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Morgenmagazin vom Montag, den 2. November

02.11.2015 | 06:46 Uhr |

iPad Pro angeblich am 11. November +++ Apple erweitert die Liste mit obsoleten Geräten +++ Online-Händler dürfen Kunden nicht benachteiligen +++ iOS-Apps in der Entwicklung billiger als Android-Apps +++ Rabatt-Aktion in den USA: Apple Watch 50 USD billiger +++ Chaos Computer Club darf nicht auf das Apple TV +++ EU-Parlament fordert Schutzmaßnahmen für Snowden +++ Neue iMacs unterstützen 10 Bit +++ Offiziell keine Hinweise auf Massenspionage +++ Adblocker, Tracker und die Gegenmaßnahmen +++

iPad Pro angeblich am 11. November

Das iPad Pro hat Apple bereits im September zusammen mit dem neuen iPhone 6S vorgestellt. Genaue Angaben zu dem Verkaufsstart des großen Tablets hat der Hersteller jedoch nicht gemacht. "Im November" hieß es pauschal bei der Vorstellung. Die Webseite 9to5Mac soll aus diversen Quellen erfahren haben, dass das iPad Pro am 11. November in die Online Stores und in den Einzelhandel kommt. Die zweite Novemberwoche scheint ein plausibles Datum für das neue Gerät zu sein, denn so kann Apple das neue iPad Pro noch am schwarzen Freitag anbieten. Der 11. November fällt jedoch auf einen Mittwoch. Zwar hat Apple auch an diesem Tag neue Geräte in den Stores zum Verkauf freigegeben, für die neuen Modelle wie das neue Apple TV oder das iPhone ist traditionell ein Freitag reserviert.

Apple setzt den iPod Touch erster Generation auf die Obsolet-Liste

Mit der Wirkung ab dem 8. Dezember erklärt Apple weitere Produkte für veraltet oder überholt . Darunter sind iMacs 21- und 27-Zoll aus dem Jahr 2009, Macbook Air (2009), Mac Pro (2009) und der iPod Touch der ersten Generation. Für diese Produkte bedeutet es, Apple produziert die Ersatzteile nicht mehr und kann die Geräte nicht mehr reparieren.

Online-Händler dürfen Kunden nicht benachteiligen

Unternehmen sollen Online-Kunden nicht mehr je nach EU-Land grundsätzlich unterschiedliche Preise abverlangen dürfen. Dieses Ziel nennt die EU-Kommission in ihrer am Mittwoch in Brüssel vorgestellten Binnenmarktstrategie . Verbraucher sollen demnach grenzüberschreitend die gleichen Einkaufsbedingungen und Lieferkonditionen erhalten. Ausnahmen dürfe es nur bei "objektiven Gründen" wie etwa unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen oder Lieferkosten geben.

Wie aus Kommissionskreisen verlautete, soll die Praxis enden, dass ein deutscher Kunde etwa beim Onlinekauf für ein Ticket des Pariser Vergnügungsparks Disneyland mehr zahlt als ein belgischer oder französischer Kunde. Die EU-Behörde geht schon länger solchen Beschwerden nach, die Verbraucher häufig "über ungerechtfertigte unterschiedliche Behandlung aufgrund der Nationalität oder des Wohnorts" in Brüssel einreichten, schrieb die EU-Kommission.

Im Online-Handel spielt allerdings nicht nur die Herkunft der Käufer bei einer intransparenten Preisfindung eine Rolle. So weisen Shopping-Apps für Nutzer unterschiedlicher Smartphone-Systeme manchmal auch verschiedene Preise aus, obwohl beim gleichen Händler bestellt wird. User, die auf ein Werbebanner geklickt haben, bekommen ein anderes Preisschild zu sehen als andere Anwender.

Die EU-Kommission will ihre Gesetzesvorschläge im kommenden Jahr vorlegen . Dies soll das Wachstum ankurbeln. EU-Vizekommissionschef Jyrki Katainen sagte: "Die weitere Stärkung und Vertiefung des EU-Binnenmarktes ist die wichtigste Komponente der Investitionsoffensive für Europa."

Teil des Maßnahmenpakets ist auch, dass die EU-Kommission nationale Zugangshürden für freie Berufe abbauen will. 2016 solle der Zugang zu Berufen wie Anwalt, Architekt, Ingenieur und Makler geöffnet werden, hieß es. Die EU-Behörde will den Staaten Reformen auftragen. Allerdings betonte die EU-Behörde, dass sie keine Regeln für Berufe aufstellen könne - dies sei allein nationale Sache.

