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Morgenmagazin vom Donnerstag, 7. Januar 2016

07.01.2016 | 06:53 Uhr | Peter Müller

Auf ein Neues! +++ Apple vergrößert Rechenzentrum in Reno +++ App Store über die Feiertage mit Rekordumsätzen +++ Was der Mac 2016 braucht +++ Netflix startet in 130 weiteren Ländern +++ LG kündigt Kühlschrank mit Riesen-Tablet an +++ Scanner ermittelt Nährwerte von Nahrungsmitteln +++ Buchkritik: Becoming Steve Jobs

Auf ein Neues!

Das Macwelt-Morgenmagazin wünscht einen Guten Morgen, ein gesundes neues Jahr und allen orthodoxen Christen natürlich Frohe Weihnachten!

Schon mal jetzt ist an dem neuen Jahr 2016 positiv hervor zu heben, dass es nicht 2015 ist. Ob es sich aber nun tatsächlich zu einem friedlicheren und ruhigeren Jahr entwickelt, wird sich zeigen. Zweifel sind durchaus angebracht.

Aus unserem Blickwinkel auf Apple her betrachtet, wird das Jahr 2016 gewiss ein spannendes. So wird der Mac-Hersteller am 1. April 40 Jahre alt und wird in diesem Jahr beweisen müssen, dass dieses für einen Großteil von Unternehmen kritisches Alter für Apple kein Problem sein wird. An der New Yorker Technologiebörse Nasdaq werden erste Zweifel laut, die Apple-Aktie hat in den vergangen Tagen und Wochen deutlich an Wert verloren. Im November war das Papier noch 123 US-Dollar wert, zuletzt näherte sich AAPL der 100-Dollar-Marke – immerhin von oben. Anleger und die Analysten der Investmentbanken zweifeln, ob Apple noch seine Innovationskraft besitzt, die das Unternehmen in den letzten zehn Jahren zum wertvollsten der Welt gemacht hat. Zuletzt schien der Konzern lediglich Produktpflege zu betrieben, das "nächste große Ding" erwies sich in den Augen der Skeptiker als Rohrkrepierer.

Doch darf man weder den Fehler machen, Apple als ganzes zu unterschätzen, noch die Apple Watch als Produkt. Zahlen wird Apple wohl auch in gut zwei Wochen nicht nennen, aber vermutlich hat sich die Smartwatch weit besser verkauft als alle anderen vergleichbaren Geräte der Konkurrenz zusammen. Ältere Semester werden sich vermutlich noch erinnern: Das iPhone verkaufte sich 2007 vom Start weg recht zögerlich, technische Schwierigkeiten mit dem Mobilfunknetz und das Manko an Anwendungen beseitigte Apple erst mit dem zweiten Modell iPhone 3G. Und auch der iPod war vor vierzehn Jahren nicht von Anfang an der Bestseller, der Apple aus seiner Nische zog. Insofern darf man auf die zweite Version der Apple Watch gespannt sein, die schon im März diesen Jahres Premiere feiern dürfte.

Im Sommer wird Apple wieder Neuerungen seiner Betriebssysteme zeigen, die in Teilen auch von der Uhr beeinflusst sein werden. Im Juni wissen wir mehr, iOS 10 und OS X 10.12 werden wir im Herbst auf unsere Geräte installieren. Produktpflege wird Apple in einigen Bereichen betreiben müssen, Mac Mini und Mac Pro heißen hier die Baustellen, aber auch mobile Macs wird Apple quer durch die Bank 2016 auffrischen.

Mit dem iPhone 7 wird Apple jedoch entweder zeigen, wie man in einem an sich ausgereizten Markt neue Kaufimpulse setzt oder hinnehmen müssen, dass eine jede Wachstumskurve irgendwann einmal abflacht. Wall Street wird das wenig begeistern, das Klagen, Weinen und Jammern fände in diesem Fall aber auf hohem Niveau statt. Allein die installierte Basis, die nach Ablauf ihrer subventionierten Zweijahresverträge einen neuen Kaufanreiz sieht, wird die Verkaufszahlen für das iPhone auch in diesem Jahr auf dreistellige Millionenbeiträge bringen. Vor September wird es aber mit einer neuen iPhone-Generation nichts.

