:

"Die registrierte Yahoo Email Adresse wurde von Ihrem Konto nicht entfernt. Da das Skype Konto aber mit dem Mirosoft Konto (Email Adresse id*****@live.com ) verknüpft wurde, sind die Anmeldedaten die gleichen welche Sie für die EMail id******@live.com benutzen."

Das ist natürlich schön zu wissen, dass ich mich jetzt bei Skype mit dem Microsoft-Konto anmelden muss, aber diese Infos sollen nicht nur im Blog auftauchen, wo sie kein normaler Mensch findet, und nicht nach ein paar Dutzend Mails mit dem Support und mehreren Wiederherstellungsversuchen, sondern am besten als eine Benachrichtigung auf die ursprüngliche E-Mail des Skype-Konto. Denn nichts ist einfacher als zu erraten, warum das Passwort nicht angenommen wurde, als darauf zu schließen, dass plötzlich für ein Dienst das Passwort eines anderes Dienstes gilt. Schließlich passiert es jeden Tag, dass die Passwörter sich spontan ändern.

Meine legitime Yahoo-Adresse ist zwar dem Skype-Konto nach wie vor zugewiesen, ich soll aber bitte die Microsoft-Adresse für die Anmeldung weiter nutzen, die Microsoft selber davor deaktiviert hat. Schön...

Fazit: Nach dieser Mail habe ich aufgehört, der freundlichen Eleni K. Briefe zu schreiben. In den letzten Tagen schoss der Begriff "Skype Login" bei Google Trends in die Höhe, ich durfte nicht allein sein mit meinen Problemen. Zwar habe ich den entscheidenden Fehler gemacht, eine gültige Adresse des Kollegen von meiner toten Live.com-Adresse zu entkoppeln. Die ganzen Wiederherstellungsversuche und Support-Anfragen blieben aber mir und den Skype-Mitarbeitern erspart, wenn der Hersteller daran gedacht hätte, den Nutzer noch vor der Passwort-Eingabe zu warnen: "Hey, wir haben dein Konto ohne dein Wissen umgezogen, du muss jetzt damit leben und das Passwort von deinem Microsoft-Konto nutzen." Weit schwieriger ist der Umstand, dass Microsoft die zwei Konten zusammengeführt hat, und als Grundlage seine eigene ungültige E-Mail genommen hat, die der Anbieter noch selber abgeschaltet hat. Bei solcher Zusammenführung müsste eigentlich eine rudimentäre Prüfung geschehen, schließlich hat ja Microsoft die Live.com-Adressen selber in der Hand.

Der Verlust meines Skype-Kontos hat mir eins veranschaulicht – das Tool hat mir meine Verwandten näher gebracht, obwohl sie ein paar Tausend Kilometer weit entfernt wohnen. Die meisten Kontakte habe ich wieder gefunden, entweder in Whatsapp oder in iMessage. Wer noch fehlt, sind meine Eltern. Aber die bekommen von mir im Sommer ein iPad aufs Auge gedrückt, so können wir per Facetime telefonieren. Wenn Skype seine Nutzer nicht will, finden sich genügend andere Anbieter, die diesen Verlust kompensieren können.

0 Kommentare zu diesem Artikel

Macwelt Marktplatz

2265179