In Europa gibt es laut EU-Kommission derzeit 5000 freie Berufe und der Schutz bestimmter Berufsgruppen ist in den EU-Ländern ganz unterschiedlich. So gebe es für Friseure und Kosmetiker in manchen Ländern überhaupt keine Vorgaben für den Berufszugang, in anderen seien drei Jahre Berufsschule vorgeschrieben. Damit Berufstätige in verschiedenen EU-Ländern leichter arbeiten können, will die EU-Kommission einen "Dienstleistungsausweis" einführen, der Dokumente und Informationen enthält, damit nicht in jedem Land erneut umfangreiche Formulare ausgefüllt werden müssen.

Aus Deutschland kam Kritik. Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) wertet den Vorstoß "als Frontalangriff auf deutsche Berufs- und Qualitätsstandards, der gerade in so sensiblen Bereichen der Freien Berufe wie den Heilberufen massive negative Auswirkungen haben kann."

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, Deutschland werde auf eine "ausgewogene Balance der Vorschläge" drängen: "Notwendige nationale Regelungen, etwa zur Qualitätssicherung, dürfen nicht in Frage gestellt werden."

Die EU-Kommission versuchte die Sorgen zu zerstreuen. Brüssel wolle weder die duale Ausbildung noch die deutsche Handwerksordnung oder den "Meisterbrief" antasten: "Die EU-Kommission will auf keinen Fall geltende Standards und die Qualität herabsetzen." (dpa/tc)

iOS-Apps in der Entwicklung billiger als Android-Apps

Viele Firmen entwickeln eine Mobilanwendung parallel für Android und iOS, laut einem interessanten Bericht von Infinum ist iOS-Entwicklung deutlich preisgünstiger. Die Softwarefirma hat dazu sechs eigene Projekte des letzten Jahres analysiert, bei denen parallel Apps für Kunden für beide Mobilsysteme entwickelt wurden. Unterschiede stellte die Firma, von der etwa die App Scannr stammt, vor allem in der Menge  des zu schreibenden Programmcode und der Arbeitszeit fest.

Bei den sechs Projekten mussten die Programmierer für die Android-Apps im Durchschnitt 38 Prozent mehr Codezeilen erstellen – was mehr Arbeit bedeutet und ebenso mehr Raum für potenzielle Fehler birgt. Auch bei der veranschlagten Arbeitszeit gewinnt iOS, die Entwicklung Android-App beanspruchten 30 Prozent mehr Arbeitszeit – weshalb die Fima seit kurzem für die Entwicklung einer Android-App auch ein höheres Honorar als für die iOS-App verlangen will.

Die Gründe sieht Tomislav Car von Infinum in vier Faktoren: Die Android-Apps mussten die Entwickler in Java programmieren, einer weniger „weitschweifigen“ Sprache als Objective-C oder Swift. Aufgehalten werde die Entwicklung außerdem von langsamen Emulatoren für Android und dem Umstand, dass Oberflächen bei Android in XML erstellt werden müssen. Ein Hauptvorteil für Apples Mobilsystem sei außerdem die geringe Anzahl an iOS-Geräten – bei Android-Apps müsste man weit mehr Geräte berücksichtigen und testen – was wieder Zeit benötige.

Die Entwicklungsumgebungen für Android-Entwickler habe sich aber laut Infinum in den letzten Jahren deutlich verbessert, weshalb sich die  Entwicklungszeiten für Android bald verkürzen könnten. Wie ein näherer Blick auf die Projektdaten zeigt, ist allerdings der Ausmaß des höheren Zeitaufwands für Android nur schwer zu berechnen. Bei einigen Projekten von Infinum lag der höher Aufwand an Arbeitszeit gerade einmal bei fünf oder sieben Prozent, bei zwei Projekten dagegen bei 83 und sogar 156 Prozent.