Steve Jobs' Ziel war in seinen letzten Lebensjahren vor allem, Apple zu einer Firma werden zu lassen, die ihre Innovationskraft nachhaltig pflegt. Ein Zeichen, dass die Apple-Story längst noch nicht zu Ende erzählt ist, könnte der neue Torusförmige Campus in Cupertino werden, den Apple in diesem Sommer bezieht. Das "beste Bürogebäude der Welt" soll dieser werden, versprach Jobs bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Juni 2011 dem Stadtrat von Cupertino. Das "Raumschiff" soll ein völlig neuartiger Hort von Ideen werden, ab dem Sommer wird man sehen was aus den Konzepten geworden ist und ob das neue Gebäude nicht schon beim Einzug schon zu klein geworden ist.

Apple wäre nicht Apple, wenn 2016 nicht doch noch etwas Besonderes käme. Zu Beginn des Jahres 2016 gibt es keine klaren Hinweise auf ein konkretes Produkt, man weiß nur, in welche Richtungen Apple seine Forschungen verstärkt hat. Mit einem Apple Car ist aber gewiss nicht vor 2019 zu rechnen, falls überhaupt je ein solches auf öffentlichen Straßen rollen wird. Lassen wir uns von 2016 überraschen, hoffentlich positiv. Auf ein Neues! Peter Müller

Lesetipps für den Donnerstag

Expansion : Apple verdoppelt die Größe seines Rechenzentrums in Reno, Nevada. Dies lässt sich aus einem Genehmigungsantrag schließen, den Apple bei den zuständigen Behörden eingereicht hat. Unter dem Projektnamen Huckleberry werde man ein neues Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft der bestehenden Anlage Project Mills im Reno Technology Park errichten. Die Rechenzentren benötigt Apple für iCloud, iTunes und andere Internetservices.

Bilanz: Laut Apple blickt der App Store auf seine bislang erfolgreichste Weihnachtszeit zurück, zwischen dem 20. Dezember 2015 und dem 3. Januar 2016 seien Umsätze von 1,1 Milliarden US-Dollar angefallen. Allein an Neujahr seien es 144 Millionen US-Dollar gewesen, was den 1. Januar 2016 zu bisherigen Rekordtag im App Store mache. Seit dem Start des App Stores im Sommer 2008 habe Apple insgesamt 40 Milliarden US-Dollar an Entwickler überwiesen. Allein in den USA habe der App Store 1,4 Millionen JObs geschaffen.

Was der Mac 2016 braucht: Auch unser Macworld-Kollege Jason Snell hat sich in den Ferien Gedanken gemacht, was der Mac im Jahr 2016 bräuchte und stellt dabei konkrete Forderungen auf. An erster Stelle steht dabei ein neuer Name beziehungsweise eine neue Nomenklatur für OS X, zudem ein besserer Mac App Store und ein externes Retina-Display. Thunderbolt 3 an allen Geräten und das Ende der mechanischen Festplatte wird Apple ohnehin heuer auf dem Plan haben.

Schluss, aus, vorbei: Der Hersteller der einst recht populären App NoteBook Circus Ponies schließt mit sofortiger Wirkung seine Pforten. Die Meldung auf der Website ist ein wenig kryptisch, man habe sich der "großen Alphabet-Company im Himmel" angeschlossen. Dies könnte bedeuten, dass die Google-Mutter Circus Ponies aufgekauft hat oder der Entwickler Jayson Adams zu Google gewechselt ist oder schlicht nur ein Scherz sein. Support für NoteBook könne man nicht garantieren, heißt es weiter, E-Mails an den Kundendienst könne man zwar schreiben, ob eine Antwort kommt, sei ungewiss. NoteBook hat es für OS X und iOS gegeben, die Wurzeln des Programms reichen sogar bis in die NeXT-Zeit zurück.

Weitere Nachrichten:

Netflix startet in 130 weiteren Ländern

Netflix ist ab sofort in über 130 weiteren Ländern verfügbar. Das hat Netflix-Gründer und -CEO Reed Hastings am Mittwoch auf der CES 2016 in Las Vegas verkündet. "Sie erleben heute die Geburtsstunde eines neuen globalen Internet-TV-Netzwerks“, erklärte Hastings und weiter: "Das Warten hat endlich ein Ende: Durch diesen Launch erhalten Verbraucher in aller Welt die Möglichkeit, Serien und Filme zu genießen – von Singapur bis Sankt Petersburg, von San Francisco bis São Paulo. Dank des Internets können wir den Nutzern nun die Zügel in die Hand geben und ihnen Zugriff auf großartige Unterhaltungsangebote eröffnen – jederzeit, überall und auf jedem beliebigen Gerät.“

Der Netflix-Dienst wird in den meisten neuen Ländern größtenteils auf Englisch angeboten, jedoch wurden heute Arabisch, Koreanisch sowie vereinfachtes und traditionelles Chinesisch zu den bereits unterstützten 17 Sprachen hinzugefügt.

