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Kommentar: Apple muss sich nicht so ernst nehmen

30.09.2021 | 11:50 Uhr |

Apples Vorstellung des iPhone 13 war eine teuer produzierte und ernst gemeinte Show. Der Kollege Snell vermisst jedoch etwas Humor.

Manchmal nimmt sich Apple selbst zu ernst. Ein iPhone als "Pro" zu bezeichnen und Hollywood-Regisseure und Kameraleute vor den Karren zu spannen, um für die Funktionen des iPhones zu werben … das ist schon etwas zu viel.

Ja, das iPhone 13 ist ein ernst zu nehmendes technisches Gerät, mit Modellen des iPhones 13 Pro, die 1.000 Euro und mehr kosten. Die neuen iPhones unterstützen Pro-Res-Videoaufnahmen, Pro-RAW-Fotos und verwenden eine fortschrittliche Sensor-Bildstabilisierung, um scharfe Bilder zu erhalten. Die Pro-Modelle sind in rostfreien Stahl in chirurgischer Qualität gehüllt. Wenn man jemanden operieren müsste, würde man ihn mit einem iPhone 13 Pro operieren.

Aber die meisten Menschen, die das iPhone 13 Pro kaufen, kaufen es nicht, weil sie Profis sind. Sie kaufen es, weil es das beste iPhone ist, weil es drei Kameras und glänzende Kanten hat und weil sie ein schickes neues Telefon haben wollen. Und tief im Inneren weiß Apple das auch. Denn es nutzt sein ganzes Hightech-Wissen, seine ganze Erfahrung und die Kombination von Soft- und Hardware, um "Profi"-Funktionen zu entwickeln, die eigentlich nicht für Profis gedacht sind – sie sollen dem Rest von uns Spaß machen.

Beispiel A: Kinomodus

Eine bahnbrechende neue Funktion auf dem iPhone 13 – für Profis und Nicht-Profis gleichermaßen – ist der Kinomodus. Er ist im Wesentlichen die Videoversion des Porträtmodus. Wie der Porträtmodus ist auch der Kinomodus keine professionelle Funktion, aber er macht eine Menge Spaß. Beide Funktionen nutzen Tiefeninformationen, um Teile des Sichtfelds selektiv unscharf zu machen, und zwar nicht mit physischen Mitteln, sondern per Software. Das Ziel ist es, einen dramatischen, stilisierten Effekt zu erzeugen.

Wie der Porträtmodus ist auch der Kinomodus eine brillante Anwendung von Technologie, die... nicht ganz perfekt ist. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie oft Teile eines Bildes sehen, die verschwommen sind, wenn sie es nicht sein sollten, oder scharf, wenn sie verschwommen sein sollten. Das ist die Art von Details, die professionelle Augen schon aus einer Meile Entfernung erkennen können. Der Kinomodus unterstützt auch keine professionellen hochauflösenden Videoformate, die das iPhone 13 sonst aufnehmen kann. Er ist auf 1080 Videos mit 30 Bildern pro Sekunde beschränkt.

Kinomodus
Vergrößern Kinomodus
© Jason Snell

Und wissen Sie was? Das spielt keine Rolle, denn das Ziel des Kinomodus ist nicht Perfektion, sondern Spaß. Und diese Funktion macht unglaublich viel Spaß – das kann man nicht anders sagen. Ich war auf einem nahegelegenen Wanderweg unterwegs und habe ein Video von meinem Hund aufgenommen, wie er mit uns spazieren geht. Das Ergebnis war ein Video aus der Sicht des Hundes, bei dem sein Gesicht immer scharf ist, die Nadeln der Mammutbäume dahinter kunstvoll verschwimmen und alles erstaunlich stabil ist, wenn man bedenkt, dass ich das Smartphone in einer Hand hielt und schnell rückwärts lief.

Sicher, das Video ist nicht perfekt. Ich kann einige Fehler ausbessern, indem ich das Video in der Fotos-App bearbeite und den Fokuspunkt ändere, um etwas genauer zu sein, aber die Wahrheit ist, dass die meisten Nutzer nicht einmal das tun werden. Es macht so, wie es ist, Spaß und ist bereit, mit Freunden und Familie geteilt zu werden, die staunen werden, wie unbeschreiblich … filmisch es ist.

Beispiel B: Fotografische Stile

Ähnlich verhält es sich mit den Fotostilen, einer weiteren neuen Funktion des iPhone 13. Sie funktioniert nicht mit den Pro-RAW-Formaten, die die meisten ernsthaften Fotografen verwenden möchten. Stattdessen handelt es sich um eine Funktion, die es jedem iPhone-Benutzer ermöglicht, einige Voreinstellungen zu ändern und das Aussehen jedes einzelnen Fotos, das er mit seinem iPhone aufnimmt, zu verändern.

Fotografische Stile ist im Wesentlichen ein sehr einfaches Voreinstellungssystem für Apples fortschrittliche Fotografie-Maschinerie. Es ist das erste Mal, dass Apple normalen Nutzern auch nur ein bisschen Kontrolle über das System gibt, das einen Großteil von Apples Geheimrezept für die iPhone-Fotografie ausmacht: das Aufnehmen mehrerer Bilder und deren Kombination, um den Dynamikbereich zu erweitern, Details zu verbessern oder einfach eine bessere Aufnahme zu machen.

Das Tolle an den Fotostilen ist jedoch, dass das Fotografieren mit dem iPhone damit mehr Spaß macht, weil man mit dem Ergebnis zufriedener ist. Wenn Sie den gleichen Geschmack wie ich haben, mögen Sie Ihre Bilder wärmer und kontrastreicher, – ich habe also meine Fotostile so eingestellt, dass sie genau das erreichen. Die Magie von Apple spielt sich immer noch hinter den Kulissen ab, aber sie versucht jetzt, ein Bild zu erzeugen, das mir gefällt. Es will mich glücklich machen. Das macht Spaß!

Spaß wird unterschätzt

Ja, manchmal nimmt sich Apple bei der Werbung für seine Produkte ein wenig zu ernst. Ich verstehe, dass das Unternehmen zu Recht stolz auf all die harte Arbeit ist, die in die Entwicklung seiner Produkte fließt. Das Unternehmen sollte sich nicht scheuen, damit zu prahlen, wie großartig seine technologischen Fortschritte sind.

Aber was die Anwendung dieser Fortschritte angeht... es ist in Ordnung zuzugeben, dass ein Feature Spaß macht. Der Kinomodus braucht keine Kathryn Bigelow – er braucht Videos von Kindern und Hunden. Es ist keine Schande, eine Funktion zu entwickeln, die für den Spaß optimiert ist und nicht für den professionellen Einsatz. Die Profis werden den Kinomodus und die fotografischen Stile kaum oder gar nicht verwenden.

Und der Rest von uns? Wir werden das Zeug lieben. Weil es Spaß macht. Und Spaß wird unterschätzt. Manchmal sogar von Apple.

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