Im Juni stellte Apple iPadOS 16 vor und versprach einige Neuerungen. Neben Stage Manager und besserer Unterstützung für externe Bildschirme stand Freeform im Vordergrund, eine neue App für virtuelle Zusammenarbeit.
Zwar wurde iPadOS 16 vergangenen Montag mit einer Verspätung von rund einem Monat endlich veröffentlicht, doch von Freeform fehlte weiterhin jede Spur. Bis diese Woche, denn Apple hat die App mit der Veröffentlichung der ersten Developer-Beta von iPadOS 16.2 endlich freigegeben. Doch was genau ist Freeform eigentlich, wer braucht es und ist es besser als die Alternativen?
Freeform – Apples virtuelles Whiteboard fürs iPad
Im Grunde handelt es sich bei Freeform um ein virtuelles Whiteboard, das mehrere Teilnehmer:innen gleichzeitig bearbeiten können. Die analoge Ausführung kennt man aus Projektmeetings, in denen ein Team Ideen sammelt oder Abläufe bespricht, aber auch aus Film und Fernsehen – Szenen, in denen viele Menschen hektisch auf einer weißen Tafel kritzeln und am Ende ein Masterplan entsteht. Oder Wissenschaftler:innen, die an einer überdimensionalen Kreidetafel über mehrere Monate nach der Weltformel forschen.
Keine davon ist Apples Zielgruppe für Freeform, das gibt nämlich der Funktionsumfang (noch) nicht her. Stattdessen richtet sich das Unternehmen wie so oft an Kreative – Menschen mit eleganter Handschrift, die wunderschöne, handgezeichnete Skizzen aufs iPad zaubern können und mit den passenden Pastellfarben hervorheben. Facetime ist direkt ins Tool integriert, damit man nicht blind draufloskritzelt, sondern sich gleichzeitig absprechen kann.
Die App soll plattformübergreifend laufen, also auf Ihrem iPad, Ihrem iPhone und Ihrem Mac, und die verschiedenen Boards über iCloud synchronisieren. Streng genommen befindet sie sich allerdings noch in der Beta-Phase, weil sie nur auf Beta-Versionen von iOS, iPadOS und macOS verfügbar ist.

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Was Freeform kann…
Auf den Kern heruntergebrochen, ist Freeform der Notizen-App nicht unähnlich. Der Hauptunterschied besteht darin, dass Notizen über mehr strukturierende Optionen verfügt – Listen, Tabellen usw., Freeform hingegen über mehr kreative. In Freeform ist es etwa deutlich einfacher, Fotos, Formen und Piktogramme einzufügen, ihnen eine Farbe zuzuweisen und sie ordentlich auf dem Board zu platzieren. Kreise, Rechtecke, Dreiecke, Sprechblasen, Tiere, Personen, mit und ohne Umrandung – es gibt wenig, was sich hier nicht von vornherein einfügen lässt.

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Während man in Notizen – abgesehen von Tabellen – keine Möglichkeit hat, Elemente sinnvoll anzuordnen, lassen sich in Freeform Elemente zentrieren und an Kanten und Achsen anderer Elemente ausrichten und die Abstände anzupassen, ähnlich, wie es aus Bildbearbeitungsprogrammen bekannt ist.
Im Gegensatz zu Notizen kann man in Freeform auch sehr weit ins Board hinein- und wieder herauszoomen. Wenn das Projekt eine gewisse Größe erreicht hat, kann man so einerseits einen ordentlichen Überblick übers große Ganze bekommen, aber auch einzelne Bereiche im Detail ansehen. Insgesamt hat Freeform deutliche Züge von vektorbasierter Grafiksoftware wie Adobe Illustrator, nur aufs Wesentliche heruntergebrochen.

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Die Werkzeugpalette der beiden Apps sieht auf den ersten Blick identisch aus, weist bei genauerem Hinsehen jedoch deutliche Unterschiede auf. In erster Linie stehen in Notizen Notizen deutlich mehr Stifte zur Verfügung, die Freeform einfach fehlen – etwa der Füllfederhalter oder der Aquarellmaler. Dafür hat Freeform einen Wachsmalstift und eine Farbtube, um freihändig Formen malen zu können.
