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„Servant“ auf Apple TV+: Ein köstlich gruseliger Thriller

04.12.2019 | 10:51 Uhr |

Es ist nicht klar, ob "Servant" seinen Schrecken über mehrere Staffeln hinweg halten kann, aber dies ist immer noch eine von Shyamalans besten Produktionen seit Jahren.

„Servant" ist eine Serie, bei der man sich fragt, was real ist und was nicht, und eine Show, bei der man misstrauisch gegenüber Menschen werden könnte, mit denen man zusammenlebt und sogar liebt. Glaubt die Hauptfigur, die gebildete Frau, wirklich an die offensichtliche Lüge vor ihr, oder akzeptiert sie sie nur, weil sie dadurch glücklich wird? Sind die gruseligen Schwindeleien hier wirklich im Gange oder erleiden die Protagonisten nur eine relativ alltägliche Krise? In diesem Zusammenhang denkt man vielleicht: Gibt es jemanden auf dieser Welt, der nicht völlig schrecklich ist?

All das bedeutet, dass "Servant" perfekt in unsere Zeit passt. Das ist frei von der Leber weg gesprochen, aber es gibt viele Beweise dafür, dass Produzent (und zeitweise auch Regisseur) M. Night Shyamalan will, dass "Servant" genau so wahr genommen wird. Jede Szene dieser extrem packenden Gruselshow deutet darauf hin, dass sie viel sagen will.

Die Handlung führt uns in die Heimat von Sean (Toby Kebbell) und Dorothy (Lauren Ambrose) Turner, einem wohlhabenden Paar aus Philadelphia, das ein naives Mädchen aus Wisconsin namens Leanne (Nell Tiger Free) anheuert, um sich um ihren kleinen Sohn Jericho zu kümmern. Dies ist eine  Produktion im Stil von Shyamalan, wenn darüber hinaus etwas erklärt, läuft man Gefahr, seine Wendungen zu verraten – und es gibt mehrere hier. Wie "Knives Out" (derzeit im Kino) scheint "Servant" begierig darauf zu sein, das Feuer des Klassenbewusstseins zu entfachen, wenn wir etwa sehen, dass Sean  Leanne brüsk als "Personal" abspeist, obwohl sie unter seinem Dach lebt.

Es spornt uns an zu denken, dass Sean und Dorothy überhaupt nur mit dem zentralen Twist klarkommen, ihr Leben in Isolation zu führen: Trotz all ihrer modernen Konnektivität – natürlich mit Apple-Produkten – interagieren Sean und Dorothy nie mit ihren Nachbarn. Die Serie lässt uns an Aspekten von Sean und Dorothys exklusiven Lebensstil ablehnen, besonders wenn Sean (ein Unternehmensberater, der von zu Hause aus arbeitet) gewaltsam Wackeltiere auseinanderreißt, um die Wünsche seiner Kunden zu befriedigen.
Das sind alles gute Ideen, aber bis jetzt verweilt "Servant" nicht lange genug bei ihnen, um uns etwas anderes spüren zu lassen, als das schaurige Gefühl des "Bah!", das in jeder Szene auftaucht. Gut, dass es diesem Gefühl gelingt, "Servant" durch einige seiner sperrigen Passagen zu tragen, vor allem durch die Kraft seiner Bilder und Sounds. "Servant"  ist das beste von allem, was wir bisher von Apple TV+ gesehen haben. In der ersten (und von Shyamalan inszenierten) Episode erklärt allein die Kameraführung die Entfernung zwischen Leanne und ihren Gastgebern mit langen Aufnahmen in den Gängen, die uns auch in Abgründe blicken lässt. Wenn Dorothys feudaler Bruder Julian (Rupert Grint) sich mit Sean verschwört, die Kamera auf ihren Lippen verweilt, betont das die Stärke ihrer Verbindung, welche die zu ihren Mitmenschen übertrifft.