Netflix startete im Jahr 2007 zunächst in den USA  und bot den Dienst nach und nach in weiteren Ländern an. Ab sofort ist Netflix damit nahezu weltweit verfügbar. Nur noch in folgenden Ländern und Regionen ist Netflix aktuell nicht verfügbar: China, Nordkorea, der Krim und Syrien. Einen Start in China peilt Netflix an und prüft die Möglichkeiten dafür. In den anderen Ländern und Regionen verhindern die dort geltenden US-Sanktionen einen Start von Netflix.

Im Jahr 2016 will Netflix sein Angebot an Originaltiteln noch stärker erweitern. Dazu gehören unter anderem 31 Staffeln von Netflix-Originalserien und zwei Dutzend für Netflix produzierte Spielfilme und Dokumentationen.
 


CES: LG kündigt Kühlschrank mit Riesen-Tablet an

Eine Waschmaschine, die selbst das Waschmittel nachbestellt. Ein Kühlschrank mit eingebauter Kamera, die man von unterwegs aktivieren kann. Dass im Haushalt alles vernetzt und digitalisiert wird - an diese gebetsmühlenartig wiederholte Prognose konnte man sich schon gewöhnen. Zur diesjährigen Messe CES in Las Vegas ist die Entwicklung soweit fortgeschritten, dass man einen Vorgeschmack darauf bekommt, wie diese hypervernetzte Zukunft aussehen könnte.

Und der Eindruck ist: Viele Hersteller probieren am Verbraucher aus, ob alles technisch machbare auch sinnvoll ist. Da ist zum Beispiel der Kühlschrank von LG, bei dem die Tür automatisch aufspringt, wenn man nur den Fuß unter sie hält. Eine praktische Funktion, wenn man gerade in der Küche die Hände voll hat? Oder im Alltag eher nervig, weil am Ende dann doch häufiger ungewollt der Kühlschrank offen steht, nur weil man wieder einmal zu dicht an die Tür kam?

Eine andere Kühlschrank-Idee von LG: Kurz anklopfen, und er sagt zwar nicht "Herein!", aber ein Glas-Panel in der Tür wird durchsichtig, damit man sich ein Bild vom Inhalt machen kann, ohne warme Luft reinzulassen. Klingt sinnvoll - wie oft man die Funktion tatsächlich nutzen wird, wird sich aber erst im Alltagsgebrauch zeigen.

Überhaupt toben sich die Anbieter dieses Jahr an Kühlschränken aus. Samsung verpasste seinem Top-Modell eine Art Riesen-Tablet in der Tür, einen Touchscreen mit 21,5 Zoll Bildschirmdiagonale. Darüber soll man zum Beispiel gleich Lebensmittel nachbestellen können. Der Bezahldienst Mastercard, der sich über sein Kreditkarten-Business hinaus in neue Geschäftsmodelle drängt, ist mit der Shopping-App an Bord. Aber wie gut passen eigentlich Kühlschrank und Tablet zusammen? Große Hausgeräte wechselt man oft erst nach 10 bis 15 Jahren aus. Die Technik eines Tablets wirkt oft schon nach ein paar Jahren langsam und veraltet.

Die Vernetzung bringt auch neue Geschäftsfelder ganz nah am Verbraucher, die noch unbesetzt sind. Der weltgrößte Online-Händler Amazon hat das erkannt und prescht vor. Und beschränkt sich dabei nicht auf den hauseigenen vernetzten Lautsprecher Echo, der auf Sprachbefehl nicht nur Musik abspielen und nötige Informationen heraussuchen kann, sondern auch Amazon-Bestellungen annimmt.

