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Der Mac lernt immer mehr von iOS – was mir daran gefällt

25.04.2019 | 13:21 Uhr |

Jason Snell ist seit langem begeisterter Mac-Anwender. Die anstehenden Umbrüche im Betriebssystem machen ihm aber nichts aus – ganz im Gegenteil.

Ich habe mich vor fast 30 Jahren, im Herbst 1989, in den Mac verliebt. Seitdem steht er im Zentrum meiner Technologie-Welt und ich schreibe seit 25 Jahren beruflich über den Rechner. Und doch hat sich in den letzten Monaten bei einigen Aufgaben etwas Seltsames in meine Gedanken eingeschlichen, während ich an meinem Schreibtisch sitze und sie mit meinem iMac Pro abarbeite: Unter iOS ginge das besser.

Es ist beunruhigend, nach drei Jahrzehnten plötzlich festzustellen, dass das Bearbeiten von Dateien und Ordnern im Finder von der täglichen Routine zu etwas geworden ist, bei dem man mehr Aufwand betreibt, als nötig wäre. Und doch bin ich jetzt zu diesem Schluss gekommen, dank der etlichen Jahre, in denen ich ein iPad Pro anstelle eines Macbook Air benutze, solange ich nicht an meinem Schreibtisch sitze. Das iPad hat mich infiziert. Und ich fürchte, es gibt keine Heilung.

Geistiger Zustand: iOS

Der Finder war von Anfang an der Kern der Mac-Erfahrung. Die visuelle Verwaltung von Dateien und Ordnern ist das, was den Mac seit dreieinhalb Jahrzehnten ausmacht . Und doch, mit iOS, hat Apple das alles für einen außermittigen Blick auf die Welt herausgeworfen.

Als Mac-Anwender hatte ich damit zu kämpfen, dass iOS mich daran hindern will, in Dokumenten und nicht in Anwendungen zu denken. Und bis zu einem gewissen Punkt war dies auch richtig. iOS leugnete zunächst jede Möglichkeit, dass Dateien und Ordner relevant seien, dieser Extremismus war aber für viele Anwendungsfälle unzumutbar. Aber das heutige iOS bietet dank der Dateien-App und verschiedener Cloud-Dienste ein wenig mehr Ausgewogenheit. Ich kann Dateien verwalten, wenn ich das unter iOS brauche – und sie völlig vergessen, wenn ich sie nicht brauche.

Im Gegensatz macht mein Mac einige Umstände: Wenn ich etwa eine Datei erhalte, die ich von einem iPad per AirDrop übertragen habe, erscheint diese im Ordner "Downloads". Ich muss sie erst an den richtigen Ort kopieren, so dass ich ein neues Finder-Fenster öffnen, zum richtigen Ordner navigieren und dann zum Ordner "Downloads" (oder zu einem Popup-Stapel im Dock, wenn es nicht mehrere Dateien gibt) zurückkehren und per Drag-and-Drop ziehen muss. Ich öffne oft mehrere Finder-Fenster, um Dinge herum zu ziehen und Projekte anzuzeigen, an denen ich gerade arbeite. Manchmal überlappen sie sich und verbergen sich gegenseitig, also öffne ich ein neues Finder-Fenster … nur um später festzustellen, dass ich fünf Fenster über den gesamten Desktop verteilt Fenster habe, die die Inhalte des selben Ordners zeigen.

So war es schon immer, mehr oder weniger – aber plötzlich fühlt es sich archaisch an. Ich schätze meinen Desktop sehr als eine Sammlung von in Bearbeitung befindlichen Dateien und eine gewisse manuelle Organisation fühlt sich ja auch nützlich an. Aber in den meisten Fällen wirkt das Werkeln im Finder wie ein Arbeitsverhinderungsmittel, wie es etwa auch die Umgestaltung des Schreibtisches oder die Reorganisation des Bücherregals wäre.