Rabatt-Aktion in den USA: Apple Watch 50 USD billiger

Rabatte von Apple sind äußerst selten, deshalb erregte eine kleine Rabatt-Aktion in den USA viel Aufsehen. Wie Mac Rumours berichtet, erhalten Kunden in Apple Stores der Bay Area und Boston bei gleichzeitigem Kauf eines iPhone 6s und einer Apple Watch einen Rabatt von 50 US-Dollar. Die Aktion gilt nur in den Ladengeschäften der Bay Area und Boston und ist auf auf den Zeitraum zwischen 30. Oktober und 15. November begrenzt. Ob die Aktion auch auf die gesamten USA und Europa ausgedehnt wird, ist bisher nicht bekannt.

Langfristig wird Apple von den zusätzlichen Käufen der Apple Watch nur profitieren, selbst wenn die Verkaufspreise etwas reduziert sind. Solche Käufer bleiben mit hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit im Apple-Universum und wechseln in der absehbaren Zeit nicht zu Android. Die Apple Watch koppelt sich wie bekannt mit den neueren Modellen des iPhones, der Apple-Watch-Besitzer kann die iPhone-Modelle wechseln, aber niemals das Produkt selber und auf Galaxy und Co. umsteigen. 

Chaos Computer Club darf nicht auf das Apple TV

Die Hacker-Vereinigung Chaos Computer Club hält regelmäßig Vorträge zu Themen wie Netzsicherheit und Informationsfreiheit, abrufen kann man Aufzeichnungen der Veranstaltungen auf dem Portal C3TV. Auf dem Apple TV haben diese Vorträge nach Apples Meinung aber offenbar nicht zu suchen. Wie zwei Mitglieder des Frankfurter Chaos Computer Clubs (Twitternamen Peter_Shaw und arschfloeckchen) berichten, sah Apple in den dort veröffentlichten Inhalten einen Verstoß gegen das Program License Agreement, der Lizenzvereinbarung für Programmierer. Laut Peter_Shaw , mit bürgerlichem Namen Kris Wolff, störte sich Apple vor allem an acht Videos zu Themen wie iOS-Jailbreak und Bluetooth-Sicherheitslücken - obwohl die Vorträge bereits über die Youtube-App des Apple TV und über die Webseite frei verfügbar wären. Sieht man sich die Themen näher an wie „Hacking Medical Devices", „Jailbreak: eine Einführung" oder „Social Engineering und Industriespionage", ist die Entscheidung für Kenner von Apple aber eigentlich keine große Überraschung. Skurril ist auch, dass die selben Inhalte von Chaos Computer Club in dem Podcast-Feed in iTunes Store ohne Probleme abrufbar sind. Allerdings hat Apple in diesem Fall keine explizite Richtlinie zum Verbot von Hacking-Inhalten.

EU-Parlament fordert Schutzmaßnahmen für Snowden

Seit zwei Jahren befindet sich Whistleblower Edward Snowden im Exil in Russland . In den USA würde er wegen Spionage und Geheimnisverrats angeklagt werden. Jetzt setzt sich allerdings das EU-Parlament für ihn ein: In einer Resolution für mehr Datenschutz appellierte es am Donnerstag an die EU-Mitgliedsstaaten. Es forderte sie auf, jegliche Strafverfolgung gegen den ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter fallen zu lassen, und ihm ausreichenden Schutz zu gewähren. Außerdem verlieh es Snowden den Status als „Enthüller und internationaler Verteidiger von Menschenrechten“.

Bei der Abstimmung unterstützten 285 Abgeordnete den Antrag, 281 stimmten dagegen und 72 enthielten sich. Auf Twitter teilte Snowden mit , dass dieser Akt kein Schlag gegen die US-Regierung, sondern ein offener Handschlag unter Freunden sei. Es sei eine Chance, um weiter nach vorne zu blicken.

Laut Focus stimmten 342 Abgeordnete für die gesamte Resolution, wohingegen 274 dagegen stimmten, und 29 sich enthielten. Allerdings begrüßten die Europaparlamentarier die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, das zwischen der EU und den USA als „Safe-Harbour“ bekannte Abkommen für ungültig zu erklären.

Das Team der europäischen Anwälten rund um Wolfang Kaleck aus Berlin - das im Auftrag von Snowden in der EU agiert, zeigt sich zufrieden. Gegenüber Dailydot sagte Kaleck: "Wir begrüßen die Entscheidung des EU-Parlaments, Edward Snowden als einen Verfechter der Menschenrechte anzuerkennen und ihn in den Mitgliedsstaaten den Schutz gegen die Verfolgung anzubieten. Das ist ein überfälliger Schritt, wir rufen die EU-Mitglieder dazu auf, diese Entscheidung zu befolgen."

