Die Apple Watch ist bei Apple als Produktkategorie so etwas wie ein Teenager: Man kann nicht mehr sagen, dass das Gerät in den Kinderschuhen stecke. Apple ist aber noch nicht dort angekommen, wohin es mit dem iPhone es geschafft hat: Milliarden Nutzer und Nutzerinnen vertrauen auf Apples Smartphone. Bei den Wearables und insbesondere bei der Apple Watch ist das noch nicht so weit. Zwar ist die Apple Watch unangefochtener Marktführer, doch bis zu einer Milliarde aktivierten Watches ist noch ein weiter Weg.
Der Tick-Tock-Rhytmus ist zuverlässiger als Leaker
Schaut man sich die Entwicklung der Apple Watch seit mindestens Series 3 an, wird ein gewisses Muster klar: Bei den geraden Series-Generationen ist eine gesundheitsbezogene Neuerung dabei, meist mit einem zusätzlichen Sensor gekoppelt: Bei der Series 4 war es die EKG-App, bei der Series 6 – die Blutsauerstoffmessung, bei der Series 8 – die Temperaturmessung. Bei den ungeraden Series-Generationen hat Apple an der allgemeinen Funktionalität gefeilt: Mit Series 3 kamen LTE-Anrufe, mit Series 5 – Always-On-Display, mit Series 7 – ein größeres und abgerundetes Display.
Führt man diese Serie fort, kann man mit einer großen Wahrscheinlichkeit sagen, dass Apple wohl für die Series 9 keine Gesundheitsfunktionen plant. Es wurde immer wieder die Blutzuckermessung gemunkelt, doch wahrscheinlich ist die Technologie noch nicht marktreif bzw. so präzise wie Apple es gerne möchte. Anders ist es bei den restlichen Funktionen, ein Blick auf die Tech-Specs-Seite der Apple Watch Series 8 verrät, dass Apple noch einige Baustellen hat.
5G
Die Apple Watch ist das einzige Produkt bei Apple, das noch nicht auf 5G umgezogen wurde. Alle aktuellen iPads außer des iPad 10. Generation kann man wahlweise mit dem Cellular-Modul kaufen, das sich auf 5G versteht. Die iPhones sind seit zwei Jahren dabei. Wahrscheinlich hat der Hersteller auf sein eigenes Modem spekuliert, doch der Marktstart verschiebt sich laut Gerüchten aus der Industrie um ein weiteres Jahr. So lange wird Apple wahrscheinlich nicht warten wollen.
Der Prozessor
Ok, die Sache mit dem Apple-Watch-Prozessor ist eine komplizierte, denn eigentlich ist das kein reiner Prozessor, sondern eher ein System-in-Package (SiP) mit weiteren Komponenten. Der Haken an der Sache: Apple kann das System mit Nebenkomponenten aufpeppen und ihm einen neuen Namen verpassen, der Grund-Prozessor hat sich seit drei Jahren nicht geändert. In der Apple Watch Series 8 wie in der Series 7, wie davor in der Series 6 basiert auf dem Dual-Core-Prozessor mit 1,8 Ghz Taktung, hergestellt im 7-Nanometer-Verfahren bei TMC. Wühlt man etwas in den technischen Daten, findet man den gleichen Prozessor im iPhone 11 vom Jahr 2019. Allerdings hat Apple gleich im nächsten Jahr auf das 5-mm-Verfahren umgestiegen, beim iPhone 12 waren die Änderungen noch nicht so sichtbar, beim iPhone 13 haben sich die Akkulaufzeiten quer durch die Bank bei allen Geräten verbessert. Wenn man nach diesem Muster geht, würde Apple im nächsten Jahr die neuesten Apple Watches mit den Prozessoren im 5-nm-Verfahren ausstatten. Höchstwahrscheinlich mit einem Pedanten von A15 aus dem iPhone 13, denn der neuere A16 unterscheidet sich nicht signifikant von seinem Vorgänger.
Von 18 auf 24 Stunden Akkulaufzeit
Wenn wir mit der Annahme richtig liegen, dass Apple im nächsten Jahr eine neue Grundlage für Apple-Watch-SoCs schafft, dann ist es fast schon sicher, dass sich damit gleichzeitig die Akkulaufzeiten verbessern. Das ist uns bei den Produkten des Jahres 2021 eingefallen: Es schien, als ob Apple die Gesetze der Physik ausgetrickst hat, so verbessert haben sich die Akkulaufzeiten des iPhone 13, der neuen Airpods 3 etc. Tatsächlich hat Apple auch in den letzten Jahren an der Batterie der Apple Watch gedreht: Seit Series 3 hat sich das Gehäuse mindestens zweimal etwas vergrößert, den Platz hat Apple für die Batterie ausgenutzt. Nur hat der Hersteller nicht in die längeren Akkulaufzeiten, sondern in noch mehr Funktionen im Hintergrund investiert. Tatsächlich kann mit dem neuen SoC die Akku-Ausbeute so groß sein, dass der Hersteller sich wagt, von 18 auf 24 Stunden Akkulaufzeit zu gehen. Das wären sechs Stunden Unterschied, die der Hersteller mit knapp größerem Akku und deutlich sparsamerem Prozessor ausgleichen kann.