Über Partnerschaften bohrt sich der Konzern noch tiefer ins Smarthome. Die Waschmaschine des US-Herstellers Whirlpool bestellt das Reinigungsmittel bei dem Online-Händler nach. Ford setzt auf Amazons Sprachassistenten Alexa, um aus dem Cockpit heraus die Verbindung zur Haustechnik herzustellen. Mit Hilfe von Partnerschaften drängen auch neue Player in den Markt. Die Münchner Firma Tado, die Heizungen und Klimaanlagen vernetzt, kündigte zur CES Kooperationen mit den Telekom-Konzernen AT&T und O2 für die USA und Großbritannien an.

Zugleich zeigten sich die Verbraucher bisher oft zurückhaltend, wenn es um Hausvernetzung ging. Konzepte setzen sich manchmal auch nur in der Nische durch. Vor zwei Jahren wurde auf der CES das System "Mother" vorgestellt, bei dem kleine Sensoren, die man an allen möglichen Gegenständen anbringen kann, den Alltag smarter machen sollen. Zum Beispiel können sie melden, dass ein Medikament nicht rechtzeitig eingenommen wurde oder dass Kaffee-Pads verbraucht sind. Inzwischen wird Mother gezielt nur noch als Hilfsmittel für Senioren vermarktet. "Sie machten von Anfang an über ein Drittel der Nutzer aus", sagt Gründer Rafi Haladjian. "Der Markt war noch nicht bereit für einen breiten Ansatz", räumt er ein.

Ein Trend ist, dass Daten verschiedener Geräte und Dienste stärker miteinander verbunden werden. Und die Entwicklung steht erst am Anfang. In Zukunft könnte zum Beispiel die Auswahl des Vorschläge bei einem Videostreamingdienst davon abhängen, ob der Nutzer allein zu Hause ist, wie seine Stimmung ist - und von der Raumtemperatur, prophezeite zum CES-Start des Chefökonom des Messeveranstalters CTA, Sean DuBravac. Dafür würde die Technik automatisch auf Daten vernetzter Thermostate, Überwachungskameras oder Computer-Uhren zugreifen.

Viele Verbraucher werden bei solchen Szenarien jedoch bislang eher misstrauisch. Intel soll einmal erwogen haben, in einem TV-Dienst die Stimmung der Nutzer mit Kameras einzufangen, um den Service zu verbessern. Am Ende wurde beim gesamten Projekt der Stecker gezogen. (dpa/rs)

Scanner ermittelt Nährwerte von Nahrungsmitteln

Das französische Startup DietSensor hat mit SCiO einen ungewöhnlichen Helfer im Angebot. Das Gadget von der Größe einer Streichholzschachtel kann über Infrarot-Spektroskopie die chemische Zusammensetzung von Speisen ermitteln und somit auch deren Nährwerte.

Diese Funktion wäre sicher auch für viele ernährungsbewusste Menschen interessant, primär ist SCiO aber für Menschen mit Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankung gedacht. Nach einem Knopfdruck wird in der zugehörigen App der Fett- oder Kohlenhydratgehalt eines Nahrungsmittels angezeigt. Gleichzeitig gibt die App Tipps zur empfohlenen Tagesmenge eines bestimmten Nahrungsmittels.

Der Sensor kann die Zusammensetzung jedoch nur bei homogenen Nahrungsmitteln erfassen. Ein Sandwich lässt sich auf diese Weise also nicht untersuchen. Der Scanner wird für 249 US-Dollar angeboten. Die App kostet monatlich noch einmal 10 US-Dollar.

Buchkritik: Becoming Steve Jobs

Die zweite wesentliche Biographie über Steve Jobs widmet sich anderen Aspekten als die von Walter Isaacson. Man erfährt auch Neues und über 400 Seiten wird klar, warum Tim Cook und seinen Kollegen aus der Apple-Führungsriege das Buch besser gefällt.

Im Schlusskapitel kommt der heutige Apple-CEO Tim Cook mit einer eindeutigen Aussage zu Wort. Die schon kurz nach dem Tode Steve Jobs' erschienene autorisierte Biographie von Walter Isaacson zeichne das Bild eines Menschen, mit dem er niemals hätte 13 Jahre lang zusammenarbeiten wollen und lasse Steve Jobs daher in einem falschen Licht dastehen. Mehr schien Cook aber die Berichterstattung über das Buch erzürnt zu haben, gewiss nicht zu Unrecht, da viele Rezensionen sich auf die von Isaacson geschilderten negativen Seiten des Apple-Gründers fokussierten.

