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Morgenmagazin vom Freitag, 26. Februar 2016

26.02.2016 | 07:03 Uhr |

Apple verteidigt sich mit der Verfassung +++ Microsoft springt Apple bei +++ FBI räumt Auswirkungen auf weitere Faälle ein +++ iPad Air 3 wird eher ein iPad Pro Mini +++ Foxconn kauft Sharp für 6,2 Mrd. US-Dollar +++ Samsung baut Handy-Speicherchips mit 256 GB +++ Porno-Abmahnanwalt Thomas Urmann flieht angeblich nach Istanbul +++ Solidarität für Apple: Demos gegen das FBI #dontbreakourphones +++ Designer Hartmut Esslinger: Apple fehlen seit Jobs' Tod die Innovationen

26. Februar: 25 Jahre Web-Browser, NeXT sei Dank

Das Macwelt-Morgenmagazin wünscht einen Guten Morgen!  Apple schreibt das X in seinem Mac-Betriebssystem weiterhin groß und wird von der Versalie auch nicht mehr lassen. Dafür ist der Mac aus dem Namen des Systems verschwunden, seit Version 10.7 nennt Apple das System konsequent nur noch OS X. Gewiss würde es nicht schaden, den Mac wieder in die Nomenklatur aufzunehmen, unterscheidet sich (Mac-)OS X doch deutlich von seinen Abkömmlingen iOS, WatchOS und tvOS, die schon im Namen einen Hinweis geben, für welches Gerät sie konzipiert sind. Aber das X darf nicht verschwinden. Historische Gründe sprechen dagegen.

Denn es steht nicht nur die römische Ziffer zehn und damit für eine Zählweise, die auf Mac-OS 8 und 9 eine Tradition fortführt, sondern eben auch für den Kern des Systems: NeXTStep. Nachdem Steve Jobs 1985 bei Apple erst in Ungnade und dann ganz aus der Firma gefallen war, war sein nächster Schritt, ein neues Unternehmen zu gründen. NeXT sollte es heißen, bewusst mit kleinem „e“ geschrieben und mit einem Logo ausgestattet, das ein sündteure Kopfgeburt war - so wurde es zu nie zu einer Ikone. Die Workstations, die NeXT baute, waren zwar edel und sehr leistungsfähig, fanden aber keine Marktnische zwischen den immer populärer werdenden Personal Computern (zu denen auch der Mac zählte und zählt) und den teuren und leistungsstarken Mainframes für Großunternehmen. Es kam wie es kommen musste, der NeXT Cube und alle anderen Rechner wurden zum Verlustgeschäft, das Unternehmen konzentriere sich nun auf Software. Insbesondere auf das auf Unix basierende Betriebssystem NeXTStep und die Programmierumgebung Webobjects.

Ende 1996 kehrte Steve Jobs samt NeXT und NeXTStep, das in der Zwischenzeit zu Openstep umbenannt worden war,  zu Apple zurück. Das Unix-System sollte zur Basis des neuen Mac-OS werden, beziehungsweise das beste aus beiden Welten zusammenführen. Daher eben das große X im Namen von Mac-OS X 10.0 (Codename Cheetah). Das X steht auch heute noch für Unix und die Version leitet sich allein aus der Zahl ab. Seit 2000 zählt Apple aber nur noch hinter dem Punkt weiter.

