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Apples Bilanz: Vom iPhone zu Services und Wearables

31.07.2019 | 07:23 Uhr |

Während Apples Bilanzpressekonferenz äußerte sich Tim Cook zurückhaltend über China und macht uns auf zukünftige Produkte neugierig.

Die Ergebnisse von Apples dritten Geschäftsquartal liegen vor, und die Zahlen zeichnen genau das, was Sie erwarten würden: Das Porträt eines Unternehmens, das massiv profitabel und erfolgreich ist, dessen Hauptprodukt aber hinterherhinkt, während neue Produktlinien gerade schnell genug wachsen, um den Rückgang auszugleichen. Nur müde registrieren wir die 53,8 Milliarden Dollar Umsatz - aber das bedeutet einen Rekord für Apples traditionell schwaches drittes Geschäftsquartal, dieser liegt aber nur ein Prozent über dem alten Rekord aus dem Vorjahr.

Wie immer steckt der Teufel im Detail - und zum Glück für uns, verbringen Apple CEO Tim Cook und CFO Luca Maestri einmal im Quartal eine Stunde am Telefon, um Analysten und Journalisten ein paar kleine Details mitzuteilen - oder wie sie bei diesen Telefonkonferenzen sagen, "mehr Farbe" -, die uns helfen können, den aktuellen Stand von Apples Geschäft zu verstehen, oder zumindest, wie Apples Leitungsebene dieses Geschäft charakterisieren wollen.

iPhone sinkt unter 50 Prozent

Wenn man nur eine einzige Zahl aus den Ergebnissen dieses Quartals mitnehmen will, dann ist es der iPhone-Umsatz, der zum ersten Mal seit sieben Jahren weniger als die Hälfte des Gesamtumsatzes von Apple ausmachte. Der Rest von Apples Geschäft boomt - der Umsatz für das Quartal stieg um 17 Prozent, wenn man das iPhone nicht mit einbezieht – was nicht wirklich etwas ist, was man tun sollte.

Prozentualer Umsatz nach Produktlinien
Vergrößern Prozentualer Umsatz nach Produktlinien
© Jason Snell / IDG

Apples Chefs möchten Sie darauf hinweisen, dass der iPhone-Umsatz in diesem Quartal nur um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gesunken ist, gegenüber dem Rückgang von 17 Prozent im letzten Quartal. So sind die iPhone-Verkäufe rückläufig, aber weniger rückläufig als zuletzt? Das ist nicht die stärkste Geschichte.

Die Wahrheit ist, für das iPhone schießen die Verkäufe durch das Dach, wenn es eine große Änderung im Design gibt, und dann gleiten die Verkäufe einfach nach unten bis drei Jahre später, wenn es eine weitere große Veränderung gibt – eine Art Superzyklus, der die jahreszeitlichen Schwankungen noch überlagert. Bedenken Sie, dass Apple immer noch 26 Milliarden Dollar an Einnahmen mit dem iPhone erwirtschaftet hat - selbst bei rückläufigen Umsätzen ist das iPhone ein riesiges, profitables Geschäft. Aber es ist ein so großer Teil von Apples Geschäft, dass es die Bewertung des Unternehmens dominiert. Und abgesehen von einer massiven Veränderung des iPhone-Designs in diesem oder im nächsten Jahr wird dies auf absehbare Zeit wahrscheinlich der Fall sein.

Der Aufstieg des Restes

In den letzten Jahren hat Apple jedem erzählt, der es hören wollte, wie stark sich doch die Services-Sparte entwickle. Und so lohnt es sich heute, über den am schnellsten wachsenden Teil von Apples Geschäft zu sprechen – Wearables.

Wearables
Vergrößern Wearables

Ja, das stimmt. Während Services immer noch schnell wächst - es lag 13 Prozent über dem Vorjahresquartal - ist es nicht der größte Wachstumsbringer in Apples Portfolio. Das ist die Kategorie, die früher als "Andere" bekannt war und kürzlich in "Wearable/Home/Accessoires" umbenannt wurde. Die Kategorie mit Apple Watch und AirPods verzeichnet seit zehn Quartalen ein prozentual zweistelliges Wachstum. Nach sieben aufeinander folgenden Quartalen mit Wachstum im 30-Prozent-Bereich stieg der Umsatz dieser Kategorie im dritten Quartal um 48 Prozent.

Apple sagt, dass der Wearables-Anteil des Geschäfts tatsächlich "weit über 50 Prozent" gestiegen ist und dass auch Apple TV (ebenfalls in der Kategorie) zweistellig gewachsen sei. Wearables/Home/Accessoires machten 10 Prozent des gesamten Apple-Geschäfts aus, was es größer als das iPad und fast so groß wie den Mac macht.

Cook konnte dem Eigenlob nicht widerstehen, wie erfolgreich Wearables für Apple waren, als viele Unternehmen versuchten, es mit Apple und insbesondere der Apple Watch aufzunehmen. "Wir haben an Wearables festgehalten, als andere es vielleicht nicht taten.... und sind heute in einer sehr guten Position, um weiterhin herauszufinden, was als nächstes kommt", sagte er.