Das Buch von Brent Schlender und Rick Tetzeli ist anders - verschweigt aber keineswegs Jobs' vor allem in seiner ersten Zeit bei Apple oft schwierigen Charakter. Insgesamt bildet die Biographie Jobs aber milder ab und legt großen Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung des 2011 verstorbenen Apple-CEOs. Das zeigt schon der Titel "Becoming Steve Jobs - vom Abenteurer zum Visoinär" (Original: "Becoming Steve Jobs: The Evolution of a Reckless Upstart into a Visionary Leader"). In den USA schon im März vergangenen Jahres erschienen, liegt das Werk seit Anfang November 2015 in deutscher Übersetzung vor.

Schlender, der Jobs erstmals bei der Recherche für einen Artikel für das Wall Street Journal traf, als der von Apple gefeuerte Gründer gerade seine Zweitgründung NeXT promotete, und sein Co-Autor Tetzeli legen anders als Isaacson mehr Wert auf den Unternehmensleiter Jobs und etwas weniger den Privatmenschen. So erfährt man etwa nur in einem Nebensatz, dass Steve Jobs eine zeitlang mit der Folkmusikerin Joan Baez liiert war, der Name von Tina Redse, zu NeXT-Zeiten Jobs' wichtigste Beziehung, ist nur an einer einzigen Stelle erwähnt. Auch fallen nur wenige Worte über Jobs' spirituelle Reise nach Indien oder die Zeit auf der von seinem zeitweiligen Guru Robert Friedland geführten Apfelplantage in Oregon. Das stört aber keineswegs, eine zweite Isaacson-Biographie wäre ja auch sterbenslangweilig, wenn man die erste schon kennt.

Stattdessen erfährt der Leser einige neue Fakten, die Isaacson entweder nicht wichtig genug waren oder sich seiner Kenntnis entzogen. So will es etwa Schlender gewesen sein, der nach einer zufälligen Begegnung in einem Restaurant  im Jahr 1997 Jobs davon in Kenntnis setzte, dass Apple mit seinem Intimfeind Jean-Louis Gassée über einen Kauf von dessen Unternehmen Be Corp. verhandle - wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Auch lesen wir im Werk von Schlender und Tetzeli den bemerkenswerten Satz "Apple wird nie einen Fernsehapparat bauen", den Jobs einem jungen Designer namens Jonathan Ive angeblich zur Begründung gab, warum dessen 20th Anniversary Mac auf das Abstellgleis sollte - der Rechner verstand sich unter anderem auch auf TV. Wir erinnern uns: Der Jobs-Satz "Ich habe es endlich geknackt" über das Fernsehen in der Isaacson-Biographie löste seinerzeit einen wahren Hype aus...

Doch liegen zwischen diesen beiden Sätzen, so sie denn auch genau so gefallen sind, immerhin mehr als ein dutzend Jahre. Und das will "Becoming Steve Jobs" doch auch zeigen: Steve Jobs war keineswegs stur und in seiner Meinung festgefahren, sondern nahm sehr wohl auch von Leuten, die er akzeptierte und respektierte, Ratschläge an, um seine Ansichten zu ändern beziehungsweise zu optimieren. Anderes hatte Isaacson aber auch nicht behauptet, so schildern beinahe wortgleich beide Bücher den Vorfall, in dem der mit der Entwicklung der Apple Stores beauftragte Retail-Experte Ron Johnson unmittelbar vor der Präsentation des Projekts noch eine Umstrukturierung des Konzepts weg von der Bezogenheit auf das Produkt hin zu einer Bezogenheit auf die Lösung vorschlug. Folge: Ein wütender Steve Jobs, der in eisiges Schweigen verfällt und dann den Apple-Mitarbeitern klar kommuniziert, dass Ron Johnson recht habe und nun alles so gemacht werde, wie er das vorschlage.

Abweichungen finden sich aber nicht nur beim Blickwinkel auf Jobs. Isaacson versuchte mehr, die gesamte Persönlichkeit zu erfassen, Schlender und Tetzeli befassen sich vorwiegend mit Jobs als Gründer von Apple und NeXT sowie Inkubator von Pixar. Vor allem dort habe er von Ed Catmull und John Lasseter gelernt, wie man ein Team von Kreativen führen könne, meinen die Autoren. Es ist vor allem die Distanz zum Porträtierten, die die beiden Bücher unterscheidet. Das wird vor allem darin offensichtlich, dass Schlender und Tetzeli meist von "Steve" schreiben und sich Schlender nicht selten als "Freund"  von Jobs bezeichnet. Für das Wall Street Journal und später für Fortune und Fast Company haben Schlender und Tetzeli Jobs von 1986 bis 2011 journalistisch begleitet, während Walter Isaacson erst im Auftrage von Steve Jobs ab 2008 für die von Jobs selbst autorisierte Biographie machte.