Wenn auch der NeXTCube mit seinem kubischen Gehäuse aus Mangan (!) keinen Massenmarkt fand, war er doch in Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen sehr beliebt. Ohne NeXT-Maschinen und NeXTStep hätte auch ein gewisser britischer Physiker, der in der Schweiz an einer Großanlage arbeitete, auch nicht heute vor 25 Jahren ein revolutionäres Produkt vorstellen können, ganz ohne Keynote, Einladungen zu Special Events oder anderes Tamtam: An jenem 26. Februar 1991 zeigte Tim Berners-Lee seine Software WorldWideWeb (ein Wort mit Binnenversalien) der Öffentlichkeit. Der erste Browser für das erst im Herbst zuvor am CERN in Betrieb genommene World Wide Web (drei Worte mit Leerzeichen dazwischen). Entwickelt hatte Berners-Lee sein Projekt an einer Maschine von NeXT, mit der Programmiersprache Objective-C. Dass Berners-Lee aber bei einem späteren Treffen mit Steve Jobs diesem gesagt hat, er hätte in der Schweiz einen NeXT Cube gekauft und Jobs entgegnete: „Ach, Sie waren das!?“ ist natürlich nur ein Scherz zum 25sten Geburtstag des Web-Browsers. Peter Müller

Lesetipp für den Freitag

Kleiner Großer: Am 15. März wird Apple ein neues iPad vorstellen, soviel scheint klar. Doch werde es sich eher um ein iPad Pro Mini handeln als um ein iPad Air 3, berichtet 9to5 Mac. Das neue 9,7-Zoll-Modell werde wie der letzten Herbst vorgestellte iPad Pro vier Lautsprecher eingebaut haben, ebenso den Smart Connector, mit dem man Peripherie wie Tastaturen anschließen kann. Zudem werde der Apple Pencil auch auf dem kleineren iPad Pro funktionieren. Dafür fehlen vermutlich wie im iPad Pro 3D Touch und ein Blitzlicht für die Kamera, wobei eine bessere Kamera für das 9,7-Zoll-Modell durchaus ein Kaufgrund sein könnte.

Apple vs. FBI: Wie in dieser Woche angekündigt, hat Apple seine juristischen Argumente im Streit mit dem FBI um eine Backdoor für iOS vorgelegt. In einer "Motion to Vacate", also einem Antrag, das Gericht möge die letzte Woche ergangene Anordung wieder aufheben, erklärt Apple, die Forderung nach einer Umgehung der Sicherheitsfunktionen von iOS würde die von der Verfassung garantierten Rechte des Unternehmens verletzen. Die erzwungene Software würde Apple das Recht auf freie Rede unterbinden, in Sachen Sicherheit und Datenschutz würde man nur noch die Meinung der Regierung vertreten können. "GovtOS", wie es Apple nennt, käme bei weitem nicht nur in dem einen Fall zum Einsatz, sondern in einer Reihe vergleichbarer. Die Legitimität des Anordnung zugrunde liegenden Gesetzes All Wrists Act aus dem Jahr 1789 zweifel Apple zudem an.

Offen wie ein Scheunentor: Apple Argument, die Umsetzung der Anordnung hätte Folgen über das iPHone des San-Bernardino-Attentäters hinaus hat sogar das FBI bestätigt. In einer Anhörung vor dem Kongress erklärte FBI-Chef James Comey, eine Entscheidung zu Gunsten des FBI wäre auch für andere Gerichte wegweisend. Dies hatten die Abgeordneten bisher bezweifelt. Nun stelle sich laut dem kalifornischen Abgeordneten Adam Schiff (Demokraten) die Frage, ob es einen Weg gebe, in Verhandlungen zu klären, wann der Einsatz einer Backdoor-Software angemessen sei und wann nicht. Zu befürchten sei, dass die Behörden den Einsatz der Backdoor aber auch in minder schweren Fällen einsetzten.

Dann halt nicht: Apple fürchtet zurecht um das Image seiner Marke und die Sicherheit seines iPhones, doch hat diese Position ihre Gegner und zeigt erste Auswirkungen für das Geschäft, wenn auch zunächst nur marginale. Bill Montgomery, Generalstaatsanwalt des Maricopa Countyim US Bundesstaat Arizona hat jedenfalls angekündigt, seine Behörde nun nicht mehr mit iPhones auszustatten. Er sehe Apple sich auf die Seite der Terroristen und nicht der der öffentlichen Sicherheit schlagen, daher die Entscheidung. Apple wird das verschmerzen können und die Staatsanwaltschaft bestimmt ein System finden, das löchrig genug ist, um jedermann jederzeit Zugriff zu gewähren.