Auch in "Servant" hat Apple geschickt seine Produkte platziert. Die Anklänge von "Servant"  an das "Blair Witch Project" offenbaren sich am deutlichsten in den zersplitterten Kreuzen, die Leanne über Jerichos Krippe hängt, aber sie werden am effektivsten in einer Szene eingesetzt, in der Julian mit Sean aus einem verrottenden Gebäude per Facetime kommuniziert. Sean schaut auf seinem iPad Pro zu, das Fenster in der Ecke offenbart seine Angst so genau wie eine Reaktionskamera auf Twitch.

Und während in "Servant" – bis jetzt – kein Blut fließt, gelingt es ihm, ein paar grauenhafte Schocks mit Rasseln, Dröhnen und Quietschen von Fleisch und Metall auszulösen: Der harte Schlag eines Aal-Kopfes gegen einen Tisch oder der Kopf eines Babys, das gegen das Gitter eines Kinderbetts knallt (das ist nicht so schlimm, wie es klingt. Oder etwa doch? Ein Teil von "Servants" Schrecken macht aus, dass die Antwort nicht klar ist.)

Bislang schafft es "Servant" zumindest, seine gruselige Atmosphäre aufrechtzuerhalten, indem es Twist auf Twist stapelt und nach und nach Überraschungen über jeden seiner Charaktere enthüllt – die meisten davon machen sie etwas weniger sympathisch als zuvor. Tatsächlich wäre die sich immer weiter ausdehnende Handlung wahrscheinlich anmaßend, wenn Rupert Grint nicht anwesend wäre, der als subtile Comic-Lösung dient, aber die beste Performance der Show liefert und alle Spuren von Harry Potter's Ron Weasley tilgt (und dabei in einem glaubwürdigen amerikanischen Akzent spricht).

Trotz alledem hat sich die Kernsituation in den bisher drei verfügbaren Episoden nicht wesentlich verändert. Es ist gleichzeitig eine Show, in der viele Dinge passieren und eine Show, in der nicht viel passiert. "Servant" mag eine der besten Serien im neuen Streaming-Service von Apple sein, aber es ist nicht klar, ob all diese Wendungen ihr helfen können, die notwendige Spannung über die sieben verbleibenden Folgen aufrechtzuerhalten. Und diese Staffel wird nur der Anfang sein. Shyamalan behauptet, dass es etwa sechs Staffeln dauern wird, die Geschichte von "Servant" zu erzählen, und, nun, das scheint übertrieben.

Horror gedeiht am besten in kurzen Ausbrüchen, sei es in den relativ geräumigen Grenzen eines Films wie "The Shining" oder in den mundgerechten Plots in "Dark Mirror" oder "The Twilight Zone". (In diesem Zusammenhang stammen einige der effektivsten Schrecken von Stephen King aus seinen Kurzgeschichten.) Horrorgeschichten neigen auch dazu, zu gewalttätigen Höhepunkten zu führen, die all die Spannung freisetzen, die sie so lange aufrecht hielten. "Servant" scheint sich jedoch damit zufriedenzugeben, sich langsam einzuschleichen – ein Monster zu sein, das wir anstarren, und nicht vor ihm fliehen können.

Bis jetzt funktioniert es zumindest gut genug. Zu Gunsten von "Servant" ist zu sagen, dass seine Episoden nur etwa 30 Minuten lang sind und dass wir von nun an nur noch jeden Freitag eine neue Episode sehen werden. Solange man eine Episode pro Woche sieht, reicht das wahrscheinlich aus, um den Schüttelfrost aufrechtzuerhalten. Aber etwas von der Magie ließ bereits nach, nachdem man drei Episoden hintereinander gesehen hatte, und es ist schwer vorstellbar, dass eine ganze Staffel von "Servant" jemals etwas war, das jemand an einem Stück sehen wollte. Szenen und Situationen werden mit der Zeit vertraut. Selbst die gut gemachte Spukhaftigkeit wird zu einem weiteren Charakter.

Wenn es so weitergeht, wird das nicht der Langlebigkeit der Show dienen, aber vielleicht wird sie als "Servants" relevanteste und beängstigendste Lektion dienen: Wenn man genügend Zeit hat, und genügend Raum für die Erzählung, können selbst die  beunruhigendsten Umstände alltäglich werden.

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