Neue iMacs unterstützen 10 Bit

Die neuen iMacs aus dem Herbst 2015 (Retina 4K und Retina 5K) unterstützen 10-Bit-Farbwiedergabe, hat Apple unseren Kollegen der Mac&i bestätigt. Zuletzt hatte Apple uns bei einem Pressebriefing in London noch erklärt , die neuen Panels wären trotz verbesserter Technik weiterhin nur 8 Bit pro Farbkanal unterstützen. Jedoch sei OS X 10.11 El Capitan schon auf 10 Bit ausgelegt.

Der Vorteil von 10 Bit: Vor allem Farbverläufe lassen sich nun genauer darstellen, wenn statt 256 Tönen pro Farbe nun 1024 Farben möglich sind. Insbesondere in der Medizintechnik kommt das bei Graustufenbildern zur Anwendung. Windows unterstützt die 10-Bit-Technik seit dem Jahr 2009 und Windows 7.

Statt den weiterhin offiziell genannten 16,7 Millionen Farben können die neuen iMacs Milliarden von Farben darstellen – theoretisch. Denn die Software muss das auch unterstützen, laut Mac&i sind das bisher nur zwei Apple eigenen Programme: Vorschau und Fotos.

Die beiden neuen Retina-Displays unterstützen den Farbraum DCI-P3, der für das Digitalkino entwickelt wurde und nahezu identisch mit AdobeRGB ist.

Offiziell keine Hinweise auf Massenspionage

Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung teilt per Pressemeldung neue Erkenntnisse über den NSA-Skandal mit und versichert, es habe keine massenhafte Ausspionierung der Bundesbürger gegeben.

Nach den Vorwürfen über die Ausspähung durch den US-amerikanischen Geheimdienst NSA beauftragte die Bundesregierung den ehemaligen Richter am Bundesverwaltungsgericht Kurt Graulich , um als „Unabhängige Sachverständige Vertrauensperson“ für Aufklärung zu sorgen. Im Zuge dessen soll Graulich Einsicht in die Sektorenliste der NSA, erhalten haben, sodass er anschließend der Bundesregierung einen Bericht vorlegen konnte. Die Sektoren lassen sich mit Suchbegriffen vergleichen, wie beispielsweise IP-Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen oder sogar Namen von Personen.
 
Nachdem Graulich den Bericht an die Bundesregierung übergeben hat, wurde dieser an den Deutschen Bundestag weitergeleitet. Christiane Wirtz , stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, gab zudem bekannt, dass es „nach wie vor keine Hinweise auf eine massenhafte Ausspähung deutscher und europäischer Staatsbürger gebe. Gleichzeitig sei mit dem erstellten Gutachten die Bewertung der Bundesregierung vom 23. April 2015 bestätigt
 
Trotzdem werden einige Maßnahmen in die Wege geleitet, um noch bestehende Defizite im Bereich der Fernmeldeaufklärung zu beseitigen. Dazu gehören unter andrem die Optimierung der Prozesse im Bundesnachrichtendienst, die Stärkung der Kontroller über die Geheimdienste durch das Bundeskanzleramt, sowie der personelle und strukturelle Ausbau der Rechts- und Fachaufsicht des Bundeskanzleramtes über den Bundesnachrichtendienst. Außerdem wurden die organisatorischen Strukturen und Abläufe in der Abteilung „Technische Aufklärung“ des BND einer internen Prüfung unterzogen, der anschließend auch einer externen Prüfung folgen soll.
 
Zudem kündigte Wirtz eine Neuregelung im Bereich der Nachrichtendienste an, sodass es zukünftig klare gesetzliche Vorschriften für die strategische Fernmeldeaufklärung des Bundesnachrichtendienstes geben soll. Außerdem wird sich die Bundesregierung gegenüber den zuständigen Gremien des Deutschen Bundestags dazu äußern, ob und inwieweit die öffentlichen Behauptungen zutreffen.