Eine nützliche Funktion, die Freeform deutlich von Notizen abhebt, sind die Notizzettel – Post-its –, die beschriftet und beliebig verschoben und räumlich und farblich gruppiert werden können. In erster Linie sind sie dafür da, andere Elemente auf dem Board zu kommentieren, aber da es keine künstlichen Einschränkungen gibt, können Sie damit natürlich machen, was Sie wollen – außer ihre Form ändern, denn sie bleiben immer quadratisch.
Auch bei der Textdarstellung bietet Freeform mehr Optionen als Notizen: Während Letztere nur fünf Schriftarten bietet – jede nach Ihrem Zweck benannt: Titel, Überschrift, Unterüberschrift, Text und Nichtproportional –, lässt sich in Freeform die Schriftart wie in einem klassischen Textbearbeitungsprogramm per Drop-Down-Menü frei festlegen, einschließlich Größe, Stil und Farbe.
…und was nicht.
Zwischen Notizen und Freeform gibt es aber auch wirklich schwer nachvollziehbare Diskrepanzen. Listen können beide Apps erstellen, Notizen erkennt jedoch Striche, Asteriske und Zahlen am Zeilenanfang einer Textbox als Aufzählungszeichen und konvertiert die aktuelle und folgende Zeilen automatisch in Listenpunkte. Freeform macht das nicht automatisch. Hier müssen Textboxen manuell als Liste definiert werden, was mehr Handgriffe erfordert als nötig.
Eine weitere nützliche Funktion von iPads (und iPhones) ist die Formenerkennung, die Apple vor einigen iOS- und iPadOS-Versionen eingeführt hat. Malen Sie eine Linie und behalten Ihren Finger oder den Apple Pencil auf dem Bildschirm, wird Ihre unsaubere Schlangenlinie in einen schönen geraden Strich konvertiert. Malen Sie eine Kartoffel, wandelt Ihr Gerät die Form, abhängig von der Sauberkeit Ihrer Knollendarstellung, in einen schönen Kreis, ein schönes Oval oder ein Herz um.
Ebenfalls zu wünschen übrig lässt die Strichstärke der Stifte, denn diese lässt sich nicht frei einstellen, sondern gibt nur fünf vordefinierte Größen zur Auswahl. Zoomt man etwas aus dem Board heraus, wird selbst die größte Stiftspitze auf wenige Pixel reduziert, weshalb es keine Möglichkeit gibt, größere Bereiche des Boards mit einem Stift zu markieren.
Auch das kann Freeform nicht. Stattdessen muss man die gewünschte Form aus dem oben erwähnten Formenmenü aussuchen und dann entsprechend platzieren. Das stellt kein großes Problem dar, aus Sicht der Bedienungsfreundlichkeit ist es jedoch wenig sinnvoll, nicht auf bestehende Interaktionsmethoden zurückzugreifen.
Was Freeform aktuell auch nicht kann, ist zwei seiner Verkaufsargumente halten: Boards lassen sich aktuell nicht zwischen eigenen Geräten synchronisieren – egal, was ich mache, mein iPhone zeigt nicht das Board an, das ich auf meinem iPad angelegt habe – zumal die Synchronisation mit iCloud aktuell noch manuell in den Einstellungen aktiviert werden muss.

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Auch die Kollaborations-Features sind nicht funktionsfähig. Möchte man ein Board über die entsprechende Schaltfläche teilen, spuckt die App auf dem iPad aktuell eine Fehlermeldung aus: Das Board sei noch nicht synchronisiert und kann deshalb nicht geteilt werden. Beides scheint derzeit wohl noch an der Anbindung zu iCloud zu scheitern.
Der Wermutstropfen ist, dass viele dieser Mängel nicht nur behoben werden können, sondern bis zum offiziellen Release auch garantiert behoben werden – zumindest im Fall der Synchronisation und der Kollaboration. Bei den ersten Usability-Punkten hingegen bin ich nicht sehr zuversichtlich.
