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Morgenmagazin vom Freitag, 15. Januar 2016

15.01.2016 | 06:56 Uhr |

iOS 9.3 und OS X 10.11.4 jetzt auch in öffentlicher Beta +++ New York will Smartphone-Verschlüsselung verbieten +++ Apple patentiert multifunktionales Milanese-Armband +++ Urteil: Eltern müssen für illegalen Musik-Upload des Kindes haften +++ Fahrzeuge mit Carplay und Nachrüstoptionen +++ Google Cardboard unterstützt nun virtuellen 3D-Sound +++ Wikipedia wird 15 Jahre alt

15. Januar: Mehr wissen, mehr können

Das Macwelt-Morgenmagazin wünscht einen Guten Morgen! Wenn man etwas nicht weiß, dann soll man fragen und sich nicht eine wie auch immer geartete Wahrheit zusammenreimen. "Schlag' halt im Lexikon nach!", lautete die konkrete Handlungsanweisungen - zumindest in bildungsnahen Haushalten. Also dackelte man zum Bücherregal, schob die Leiter aus der Ecke in die Mitte, wo die  besonders hübschen und wuchtigen Folianten ausgestellt war, griff sich den kiloschweren Band "Ar - Cz", um etwas über David Bowie zu erfahren und las darin - nichts. Oder eine Kurzbiographie über den amerikanischen Politiker Robert Bowie, der interessanter Weise an einem 8. Januar starb, allerdings 229 Jahre bevor David Robert Jones - später unter dem Künstlernamen David Bowie bekannt - in  London geboren wurde.  Wenn man heute etwas nicht weiß, sollte man googeln – man weiß danach unter Umständen aber sogar noch weniger. Außer, wenn man auf der Wikipedia landet.

Dieses Projekt startete heute vor 15 Jahren und hat das Geschäftsmodell der Enzyklopäden nachhaltig verändert, wenn nicht gar zerstört. Allgemeinbildende Werke wie der Brockhaus, das Meyer's und die Encyclopædia Britannica sind als gedruckte Werke vom Markt verschwunden und existieren allenfalls in hochspezialisierten Nischen weiter. Das Bildungsbürgertum mag darob seit Jahren erschaudern, doch haben die 24, 36 oder 48 Bände mit ihrem geballten gedruckten Wissen auch den enormen Nachteil, dass sich dieses im Regal nicht einfach erneuert und erweitert. Dabei geht es nicht nur um Popkultur  – den Lexikoneintrag zu David Bowie hätte man alle naslang erneuern müssen und könnte ihn erst jetzt halbwegs abschließen – sondern um viel mehr. Das Wissen der Menschheit erneuert und erweitert sich exponentiell, nur eine theoretisch unendliche und unendlich schnell zu verbessernde Online-Enzyklopädie kann da mithalten.

Die Wikipedia hat zwar das strukturelle Problem, dass jeder seine Vorurteile und seine Vermutungen als Wissen darin einstellen könnte, doch funktionieren die internen Korrekturmechanismen trotz immer wieder auftauchender Einträge über erfundene Inseln oder Personen erstaunlich gut. Insofern ist die Wikipedia zu einer verlässlichen und glaubwürdigen Quelle geworden. Als solche kann sie zwar längst nicht auf alle Fragen und Wissenslücken, die anscheinend auch mit stets steigendem Tempo mehr werden, Antwort geben, doch ist sie in der Lage, die gröbsten Unwahrheiten, die immer wieder im Internet kursieren, zu widerlegen.

Mögen gedruckte Brockhäuser und Britannicas derart überflüssig geworden sein, dass sie kaum jemand vermisst, glaubwürdige und korrekte Quellen sind gerade in diesen Zeiten von höchster Wichtigkeit. Darum wird es den Publishern im Internet in der Gegenwart und der nahen Zukunft gehen müssen: Die Glaubwürdigkeit (zurück) zu gewinnen, zu pflegen und zu erhalten. Das geht nur mit Institutionen, wie sie Brockhaus und Konsorten einmal waren. Denn Google und Facebook sind nur Werkzeuge, wie es Pinnwände auch sind. Wenn jeder ungeprüft dort seine Aussagen hinterlassen kann, glauben bald alle alles nur nicht mehr den Institutionen, die Informationen gewissenhaft prüfen (lassen), bevor sie sie veröffentlichen. Weswegen manchmal Institutionen ihre Informationen gar nicht mehr gewissenhaft prüfen, um mit dem Tempo der anderen Schritt halten zu können. Man bräuchte eine Art Wikipedia für Nachrichten, an die man sich immer wenden kann, wenn mal wieder Postings kursieren, die man nicht versteht, aber verstehen sollte, bevor man sie glaubt oder nicht. Derartige Versuche der Wikipedia-Macher (Wikinews) haben aber bisher nicht überzeugen können. Peter Müller