Neue WLAN-Generation
Apple Watch Ultra sowie die Apple Watch Series 8 sind laut technischen Daten mit den WLAN-Normen 802.11 b/g/n in den Frequenzbereichen 2,4 und 5 GHz kompatibel. Die neuere Generation WLAN 6E, in Deutschland im Sommer 2021 verabschiedet, wird auch für die Smartwatches spannend: Der neue Frequenzbereich von bis zu 6 GHz ist besonders auf den kurzen Entfernungen praktisch, ein perfektes Anwendungsbeispiel für eine Apple Watch. Die neue Norm wirkt sich zudem recht positiv auf die Akkulaufzeiten aus, für die kleinen Geräte wie die Apple Watch ein weiterer Baustein Richtung 24 Stunden Akkulaufzeit.
watchOS 10
Das größte Kaufargument für den Kauf einer Apple Watch ist eine jährlich aktualisierte watchOS-Version, die immer wieder mit neuen Funktionen erstaunt. Die Inhaber einer Apple Watch der frühen Generationen profitieren deutlich mehr durch das Update auf die nächste Version als von dem Kauf eines neuen Geräts. So hat Apple mit watchOS 7 eine automatische Hände-Waschen-Funktion hinzugefügt, mit watchOS 8 sind neue Trainings-Metriken dazu gekommen, mit watchOS 9 profitierten vor allem Jogger von den zusätzlichen Auswertungen. Doch was Spannenden kann Apple mit watchOS 10 vorbereiten?
Die genaue Antwort auf diese Frage werden wir auf der WWDC 2023 erfahren, Apples Forschungs- und Entwicklungsabteilung hat ein paar brillante Ideen in Patenten verraten.
Coaching-App
Wenn es nach dem Patent US 20210272698 A1 geht, wird sich die Apple Watch demnächst in einen persönlichen Wellness-Trainer verwandeln. Zwar gibt die Watch schon jetzt Tipps zum Aufstehen, Bewegen, Auswertungen der Schlafstunden etc., doch das angedachte System ist komplexer und vielschichtiger. Wenn es nach Apple geht, soll die Apple Watch bzw. das watchOS auf Basis von bereits vorhandenen Daten Tipps dem Nutzer geben und zum gesünderen Leben auffordern. Dabei sollen nicht nur die Aufforderungen zum Stehen zu jeder vollen Stunde sein, die Watch soll zur passenden Stunde einen Spaziergang vorschlagen, eine Runde Meditation, wenn die Uhr merkt, dass der Träger oder die Trägerin gestresst ist. Gibt es Daten zum Essverhalten, sollte die Uhr unaufdringlich über gesündere Essensoptionen aufklären.
Diese ganzen Tipps und Handlungshinweise sollten zeitlich passend erscheinend und den Zielen des Nutzers, der Nutzerin entsprechen. So sollte das System lernen, wann der Träger beispielsweise arbeitet und zu diesen Zeiten keine Sporteinheiten vorschlagen. Auch die Methode der Vorschläge sollte sich dem Charakter des Nutzers, der Nutzerin anpassen: Skeptisch eingestellten Genossen können beispielsweise sich nur die Trends aus den Daten anzeigen lassen, die Uhr hält sich mit den Ratschlägen zurück. Ein konkretes Beispiel für wettbewerbsorientierte Anwendungen ist, wenn der Nutzer sich entscheidet, auf das Marathon zu trainieren. Hier kann die Uhr perfekt abgestimmte Trainingszeiten vorschlagen, dazu die entsprechende Belastung, sodass der Marathonläufer oder Marathonläuferin zum Zeitpunkt X auf dem Höhepunkt seiner oder ihrer Leistung ist.
Ein Marathonlauf hin oder her, wir halten ein solches System der schlau ausgewählten magischen Arschtritten vor allem dann effektiv, wenn wenig trainierte Menschen ein diffuses Ziel wie “Abnehmen” oder “Mehr bewegen” einstellen. Denn dieses “Mehr” wird durch die Watch ganz genau erfasst und beim Erreichen zelebriert. Und viele kleineren Bewegungseinheiten im Alltag, die fast unter der Hand passieren, sind auf Dauer gesünder als größere und anstrengendere Trainingseinheiten, die aber nicht von der Alltagsbewegung begleitet sind.
Indirekt hat unsere Spekulation Mark Gurman von “Bloomberg” bestätigt: Demnach plant Apple eine Coaching-App, die Tipps unt Tricks angepasst an den jeweiligen Nutzer oder die jeweilige Nutzerin gibt. Allerdings ist der Dienst abgekoppelt von der Apple Watch gedacht und soll erst 2024 kommen.
Apple-Watch-Portfolio
2022 war ein spannendes Jahr für die Apple Watch vor allem durch Ultra, die eine neue Produktlinie für Sportler und Abenteurer darstellt. Dazu hat Apple das SE-Modell geringfügig aktualisiert, um den leicht angehobenen Preis zu rechtfertigen. Wir erwarten nicht, dass Apple im nächsten Jahr die beiden Produkte ändern wird, schließlich blieb die erste Apple Watch SE zwei Jahre im Store.
Fazit
Das Jahr 2023 wird für die Apple Watch ruhiger als 2022. Wir hoffen, dass das auch für uns alle stimmen wird.