Inzwischen ist der Bereich Services mit einem Anteil von 21 Prozent am Gesamtumsatz ein enormes Geschäft für Apple geworden. Apple hat keine Daten darüber vorgelegt, wie es seinem neuesten Dienst, Apple News+, bisher geht, was nicht überraschend ist, aber auch darauf hindeutet, dass man in der Bilanz keine Zahlen finden konnte, die den neuen Service gut aussehen ließe.

Apple CFO Luca Maestri warnte die zuhörenden Analysten davor, dass es einige Zeit dauern könnte, bis die Umsätze aus den neuen Abonnementgeschäften, zu denen die kommenden Apple Card, Apple Arcade und Apple TV+ Services gehören, signifikant steigen. "Denken Sie an all diese Dienste, es wird verschiedene Probezeiten geben, wir werden sehen, wie sie aussehen. Der Weg zur Monetarisierung braucht also einige Zeit", sagte er.

Apple erklärte, dass die Gesamtzahl der bezahlten Abonnements jetzt mehr als 420 Millionen beträgt, was sowohl die Dienste von Apple als auch die über den App Store abgewickelten Abonnements umfasst. Der Umsatz mit App-Abonnements von Drittanbietern stieg im Laufe des Quartals um 40 Prozent.

Handelskrieg? Welcher Handelskrieg?

Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, es gibt viele Reibungen zwischen den USA und China in Bezug auf den Handel, und Apple wurde letzte Woche von Präsident Trump ausdrücklich erwähnt, der behauptete, dass er nicht allzu freundlich auf Apple schaue, da es so viele Geräte in China bauen lasse.

Als er während der Telefonkonferenz danach gefragt wurde, tappte der immer vorsichtige Cook nicht in die Falle. "Ich weiß, dass es eine Menge Spekulationen über das Thema gegeben hat.... Ich würde nicht viel Geld darauf wetten, wenn ich Sie wäre", sagte er. Cook machte deutlich, dass er ein echter Anhänger der globalen Lieferkette ist. "Die überwiegende Mehrheit unserer Produkte wird überall hergestellt....... Ich denke, das wird auch in Zukunft das Geschäft prägen."

Trotz der Berichte, nach denen Apple plant, den neuen Mac Pro in China herzustellen, erklärte Cook, dass Apple den Mac Pro in Amerika "fortsetzen" will. "Wir arbeiten und investieren derzeit in die Fähigkeit, dies zu tun, weil wir weiterhin hier sein wollen", sagte er. ( Den Mac Pro von 2013/2017 fertigt Apple in einer Fabrik in Texas, Anm. d. Red. )

Tim Cook muss hier einen schmalen Grat entlang gehen, denn Apple ist sowohl ein amerikanisches Unternehmen mit vielen Aktivitäten als auch ein internationales Unternehmen mit einer globalen Lieferkette. Wie kann das so ausbalancieren, dass der Präsident alle amerikanischen Jobs und Investitionen von Apple in neue Standorte in den USA fördert und Apple gleichzeitig die Konzessionen erhält, die es benötigt, um weiterhin Produkte in anderen Teilen der Welt montieren zu lassen? Es ist eine knifflige Situation, wie Cook's sorgfältige Sprache zeigt. Cook, der Vertrauen in die globale Lieferkette zeigt und gleichzeitig die Möglichkeit hat, den Mac Pro in den USA zu bauen, geht in einen großen Spagat. Wir werden sehen, was als nächstes passiert.

Tim Cook macht uns Appetit

Ein letzter Gedanke über Cook: Er weiß sehr wohl, dass jeder, vom höchstbezahlten Wall-Street-Analysten bis hin zur  einfachen  Laufkundschaft, wissen will, was Apple als nächstes macht. Versuchen Sie, Cook eine Frage über ein zukünftiges Produkt zu stellen, und er wird Sie abkanzeln. Ein Analyst wollte nach der Zukunft des iPhone in einer 5G-Welt fragen und Cook brach sofort einen "Wir kommentieren keine zukünftigen Produkte" aus, bevor er sagte, dass wir uns derzeit in "den extrem frühen Innings" des 5G-Übergangs befinden.

Manchmal kann Cook aber auch Spaß daran haben, die Leute neugierig zu machen. Am Ende des vorbereiteten Statements, mit dem Apple am die Telefonkonferenz einleitete, sprach Cook plötzlich mit einem Ansturm von freundlicher Energie - von einem allergischen Husten und Räuspern begleitet: "Und ohne zu viel zu verraten, haben wir einige neue Produkte, die wir Ihnen gerne bald vorstellen wollen. Bis dahin, danke, dass Sie uns heute zuhören", orakelte er.

Neue Produkte, echt? Ich schätze, wir sehen uns im September, Tim.

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