Unterstützung: Nun hat sich auch Microsoft im Fall Apple vs. FBI zu Wort gemeldet und widerspricht seiem Gründer Bil Gates, indem es die Position Apples stützt. Schon nächste Woche werde das Unternehmen seinen Standpunkt auf Seiten Apples dem zuständigen Gericht schriftlich mitteilen, kündigt Microsofts Rechtsvorstand Brad Smith an. Redmond reiht sich damit zu Google und Facebook ein, die Apples Argumentation ebenfalls zustimmen. Wie Apple - und auch das FBI - sieht Smith keinen Einzelfall, jeder Fall habe Auswirkungen auf andere, erklärte er in einer Kongressanhörung - jedoch einer anderen als der, in der James Comey sprach.

Weitere Nachrichten

Foxconn kauft Sharp für 6,2 Mrd. US-Dollar

Der taiwanische Großkonzern Hon Hai Precision Industry, auch bekannt als Foxconn, darf den Elektronikkonzern Sharp übernehmen. Dem Kaufangebot in Höhe von umgerechnet 6,24 Milliarden US-Dollar stimmten sowohl der Sharp-Verwaltungsrat als auch die Großaktionäre in dieser Woche zu .

Foxconn konnte sich mit seinem Angebot gegen Innovation Network Corp. of Japan durchsetzen. Der Konzern hatte ebenfalls Interesse an Sharp. Mit dem Zuschlag für Foxconn setzt sich die Sharp-Führung zudem über die eigene Prämisse, das Unternehmen nicht an eine ausländische Führung abzugeben, hinweg.

Im Gegensatz zu Innovation Network Corp. of Japan besitzt Foxconn keine Erfahrung in der Display-Fertigung. Mit der Übernahme von Sharp wolle der Konzern jedoch zum führenden Hersteller für hochwertige Smartphone-Displays aufsteigen, berichtet das Wall Street Journal .

Foxconn agiert hauptsächlich als Auftragsfertiger. Der Konzern baut unter anderem Geräte für Apple, Amazon, Nintendo, Sony, Cisco, Dell und Huawei. Sharp fertigt Displays für Apples iPhone. Würde Foxconn diese Bauteile selbst liefern, stünde das Unternehmen in harter Konkurrenz zu LG und Japan Display. Bei diesen beiden Herstellern kauft Apple auch Displays ein.

Was in Fernseher, Notebook, Tablet steckt

Samsung produziert ebenfalls Displays für mobile Endgeräte. Besonders auf OLED-Bildschirme hat sich der Konzern inzwischen spezialisiert. Marktforscher vermuten, dass Apple ab 2017 oder 2018 ebenfalls auf OLED in seinen Smartphones setzen wird. Um sich dabei nicht zu abhängig von Samsung zu machen, könnte der US-Konzern auch auf Sharp zurückgreifen.

Foxconn ist bereits seit einigen Jahren an Sharp interessiert. 2012 wollte der Auftragsfertiger einen 10-prozentigen Anteil übernehmen, 2015 folgte ein Übernahme-Angebot für Sharps LCD-Sparte.

Samsung baut Handy-Speicherchips mit 256 GB

Der südkoreanische Hersteller Samsung hat mit der Massenfertigung seiner neuesten Speicherchips begonnen. Die UFS-2.0-Bausteine sind für Smartphones gedacht und können bis zu 256 GB groß sein. Neben der hohen Kapazität sollen die neuen Chips auch Geschwindigkeitsrekorde im Handy-Bereich aufstellen. Laut Samsung sei die Schreibgeschwindigkeit doppelt so hoch wie bei SATA-SSDs aus dem PC-Bereich.

