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18 Jahre iPod: Kein bisschen weißer

23.10.2019 | 13:41 Uhr | Peter Müller

Der iPod wird erwachsen - aber ist er nicht schon tot? Das Gegenteil ist der Fall: In Apples Musik-App lebt der legendäre Player ewig weiter. Es wäre aber Zeit für den nächsten Schritt.

Vor etwa acht Jahren war das Bayerische Fernsehen bei der Macwelt zu Gast und holte sich bei uns eine Expertenmeinung - oder eher eine Expertenerinnerung - ein: Wie war das damals, zehn Jahr davor, als uns plötzlich scheinbar weiße Kabel aus den Ohren wuchsen?

Nun, der iPod, den Apple am 23. Oktober 2001 der Öffentlichkeit präsentierte , hatte zwar enorme Auswirkungen auf Kultur und Technik des Musikhörens, aber so schnell wie es im Rückblick aussieht, ging es dann doch nicht voran. Der iPod kam nicht nur zu einer Zeit gedämpften Konsumverhaltens - sechs Wochen nach den traumatischen Erlebnissen von 9/11 - er war anfangs auch noch ein Nischenprodukt zum Premiumpreis. Wir weigerten uns beispielsweise vehement, noch vor Weihnachten 1000 Mark für ein Musikabspielgerät auszugeben und kauften dafür lieber nach Silvester für 500 Euro ein …

Aber Spaß beiseite: Der iPod stieß wie Jahre später das iPhone auf Unverständnis und die nicht einmal so fern liegende Nachfrage, wer denn das Gerät kaufen sollte. Alle Welt – also zumindest die Mac-Welt –  rechnete seinerzeit mit einer Neuauflage des Newton. War das skalierbare neue Betriebssystem Mac-OS X nicht geradezu prädestiniert, den Taschencomputer neu zu erfinden? Nun ja, das sollte dann ja noch kommen.

Der Rest der Welt außerhalb des Apple-Universums nahm den iPod hingegen eher amüsiert zur Kenntnis. Fünf Gigabyte Speicher? Schön und gut - aber warum braucht man dann einen Mac, um das Gerät zu befüllen? Und überhaupt: Der Preis.

Öffnung ändert alles

Schon ein Jahr später sollte sich das aber ändern, der zweite iPod brachte nicht nur gleich 10 GB Speicher, sondern optional auch USB 2. Dazu gab es iTunes für Windows, laut Steve Jobs "die beste Software, die je für Windows geschrieben wurde." Wenn das stimmt, wollen wir alle anderen Programme nicht einmal ansatzweise ausprobieren. So richtig nahm der iPod dann aber erst ab 2004 Fahrt auf, als der iPod Mini zum deutlich reduzierten Preis und mit einer großen Farbauswahl die Herzen und Ohren der Musikfreunde erwärmte.

Die weißen Kopfhörerkabel, das besondere Distinktionsmerkmal des iPods von Anfang an, waren endgültig zum Alltagsgegenstand geworden und wiesen nicht unbedingt darauf hin, dass die Träger sich überteuerte und überflüssige Luxusgüter leisten könnten und sich ein Raub womöglich lohnen könnte - in den Anfangszeiten des iPod trugen dessen Besitzer in manchen Gegenden lieber unauffälligere Hörer.

Nun wachsen uns keine Kabel mehr aus den Ohren, dafür scheinen aber immer mehr Leute morgens nach dem Zähneputzen die Bürstenköpfe von ihren Elektrobürsten ab- und ihre Ohren rein zu stecken - aber der Schein trügt. Auch die Airpods hatten vor drei Jahren reichlich Spott abbekommen, da sie aber von Anfang an für jedweden Musikplayer mit Bluetooth geeignet sind, ist zumindest Apples Konkurrenz das Lachen im Halse stecken geblieben. Nur für den originalen iPod, von dem sicher irgendwo da draußen noch vereinzelte Exemplare ihren Dienst verrichten dürften, sind die Must-Have-InEars nicht geeignet, so ganz ohne Kabel.

Nächste Schritte erforderlich

18 Jahre ist der iPod nun also alt - und noch bei bester Gesundheit. Nicht das Gerät als solches, dessen Erfolg hat sich auserzählt, so wie 3,5-mm-Klinkenbuchsen immer mehr verschwinden und Kopfhörer zusehends drahtlos werden, auch solche mit hoher Wiedergabequalität. Aber Apple hat den iPod über die Jahre weiter entwickelt, bei der Hardware nicht nur mittlerweile auch längst eingestellte Varianten wie iPod Mini, iPod Nano und iPod Shuffle ( nur den iPod Touch gibt es noch, mittlerweile in der siebten Generation ), sondern vor allen hinsichtlich Software und Services. So hieß die erste Variante der Musik-Anwendung auf dem iPhone selbstverständlich "iPod". Aus dem iTunes Music Store, dem ersten wirklich massentauglichen, legalen Angebot für digitale Musik im Kaufdownload ist längst der Streamingdienst Apple Music geworden. Wie man so will, lebt der iPod in der Software auf iPhone, iPad und Mac weiter - und natürlich auf auf Homepod und Airpods.

Der Wandel ist aber noch im Gange - das haben derart tiefgreifende Revolutionen ja an sich - und Apple sollte den nächsten Schritt unternehmen. Denn waren seinerzeit 5 GB Speicher eine Sensation – manche Billig-Laptops hatten nicht wesentliche mehr zu bieten – und vor allem die Geschwindigkeit, mit der man via Firewire die externe Festplatte füllen konnte, sind heute die Voraussetzungen ganz anders. Speicher ist extrem billig heutzutage - außer man kauft größere Speicheroptionen bei Apple-Geräten - und in entwickelten Ländern – also sogar in einigen Gegenden Deutschlands – ist das Internet so schnell, dass die paar Gigabyte für ein Album in hochauflösender Musik schnell geladen sind.

Nur gibt es bei Apple Music noch keine hochauflösende Musik, sondern weiterhin nur komprimierte. Apples Lossless-Codec ist nicht schlecht, AAC reicht für die meisten Fälle auch aus. Aber ausgerechnet der Konkurrent und Partner Amazon, der Frenemy dieser Tage, hat nun mit Amazon Music HD ein Angebot aufgelegt , an dem sich Apple ein Beispiel nehmen sollte. Die Kunden sind sicherlich auch bereit, dafür noch den ein oder anderen Euro mehr zu bezahlen. Mit ordentlichen Kopfhörern und Lautsprechern, wie sie auch Apple zu bauen vermag, sollte HD-Musik die erste Wahl sein. Wer weiß, wenn der iPod nach längst veralteten Regeln richtig volljährig wird, also 21 Jahre alt, erinnern wir uns sogar mit Schauern daran zurück, als uns scheinbar weiße Kabel aus den Ohren wuchsen, über die wir zwar fast all unsere Musik überall hören konnten, aber eben in einer Qualität, die von gestern war und im Rückblick auch nicht besser als die von leiernden Musikkassetten.

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