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Der 'langsame Start' von Apple TV+ täuscht

31.01.2020 | 10:16 Uhr |

Apple startet fast immer langsam. Aber in den meisten Fällen übernimmt Cupertino schon bald die führende Rolle.

Apple TV+ steckt noch in den Kinderschuhen und ist seit etwa drei Monaten auf dem Markt und schon jetzt gibt es Kritiker , die sagen, dass der Service keine große Chance hat, etwas zu erreichen, und dass es einfach aufgeben sollte. Man kann nur hoffen, dass sie Kleinkindern und ihren Eltern nicht das Gleiche erzählen.

Ein Teil von mir möchte diese Reaktion als einer der typischen Verachtung für Apple und seine Produkte abtun – als einen verbissenen Glauben daran, dass die Leute in Cupertino unmöglich ein weiteres Kaninchen aus dem Hut ziehen könnten. Aber ich bin vor allem deshalb so verwirrt, weil es nicht so überraschend sein sollte, dass ein neues Studio ein wenig Zeit aufwenden muss, um auf die Beine zu kommen, egal wie viel Geld es investiert. Noch einmal: Es sind kaum drei Monate seit dem Start von Apple TV+ vergangen.

Apple wäre sicherlich nicht der erste Streamer mit Original-Inhalten, der nur langsam startet. Denken Sie an die Amazon Studios, die 2013 zwei Sendungen namens "Alpha House" und "Betas" produzierten, von denen keine der beiden sich sonderlich in Erinnerung brachte. Die Situation wurde 2014 etwas besser, nachdem "Transparent" ein paar Golden Globess gewonnen hatte, aber erst 2015 startete Amazon wirklich durch mit Hits wie "The Man in the High Castle". Amazon hatte einen Vorsprung vor Apple, weil das Unternehmen bereits eine bekannte Bibliothek mit lizenzierten, streamfähigen Filmen hatte, auf die die Zuschauer ebenfalls zugreifen konnten, aber es ist das Unternehmen, das Apple am ähnlichsten ist, was die Entstehungsgeschichte seiner Originale betrifft. Trotzdem erinnere ich mich kaum an ein Zehntel des Lärms, den ich hinsichtlich Apple TV+ wahr nahm, als Amazon "Alpha House" und "Betas" einstellte.

Die Zeit spielt für Apple

Jeder, der mit Apple vertraut ist, sollte sich mit den vielfältigen Geschichten über den verzögerten Erfolg seiner Produkte und Services auskennen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Apples Produkte erst nach steinigen Anfängen die Industrie dominieren. Denken Sie etwa an die Apple Watch. Im Jahr 2015 konnte man bei Fast Company eine Geschichte mit der Überschrift " Warum die Apple Watch floppt " nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Wearable finden, komplett mit der Behauptung, dass sie "es nicht geschafft hat, den größeren Markt für Wearables zu bewegen". Soviel dazu. Im August letzten Jahres veröffentlichte Security Analytics einen Bericht, in dem es hieß, dass Apple jetzt einen erstaunlichen Anteil von 46,4 Prozent des weltweiten Smartwatch-Marktes beherrscht. Zugegeben, es hat ein paar Anpassungen des Produkts und des Marketings dafür erfordert, aber so ist es gelaufen.

Oder denken Sie zurück an das Jahr 2015, als  Apple Music an den Start ging. "Fortune" verspottete Apples Meldung, dass 11 Millionen Menschen sich für den kostenlosen Test angemeldet hatten. "The Verge" berichtete , dass die Führungskräfte der meisten anderen Streamingdienste sich keine Sorgen um Apple Music machten. Schließlich, so sagte einer, sei Apple lächerlich weit von den 80 Millionen Hörern der Pandora entfernt. Heute, nur fünf Jahre später, hat Apple Music satte 60 Millionen aktive Nutzer ( wobei die Zahl aus dem Juni 2019 stammt und heute schon deutlich höher liegen könnte. Anm. d. Red. ) Weit davon entfernt, zu sagen, dass Apple Music keine Bedrohung darstellt, versucht Spotify aktiv, die Expansion von Apple Music zu bremsen (und, so könnte man argumentieren, mit gutem Grund). Ähnlich wie bei der Apple Watch musste Apple jedoch einige Lektionen lernen, um an diesen Punkt zu gelangen.