Lesetipps für den Freitag:

Öffentlich: Nachdem Apple anfangs der Woche die ersten Betas von iOS 9.3 und OS X 10.11.4 für registrierte Entwickler veröffentlicht hatte, kommen nun die Versionen für den öffentlichen Betatest heraus. Mitmachen kann jeder, der sich mit seiner Apple ID bei beta.apple.com registriert. iOS 9.3 bringt jede Menge Neuerungen wie den systemweiten Nachtmodus (Nightshift),  OS X 10.11.4 unterstützt nun die Live Photos von iPhone 6S und 6S Plus.

Verbot der Verschlüsselung: Nicht nur Großbritannien bereitet Apple mit einem geplanten Verschlüsselungsverbot Sorgen, auch der US-Bundesstaat New York plant eine entsprechende Gesetzesinitiative. Das Gesetz sieht vor, dass in New York nur noch Smartphone verkauft werden dürfen, deren Verschlüsselung wenigstens der Hersteller knacken kann. Anderenfalls würden heftige Geldstrafen drohen, die Rede ist von 2.500 US-Dollar pro verkauftem Gerät. Apple hatte immer wieder beteuert, die starke Verschlüsselung von iMessages selbst nicht knacken zu können. Anders als die britische Gesetzesinitiative fordert New York keine Hintertür, verbietet den Herstellern aber Smartphones zu verkaufen, die sich nicht entsperren oder entschlüsseln lassen. Gegen eine Hintertür sprach sich Apple stets mit dem Argument aus, dass diese auch von Kriminellen und nicht nur von der Staatsanwaltschaft genutzt werden könnte.

Multifunktional: Apple hat beim US-Marken- und Patentamt das Patent für ein multifunktionales Milanese-Armband beantragt. Dieses ist mit Magneten gespickt, mit deren Hilfe man es zu mehreren Konfigurationen zusammenlegen kann. So diene es unter anderem als Ständer oder als Case und lässt sich zudem an andere Geräte ankoppeln - oder einfach an den Kühlschrank anhaften.

Schöne neue kalte Welt: Ein Bug im jüngsten Softwareupdate der intelligenten Thermostaten der Google-Tochter Nest hat den Unmut der Nutzer erregt. Der Fehler führte dazu, dass die Batterie des Nest schnell leer wurde - und damit das Haus kalt. Laut Hersteller ist der Fehler mittlerweile bei 99,5 Prozent der Anwender behoben. Der aktuelle Softwarefehler ist aber nicht der erste. So ein manuell beheizter Schwedenofen hat schon auch seine Vorteile... Nest wurde von Tony Fadell gegründet, der bei Apple wesentlich für die Entwicklung des iPod verantwortlich gekennzeichnet hatte.

Weitere Nachrichten:

Urteil: Eltern müssen für illegalen Musik-Upload des Kindes haften

Das Oberlandesgericht München hat ein Ehepaar zu einer Strafzahlung von knapp 3.550 Euro verurteilt. Eines der drei volljährigen Kinder, die noch im Haushalt des Ehepaars leben, hatte das Album "Loud" von Rihanna über eine Filesharing-Software und über den Internetanschluss der Eltern verbreitet. Die Eltern wissen zwar, welches der Kinder dafür verantwortlich war, weigerten sich aber vor Gericht den Namen des Kindes zu nennen. Die drei erwachsenen Kinder verweigerten laut Angaben des OLG München mit Verweis auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht die Aussage.

Aufgrund der Umstände verurteilte das Landgericht München im Juli die Eltern zu der Strafzahlung. Das Oberlandesgericht bestätigte nun das weiterhin noch nicht rechtskräftige Urteil. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil das OLG München aufgrund der grundsätzlichen Bedeutung für Filesharing-Fälle eine Revision vor dem Bundesgerichtshof zugelassen hat.