Adblocker, Tracker und die Gegenmaßnahmen

Eine Klage kann manchmal auch nach hinten losgehen - Kenneth Adelson war nicht als einziger geschockt, als er von Barbara Streisand auf 50 Millionen US-Dollar verklagt wurde. Adelson hatte Fotos der kalifornischen Küste veröffentlicht, inklusive der Strandvilla des „Funny Girl“. Ergebnis der Aktion: Zuvor hatte das Foto niemand interessiert, kurz nach Bekanntwerden der erfolglosen Klage wurde es eine halbe Million Mal aufgerufen. Einen ähnlichen „Streisand-Effekt“ könnte die Anti-Adblocker Aktion von Bild erzielen . Viele Surfer wurden überhaupt erst durch die intensive Berichterstattung auf den Werbeblocker aufmerksam gemacht – und wunderten sich: „Es gibt einen guten Adblocker, der sogar Youtube unterstützt? Mal ausprobieren.“ Vor einigen Tagen setzte die Springer-Tochter bekanntlich sogar noch eine Stufe drauf: Veröffentlicht man eine Anleitung, wie man die Browser-Sperre bei Bild.de umgeht, erhält man einen Brief von den Bild.de-Anwälten. So sollte der Youtuber Tobias Richter nach dem Veröffentlichen einer entsprechenden Anleitung eine  Unterlassungserklärung unterzeichnen und 1800 Euro Abmahnkosten zahlen. Die Reaktion erscheint übertrieben, schließlich muss der Adblock-Nutzer nur eine zusätzliche Filterliste aktivieren. Da die Software in diesem Fall aber keine Werbung blockt, sondern eine Schutzseite, interpretierten die Bild-Anwälte dies als Verstoß gegen das Urheberrecht - wir sind gespannt, ob die Gerichte dieser ungewöhnlichen Interpretation folgen.

Adblocker – kalte Enteignung oder einfach Notwehr?

Vorbild für andere Medien?

Mit seiner harten Haltung gegenüber Adblockern fährt Bild.de-Chef Julian Reichelt einen Konfrontationskurs. Erkennt die Webseite von Bild.de, dass ein Surfer einen Werbeblocker nutzt, wird der Zugriff komplett geblockt. Bild.de ist auf diese Eskalation gut vorbereitet, so kann der Verlag Werbeverächtern ein Gegenangebot machen. Springer bietet nämlich neben dem kostenpflichtigen Angebot Bild Plus seit kurzem auch „BILDsmart“, ein kostenpflichtiges Angebot ohne Werbung. Vermutlich ist die Stärkung dieser einträglichen Angebote für Bild.de sogar wichtiger als alle Einbußen durch Werbeblocker.

Was folgt aber daraus für die anderen Online-Medien? Ohne Zweifel fragen sich aktuell gerade Nachrichtenseiten, ob sie Werbeblocker länger zulassen sollen . So plant offenbar der Verlag Gruner und Jahr , auf allen Webseiten eine ähnliche Adblocker-Sperre einzusetzen. Strategisch sinnvoll wäre dies aber nur, wenn man den Nutzern ein echtes Alternativangebot machen kann – ein Bezahlangebot ohne Werbung.

Neben Bild.de bietet ja deshalb seit kurzem auch Youtube mit Youtube Red einen werbefreien Dienst an , die Spieleseite Gamestar.de bietet das werbefreie Plus-Abo an. Offenbar waren ja Adblocker für Youtube der wichtigste Grund für die Einführung von Youtube Red . Problematisch, wenn man das Geschäftsmodell lediglich auf Finanzierung durch Werbung setzt. Springer hat den Verlegern mit seiner Aktion einen Bärendienst erwiesen, Werbeblocker verbreiten sich nun noch schneller, was auch alle anderen  Webseiten unter Zugzwang setzt. Betreibt man eine rein werbefinanzierte Webseite, sollte man das Blocken seiner Leser deshalb besser unterlassen oder sich auf die Einblendung mahnender Worte beschränken. „Friss oder stirb“ hört kein Kunde gerne - und selbst jahrelange Nutzer einer Seite sind schnell vergrault. Eine Medienmacht wie Bild.de kann sich eine solche Aktion erlauben - bei einer Seite wie Geo.de wären wir uns dagegen nicht so sicher. Grundsätzlich ist es dem Besucher einer Webseite schließlich ganz einfach egal, wie eine Webseite finanziert wird. Kann man in einem Wirtshaus wegen Baulärm und unfreundlichen Kellnern sein Essen nicht genießen, geht man eben das nächste Mal in ein anderes Restaurant. Gejammer über steigende Kosten und kranke Verwandte will ein Kunde von den Betreibern einfach nicht hören.