Ich glaube auch nicht, dass Apple von Anfang an nach massiven kostenpflichtigen Abonnements gesucht hat. Apple musste wissen, dass es mit einer so winzigen Startbibliothek nicht viele zahlende Abonnenten anziehen würde, und ich habe auch keinen Zweifel daran, dass dies der wahre Grund ist, warum es sich dafür entschieden hat, Käufern neuer Apple-Geräte ein ganzes Jahr Apple TV+ kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dies ist ein Test von Apple, um zu sehen, was der Dienst leisten kann und was die Zuschauer wollen. Es geht darum, dass Apple sieht, ob es Preise gewinnen kann, was immer eines seiner klaren Ziele war – und es kam mit der "The Morning Show" bei den diesjährigen Golden Globes verdammt nahe dran. Es ist Apple, das den Möchtegern-Showrunnern zeigt, was seine Budgets leisten können und dass es nicht so restriktiv ist, wie sich einige von ihnen vorstellen. (Vergessen wir nicht, dass in "The Morning Show" genauso viel geflucht wird wie in einem "Scorsese-Film", und "See" hat uns mindestens zwei Masturbationsszenen gezeigt). Alles deutet darauf hin, dass Apple erst später auf Gewinne hofft.

Es ist okay, Jennifer. "The Morning Show" bekommt eine zweite Staffel.
Vergrößern Es ist okay, Jennifer. "The Morning Show" bekommt eine zweite Staffel.
© Apple

Ein Plus für das Plus

Könnte Apple TV+ besser sein? Auf jeden Fall. Nichts würde Millionen von Zuschauern mehr dazu bewegen, Apple TV+ zu nutzen, als die Einführung einer "nerdigen", hochproduktiven Fantasy- oder Science-Fiction-Serie aus einem bestehenden, populären Franchise. Das sind die Sendungen, die fast immer die Leute zum Reden bringen; es sind die Sendungen, die die Meme ausstoßen. Shows wie "See" und "For All Mankind" beweisen, dass Apple dieses Grundkonzept begreift, aber es hätte versuchen sollen, einige bestehende Eigenschaften in Angriff zu nehmen, statt neue zu schaffen.

Dieser Ansatz funktionierte für Amazon mit Shows wie "The Expanse" (ursprünglich auf SyFy) und "The Man in the High Castle" (der auf einem Roman des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick von 1982 basierte). Bei Netflix hat es mit "The Witcher" funktioniert. Und natürlich arbeitete es auch für HBO mit "Game of Thrones" und "Watchmen". Apple hat im Moment nicht wirklich viel davon, aber glücklicherweise kommen neue "Amazing Stories" ab März, und irgendwann in der Zukunft werden wir eine Serie mit zehn Folgen bekommen, die auf Isaac Asimovs "Foundation"-Büchern basiert.

Wir wissen derzeit nicht viel über Amazing Stories, aber hoffentlich ist es genauso gut wie sein Vorgänger aus den 1980er Jahren.
Vergrößern Wir wissen derzeit nicht viel über Amazing Stories, aber hoffentlich ist es genauso gut wie sein Vorgänger aus den 1980er Jahren.
© Apple

Ich werfe hier keine Nebelkerzen. Schauen Sie sich die TV-Time-Liste der meistgesendeten Sendungen des Jahres 2019 an und Sie werden sehen, dass ein guter Teil davon auf bereits etablierten Inhalten basiert. "Luzifer", das von einem DC-Comic abstammt, steht ganz oben auf der Liste. "Stranger Things" mag zwar "originell" sein, aber es lehnt sich so stark an Stephen-King-Geschichten aus den 1980er Jahren an, dass es genauso gut kein Original sein könnte. Und so passt es zu Shows wie "The Umbrella Academy", "Marvel's The Punisher" und "Marvel's Jessica Jones". Sogar "The Handmaid's Tale" zählt hier dazu, da es sich um eine Geschichte handelt, die auf einem berühmten Buch basiert, das viele von uns in der Schule lesen.