So verwundert eine Art von Verteidigungsrede auch nicht: Bekanntlich ließ Jobs sich von der  Krebsdiagnose bis zur ersten Operation ein gutes Jahr Zeit, was er Isaacson gegenüber kurz vor seinem Tod durchaus bereute - eine schnellere Entscheidung hätte womöglich geholfen. Bei Isaacson lesen sich die Passagen über  die Krankheit teilweise so, dass Jobs auch hier das bekannte "Reality Distortion Field" aufbaute, Schlender und Tetzeli zufolge befasste sich Jobs hingegen quasi wissenschaftlich mit Alternativen zu einer Operation und setzte daher zunächst auf eine Ernährungsumstellung. Schon bei der Diagnose hätte es nur eine Wahrscheinlichkeit von 55 Prozent gegeben, bei einer sofortigen Operation fünf Jahre zu überleben – bekanntlich wurden es nach der verzögerten Operation dann sieben Jahre. Kein Wunder, dass (nicht nur) Tim Cook diese Version besser gefällt. Was bei Isaacson fehlt, da damals nicht bekannt: Tim Cook bot sich Jobs Ende 2008 als Lebendspender für eine neue Leber an, was Jobs entrüstet ablehnte.

Ein weiteres Cook-Zitat aus dem Buch: "Jobs war kein Engel, das sind wir alle nicht." Keineswegs bejubelt das neue Buch Steve Jobs unkritisch, versucht sich aber an einer Erklärung, warum die von Jobs vor allem während seiner zweiten Zeit bei Apple auf den Wege gebrachten Produkte so außergewöhnlich sind. Dabei verschweigt es auch die dunklen Seiten der Persönlichkeit auch des späten Jobs nicht, etwa die wenig ruhmreichen Abgänge der alten Weggefährten wie Jon Rubinstein und Avie Tevanian. Schlender und Tetzeli gehen auch kurz auf die "Skandale" der späten Jobs-Phase ein: Die Sache mit den rückdatierten Aktienoptionen, "Antennagate", das Anti-Abwerbeabkommen mit anderen IT-Unternehmen, den Kartellprozess um E-Books oder den Problemen mit den Arbeitsbedingungen bei Zulieferern wie Foxconn. Hier hätten die Autoren ruhig ein wenig mehr in die Tiefe gehen können, wie das etwa Isaacson mit seiner Betrachtung der Erklärung Jobs' zu den Empfangsproblemen des iPhone 4 getan hat. Dass einige Dinge ein wenig aus dem Ruder gelaufen seien, wäre auch auf die Krankheit zurückzuführen, meinen Schlender und Tetzeli - womöglich wollten sie deshalb nicht tiefer schürfen.

Alles in allem ist "Becoming Steve Jobs" ein sehr lesenswertes Buch, das der autorisierten Biographie von Walter Isaacson eine neue Note und auch einige neue Fakten hinzufügt, ihr aber nicht widerspricht oder sie gar in Frage stellt – die beiden Bücher ergänzen sich hervorragend. Wer hingegen zudem noch mehr darüber erfahren will, wie es bei Apple in den Jahren von Steve Jobs' Abwesenheit zuging, dem sei Owen Linzmeyers "Apple - Streng vertraulich" als weitere Lektüre empfohlen.

Auf zwei kleine Fehler (möglicherweise der Übersetzung geschuldet) sei aber noch hingewiesen: Steve Jobs' Todestag, der 5. Oktober 2011 war ein Mittwoch und kein Dienstag und die MacWorld war weder die einzige Gelegenheit, zu der Jobs sprach (die WWDC wird auch nur einmal erwähnt und einige Special Events Apples werden fälschlicherweise der MacWorld zugeschrieben), noch hatte sie Apple je veranstaltet. Veranstalter der Messen in New York/Boston, San Francisco und Tokio (und nicht: Paris) war IDG World Expo. Wir erwähnen das aber nur, weil IDG World Expo und unser Verlag IDG Tech Media der gleichen Konzernmutter angehören.

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