Der Entscheidung des OLG München zufolge hätten die Eltern die Strafzahlung nur verhindern können, wenn sie den Namen des Kindes genannt hätten, welches für den illegalen Musik-Upload verantwortlich war.

Bei nicht volljährigen Kindern müssen die Eltern unter bestimmten Umständen nicht wegen illegaler Uploads für ihre Kinder haften. Das hatte der Bundesgerichtshof in einem Urteil am 15. November 2012 entschieden. Der Bundesgerichtshof stellte damals fest, dass Eltern ihrer Aufsichtspflicht bei einem normal entwickelten Kind genügen, wenn sie es regelmäßig „über das Verbot einer rechtswidrigen und rechtsverletzenden Teilnahme an Internettauschbörsen belehren“. Eine Verpflichtung, die Internetnutzung ihres Kindes ständig zu überwachen oder den Zugang technisch einzuschränken, besteht für die Eltern dagegen nicht. Zu solchen Maßnahmen seien Eltern erst dann verpflichtet, wenn sie konkrete Anhaltspunkte dafür finden, dass ihr Kind eine Rechtsverletzung begeht.

Fahrzeuge mit Carplay und Nachrüstoptionen

Bislang verlief die Integration des Anfang 2014 vorgestellten Carplay-Systems von Apple ein wenig schleppend. Ursächlich dafür sind vor allem die relativ langen Entwicklungszyklen der Autohersteller für Bord-Entertainment-Systeme – übrigens auch ein Grund, warum neueste Autos immer irgendwie veraltete Radios an Bord haben. Mit Carplay soll das anders werden: Das iPhone  übernimmt die Steuerung des Bord-Entertainments, der Navigation und des Autotelefons, wird dabei aber nahtlos in das vorhandene Radiosystem eingebunden. Die gesamte Anzeige und Interaktion verläuft dabei über das Infotainment-System in der Mittelkonsole, das iPhone wird per Lightning-Kabel mit dem Bordcomputer verbunden. Dadurch, dass die Abwicklung der Technik per iPhone erfolgt, soll das System auch zukunftssicher sein und keine Probleme mit iOS-Updates haben.

Viele große Hersteller an Bord

Nun hat Apple eine vollständige Liste aller Fahrzeugmodelle für den US-Markt veröffentlicht, die Carplay unterstützen. Darunter sind insgesamt 104 Fahrzeuge vieler großer Hersteller: Aus der Liste geht zum Beispiel hervor, dass die Marken VW, Skoda und Seat aus dem Volkswagen-Konzern fast über die gesamte Modellpalette mit Carplay ausgerüstet werden können , bei Audi immerhin der Q7 und der A4, allerdings erst ab dem Modelljahr 2017 (erscheint in der zweiten Jahreshälfte 2016). Als zweiter großer Konzern ist General Motors an Bord, hier werden laut Liste aber vor allem US-Marken wie Cadillac, GMC oder Chevrolet mit der Technik ausgerüstet, dafür aber auch hier fast die gesamte Modellpalette. Immerhin: Als deutsche GM-Marke ist auch Opel mit allen PKW-Modellen von Adam bis Insignia Carplay-fähig. Auch Mercedes gönnt sich ab 2016 in vielen, aber nicht allen Modellen eine Carplay-Unterstützung. Die großen Marken aus Fernost wie Hyundai, Honda und Mitsubishi sind hingegen noch etwas zögerlich mit der Adaption, während die Franzosen des PSA-Konzerns mit den Marken Citroën und Peugeot Carplay vor allem in kleineren Modellen anbieten.

Andere wichtige Hersteller – etwa BMW, Toyota, Fiat, Renault-Nissan und Ford  – fehlen mehr oder weniger vollständig in der Liste, die jedoch nicht zu 100 Prozent korrekt sein kann ( wir berichteten ). Das Fehlen einiger Hersteller liegt daran, dass sie entweder auf das alternative Android Auto von Google setzen, oder wie etwa Toyota auf die Open-Source-Lösung „SmartDeviceLink“ oder gar eigene Lösungen zusammen schustern wie etwa Ford.

Augen auf beim Carplay-Kauf!