Zumindest im Moment scheint Apple am meisten daran interessiert zu sein, mit nachdenklichen Shows wie "Little America" nach Preisen zu jagen, anstatt für die Zuschauer nur leichte Kost zu liefern. ("See" ist eine offensichtliche Ausnahme, aber selbst sie leidet unter dem Fehlen eines populären bestehenden Franchise, um Interesse zu wecken). So sehr ich es auch hasse, es zuzugeben, ist es ein schwacher Ansatz, um bei allen anderen außer den Kritikern Begeisterung zu erzeugen. Es wäre ein bisschen wie Netflix, das "Roma" ohne "Daredevil" zeigen würde, oder HBO, das "Chernobyl" ohne "Game of Thrones" im Programm hätte. Sendungen wie die BBC-Mini-Serie "Chernobyl" (in Deutschland bei Sky und Amazon Prime Video) sollten beim Streaming immer ein gesunder Leckerbissen sein, der die fettigen und zuckrigen Hauptgänge begleitet: Im Wettstreit der Streamingdienste sind sie nicht die Hauptsache.

Ich habe wenig Zweifel daran, dass Apple daraus eine Menge lernt. Wie wir bei Apple Watch und Apple Music gesehen haben, geht Apple gerne auf die Langstrecke. Wir können den Erfolg und die Zukunft von Apple TV+ erst dann wirklich beurteilen, wenn mindestens ein Jahr vergangen ist – nachdem alle ersten kostenlosen Tests abgelaufen sind und die Mediathek umfänglicher ist.

Apple TV+ wird wahrscheinlich nicht das offensichtliche Schicksal von Apple News+ teilen, einem Dienst, den Apple gleich nach der ersten Einführung anscheinend aufgegeben hat. Wir hören aus Cupertino aber ständig Meldungen zu Apple TV+, fast wöchentlich etwa neue Programmankündigungen. Erst diese Woche berichtete "Deadline" , dass Apple es geschafft habe, Carmi Zlotnik von Starz, die Produzentin beliebter Sendungen wie "Outlander" und "American Gods", zu verpflichten. (Und nur um mein voriges Argument zu vertiefen, dies sind Shows, die auf populären Büchern mit bestehender Fangemeinde basieren). Apple ist sogar bestrebt, das Benutzererlebnis zu verbessern, da das "Wall Street Journal" berichtete , dass Apple einen Ingenieur eingestellt hat, der an der Infrastruktur von Netflix beteiligt war. Und laut CNBC ist an den Gerüchten offenbar etwas Wahres dran, dass Apple Gespräche über den Kauf des Filmarchivs von MGM geführt hat, wahrscheinlich in dem Versuch, seinen Katalog zu stärken und bekannte Werke wie alle James-Bond-Filme und "The Handmaid's Tale" zu erwerben.

Man sagt oft, man solle die erste Generation eines neuen Apple-Produkts abwarten, und obwohl das normalerweise für Hardware gilt, trifft es meiner Meinung nach hier teilweise zu. Apple lernt die notwendigen Lektionen, um einen Dienst zu produzieren, der in den kommenden Jahren wachsen könnte. Das Schöne an diesem großen Geldhaufen, auf dem Apple sitzt, ist was? Es gibt Cupertino Zeit zum Experimentieren und Lernen. Und nicht selten führt das schließlich zum Erfolg.

Ich glaube nicht, dass es weit hergeholt ist zu sagen, dass Apple TV+ im nächsten Jahr ganz anders aussehen wird. Da ich aber die Erfolgsgeschichte von Apple kenne, bin ich eben besonders daran interessiert, wie es dann wirklich im Jahr 2021 aussehen wird.

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