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iPadOS 15: So wird das iPad dem Mac immer ähnlicher

25.06.2021 | 10:10 Uhr |

iPadOS 15 geht mit neuem Multitasking und Fenstermanagement einen Schritt weiter in Richtung macOS. Was dem Tablet noch fehlt.

In iPadOS 15 nimmt Apple weitere Änderungen am iPad-Multitasking vor. Es wäre einfach, dies als eine weitere Runde im Karussell zu betrachten, in dem Apple darum kämpft, herauszufinden, wie das iPad aus der grundlegenden iPhone-Philosophie ausbrechen könnte, auf dem immer nur eine App zu einer bestimmten Zeit läuft.

Ich denke aber, dass Apple endlich alle Teile des Puzzles zusammensetzt, die es dem iPad erlauben, Mac-ähnlicher zu werden als je zuvor - und dabei seine einzigartige Position in Apples Ökosystem zu behalten.

Wartet Apple auf den richtigen Moment, um die Unterstützung für externe Displays auf dem iPad zu enthüllen, vielleicht zusammen mit der Veröffentlichung eines neuen Apple-Displays? Ich sage nicht, dass es definitiv passieren wird, aber ich möchte daran glauben. Schauen wir uns also die vorliegenden Indizien an.

Ein Fenster in die Zukunft

Apple liebäugelt schon seit ein paar Jahren mit der Idee, schwebende Fenster auf dem iPad einzusetzen. Zum Beispiel ist Slide Over ein schwebendes Fenster, das an einer Seite des Bildschirms angebracht ist. Bild-in-Bild schwebt über Apps, muss aber in einer Ecke platziert werden. Vor zwei Jahren führte Apple das Konzept von mehreren App-Fenstern ein - aber das waren nur mehrere Instanzen einer App, die in bestehenden App-Rahmen liefen. (Eine Microsoft-Word-Datei im Vollbildmodus und eine andere Word-Datei in einer anderen geteilten Ansicht, zum Beispiel).

Aber mit iPadOS 15 werden die Dinge an der Fensterfront noch interessanter. Ja, die neuen Globus-Tastenkombinationen des iPads scheinen auf ein ausgefeilteres Multitasking hinzudeuten, aber was mir wirklich ins Auge fiel, ist eine eher altmodische Befehlstastenkombination, die Apple vom Mac importiert hat: "Nächstes App-Fenster", ausgeführt, indem man die Befehlstaste und die Apostroph-Taste (`) gedrückt hält.

Dies ist die Mac-Tastenkombination "Von Fenster zu Fenster wechseln", die sich in den frühen Tagen von Mac-OS X in mein Muskelgedächtnis eingeprägt hat und die ich immer noch ständig benutze. Unter iPadOS 15 verschiebt das Drücken von "Globus-Apostroph" den Fokus zwischen verschiedenen sichtbaren Apps in der geteilten Ansicht und im Slide Over, sodass Sie wählen können, welche App die Tastatureingabe erhält. Drücken von Command-Apostroph schaltet durch mehrere Fenster innerhalb einer App.

Hinzu kommt die Einführung des neuesten Oberflächenelements des iPad, dem "Shelf", einer visuellen Darstellung der aktuell geöffneten Fenster einer App. Das fühlt sich an, als würde Apple Komplexität hinzufügen, um Klarheit zu schaffen, und ich bin nicht ganz überzeugt von diesem Konzept. Nichtsdestotrotz zeigt die Existenz des Shelfs, dass Apple versucht, Wege zu finden, um Multi-Window-Interfaces in iPad-Apps auffindbar und nutzbar zu machen.

Und dann sind da noch die neuen Ergänzungen von iPadOS 15 in der wachsenden Familie der iPad-Fenster. Zunächst einmal gibt es das neue "schwebende mittlere Fenster", das (unter anderem) erscheint, wenn Sie eine neue Nachricht in Mail erstellen. Es ist ein Fenster, das zunächst schwebend über der App erscheint, die es hervorgebracht hat, aber es hat Apples neues Drei-Punkte-Fenster-Interface am oberen Rand, mit dem Sie es herumziehen können (hmm, ich frage mich, wozu man einen Ziehbereich für iPad-Fenster braucht?), oder es an eine eigene Stelle im Vollbildmodus, in der geteilten Ansicht oder als Slide Over verschieben können.

Was trennt das schwebende mittlere Fenster davon, einfach nur ein Fenster einer Mac-App zu sein? Nur, dass iPadOS als Polizist agiert und einschränkt, wo Sie es platzieren können. Ansonsten ist es ein schwebendes Fenster, wie es Mac-Nutzer seit Jahrzehnten kennen.

Das bringt uns zu Quick Note, einer neuen Funktion, die im Herbst auf iPad, iPhone und Mac kommt und in iPadOS implementiert ist als... ein schwebendes Fenster. Ja, es verhält sich wie ein Bild-in-Bild-Fenster - man kann es nur in den Ecken platzieren, oder man kann es an der Seite des Bildschirms parken, mit einem durchsichtigen Pfeil-Widget, das anzeigt, dass es bereit ist, wieder aufgetaucht zu werden.

