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WWDC-Kommentar: Es muss nicht immer Hardware sein

05.06.2018 | 13:32 Uhr |

Die Keynote zur WWDC war lang, aber keineswegs langweilig. Auch wenn das einige Apple-Fans und -Gegner behaupten mögen. Unser Kommentar.

Zweieinviertel Stunden, in denen Apple ausführlich auf Neuerungen in seinen vier Betriebssystemen einging. Okay, abzüglich einer guten Viertelstunde für die Images-Videos zu Beginn und Ende der Keynote, bleiben im Schnitt eine halbe Stunde für iOS, tvOS, watchOS und macOS – wie in der Marktrealität hatte iOS natürlich die meiste Zeit für sich beansprucht.

"Laaangweilig!", erschallt es nun aus vielen Echokammern der Kommentarspalten und sozialen Netzwerke. Wo war denn das Neue, das Aufregende? Wo war die Hardware, die man mehr oder minder sehnlich erwartet? Eine weitere inkrementelle Verbesserung der iPad Pro, das wichtige iPhone SE 2 und vor allem – wie sehr vermissen ihn doch manche – endlich, endlich ein neuer Mac Mini?

Die gestrige WWDC-Eröffnung war nicht die erste ohne neue Hardware, letztes Jahr hatte Apple mit iPad Pro, iMac und den Ankündigungen zu HomePod und vor allen iMac Pro vielleicht ein wenig zu verwöhnt und Erwartungen geweckt. Man übersieht leicht: WWDC steht für World Wide Developers Conference – weltweite Entwicklerkonferenz – und die Spezies des Entwicklers ist nicht für teuer Geld nach Kalifornien gepilgert, um noch dünnere und noch leistungsfähigere Computer aller Art zu bewundern, sondern, um neue Anregung und Werkzeuge für ihre Arbeit zu bekommen. Allein der Austausch mit den gut 1000 anwesenden Apple-Ingenieuren – bei 5000 angereisten Entwicklern ein hoch interessantes Verhältnis – sind oft Reisekosten und Eintrittsgeld mehr als wert.

Eine ganze Woche für viele Details – nicht nur eine Show

So war und ist die Keynote ohnehin nur die Spitze eines gewaltigen Gebirges – oder um in Apples neuem Bild für macOS zu bleiben, eine Düne in der Mojave-Wüste – die eigentlich wichtigen Informationen und Innovationen für Entwickler bringt Apple im Verlauf der Woche in Seminaren und Vorträgen den Softwarespezialisten näher. Die Keynote hätte noch wesentlich länger dauern, oder auf Elemente wie die Memojis verzichten können. macOS , tvOS , iOS und watchOS haben noch wesentlich mehr Verbesserungen und Optimierungen erhalten, als auf der Bühne zu sehen waren. Oder allenfalls kurz: So blitzte auf der Leinwand während des Vortrages von Craig Federighi zu Mojave nur kurz auf, dass das vor einem Jahr neu eingeführte Dateisystem APFS nun auch auf Fusion-Drive-Macs und auf solchen mit herkömmlichen Festplatten laufen werde.

Trotz der Ankündigung eben jenes Federighi, macOS 10.14 Mojave sei ein "gewaltiger Schritt nach vorne", scheint sich bestätigt zu haben, was die letzten Wochen und Monate Gegenstand der Diskussion war. Apple hat vor allem an Optimierungen gearbeitet, wenn man so will sind in iOS die Siri Shortcuts – die Verschmelzung des Sprachassistenten mit der Workflow-App – und in macOS Mojave der Dark Mode die einzig wirklich neuen Funktionen. Der Rest des Gezeigten sind Verbesserungen bestehender Komponenten wie die bessere Sortierung von Benachrichtigungen und die ausgeweiteten Möglichkeiten sich vor deren Belästigung zu schützen. Gewissermaßen waren aber diese Neuerungen fast zwangsläufig.

Doch: Zwei Sachen sind nun wirklich neu. Zum einen die Einstellungen zur "Screen Time", die iPhone-Nutzer dabei helfen sollen, ihre Nutzungszeit auf vernünftige Werte zu senken, oder, weit wichtiger, den Nachwuchs davor zu bewahren, eine Handy-Sucht zu entwickeln. Interessant: Ein Hard- und Softwarehersteller stellt ein Feature heraus, das seine Kunden davon abhalten soll, seine Produkte zu intensiv zu nutzen. Es war aber genau das, was im Frühjahr dieses Jahres eine Aktionärsinitiative von Apple gefordert hat. Zufall ist es also nicht, dass gestern Apples Aktienkurs wieder stieg.

Von der zweiten Innovation werden Entwickler erst im kommenden Jahr profitieren, denn noch weiß nur Apple, wie man mit eigens für diesen Zweck entwickelten Tools aus iOS-Apps solche für den Mac macht. News, Home, Sprachmemos und Aktien geben ab Herbst das Beispiel.

In einem Jahr könnte Apple auch mit einem weiteren Angebot so weit fertig sein, dass sich der Startschuss auf der WWDC ergeben könnte: Der eigene Videodienst oder die Erweiterung von Apple Music mit eigens produzierten Filmen und Serien. Wie aber neue Hardware zeigt Apple das erst dann, wenn es (fast) fertig ist.

So können Endverbraucher entspannt den Sommer genießen und sich auf den Herbst freuen, wenn Mojave und Konsorten final sind. Dann wird auch wieder Zeit für neue Hardware sein, nicht nur für eine frische iPhone-Kollektion. iPad Pro, Macbook (Air, Pro) und womöglich sogar der Mac Mini stehen dann an. Würde uns nicht überraschen, wenn Apple dafür zwei Termine ansetzt, einen im September und einen im Oktober. Diese Keynotes werden dann aber wieder recht langweilig, wenn man wie bei der zur WWDC mit zu hohen Erwartungen den Stream aus Cupertino einschaltet.

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