Technische Probleme

Das Wettrüsten zwischen Adblockern und Webseitenbetreibern führt zu technischen Problemen für Anbieter und Leser. Adblocker-Nutzern das Handwerk zu legen, ist gar nicht so einfach. Es gibt zwar bereits eine ganze Reihe an Gegenmaßnahmen, angefangen von einfachen Skripten für Wordpress bis zu aufwendigen Server-Anwendungen wie Addefend. Das verursacht aber stetige Kosten und diese Tools haben zudem einige Tücken. So bekommt man als Safari-Nutzer bei Bild.de Probleme, wenn man statt Eyeos Adblock Plus den Werbeblocker Adblock von Michael Gundlach benutzt. Wie bei Adblock Plus wird man aufgefordert, den Blocker zu deaktivieren oder eine Ausnahmeregel zu erstellen. Das Erstellen einer Ausnahmeregel wird allerdings von den Springer-Servern nicht erkannt und man hat nicht einmal mehr Zugriff auf die Sperrseite. Außerdem sind ja Browser-Erweiterungen nur eine der Optionen. Mobilfunkbetreiber überlegen bereits, die Anzeige von Werbung für ihre Kunden schon bei der Auslieferung zu unterbrechen - zahlt der Mobilsurfer doch etwa die Hälfte seine Mobilfunkgebühren für Werbeanzeigen.

Tracking: Problematischer als die eigentliche Werbung

Man kann vermuten, dass sich Adblocker-Gegner nicht nur um entgangene Werbeeinnahmen sorgen, sondern auch im Blockieren von Tracking-Diensten durch Adblocker ein Problem sehen. Surfer ärgern sich zwar über lästige Video-Ads schwarz, so genanntes Targeting lässt sie bisher aber kalt. Werbekunden reicht es nämlich längst nicht mehr, zu wissen, dass jemand auf ihr Banner geklickt hat. Sie wollen erfahren, ob der Besucher zu ihrer Zielgruppe gehört und was er aktuell für Kaufinteressen hat. Das funktioniert aber nur, wenn man ihn per Cookie über mehrere Webseiten verfolgen kann . Besucht man eine Webseite wie „Focus.de“, wird man von stolzen 18 Tracking-Diensten beäugt, wie uns  das Analyse-Plug-in Ghostery zeigt . Das beschränkt sich aber nicht auf Nachrichtenportale. Der Webshop Notebooksbilliger lädt ebenfalls 13 Dienste, die Seite Otto.de nutzt sogar 27 Tracker. Die meisten Tracker finden wir bei unserer Stichprobe übrigens auf der Seite Taz.de - insgesamt 29 Dienste sind hier vertreten. Die hohe Anzahl ist eher ein Hinweis auf die Vielzahl der aktiven Anbieter als Grund zur Besorgnis. Trotz Bewusstsein für Datenschutz wird dies von den Surfern bisher akzeptiert - im Prinzip zu Recht. Viele Dienste sind ja reine Statistik-Dienste und eigentlich harmlos. So haben ja auch viele Supermarkt-Kunden kein Problem damit, per Payback ihre privatesten Einkäufe erfassen zu lassen. Aber auch Facebook und Twitter überwachen die Aktionen ihrer Nutzer sehr genau - was ebenfalls kaum Protest verursacht. Eine Diskussion über Adblocker und Datenschutz könnte hier aber noch einiges Porzellan zerschlagen.

Tracker und Blocker: Die Story geht weiter

Das Aufkommen von Adblockern sollte für Webseitenbetreiber ein Anlass sein, das eigene Werbeaufkommen zu hinterfragen. Kunden vor den Kopf zu stoßen, kann sich nicht jedes Medium leisten, gerade wenn es technisch versiertere Leser als Bild.de hat. Die Frage ist außerdem, ob eine Nachrichtenseite nicht damit ihr eigenes Angebot weiter schwächt. Gerade bei den Mobilversionen eines Artikels gibt es aktuell eine Tendenz, immer mehr und immer aufdringlichere Werbung einzusetzen. Dabei gibt es mit Instant Articles von Facebook und Apples News-App bald komfortable Alternativen für Mobilsurfer. Und wer dann Werbeanzeigen und Kundenkontakte kontrolliert, sollte jedem klar sein.

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