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Wo Microsoft konsequenter als Apple ist

12.05.2017 | 13:37 Uhr |

Apples einstiger Rivale nähert sich von einer anderen Seite dem Bildungsmarkt und ist bereit, in den einen oder anderen sauren Apfel zu beißen.

Völlig unbemerkt ist die Nachricht auf unserer Seite geblieben, iTunes kommt in den Windows Store . Klar, an sich ist es unspektakulär, und wer kein Student oder Schüler in den USA ist, wird sich herzlich wenig dafür interessieren, ob auf dem neuen Windows 10 S iTunes laufen wird oder nicht. Doch betrachtet man ein etwas größeres Bild, ergeben sich dabei ziemlich interessante Schlussfolgerungen.

Zum einen scheint die Hölle zugefroren zu sein, weil lediglich ein Drittanbieter Apple-Software ankündigt, die dazu nicht sofort verfügbar ist, sondern erst in gut einem halben Jahr überhaupt das Licht der Welt erblickt. Dies ist insofern erstaunlicher, als dass man  feststellt, dass die letzte Macworld-Expo war vor drei Jahren stattfand, Apple hat bereits 2009 angekündigt, nicht mehr daran teilzunehmen . Das heißt, seit 2009 hat Apple die komplette Kontrolle über die Ankündigungen und Veröffentlichungen seiner eigenen Produkte übernommen. Es passierten natürlich Ausrutscher wie das verloren gegangene Gizmodo-iPhone , aber einem Dritten eine derartige Ankündigung zu überlassen, dafür musste es schon gewichtige Gründe geben. Verständlich, auf der Microsoft Build passte die Nachricht zum neuen iTunes über den Windows Store deutlich besser, auch Apple hatte schon mal eine Android-App ("Move to iOS") auf der WWDC angekündigt.

Zum anderen zeigt, es, dass Microsofts Schmerzgrenze in Sachen Kompromisse, wenn es um wichtige Projekte geht, deutlich weiter ausgelegt ist als die bei Apple. Das Beispiel ist immer noch iTunes im Windows Store. Unsere Chefredakteurin Marlene Buschbeck-Idlachemi hatte schon bei der Einführung von iTunes in die Windows-Welt das Programm ein "trojanisches Pferd" genannt . Das stimmt bis heute, denn das Programm ist eine perfekte Einkaufsvitrine für die Apple-Welt, seit 2015 ist noch Apple Music dabei, genügend Klebstoff also, um die Nutzer zumindest teilweise dazu zu bewegen, Geld bei Apple auszugeben und nicht beim Betriebssystem- oder Hardware-Hersteller.

Microsoft braucht iTunes auf den Schul- oder Uni-Notebooks aus anderen Gründen. Es ist nicht zu leugnen, dass das iPhone das beliebteste Smartphone weltweit ist , sprich, nicht ein nicht kleiner Anteil der künftigen Käufer wird auf dem neuen Laptop eine Management-Software für iOS benötigen. Während unter macOS Apple nach und nach alte Zöpfe abschneidet und immer mehr vom Datenabgleich in die iCloud verschiebt, bleibt unter Windows iTunes wohl eine einzige offizielle Möglichkeit, Daten aus Apps auf den Desktop zu bringen. Hier kann man noch auf die altbewährte Methode hinweisen, E-Mails an sich selber zu schicken, doch ab einer bestimmten Größe und ab einer bestimmten Menge scheidet auch diese aus.

An dieser Stelle wird die Zwickmühle deutlich, die Microsoft mit Windows 10 S für sich selbst geschaffen hat. Einerseits soll das System so sicher und stabil laufen, wie keiner der Vorgänger, deswegen sind nur Apps erlaubt, die die Prüfung des Windows Store passiert haben. Andererseits müssen die künftigen Nutzer auch Sachen mit dem neuen Laptop erledigen können, ansonsten würde sich der Kauf gar nicht lohnen. Während Microsoft die Chrome- oder Firefox-Anwender noch mit dem eigenen Browser vertrösten könnte, gibt es Software, für die es keinen Ersatz gibt. iTunes ist dafür nur ein schönes Beispiel.

Es bleibt natürlich im Bereich der Spekulationen, unter welchen Bedingungen Apple und Microsoft sich auf die neue Version von iTunes geeinigt haben. Es zeigt aber, dass Microsoft das eigene Bildungsprojekt mit Elan und Konsequenz verfolgt und dabei bereit ist, selbst einen solchen schwierigen Kooperationspartner wie Apple für sich zu gewinnen. Ein bisschen mehr von dieser Konsequenz und von dieser Liebe hätten wir uns von Apple gewünscht, zum Beispiel bei vergleichbaren Projekten wie dem Mac App Store, behandelt doch der Hersteller den eigenen digitalen Laden auf dem Mac mit geradezu stiefmütterlicher Unachtsamkeit .

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