Natürlich bezieht sich die Modellliste vor allem auf Fahrzeuge auf dem US-Markt, viele Hersteller sind hier ausschließlich mit großen SUVs vertreten, die es in Deutschland nicht oder nicht in dieser Form gibt. Trotzdem sind auch in Deutschland bereits Lösungen verfügbar, heißen allerdings oft nicht einfach „Carplay“: Wer zum Beispiel einen aktuellen Golf mit iPhone-Integration kaufen möchte, findet in der Aufpreisliste keinen Punkt „Carplay“, dafür aber eine Funktion namens Car-Net mit App-Connect.

Dieses System muss selbst bei hochpreisigen Modellen per Aufpreisliste bestellt werden, beinhaltet dafür aber nicht nur Carplay, sondern auch Android Auto sowie Mirrorlink , die dritte große Lösung am Markt. Damit will Volkswagen dafür sorgen, dass Käufer ihrer Fahrzeuge jederzeit den Smartphone-Hersteller wechseln können und sich nicht auf Google oder Apple festlegen müssen. Andere Hersteller verfahren hier nicht zwangsläufig ähnlich, Peugeot etwa unterstützt nur Mirrorlink und Carplay, lässt aber die Android-Lösung außen vor. Gemeinsam haben sie allerdings, dass das Feature, wenn überhaupt, auf dem deutschen Markt fast immer nur gegen Aufpreis zu haben ist. Wer also künftig einen Neuwagen kauft, sollte auf jeden Fall genau hinschauen und das vom Hersteller verwendete Smartphone-Link-System in die Kaufentscheidung einbeziehen – zumal viele Modelle in der Grundausstattung nach wie vor klassische CD-Radios mit USB- und Line-In-Buchsen besitzen dürften.

Nachrüstung ist möglich

Doch keine Sorge: Nachrüstlösungen sind bereits verfügbar, und wer ein älteres Auto besitzt, kann CarPlay bereits jetzt in sein Auto einbauen. Alpine, Kenwood und Pioneer bieten derzeit Nachrüst-Infotainmentsysteme für den Doppel-Din-Schacht an, die Carplay unterstützen: Alpine ist mit dem iLX-700 bereits am Markt, das mit 629 Euro allerdings kein Schnäppchen ist.

Kenwood hat aktuell sogar vier Carplay-Receiver im Angebot, die allesamt auch Android Auto unterstützen – leider sind die bisher nur in den USA erhältlich. Deutlich besser verfügbar sind die Pioneer-Modelle , inzwischen immerhin sechs an der Zahl , von denen das SPH-DA120 mit einer UVP von rund 360 Euro den derzeit günstigsten Einstieg in die Carplay-Welt bietet. Mit dem AVH-X8700BT gibt es zudem noch ein deutlich besser ausgestattetes Modell am Markt.

 

Google Cardboard unterstützt nun virtuellen 3D-Sound

Googles VR-Pappbrille sorgt trotz simpler Aufmachung für ein echtes Mittendrin-Gefühl. Während die Augen durch den Virtual-Reality-Ansatz eindrucksvoll getäuscht werden, war der Sound bislang noch eine Schwachstelle von Cardboard. Mit einem passenden Entwickler-Kit bietet Google den Machern von VR-Apps nun die Möglichkeit, auch 3D-Sound in ihre Anwendungen zu integrieren.

Das Update für das Cardboard-SDK für Unity und Android soll für Raumklang sorgen. Die Akustik wird dadurch an den aktuellen Blickwinkel des Benutzers angepasst. Schaut man zur Geräuschquelle, wird der Sound lauter. Effekte von hinten werden entsprechend anders wahrgenommen. Zusätzlich bietet Google unterschiedliche Voreinstellungen für bestimmte Gebäude und Oberflächen an.

3D-Sound für Cardboard soll laut Google mit allen Kopfhörern kompatibel sein und dem als Bildschirm dienenden Smartphone nur minimal mehr Rechenarbeit abverlangen. Details zur Funktionsweise erläutert Google an dieser Stelle .