UFS 2.0 soll bis zu 45.000 IOPS beim zufälligen Lesen und Schreiben schaffen. Bislang kamen Speicherchips für Smartphones auf ungefähr die Hälfte dieser Leistung. Die Lesegeschwindigkeit gibt der Hersteller mit 850 MB/s an, beim Schreiben wandern pro Sekunde immerhin noch bis zu 260 MB auf den Speicherchip.

Für künftige Smartphones werden derartig schnelle Speicherchips sehr wichtig sein, gerade in Hinblick auf 4K-Aufnahmen oder die Multitasking-Nutzung. Wann die ersten Geräte mit UFS 2.0 in den Handel kommen, ließ Samsung offen.

Porno-Abmahnanwalt Thomas Urmann flieht angeblich nach Istanbul

Neues vom krachend gescheiterten Porno-Abmahner und Ex-Rechtsanwalt Thomas Urmann, der lange Zeit von Regensburg aus mit seinen Internet-Eskapaden die Bundesrepublik in Aufruhr versetzte. Wie das regionale Online-Nachrichtenportal Regensburg Digital berichtet, ist der berühmt-berüchtigte ehemalige Abmahn-Rechtsanwalt „unbekannt nach Istanbul verzogen“. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine Art von Flucht, denn laut Regensburg Digital (das für gewöhnlich sehr gut unterrichtet ist) sollen gegen die Z9 Verwaltungs GmbH von Thomas Urmann mehrere Insolvenzanträge laufen. Urmann hatte nach dem Verlust seiner Zulassung als Rechtsanwalt seine Geschäfte von der nun geschlossenen Rechtsanwaltskanzlei zu dieser Z9 Verwaltungs GmbH verlagert. Der Zweck dieser neuen Firma war „die Verwaltung eigenen Vermögens“.

Bei der Stadt Regensburg soll Urmann nicht mehr gemeldet sein, sondern er gilt offiziell als nach Istanbul verzogen. Seine Firma Z9 kämpft offensichtlich schon länger gegen die Insolvenz. Vor Gericht wurde aber anscheinend noch kein Insolvenzverfahren eröffnet.

Kurz-Überblick: Thomas Urmann

Rechtsanwalt Thomas Urmann wurde in Augsburg wegen Betrug und Insolvenzverschleppung verurteilt. Kurze Zeit später musste er seine Zulassung als Rechtsanwalt zurückgeben, seine Rechtsanwaltskanzlei wurde gelöscht.

Im Jahr 2013 startete Urmann die berühmte Abmahnwelle gegen Redtube-Nutzer. Die Abmahnungen verschickte der geschäftstüchtige Rechtsanwalt noch schnell vor Weihnachten, damit die Abgemahnten noch genügend Geld hätten, um die Abmahngebühren zu bezahlen.

Doch mit den Redtube-Abmahnungen legte Urmann eine Bauchlandung hin. Das Kölner Gericht revidierte seine erste Entscheidung, weil erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Zustandekommens der Abmahnungen aufgekommen waren. Die ganze Abmahnaktion scheiterte spektakulär, Urmann musste schließlich sogar Entschädigung für die Abmahnungen bezahlen.

Im Jahr 2012 sorgten Urmann + Collegen für Empörung, weil sie eine Liste mit Porno-Nutzern im Internet veröffentlichen wollten. Doch  Kanzlei Urmann + Collegen (U + C) wurden daraufhin selbst abgemahnt und mussten diese als Porno-Pranger bezeichnete Liste einstampfen.

Im Jahr 2011 versteigerten Urmann + Collegen (U + C) 70.000 Abmahnungen im Wert von 90 Millionen Euro. Die Rechtsanwälte haben die angezeigten Rechtsverletzungen gar nicht selbst verfolgt, sondern sie nur weiter veräußert. 