Selbst wenn man alle anderen Beweise dafür außer Acht lässt, dass Apple eine Grundlage für freie Fensterplatzierung auf dem iPad baut, ist es schwierig, Quick Note zu betrachten und etwas anderes zu glauben. Es ist ein unabhängiges, schwebendes Fenster, das sich über andere Apps legt. Freie Fenster auf dem iPad sind nicht nur unvermeidlich – sie sind bereits da.

Apps in allen Formen und Größen

Eines der Hauptargumente gegen Mac-ähnliche Fenster auf dem iPad ist, dass iPad- (und iPhone-) Apps nicht so gebaut sind, dass sie stufenlos in der Größe verändert werden können wie Mac-Fenster.

Daran ist etwas Wahres, auch wenn es nicht mehr so ist, wie es einmal war. Moderne iOS-Apps müssen sich an zahlreiche Bildschirmgrößen und Ausrichtungen anpassen. Und wieder einmal zeigt der Mac den Weg: Wenn Sie eine iOS-App auf einem M1-Mac verwenden, werden Sie sehen, dass sie in der Größe veränderbar sind - innerhalb von Grenzen.

Ich bezweifle, dass ein iPad-Fenster je eine pixelgenaue Größenänderung bieten wird,  wie es seit jeher auf dem Mac der Fall ist. Aber stellen Sie sich vor, dass ein Fenster in der Größe verändert werden kann und sich dann an verschiedene Seitenverhältnisse und Größen anpasst - entsprechend den Abmessungen der verschiedenen unterstützten Apple-Geräte.

iOS-Apps können Chamäleons sein. Ich glaube, ich würde es sogar vorziehen, das iPhone-Layout einiger Apps auf meinem iPad auszuführen. Manche Apps wirken auf einem 12,9-Zoll-Display etwas lächerlich, aber im kompakten Rahmen eines iPhone 12 Mini ganz reizvoll.

Das gilt nicht nur für Fenster. Apple baut auch die Mac-Menüleiste auf dem iPad neu auf, und das ganz unauffällig. Halten Sie die Globus- oder Befehlstaste in iPadOS 15 gedrückt und Sie sehen ein Overlay, das alle verfügbaren Tastaturkürzel auflistet - organisiert in einem recht vertrauten Muster, das mit "Datei" und "Bearbeiten" beginnt. Sie müssen nicht einmal Tastaturkürzel verwenden - ein Tippen auf einen Befehl führt ihn aus.

Wie kann es versteckte Menüs in iPad-Apps geben? Die Antwort liegt in Catalyst, das es iPad-App-Entwicklern ermöglicht, ihre Apps auf den Mac zu übertragen. Jetzt macht iPadOS 15 diese zusätzliche Arbeit auch auf dem iPad sichtbar. (Catalyst-Apps können auch mehrere Fenster öffnen, und auf dem Mac erscheinen sie als normale, schwebende, unabhängige Fenster. Hmm.)

Würde Apple jemals eine richtige Menüleiste im Mac-Stil auf dem iPad anbieten? Ich denke, in den richtigen Kontexten sollte das passieren. Vielleicht nur, wenn eine Tastatur und ein Zeigegerät angeschlossen sind, oder nur auf einem externen Display, das komplett über diese Eingabemethoden gesteuert werden muss. Aber (wie mein Fiebertraum von einem 5K-iPad-Mock-up zeigt) ist es nicht so, dass das iPad nicht schon den größten Teil des Weges zurückgelegt hat. Die Statusleiste des iPads zeigt bereits die Uhrzeit, das Datum und eine Reihe von Symbolen an - sie wären auch in einer Menüleiste im Mac-Stil zu Hause. Wenn Sie wollen, können Sie auch Symbole für das Control Center und die Benachrichtigungszentrale einfügen.

Nicht jetzt, aber bald

Alle notwendigen Teile sind also vorhanden: Ein richtiger mausgesteuerter Zeiger, mehrere Fenster pro Anwendung, Menüleistenelemente und Anwendungen, die sich an verschiedene Größen anpassen können. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie ein Haufen verschiedener iPad-Apps auf einem 5K-Display aussehen könnte, wenn man fast ausschließlich bestehende iPad-Oberflächenelemente verwendet. Das habe ich getan - und Sie können es am Anfang dieses Artikels sehen.

Würde ich gerne mein M1 iPad Pro an ein externes 5K-Display anschließen und eine Oberfläche wie die oben abgebildete sehen?  Ja, das würde ich. Wie Apple wiederholt deutlich gemacht hat, unterscheidet sich das iPad von anderen Geräten dadurch, dass es äußerst anpassungsfähig ist. Es kann ein bloßes Touch-Tablet sein, aber Sie können einen Apple Pencil, eine Tastatur oder ein Magic Keyboard mit Trackpad hinzufügen.

Wenn man ein großes, helles Display anschließt und es mit App-Fenstern füllt, bricht das nicht die Prämisse des iPad. Es erfüllt sie. Ich hoffe, Apple sieht das auch so.

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