Die Nutzung von iOS hat mich dazu gebracht, die appzentrische Sichtweise zu schätzen. Um auf meine aktuelle Liste von bearbeiteten Artikel auf dem Mac zuzugreifen, gehe ich in der Regel zum Finder, mache ein neues Fenster und klicke auf eine Verknüpfung in der Seitenleiste, um einen bestimmten Dropbox-Ordner anzuzeigen. Ja, ich könnte auch einen Alias auf dem Desktop platzieren, oder ein Tool wie Default Folder verwenden, um die Standardansicht des Befehls in BBEdit "Datei > Öffnen" in den richtigen Ordner zu zwingen. …  Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich damit auch gleich anfangen, denn das liegt näher an der Arbeitsweise von iOS . Auf meinem iPad öffne ich 1Writer (meinen bevorzugten iOS-Text-Editor) und verwende ein ausschiebbares Fenster, das den Inhalt desselben Dropbox-Ordners anzeigt. Wenn Sie auf das Symbol tippen, um eine neue Datei zu erstellen, wird sie standardmäßig in diesem Ordner erstellt. Ich muss 1Writer nie verlassen, um eine Datei zu öffnen, zu erstellen, umzubenennen oder per E-Mail zu versenden.

Auf der anderen Seite des Zauns

Es gibt natürlich zahlreiche Anwendungen, bei denen der Mac mehr Leistung und Flexibilität bietet als iOS. Das ist es ja auch, was den Mac so großartig macht. Mein Mac bietet mir Zugriff auf leistungsstarke Befehlszeilenfunktionen, die unter der Oberfläche der Benutzeroberfläche verschwinden und ich kann sie sogar in einfach zu bedienende GUI-Shells mit Automator und AppleScript einpacken.

Allerdings gibt es einige Stellen, an denen die Vereinfachung wahre Macht entfaltet. Für mich ist zum Beispiel Shortcuts eine zweite Fassung von Automator, die die meisten Mängel des Originalprogramms korrigiert. Obwohl ich mich jeden Tag auf Automator verlasse, ist es hauptsächlich für die Ausführung von Skripten gedacht. Das Versprechen, verschiedene Apps einfach über Automator-Workflows zusammen zu schweißen, wurde in meinen Augen nie wirklich eingelöst. Vor allem, weil einzelne app-basierte Aktionen selten sind und wenn sie überhaupt existierten, sind sie doch weitgehend undurchsichtig.

Shortcuts kann man kaum als ein einfach zu bedienendes Tool bezeichnen, aber es ist dem Automator weit voraus. Es gibt ein Dutzend Dinge, die ich über Shortcuts verbessert sehen möchte, aber ich würde es als Ersatz für Automator in diesem Herbst begrüßen, falls es mich auch AppleScripts und Shellskripte ausführen ließe.

Ich möchte zwar nicht, dass der Mac seine Leistungsfähigkeit und Flexibilität aufgibt, aber es gibt viele Orte, an denen ein vereinfachter Ansatz der Standard sein sollte – und der potenziell besser oder zumindest nicht schlechter ist als der Status Quo des Mac. Der Mac-Ansatz einer unendlichen Anzahl von sich überlappenden Fenstern beliebiger Größe ist ein Klassiker – aber könnte ein anderer Ansatz, der für für Vollbild-, Split-View- und Seitenfenster, nicht einfacher, sauberer und effizienter sein?

Die intensive Nutzung des iPad Pro hat mich auch davon überzeugt, dass es für den Mac an der Zeit ist, Touchscreens einzusetzen, zumindest als Option. Die Möglichkeit, den Bildschirm meines iPad zu berühren, auch wenn er an eine Tastatur angeschlossen ist, ist eine Verbesserung. Nein, ich denke nicht, dass man gezwungen sein sollte, einen Bildschirm zu berühren, um einen Mac zu benutzen – genau wie Tastaturen und (hoffentlich eines Tages) Mäuse unter iOS nicht erforderlich sind. Aber warum sollte man den Benutzern nicht mehr Optionen bieten?

Ich bin nicht begeistert, dass ich gezwungen bin, die Art und Weise, wie ich meinen Mac seit 30 Jahren benutze, zu ändern … aber wenn ich es ändern wollte, weil die neue Methode besser ist, wäre ich bereit für den Wechsel. Und in gewisser Weise, zu meiner großen Überraschung, scheint sich meine Perspektive bereits verschoben zu haben.

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