Solidarität für Apple: Demos gegen das FBI #dontbreakourphones

In den vergangenen beiden Tagen zeigten Demonstranten überall auf der Welt ihre Solidarität mit Apple und protestierten gegen die aktuellen Forderungen des FBI. Demnach soll Apple ein Programm entwickeln, mit welchem die Entsperrung eines iPhones von einem der San-Bernardino-Attentäter möglich ist. Apple verdeutlichte immer wieder den Standpunkt, dass eine digitale Hintertür im iPhone ein viel zu großes Risiko für die Sicherheit von Millionen Menschen darstelle.

Obwohl ein Großteil der US-Amerikaner die Forderungen der Bundesbehörden unterstützt , zeigen sich sehr viele um ihre zukünftige Sicherheit besorgt. Die Freiwilligen-Organisation "Fight for the Future", die sich mit den Fragen der Netzneutralität und Freiheit im Internet beschäftigt, hat die meisten Demos in den USA veranstaltet. Die meistbesuchte fand wohl in Washington statt, aber auch in Palo Alto,  Los Angeles oder New York hielten die Menschen "Don't break our iPhones"-Plakate in die Kameras. Nach Angaben der Non-Profit-Organisation sollten weltweit Demos stattfinden, beispielsweise in Großbritannien und in den Niederlanden, aber auch in Hongkong.

Auch in München trafen sich Demonstranten auf Aufruf des Bündnises „Freiheit statt Angst München“, einem Ableger der Piratenpartei, das aber auch von der FDP und anderen Parteien unterstützt wird. Wir waren vor Ort: Die überschaubare Gruppe der zwölf Teilnehmer zog die wenigen hundert Meter vom Rindermarkt vor den Münchner Apple Store in der Rosenstraße und machte mit Megaphon und Schildern, auf denen Sprüche wie „FBI, Finger weg von meinem Handy“ und „Mein Handy, meine Daten!“ standen, auf das aktuelle Problem aufmerksam. Eine Reaktion der Apple-Mitarbeiter war laut Demonstranten nicht zu erkennen.

Die Veranstalter berichten: "Unmittelbar vor der Aktion übergaben Jimmy Schulz (Netzpolitischer Sprecher der FDP und Vorsitzender der FDP Oberbayern) und Andreas Keck (Stv. Bundesvorsitzender des Liberalen Mittelstandes und Vorsitzender der FDP München) einen offenen Brief an den Wirtschaftskonsul der Vereinigten Staaten, Mr. Scott Woodard. In diesem Brief erinnern Sie an ein Zitat von Benjamin Franklin zur Abwägung von Freiheit und Sicherheit und übermitteln den Wunsch der Freien Demokraten, dass sich die USA dieses Credos erinnern mögen und auf den Einbau von Hintertürchen für die Entschlüsselung von Handys verzichten mögen."

Auch Apple-Chef Tim Cook machte gestern den Standpunkt in einem exklusiven Interview mit ABC News erneut deutlich. Demnach geht es in diesem Fall nicht nur um ein Handy, sondern vielmehr um die Zukunft aller Menschen.

Designer Hartmut Esslinger: Apple fehlen seit Jobs' Tod die Innovationen

„Designer verbinden Technologie und Business mit Symbolik und Geschichte. [...] Design fängt also immer mit der Beobachtung von Menschen an. Was fehlt ihnen? Was könnten sie toll finden? Leider ist Design heute oftmals das Resultat von Machtgedanken.“ Damals waren es noch die früheren Apple-Produkte oder der Walkman von Sony in den 80er Jahren, die den Designer Hartmut Esslinger wirklich faszinieren konnten. In einem Interview mit t3n verrät er, dass ihn die meisten der heutigen Designkonzepte vieler Produkte stören. Laut Esslinger erscheint heute auf dem Markt keine Software mehr, welche wirklich elegant durchgearbeitet sei. Stattdessen bezeichnet er die meisten Ideen als „ästhetische Prototypen“.