Wikipedia wird 15 Jahre alt

Den Brockhaus gibt es gar nicht mehr und Encyclopædia Britannica nur noch digital. Folgen einer Entwicklung die vor nicht erst vor  15 Jahren begonnen hat. Aber am 15. Januar 2001 begann Jimmy Wales mit der Errichtung des multilingualen, kostenlosen und frei zugänglichen Onlinelexikons Wikipedia, das gedruckte Lexika in dutzenden Bänden überflüssig machte. Seit der Gründung hat sich das Projekt weit entwickelt: Über 37 Millionen Einträge umfasst Wikipedia heute. Jedoch steht häufig die Seriosität der Artikel in Frage, schließlich kann theoretisch jeder Nutzer die Inhalte korrigieren, verändern und auch mit Absicht verfälschen. Die Kritik schreckt aber nur die wenigsten Internetnutzer ab, Wikipedia als Recherchetool zu verwenden und den Artikeln Glauben zu schenken.

Laut Futurezone ergab eine Umfrage des deutschen Digitalverbands Bitkom unter deutschen Internetnutzern, dass rund 79 Prozent der Befragten Wikipedia verwenden. Rund 80 Prozent vertrauen sogar den Inhalten des Onlinelexikons. In Sachen Recherche steht Wikipedia zudem an erster Stelle: Demnach suchen etwa vier von fünf Nutzern (79 Prozent) ab 14 Jahren hier als erstes nach den gewünschten Informationen.

Besonders beliebt ist Wikipedia bei Schülern und Studenten. Hier liegt der Anteil derjenigen, die Wikipedia häufig nutzen, zwischen 74 und 92 Prozent. Aber auch der Anteil der über 65-jährigen Nutzer ist beachtlich: rund 43 Prozent machen von Wikipedia Gebrauch.

Trotz der Kritik an Wikipedia vertraut ein Großteil der Nutzer den Artikeln. Circa 80 Prozent der Leser beurteilen die Glaubwürdigkeit der Beiträge als „immer“ oder „meistens“ verlässlich. Rund 18 Prozent behaupten dahingegen, die Artikel seien nur „selten verlässlich“. Die restlichen zwei Prozent sind der Meinung, die Artikel seien „nie verlässlich“.

Wikipedia selbst rät auf der eigenen Website , grundsätzlich alles, was man liest, zu hinterfragen. Der häufig aufkommenden Kritik, jeder kann die Artikel verändern und wenn dem so ist, „dann kann doch auch jeder beliebig Unsinn machen“, setzt Wikipedia entgegen, dass es in der deutschsprachigen Wikipedia derzeit über 18.000 Wikipedianer gibt. Deren Aufgabe ist es, mittels Beobachtungslisten besonders interessante oder für Vandalismus anfällige Artikel zu beobachten und in Fällen des Missbrauchs zu bearbeiten. Zudem bekommen die Nutzer die Neuerungen nicht sofort zu lesen, sondern erst dann, „wenn ein erfahrener Autor sie überprüft hat.“

 

Mit dieser Methode soll gewährleistet werden, „dass offensichtlicher Blödsinn („Vandalismus“)“ sofort auffällt.  Darüber hinaus werden überarbeitete Artikel nicht gelöscht, sondern in einer Artikel-Historie aufbewahrt. Das konnte aber nicht verhindern, dass im September der Artikel über Bundeskanzlerin Merkel für einige Stunden deftige Beleidigungen enthielt . Mit nur wenig Aufwand können somit verfälschte Artikel rückgängig gemacht werden – was im obigen Fall auch geschah – und bei sich häufenden Verstößen die verantwortlichen Nutzer gesperrt werden.

 

Bei der Frage, wie laienhaftes Halbwissen verhindert werden kann, vertraut Wikipedia auf die Hilfe der Leser. Sobald jemandem ein Fehler auffällt, sei es Zahlendreher, Rechtschreib-, Grammatik-, oder Formatierungsfehler, bittet Wikipedia die Nutzer um Mithilfe, die Fehler zu korrigieren. Wikipedia selbst sagt dazu: „ Wikipedia baut darauf, dass jeder einschätzen kann, wann jemand anderes Besseres geleistet hat und diesem dann den Vorrang gewährt. Dieses Prinzip funktioniert bisher erstaunlich gut. Außerdem werden Änderungen, die nicht ausreichend belegt sind, besonders kritisch betrachtet.“