Freeform – der Miro-Killer von Apple?
Mit Freeform drängt sich Apple auf einen gut gesättigten Markt, denn Whiteboard-Apps gibt es im App Store so weit das Auge reicht – und zwar nicht erst seit einer Woche, sondern bereits seit vielen Jahren. Einer der Platzhirsche ist Miro – nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Nationalspieler. Die App gibt es seit 2011 im App Store und entsprechend ihrem Alter gibt es auch Funktionen in Hülle und Fülle.
Der erste offensichtliche Unterschied zwischen Freeform und Miro ist die Oberfläche, denn diese setzt auf eine eigene Designsprache. Wenn Sie bisher ausschließlich auf Apple-Software gesetzt haben, wird Ihnen Miro etwas fremd vorkommen, aber die Eingewöhnungsphase ist sehr kurz. Wenn Sie hingegen bereits Erfahrungen mit Bildbearbeitungssoftware gemacht haben, dann dürfte Miro keine Hürde darstellen.
Unterhalb der Oberfläche wird der Vergleich zwischen Freeform und Miro schwierig, denn Miro kann alles, was auch Freeform kann – und viel, viel mehr. So viel, dass eine ausführliche Review vonnöten wäre.
Wie weit Miro Freeform voraus ist, sieht man bereits beim Anlegen eines neuen Boards: Während Freeform ein komplett leeres Whiteboard präsentiert, überhäuft Miro einen mit einer unglaublichen Auswahl an Vorlagen. Sie möchten eine Mindmap erstellen? Dafür gibt es eine Vorlage. Sie brauchen ein Flowchart? Dafür gibt es eine Vorlage. Sie benötigen ein Board, auf dem Sie ihr agiles Projektmanagement darstellen können? Dafür gibt es eine Vorlage.
Was Miro jedoch immer besser machen wird als Freeform, egal, wie man es dreht und wendet, ist Plattformunabhängigkeit. Denn wie es bei Apple-Software häufig der Fall ist, muss man für Freeform mindestens mit einem Bein im Apple-Kosmos stehen. Die App ist nur auf Apple-Plattformen verfügbar – so viel zur Plattformunabhängigkeit – und selbst im Browser gibt es keine Möglichkeit, von einem Windows- oder Android-Gerät darauf zuzugreifen, was allerdings ein Fehler sein könnte und in Zukunft behoben oder nachgereicht wird.
Fazit
Apples Freeform-App ist aktuell noch eine große Baustelle. Viele grundlegende Funktionen sind bereits da und tun das, was sie sollen, aber besonders der Kollaborationsaspekt ist gerade einfach nicht vorhanden. Wirklich verwunderlich ist das jedoch nicht, schließlich befindet sich Freeform streng genommen immer noch in der Beta-Phase. Die App selbst trägt dieses Label zwar nicht, aber dass sie überhaupt nur auf einer Beta-Version von iOS und iPadOS 16.2 erhältlich ist, sollte Zeichen genug sein.
Bis zum offiziellen Release dürften einige der Probleme behoben werden, aber selbst dann hinkt Apples Online-Whiteboard der Konkurrent meilenweit hinterher. Der einzige Vorteil von Freeform gegenüber den Apps der Konkurrenz ist, dass sie nicht erst im App Store heruntergeladen werden muss, sondern auf Apple-Geräten vorinstalliert kommt.
Für kleine Projektgrüppchen ist Freeform, die Probleme der Beta-Version mal außen vor genommen, sicherlich ein völlig ausreichendes Planungstool. Wer aber mehr von einem Online-Whiteboard benötigt, der wird auch die nächsten Jahre auf Lösungen von Drittanbietern, wie Miro zurückgreifen müssen. Wenn Apple Freeform wirklich ernst angehen will, wird es nämlich sehr lange dauern, bis die App mit der Konkurrenz gleichzieht.
Warm anziehen muss sich aktuell daher noch kein Konkurrenzprodukt. Alle können noch eine ganze Weile barfuß, in T-Shirt und kurzer Hose entspannt über den Strand schlendern.
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