„Zu Anfangszeiten unter Steve Jobs war iOS noch richtig cool und innovativ. Inzwischen ist es aber nicht mehr als eines dieser „Schönmacherprodukte“. [...] Auf dem Display sieht das ja alles toll und super ästhetisch aus, aber der wirklich innovative und kulturelle Teil von Design, das heißt, etwas neues, Besseres und Einfacheres zu schaffen, der fehlt“. Auf die Frage, ob Apple das Gespür für gutes Design verloren habe, antwortet Esslinger: „Wenn man sieht, wie es sich seit dem Tod von Steve entwickelt, dann ja.“

Schuld an dieser Entwicklung seien unter anderem die neuen, digitalen Werkzeuge, die bei der Designplanung von Soft- und Hardware eingesetzt werden. Das besondere, was Apple früher für Esslinger ausmachte, sei zum Großteil dem Talent und den Visionen von Steve Jobs zuzuschreiben. „Steve war in der Lage, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen. Er hat die Philosophie von Einfach und Genial gelebt. Keep it simple. Das war er.“ Dagegen seien heute die meisten am Computer entwickelten Produkte nicht lohnend. „Das sind alles nur Werkzeuge, die vieles schneller, aber nicht besser machen. Im Gegenteil: Wer sie nicht richtig benutzt, macht sogar alles schlechter. 90 Prozent aller Designer kopieren nur noch.“

Demnach habe auch Walter Isaacson, der einst von Steve Jobs für seine eigene Biographie engagiert wurde, bei dessen Biographie größtenteils nur abgeschrieben. „Die Biographie von Steve ist kompletter Bullshit. Abgesehen von ein oder zwei Kapiteln, wo Walter Isaacson selbst mit Steve durch Sunnyvale fährt, ist alles nur abgeschrieben.“ Die Tatsachen viel zu ungenau recherchiert, teilweise sogar verdreht worden, sodass Steve Wozniak als „total lächerlich“ und „oft als Trottel“ abgelichtet wurde, während Steve Jobs als „Evil Guy“ in Erinnerung blieb.  Zur letzten Herbst erschienenen Biographie " Becoming Steve Jobs ", in der der Apple-Gründer in einem etwas sanfteren Licht steht, äußerte Essliinger sich nicht.

Esslinger erinnert sich an einen Steve Jobs, der für all seine Handlungen einen Grund hatte, auch wenn er dabei manchmal einige Grenzen überschritt. „Natürlich war Steve ehrgeizig, aber er hat auch gelernt wie ein Wahnsinniger. [...] Steve war ein netter und unheimlich motivierter Kerl mit dem Ziel, etwas Gutes zu tun. Wenn jemand rumgelabert hat, hat er das nicht akzeptiert. Ganz einfach. [...] Wenn Steve einen Mitarbeiter verbal angegangen ist, dann hatte er immer einen Grund dazu. Warum soll ich jemanden gut behandeln, wenn er Mist baut?“

Die großen Innovationen, die Esslinger von Apple von früher her kannte, liegen demnach schon lange zurück. Auch der letzte große Versuch, mit der Apple Watch einen Durchbruch zu starten, konnte Esslinger nicht überzeugen. „Smartwatches sind nicht mehr als ein modisches Accessoire. Darauf eine Software aufzuspielen und sie zu bedienen halte ich nicht für sehr funktional. Am besten schlägt sich da im Augenblick noch die Smartwatch von Samsung, mit dem Drehring ist sie zumindest etwas besser zu bedienen. Aber es ist kein Durchbruch.“

Der nächste große Durchbruch könnte laut Esslinger im Bereich der Smart Glasses liegen. Auch wenn das Konzept der berüchtigten Google Glass nicht aufging, ist Esslinger davon überzeugt, „dass ein Gerät, das den menschlichen Körper annähernd koordinieren kann, die Zukunft ist.“

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