Laut Wikipedia zeige die Erfahrung, dass viel beobachtete und gegebenenfalls überarbeitete Texte oftmals weniger Fehler beinhalten, als jene, die von einer kleineren Zielgruppe gelesen wird. Das Institut für Internationale Pädagogische Forschung unterstützt diese Beobachtung: „Die Nutzerinnen und Nutzer nehmen Texte, die länger und älter sind, eher als gut geschrieben wahr. Gleiches trifft auf Biografien zu, die mehrfach und von unterschiedlichen Personen bearbeitet wurden [...]. Ebenso als [...] glaubhaft gelten Beiträge mit zahlreichen Verlinkungen und Referenzen. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Qualität der Biografien allgemein höher eingeschätzt wird, wenn die Wikipedia-Gemeinschaft sie intensiver und länger bearbeitet hat.“

Trotz all dem empfiehlt Wikipedia, dass man zur Sicherheit mehrere Quellen zu Rate ziehen sollte. Denn letztendlich bleibt Wikipedia ein von der Gemeinschaft zusammengestelltes Onlinelexikon, welches sich Ehrlichkeit und den Gemeinnutzen als Leitsatz zugeschrieben hat. Im Großen und Ganzen gilt Wikipedia zwar als glaubwürdiges Nachschlagewerk, jedoch lässt sich die Seriosität aller Artikelinhalte nur sehr schwer kontrollieren.

 

Wieso nutzen dennoch so viele Menschen Wikipedia und nicht beispielsweise renommiertere Onlinelexika mit seriösen Quellen, wie zum Beispiel das Nachschlagewerk von Brockhaus, das in diesem Sommer eine neue Online-Ausgabe aufgestellt hat? Nicht ohne Grund gehört Wikipedia schließlich „zu den zehn am häufigsten frequentierten Internetseiten“ weltweit. Vielleicht, weil die meisten Nutzer gar nicht auf umfangreichen Informationen setzen, sondern bestimmte Zahlen, Daten und Fakten suchen? Möglicherweise ist Wikipedia gerade deshalb für die meisten Nutzer so attraktiv, weil der wissenschaftliche und literarische Faktor eher im Hintergrund steht und der Fokus mehr auf den Interessen der breiten Masse liegt. „Tatsächlich ist Wikipedia, wie ihre Anhänger beanspruchen, eine großartige Quelle für Nebensächlichkeiten der Popkultur“, schrieb der Wikipedia-Kritiker Andrew Orlowski bereits 2005. Von Vorteil ist für Wikipedia sicherlich auch, dass die Suchalgorithmen von Google die Artikel der Online-Enzyklopädie als besonders hochwertig einstufen - kaum ein Keyword, zu dem der erste Treffer nicht zu Wikipedia führt.

 

Betrachtet man beispielsweise die meist besuchten deutschen Wikipedia-Einträge in dieser Woche , liegt der Schwerpunkt auf Themen, die in traditionelleren Lexika wohl kaum zu finden sind. Auf Platz eins, mit über 600.000 Aufrufen, liegt David Bowie, dessen Tod am vergangenen Sonntag für öffentliches Aufsehen sorgte. Aber auch Kinofilme, wie der vor Kurzem angelaufene „The Revenant – Der Rückkehrer“ (über 120.000 Aufrufe) oder „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ (über 80.000 Aufrufe) sind unter den Top Ten. Auch Themen von politischem und gesellschaftlichem Interesse wie „Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16“ (über 88.000 Aufrufe) haben die Nutzer interessiert.

Der große Unterschied zwischen Wikipedia und anderen Nachschlagewerken – egal, ob Online oder in gedruckter Ausgabe – stellt sich in der Art und Weise dar, wie die Themen zu Stande kommen. Dadurch, dass die Wikipedia-Autoren die für sie interessanten Themen auswählen und mit bearbeiten können, ist zwar einerseits gewährleistet, dass diese Themen auch für andere Interessierte zugänglich sind. Auf der anderen Seite fehlt durch die Anonymität im Internet an manchen Stellen auch die Seriosität, die andere Onlinelexika oder gedruckte Nachschlagewerke durch eine eingeschränkte und qualitätsorientierte Autorenauswahl bieten können.

 

Nichtsdestotrotz eignet sich Wikipedia hervorragend, um sich über bestimmte Themen einen groben Überblick zu verschaffen. Und dank der über 18.000 deutschen Wikipedianern können wir uns zumindest bei den meisten Artikeln recht sicher sein, dass der Großteil der Angaben stimmen. Das Schreiben einer Bachelor- oder Doktorarbeit sollte dann aber doch besser mit wissenschaftlicher und zitierfähiger Literatur erfolgen.

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